Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Dezember 2003
Anne Bonny
von Monique Lhoir


„Halt! Niemand kommt hier vorbei, der nicht einen mit mir hebt!“ Er stellte sich James und Anne in den Weg. Zwei Krüge Bier standen neben ihm auf einem Holzfass und eine Pistole lag bereit. Die Menschen um ihn herum grölten.
„Der Durchgangspreis für dich, holde Lady, ist natürlich ein Kuss!“, lallte der Mann mit einem lüsternen Blick auf Anne. Er hatte nur ein Ohr und fuchtelte mit einer weiteren Pistole wild vor der Menge herum, die gerade das Schiff verließ.
Die sechszehnjährige Anne erstarrte und blickte ihrem frisch angetrauten Ehemann in die Augen. „James?“
James Bonny kümmerte sich nicht darum, stieß den Alten zur Seite und ging unbeirrt weiter. Anne schnaubte vor Zorn. War das ihre Ankunft in New Providence? War das ihr Ehemann, der sie beschützen sollte?
„James, würdest du bitte etwas unternehmen. Oder soll ich mich von diesem Kerl angrapschen lassen?“ Anne blieb stehen.
„Sieh zu, wie du klar kommst. Du bist doch sonst nicht so zimperlich.“ Rasch schritt er vorwärts.
„Du Bastard!“, fauchte sie hinter ihm her und stemmte ihre Fäuste in die Taille.
Schon seit der Überfahrt auf die Bahamas wusste sie, dass James unfähig war, für eine Frau zu sorgen. Er war eine Fehlentscheidung! Ein großer Irrtum. Er hatte es nur auf ihr Geld abgesehen.
„Was ist, holde Lady, bekomme ich jetzt meinen Kuss?“ Der Mann fuchtelte weiter mit der Pistole. Seine Bierfahne schlug ihr entgegen. Anne stampfte wütend mit dem Fuß auf und blickte in die johlende Menge.
„Hör zu“, sagte sie leise und drohend zu ihm, „von mir bekommst du keinen Kuss. Weder jetzt noch später.“
„Wie war das?“ Der Alte schüttelte den Kopf und legte seine Hand an das Loch, wo früher einmal sein Ohr war. „Ich kann dich nicht hören.“
Flink griff sie die Pistole, die auf dem Fass lag. „Aber das kannst du hören, oder?“, brüllte sie, zielte und schoss dem Betrunkenen auch das andere Ohr ab. Die Horde auf dem Steg pfiff vor Vergnügen. Anne musterte den blutenden Mann hämisch und meinte: „Oh, mein Gott, war das dein Kopf? Ich dachte, ich hätte auf den Henkel eines Kruges geschossen.“ Sie spuckte angewidert auf die rauchende Pistole und drückte sie dem zitternden Mann in die Hand. Stolz warf sie ihre roten Locken in den Nacken. Ohne sich umzuschauen setzte sie ihren Weg unbehelligt fort. Als sie James eingeholt hatte, zischte sie: „Du Mistkerl. Du elendiger Hund. Das wirst du mir büßen.“

* * *

James Bonny heuerte kurz nach ihrer Ankunft auf einem Schildkrötenfangboot an und verschwand, ohne sich überhaupt um Anne zu kümmern. Sie blieb allein in New Providence.
Schon bald stellte sie fest, dass Frauen auf der Insel nichts zu sagen hatten. Sie waren Eigentum ihrer Männer, die sie je nach Belieben verkaufen oder kaufen, ja im schlimmsten Falle sogar töten konnten. Gehörten sie keinem, so gehörten sie allen.
Anne brauchte einen Mann, denn James war weg. Eines Tages, als sie bei ihrer neuen Freundin Meg zu Gast war, lernte sie Kapitän Vane, den „schwulen Piraten“, und seinen Steuermann Calico Jack Rackham kennen.

Meg wirbelte hoch, als beide die Hütte betraten. „Calico Jack, wieder im Lande?“, begrüßte sie ihn begeistert. Jack küsste sie auf den Mund. „Und gut siehst du aus.“
Anne musterte ihn verstohlen. Ein mit Straußenfedern geschmückter Dreispitz saß keck auf seinem Kopf, eine glänzend schwarze Perücke mit langen Korkenzieherlocken wurde von einem dicken Samtband im Nacken gehalten, kunstreich gepolsterte Waden steckten in Seidenstrümpfen und ein betäubender Duft von Lavendelwasser strömte von ihm aus. Anne schnupperte dreist. Rackham drehte sich um und sah sie unverschämt an.
„Was hast du uns diesmal mitgebracht?“, fragte Meg und schmiegte sich an ihn.
„Für dich, meine Holde, ein Armband aus Silberfiligran, die einzige Fassung für ein solch unvergleichliches Juwel wie dich.“ Er legte es ihr an.
„Jack?“
„Ja, Meg?“
„Musstest du dafür ...“
„Was?“
„… ihr die Hand abhacken?“
„Aber Meg. Ich doch nicht. Sie lag mir zu Füßen und gab es freiwillig her.“
„Wer es glaubt, wird selig“, brummte Anne.
„Wie meinen?“ Jack drehte sich zu ihr um.
„Ich meine, den Teufel wird sie getan haben. Aber wem dient Ihr eigentlich mit Eurer Geckenhaftigkeit?“ Sie trat näher an ihn heran. „Ach, und ist das Euer Parfüm, was hier so riecht?“
„Lavendel“, sagte er stolz.
Anne schaute ihm unverblümt ins Gesicht. „Täusche ich mich, oder habt Ihr Euch auch die Lippen angemalt?“
Jack ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Und die Augenbrauen dazu“, bestätigte er. In New Providence munkelte man, dass sich Kapitän Vane seinen Steuermann Rackham zum Liebhaber genommen habe. Selbst Anne hatte davon gehört. Sie wusste auch, dass das Entwerfen auserlesener Kleider aus Samt und Seide eine Leidenschaft Vanes war. Hatte er deshalb seinen Steuermann so ausstaffiert?
„Wer bist du?“, fragte Jack. „Vielleicht habe ich auch etwas für dich.“
„Anne Bonny. Aber ich brauche Eure Juwelen nicht.“
„Für dich habe ich etwas viel Wertvolleres.“ Er kramte in seinem Hanfsack.
„Für dich, Anne.“ Er überreichte ihr eine rote Frucht und sah ihr mit einem amüsierten Lächeln tief in die Augen.
„Eine Tomate?“
„Woanders vielleicht, aber hier, in diesem Paradies ein Liebesapfel. Beiß ab.“
„Nein.“
„Hast du schon einmal eine probiert?“ Rackham lächelte.
„Nein.“
„Dann beiß ab, sie wird dir schmecken.“ Meg und Vane hielten den Atem an und starrten auf Anne. Die Luft knisterte, alle warteten. Und Anne biss in die Tomate.


* * *

„Es soll bald ein französisches Handelsschiff kommen“, sprach Vane ruhig und zog an seiner Pfeife. Die „Seahorse“ lag in einer geschützten Bucht vor Anker.
„Welche Fracht?“ Rackham beugte sich interessiert vor.
„Vollgeladen mit feinstem Tuch. Das könnte mir gefallen.“
„Und warum kapert Ihr den Franzosen nicht?“ Annes Unternehmungsgeist war geweckt und sie sah eine Möglichkeit, der Langeweile zu entkommen. Jack war in letzter Zeit faul geworden. Seit einem Jahr segelte sie nun schon mit ihm von Bucht zu Bucht.
„Das Schiff wird gut bewacht. Unser Boot ist zu schwach und wir haben nur noch wenige Mann. Aussichtslos.“
„Dann macht es doch mit List!“ Beide Männer schauten die junge Frau zweifelnd an, doch anschließend hockten sie den ganzen Abend zusammen und schmiedeten einen Plan.
In der Nacht des zweiten Tages stahlen sie ein verlassenes Wrack, schleppten es in die Bucht und reparierten notdürftig den Rumpf. Anne und Vane übergossen das Topsegel, das Deck und sich selbst mit Schildkrötenblut. Dann hängten sie eine ebenso durchtränkte Schneiderpuppe am Bug des Schiffes auf.
„Ich bleibe ja lieber in meiner Kombüse“, protestierte Bones, der Schiffskoch.
„Heute nicht“, erwiderte Anne und stülpte ihm ein Trompete über.
„Ich kann überhaupt nicht spielen“, nörgelte er.
„Umso besser. Wir wollen keine Musik machen, sondern Angst und Schrecken verbreiten.“
Der französische Schoner kam näher.
„Los!“, schrie Rackham, der das Steuer übernommen hatte. Er hielt auf den Kauffahrer zu. Und dann jaulte plötzlich die Trompete auf, wildes Trommeln war zu hören, blutverschmierte Gestalten wüteten auf dem Deck, Männer schwangen brennende Lunten, ließen Entermesser klirren und wirbelten wild mit den Musketen. Ein Höllenlärm. Und Anne postierte sich, schreiend und tobend ein bluttriefendes Enterbeil schwingend, über der Schneiderpuppe. Rackham nahm weiter Kurs auf das französische Handelsschiff. Sie hörten nicht eher mit dem Getöse auf, bis der Schoner die weiße Fahne hisste und die Ware freiwillig übergab.

„Nelken ... vier Säcke. Tabak – dreißig Rollen.“ Vane trug die Zahlen ins Bordbuch ein.
„Frauengewänder ... drei Truhen. Seide ... zehn Truhen.“
Bones aber trompetete und schrie immer noch. Anne und ihre Partner triumphierten. Rasend schnell sprach sich dieses Abenteuer in New Providence herum. Nun hatte Anne einen festen Platz in der Piratenwelt. Kein Schiff war mehr vor ihnen sicher und sie starteten eine erfolgreiche Kaperfahrt nach der anderen. Ihre Beute brachten sie jedes Mal nach New Providence.

* * *

Doch dann tauchte plötzlich die Flotte von Wooden Rogers auf und ankerte vor der Insel. Der englische König Georg der I. hatte ihn als Gouverneur von New Providence eingesetzt, um die Verfolgung der Piraten voranzutreiben. Georg hatte eine Amnestie erlassen, die besagte, dass jeder Pirat begnadigt würde, der sich freiwillig stellte. Flucht war unmöglich, die Hafeneinfahrt abgeriegelt.
„Das kommt überhaupt nicht in Frage.“ Anne tobte. „Ich stelle mich nicht. Mein Vater hat einen Haftbefehl wegen Mord und Diebstahl erwirkt. Wo soll ich hin? Mir bleibt nur die Flucht!“
Rackham sah sie entsetzt an. „Warum?“
Anne lief aufgebracht hin und her und blieb dann breitbeinig vor Jack stehen. „Als ich James Bonny, diesen Bastard, geheiratet hatte, enterbte mein Vater uns. Anschließend bezichtigte er mich des Mordes an meiner Mutter, die aus Gram gestorben war. Außerdem soll ich ihre Schmuckstücke gestohlen haben. Aber ich war es nicht, das war James!“
„Wir werden einen Weg finden.“ Jack nahm sie in den Arm, strich ihr sanft über den Rücken, bis hinunter zu ihrem Gesäß. „Dieser Rogers wird uns kennen lernen.“ Rackhams Hand bahnte sich einen Weg unter Annes Bluse. „Jahrelang galten wir als Freibeuter und haben für die Regierung gearbeitet, nun entziehen sie uns unsere Kaperbriefe und wir sollen plötzlich Piraten sein? Lachhaft.“

Doch Rogers Flotte bewachte streng den Hafen von New Providence. Versuchte jemand zu flüchten, so wurde er sofort festgenommen und auf der Stelle hingerichtet.

„Schiff genau voraus. Es kommt schnell näher!“, meldete plötzlich der Ausguck und zeigte auf die offene See. Gouverneur Rogers ergriff das Fernrohr und schaute in die Dunkelheit.
„Merkwürdig. Die französische Brigantine fährt unter vollen Segeln genau auf uns zu. Da muss etwas passiert sein. Seht, sie ist seltsam auf eine Seite geneigt.“
Er reichte das Fernrohr an den Ausguck weiter.
„Die müssen voll wie die Haubitzen sein“, lachte dieser. „Jetzt prallt sie gegen den Bug einer Schaluppe.“
„Egal. Jagt sie in die Luft! Wir dürfen kein Risiko eingehen.“ Rogers wandte sich ab.

Der erste Schuss entzündete das Öl, das auf dem gesamten Deck verteilt war. Annes und Rackhams Plan ging auf. Sie hatten ein unbemanntes Schiff unter vollen Segeln auf New Providence zutreiben lassen und das Ruder so festgezurrt, dass es auf die Hafeneinfahrt zusteuern musste. Das brennende Öl erreichte schnell die Kanonen, die mit einem leicht entflammbaren Pulver geladen waren. Nun entluden sie eine gewaltige Salve auf Rogers Flotte, spuckten alles aus, was Anne und Rackham hineingepackt hatten: Schrot und andere Munition, Nägel und Schrott. Es war ein Feuerwerk unvergleichbarer Art. Schwefel und Rauch erfüllten die Nacht. Plötzlich explodierte die Brigg mit einem ohrenbetäubenden Knall. Trümmerteile regneten auf Rogers und seine Truppe herab.
Anne, Rackham und eine Handvoll Männer lauerten auf der „Seahorse“. Nach der Explosion verließen sie unbehelligt den Hafen, setzten ihre Beutezüge fort und häuften so ihre Schätze weiter an.

Als James Bonny von Annes Reichtum hörte, erinnerte er sich wieder an seine Frau. Wochenlang suchte er heimlich die Buchten nach der „Seahorse“ ab. Eines Nachts gelang es ihm dann endlich, Anne zu entführen. Nackt und gefesselt schleppte er sie vor Gouverneur Rogers, der in New Providence regierte und beschuldigte sie des Ehebruchs. Nach dem Gesetz drohten ihr öffentliche Auspeitschung und zwei Jahre Gefängnis. James Bonny schlug Scheidung durch Verkauf vor. Gouverneur Rogers willigte ein.
Anne raste vor Wut. „Du geldgieriger Bastard. Ich lasse mich nicht kaufen und verkaufen wie eine Kuh oder ein Schwein. Ich schwöre dir, dass ich jeden Mann umbringe, der mit diesem Handel einverstanden ist oder es auch nur wagt, mich anzurühren.“ Sie tobte so lautstark, dass sowohl James Bonny als auch Rogers begriffen, dass sie ihre Drohung wahrmachen würde. Der Gouverneur ließ sie anschließend unter der Bedingung frei, dass sie von ihrem „sündigen Lebenswandel“ abließe.

Sofort kehrte sie auf die „Seahorse“ und zu Rackham zurück. Noch am selben Abend stachen sie in See und verließen New Providence in Richtung Hispaniola.
„Es kommt ein Sturm auf“, verkündete Noah vom Ausguck. „Wir sollten zur Küste zurückkehren.“
„Nein, wir halten den Kurs“, bestimmte Jack.
„Was hast du vor?“ Anne sah aufs Meer hinaus.
„Es ist ein spanischer Kauffahrer unterwegs Ich will den Spanier!“ Jack verschwand im Bauch des Schiffes, rief aber lachend nach oben: „Du hast uns ja schon lange genug aufgehalten.“
In der Nacht sichteten sie das Schiff. Rackham und seine Mannschaft brachten zehn Kanus zu Wasser. Lautlos ruderten sie durch die Dunkelheit, bis zur Luvseite des spanischen Flaggschiffs. Der Steuermann war ein leichtes Ziel, ein Schuss genügte. Dadurch aufgeschreckt erschien die Mannschaft an Deck. Jacks Überraschungsangriff ging auf. Innerhalb weniger Minuten gab es keinen Mann mehr, der noch kämpfen konnte. Die Hälfte der Besatzung war tot, die andere gefangen genommen.
Rackham und seine Leuten zertrümmerten die Branntweinfässer, bis der Laderaum schwamm und feierten die ganze Nacht durch.
Einem Spanier wurde die Zunge abgeschnitten, als er zu fluchen begann, ein anderer musste sie herunterschlingen. Dem Küchenjungen schoben sie eine Hand voll Küchenschaben in den Mund und verbolzten seine Lippen mit einem Eisenstift verbolzt.
Dem Kapitän schlitzen sie den Bauch auf, zogen das Ende seiner Gedärme heraus nagelten es am Großmast fest. Dann bewarfen Rackhams Leute seine Kehrseite mit Segelnadeln, Schwertern und Dolchen, so dass sich dem unter Schmerzen Krümmenden bei jeder Bewegung eine weitere Schlinge Darm aus seinem Bauch entwandt.
Anne musste sich übergeben.

* * *

Die „Seahorse“ hatte sich kaum von dem Spanier entfernt, als ein Schiff mit schwellenden Segeln am Horizont erschien.
„Das könnten Franzosen sein“, schrie Noah aus dem Krähennest.
Jack hob sein Fernrohr.
„Wenn das Franzosen sind, dann bin ich nicht mehr Jack Rackham.“
Er verschwand und kam nach einiger Zeit mit einem Haufen Frauenkleider und Unterröcke wieder zum Vorschein.
„Zieht euch das an“, befahl er seiner Mannschaft.
„Wozu?“ Anne blickte dem näherkommenden Schiff entgegen.
Jack reichte ihr einen Reifrock zu. „Halt’s Maul und gehorch. Sie sollen denken, dass wir ein Kauffahrer wären und mit Weibern an Bord eine leichte Beute für sie.“
Und dann sahen sie es. Die französische Flagge wurde eingeholt und die schwarze aufgezogen. Piraten!
Im Nu war die feindliche Schaluppe längsseits, Enterhaken wurden geworfen und die gegnerischen Piraten machten sich sprungbereit. In diesem Augenblick rissen Jacks Leute die in den Kleidern versteckten Musketen hoch und schossen. Die ersten Gegner fielen ins Meer, andere drängten zwar nach, doch die Verblüffung stand noch in ihren Gesichtern geschrieben. Rackhams Leute hatten leichtes Spiel.
Nur Anne nicht. Der Reifrock behinderte sie. Aber er hielt auch ihren Angreifer davon ab, sie tödlich mit dem Säbel zu treffen. Er war ihr um vieles überlegen. Anne rutschte aus und stürzte nach hinten. Sie spürte die kalte Klinge an ihrem Hals. Ihr Gegner wurde zurückgerissen, seine Waffe ritzte sie nur leicht. Bevor sie in Ohnmacht fiel, sah sie in Jacks Augen.

Anne erwachte erst wieder, als sie das Klatschen von Körpern hörte, die auf der Wasseroberfläche aufschlugen. Sie richtete sich auf. Noah trat gegen eine Gestalt.
„Der da lebt noch“, sagte er. „Über Bord werfen oder mitnehmen?“
„Mitnehmen!“, rief Anne. „Er ist ein guter Fechter.“ Rackham blickte sie finster an.
„Wie ist dein Name?“ Jack riss den Kopf des Piraten hoch.
„Mark.“ Sein Gesicht war schmerzverzerrt.

* * *

Die Regenzeit war angebrochen. Die Mannschaft der „Seahorse“ durchkämmte langsam die kleinen Buchten vor der kubanischen Küste, nach feindlichen Schiffen Ausschau haltend, die dem Wetter nicht standgehalten hatten. Nun waren sie schon seit Wochen unterwegs.
Die Rationen wurden knapp. Ausgekochte Markknochen und Brocken Dörrobst waren ihre einzige Speise. Sie schliefen in nassen Kleidern und erwachten darin. Die Nerven der Mannschaft lagen blank. Die Leute wollten an Land, doch Jack ließ es nicht zu. Er trank täglich mehr Rum, war kaum noch nüchtern, sein Blick verwirrt.
„Was ist schlimmer?“, schrie er plötzlich eines Abends während des gemeinsamen spärlichen Essens, „besessen oder von allen guten Geistern verlassen zu sein?“ Seine Augen waren geschwollen und rot unterlaufen.
„Halt den Mund, Jack“, sagte Anne leise.
Rackham sprang auf und hielt den Dolch an Marks Hals. „Du bist hinter Anne her, gib es ruhig zu“, zischte er. „Ich habe dich beobachtet, wie du sie anstarrst.“
„Lass ihn in Frieden“, sagte Anne noch einmal ruhig. Doch da drückte Jack auch schon die Klinge in seine Haut.
„Ich werde dir zeigen, wer hier der Herr ist.“ Er presste seine Lippe auf die Wunde und begann zu saugen, als wollte er dem Jüngeren das Blut herausziehen.
Anne sprang auf, aber da war Marks Faust schon in Jacks Magengrube. Der taumelte und würgte.
Anne suchte am Abend Mark auf dem Deck. Sie fand ihn an der Reling. Er starrte schweigend den dunklen Wellen nach.
„Jack säuft jetzt schon seit Wochen. Aber er meint es nicht so.“ Anne strich sich ihre roten Locken zurück.
„So, wie ich es nicht gemeint habe, als ich dich fast umgebracht hätte?“ Anne sah in Marks blitzende Augen, sein Gesicht war eine Herausforderung. Sie blieb noch eine Weile bei ihm stehen, dann ging sie zu Jack in die Kajüte.

Eines Tages fanden sie auf einem gekaperten Schiff mehrere Sack Opium. Jack schaffte sich davon etwas beiseite. Er rauchte die Pfeife immer öfter und wenn Anne abends in die Kajüte ging, erfüllte der süßliche Gestand den ganzen Raum. Morgens halfen ihm nur noch ein paar Rumgrogs auf die Beine. Anne versuchte vorerst, Jacks Schwäche vor der Besatzung zu verbergen. Aber diese erfasste schnell, dass inzwischen eigentlich sie die Befehlshaberin an Bord war. Anne machte sich Sorgen, wie lange das noch gut gehen würde.
Aber dann war da Fitch. Er kam von einem Handelsschiff und bei jeder Gelegenheit machte er sich an Anne heran, bis ihr irgendwann der Kragen platzte und sie ihn zum Duell herausforderte.
„Mach mir bloß hinterher keine Vorwürfe, wenn ich dir den Arsch wegputze“, sagte er großspurig. Er riss seine Hand hoch, um auf sie zu schießen. Im gleichen Moment drückte Anne ab. Seine Pistole flog im hohen Bogen über die Reling, sein Daumen gleich hinterher.
„Vielleicht bringst du es in Zukunft fertig, deine restlichen Finger bei dir zu behalten.“ Anne wandte sich ab. Nun war sie davon überzeugt, die Männer auf dem Schiff fest im Griff zu haben. Anne ging in die Kajüte, um Jack von dem Vorfall zu berichten. Sie fand ihn schlafend und schnarchend in seiner Hängematte. Er war nicht mehr Herr seiner Sinne.

Nachdenklich ging Anne wieder an Deck. Ruhelos wanderte sie hin und her, um nach einer Lösung zu suchen. Sie fragte sich, ob die Piraten bei einer Neuwahl eine Frau als Kapitän akzeptieren würden.
Sie traf Mark an Backbord, wo er die Planken schrubbte. Anne blieb stehen und beobachtete ihn eine Weile. Er drehte sich um und zum ersten Mal sah sie ihn richtig an. Er war klein, noch etwas kleiner als sie, aber stämmig, mit breiten Schultern und kräftigen Armen. Mark wandte sich ihr zu, lächelte, zurückhaltend; aber es ermutigte Anne doch.
„Lass das Putzen sein“, sagte sie. „Bring mir lieber bei, wie ich dich im Fechten schlagen kann.“
„Dazu benötigten wir mehr Platz. Hier ist es zu eng“, sagte er zögernd.
„Dann gehen wir an Land.“ Anne ging zu den Booten.
„Es wird bald dunkel.“
Anne sah Mark in die Augen. „Ich sollte eher Ausflüchte machen, nicht du.“ Ein amüsiertes Lächeln umspielte seinen Mund. Und nun wusste Anne es genau: Er begehrte sie.

Anne und Mark lösten gerade das Beiboot, als am Ende der Bucht ein spanisches Kriegsschiff auftauchte; im Schlepp einen englischen Schoner, der unversehrt war. Die Mannschaft hatte wohl kapituliert.
„In drei Teufels Namens ...“ Anne fluchte laut.
Rackham erschien kurz an Deck.
„Was machen wir jetzt?“ Noah blickte ihn ängstlich an.
Jack senkte das Fernrohr. „Sie haben die „Dragon“ im Schlepp. Alle Achtung.“ Dann wandte er sich ab.
„Wo geht Ihr hin, Kapitän?“
„Ich ziehe mich in meine Kajüte zurück, Noah. Sagt mir Bescheid, wenn der erste Zweiunddreißigpfünder uns ein Loch in den Bug reißt.“ Er erfasste Anne und Mark mit einem langen, vernichtenden Blick und verschwand.
Anne stellte sich zu Mark an die Reling, der die Einfahrt der Bucht beobachtete. „Was denkst du?“ Sie spürte seinen warmen Arm an ihrem.
„Gar nichts, ich sehe nur.“
„Was siehst du?“ Anne blickte ihn atemlos an.
„Vielleicht eine Möglichkeit ... Vielleicht.“

Unruhig warten sie auf die Ebbe.
Es war kurz vor Tagesanbruch. Vorsichtig brachten sie zwei Boote zu Wasser. Wortlos beluden sie diese mit Musketen, Pistolen, Enterbeilen, Messern und Säbeln. Beutel mit Munition stopfen sie sich in die Strümpfe. Dann bestiegen sie die Boote. Als letzter kam Jack.
„Ich sag dir, das geht nicht gut“, flüsterte er Anne zu.
„Sei ruhig“, zischte sie. Sein Atem stank nach Rum. Angewidert drehte sie ihm den Rücken zu.
Lautlos glitten sie hinaus in die Dunkelheit, ließen sich mit dem Wind treiben. Langsam näherten sie sich dem Spanier. Dann vorbei an dem riesigen Heck, vorbei an den Wachen. Der Schoner kam in Sicht. Die Wache hörte sie nicht; kein Geräusch bis auf das Plätschern des Wassers war zu vernehmen. Schließlich ein erstickter Laut; vier Körper sackten langsam über die Reling und versanken im Meer. Noch während die Wache fiel, kappten Mark und Anne die Taue, die die „Dragon“ an das große Kriegsschiff band. Rackhams Mannschaft brachte die Waffen an Deck der „Dragon“. Jack selbst löste das Ruder und drehte es behutsam. Der Wind stand günstig, die Strömung war stark genug; die „Dragon“ entfernte sich lautlos und verschwand im Morgengrauen.

Am Himmel zeigten sich die ersten Lichtfäden, als sie die offene See erreichten. Anne suchte Mark. Als sie ihn fand, stand er allein am Bug und sah zu, wie die „Dragon“ die Wellen durchschnitt. Sie hörten in der Ferne die erste Salve donnern, dann eine Explosion. Das spanische Kriegsschiff hatte das Feuer auf die verlassene „Seahorse“ eröffnet und sie in die Luft gesprengt. Anschließend war nur noch das Plätschern der Wellen zu hören.
„Als gäbe es nur uns allein auf der ganzen Welt“, sagte Anne und blickte der Sonne entgegen.
„Ja, es tut gut, wenn es so ruhig ist.“
Anne legte ihre Hand neben seine auf das Geländer. „Deine Hände sehen nicht wie die eines Seemannes aus.“
„Weil ich noch alle Finger habe?“ Mark lachte leise.
„Nein, sie sind zarter.“ Anne schob ihre über die von Mark. Aus dem Unterdeck hörten sie Gesang. Die Mannschaft feierte. Mark drehte sich zu Anne um. Schweigend schaute er zu, wie Anne ihre Jacke aufknöpfte und die verknoteten Hemdzipfel löste. Dann nahm sie seine Hand und führte sie unter ihr Hemd. Seine Fingerspitzen berührten ihre Brüste, sein Daumen streifte ihre harte Brustwarze. Mark hielt inne. Anne fuhr ihm sanft über die Hüfte und griff in seine Hose. Dann erstarrte sie. Langsam zog sie ihre Hand zurück – in ihrer Faust hielt sie ein lederumwickeltes Tritonshorn.
„Du bist eine Frau!“, flüsterte sie entgeistert. „Du bist eine Frau wie ich!“
Mark küsste Anne leidenschaftlich auf den Mund. Dann verzog sie spöttisch ihre Lippen. „Mein Name ist Mary Read.“
Beide blickten sich einen Moment stumm in die Augen, ein kurzes Verstehen, dann ein befreites Lachen. Übermütig ließen sie sich auf den Boden fallen, schauten der aufgehenden Sonne zu und Mary erzählte Anne ihre Geschichte.

© Monique Lhoir

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 15.55 Uhr
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