Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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November 2003
Abschied vom Paradies
von Dieter Piper


Ein letztes Mal schlendere ich durch das nĂ€chtliche Hafenviertel. Von allen Seiten drĂ€ngt der Merengue auf mich ein. Dieser Rhythmus, die Aneinanderreihung kurzer Töne, der die Leichtigkeit des karibischen Lebens ausdrĂŒcken soll. Dazu passend, ĂŒberall die fröhlichen Gesichter der Musiker und TĂ€nzerinnen. Wie ich das hasse! Meist stehen nur ein paar StĂŒhle vor einer Holzplanke, die als Theke dient. Darum herum stehen einige PfĂ€hle, die ein Geflecht aus Palmwedeln und Brettern tragen. Auf den StĂŒhlen sitzen die Musiker und spielen, vor ihnen winden sich die TĂ€nzerinnen.

Wahrscheinlich kann kein EuropĂ€er erkennen, wann ein Lied zu Ende ist und ein Neues beginnt. Wie in einer Endlosschleife, tönt es aus den Instrumenten heraus. Wenn ein Musiker eine Pause machen möchte, hört er einfach auf, trinkt seinen Rum oder erledigt sein GeschĂ€ft, irgendwo in den StrĂ€uchern hinter der Bar. Anschließend nimmt er sein Instrument und reiht sich nahtlos in das Trommelfeuer der Töne ein.

Seit knapp zwei Jahren lebe ich jetzt hier. Am Anfang war alles wirklich paradiesisch, aber schon nach wenigen Wochen fingen die Probleme an. Ich war stĂ€ndig am Schweiß abwischen oder kĂ€mpfte erfolglos gegen eine Heerschar von MĂŒcken und anderen Viechern. Die Einheimischen aber machten Musik, tanzten und sangen zu ihrer Merengue, als wenn es nicht dieses elende, erbĂ€rmliche Leben gebe wĂŒrde. An das Essen konnte ich mich bis heute nicht gewöhnen. Wehe man wurde mal krank oder musste zu den Behörden. Ohne Geld warst du als AuslĂ€nder hier gar nichts, das hatte ich schnell gelernt.

Gut, am Anfang war ich auch noch fröhlich und gut drauf. Jeden Tag Sonnenschein, hĂŒbsche Senoritas, willige Urlauberinnen, alles lief bestens. Das hatte sich jedoch grundlegend geĂ€ndert. TropenstĂŒrme, die einem das Dach wegfegten. Alle Habseligkeiten wurden zur TĂŒr hinaus geschwemmt. Keine Versicherung bezahlte etwas, nur weil man noch nicht dazu gekommen war, den Vertrag abzuschließen. Ärzte behandelten einen nur gegen Vorkasse, man war ja ein reicher AuslĂ€nder. Dollars, Dollars, Dollars, dass riefen schon die kleinsten, wenn sie neben einem Wagen herrannten. Zuletzt verbrachte ich meine Tage nur noch in diesen schĂ€bigen Kaschemmen und freute mich ĂŒber jeden Brugal, zu dem man mich einlud. Diese Leute brauchten nicht viel, hieß es. Sie tanzten Barfuß, nur mit einer Blume im Haar als einzigen Schmuck. Ich gab ja zu, sie sahen verdammt verfĂŒhrerisch aus. Diese braune Haut, das schwarze, im Wind wehend Haar. Immer am lĂ€cheln. Dabei wussten die genau, wie schnell es mit ihrer Schönheit zu Ende war, und dann. Keine Arbeit mehr, kein Geld, nichts, außer diesem ewigen Merengue.

Jetzt bin ich auf dem Weg zur Anlegestelle. Mein weniges GepĂ€ck ist bereits verladen und der Bananendampfer geht morgen frĂŒh in Richtung Heimat auf Fahrt. Im Tropicana ruft der ConfĂ©rencier zweisprachig, „Welcome Ladys und Gentlemen, guten Abend meine Damen und Herren. Come and see the great Caribbean Show this evening. Kommen sie und bestaunen sie die großartige karibische Show heute Abend". Großartige karibische Show? Ein paar ausgebeutete Musiker und TĂ€nzerinnen geben fĂŒr ein paar Dollars jeden Abend das gleiche Programm. Was soll's, den Touristen gefĂ€llt es und sie bezahlen gutes Geld fĂŒr ihren gepanschten Piña Colada. GegenĂŒber vom Tropicana ist das Great Casino. Ein etwas besseres Etablissement. Dort war ich noch nie, denn die nehmen den doppelten Preis fĂŒr ihre GetrĂ€nke. Da heute mein letzter Abend war, entschloss ich dort hineinzugehen. Die breite EingangstĂŒr wurde mir von dem Portier aufgehalten und ich betrat einen Vorraum, den gedĂ€mpftes Licht nur spĂ€rlich ausleuchtete. Ein heruntergekommener Gast wollte wohl im gleichen Moment das Casino verlassen. Ich dachte noch, wieso die hier solche Typen hereinlassen, den er sah alles andere als vornehm aus. Das ehemals weiße Hemd war schon seit lĂ€ngerem nicht mehr gewaschen worden. Seine Krawatte hing lose um seinen Kragen. Die strĂ€hnigen, viel zu langen Haare verdeckten einen Teil des unrasierten Gesichts. Als ich die Hand zum Gruße erhob und der Gast das Gleiche tat, bemerkte ich den Spiegel, der die gesamte gegenĂŒberliegende Wand einnahm. Es ist allerhöchste Zeit fĂŒr mich, von hier zu verschwinden.

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 11.09 Uhr
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