Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Dezember 2003
Piraten auf Kreta
von Sigrid Wohlgemuth


Mein 75. Geburtstag. Ich saß wie auf einem Thron in meinem Sessel und ließ mich von den Gratulanten hochleben, als meine Frau Erika mit dem schnurlosen Telefon in der Hand ins Wohnzimmer kam.
„Paulusen für dich.“
Sie überreichte mir das Telefon.
„Stockhausen“, sprach ich in die Muschel.
„Mensch Stockhausen, alter Freund“, sagte er.
„Lass das Stockhausen. Dass du dich nach all den Jahren nicht an meinen Vornamen gewöhnen kannst. Peter! Ist doch ganz einfach.“
Ich lächelte und konnte mir Johanns Gesicht vorstellen.
„Meinen Glückwunsch. Hat dich mein Geschenk erreicht?“, fragte er.
„Wenn du das Flugticket meinst. Ja!“, antwortete ich.
„Und? Kommst du?“, fragte er.
„Wohin?“, fragte ich.
„Es reicht, Stockhausen! Du Spaßvogel!“
Ich spürte förmlich wie Johann auf die Palme ging. „Wenigstens etwas, was mit fünfundsiebzig noch glückt“, sagte ich.
„Opa, nun komm doch, wir wollen ein Erinnerungsfoto schießen“, rief Thorsten, mein jüngster Enkel.
„Ich telefoniere“, rief ich ihm zu.
„Hallo, bist du noch in der Leitung?“
Aus der Ferne hörte ich Johanns Stimme.
„Ja, ja!“, antwortete ich.
„Ein ja, dass du mich hörst und eines, dass du kommst.“
An seiner Stimmer erkannte ich, dass er gereizt war.
„Mmmh“, antworte ich.
„Ich melde mich besser morgen noch einmal, wenn wir in Ruhe miteinander telefonieren können. Wünsche dir einen schönen Tag“, sagte er und unterbrach die Verbindung.

Drei Stunden Flug waren genug Zeit, die vielen Jahre meines Berufslebens an mir vorüberziehen zu lassen. Als Historiker hatte ich elf Bücher über Piraterie und als Kinderbuchautor unzählige Piratengeschichten, auf den Markt gebracht. Sollte ich, Peter Stockhausen, nach all den Jahren meinen Herzenswunsch erfüllt bekommen? Vor lauter Erwartung atmete ich tief durch.
Beim Anflug auf den Nikos Kazantzakis Airport in Iraklion hatte ich das Gefühl, der Pilot würde die Maschine im Meer aufsetzen. Vom Fensterplatz aus konnte ich nur Wasser erblicken – kein Land. Die harte Bremsung zog uns aus den Sitzen. Langsam stieg ich die Gangway hinunter und ließ einen Blick über die kurze, direkt am Meer errichtete Landebahn schweifen. Am Kofferband erwartete mich Johann.
„Mensch Stockhausen, schön, dich nach all den Jahren wiederzusehen. Aufgeregt?.“
„Danke, ich hatte einen guten Flug.“
Ich lächelte ihn an.
„Immer für einen Scherz zu haben. Wir fahren morgen nach Vai. Der Ort befindet sich vier Stunden Autofahrt von hier entfernt“, sagte er.
Müde vom Flug begab ich mich schon bald nach dem Abendessen auf mein Hotelzimmer. Mit dem Gedanken, dass der nächste Tag mir meinen Herzenswunsch erfüllen könnte, schlief ich schnell ein.

Nach einem reichhaltigen Frühstück machten wir uns mit einem Mietwagen in Richtung Osten auf. Nach zwanzig Kilometern Straße, Hotel an Hotel, änderte sich das Landschaftsbild und wir erblickten mehr von der Natur. Die Stadt Agios Nikolaos ließen wir zur Linken liegen und fuhren über die Berge weiter gen Osten. Olivenhaine säumten dieses Gebiet. Nach zahlreichen Tal- und Bergfahrten machte sich ein berauschender Ausblick vor uns breit. So weit das Auge reichte, konnten wir eine Landzunge, das Meer, eingeschlossen zwischen Bergen, und in weiter Ferne den Horizont erblicken. Wo sollten sich bei dieser freien Sicht Piraten aufgehalten haben? An einem Aussichtspunkt stoppte Johann den Wagen und wir stiegen aus, um das Panorama zu genießen.
„Wir kommen nun an drei Dörfern vorbei, Sfaka, Tourloti und Mirsini. Die Häuser, die du siehst, sind erst vor ungefähr einhundert Jahren entstanden. Die Dorfbewohner erbauten damals ihre Häuser so, dass sie vom Meer aus nicht zu erkennen waren. Dies sollte sie vor den Piraten schützen. Von dort unten im Tal, aus dem Fischerdorf kann man die drei Dörfer heute erkennen. Sie bilden am Abend eine Lichterkette in den Bergen“, erzählte Johann und zeigte mit dem Finger in die Richtung.
„Piraten auf Kreta!“, sagte ich.
„Komm, wir fahren weiter. Später erzähle ich dir mehr darüber“, sagte er.
„In all den Jahren habe ich mich nie mit Piraten in Griechenland befasst. Hin und wieder etwas bei der Recherche gefunden, doch nie verwendet. Was für eine Wissenslücke! Da sieht man mal wieder, wie wahr das Sprichwort: ’man lernt nie aus’, ist“, sagte ich.
Wir fuhren weiter, vorbei an den drei Dörfern und über eine ziemlich kurvenreiche Strecke, gesäumt von Oleanderbüschen bis hinunter zur Stadt Sitia. Dort ließen wir uns in einer Taverne kleine gebratene Sardinen, einen griechischen Salat und eine Flasche Rezina Wein servieren. Wir genossen den Anblick auf den kleinen Hafen, in dem Fischerboote sanft vor sich hin schaukelten. Es trennte uns eine Stunde Fahrt von unserem Ziel. Das Erdreich war trocken und felsig. Eine Ziegenherde kreuzte unseren Weg und wir standen für kurze Zeit mittendrin.
„Stockhausen, wir haben es gleich geschafft. Sieh nur...“, sprach Johann.
„Was für ein Anblick! Nach einem öden Landschaftsbild - Palmen. Das müssen über Tausende von Dattelpalmen sein“, unterbrach ich ihn.
„Die Legende besagt, dass Piraten sie an Land gebracht haben“, sagte Johann.
„Sollen Piraten die Bäume aus tropischen Ländern, vermutlich aus der Karibik, hier angepflanzt haben?“, fragte ich und erhielt keine Antwort.
„Wir müssen vor der Absperrung aussteigen“, sagte Johann, „und ein Stück zu Fuß weitergehen. Eigentlich sollte nun der Bau für den neuen Parkplatz im vollen Gange sein, doch durch den Fund hat die griechische Behörde ihn eingestellt.“
„Diese Gegend zieht bestimmt viele Touristen an. Das Meer von grünen Dattelpalmen drängt sich zwischen Felsen weit ins Hinterland. Dieser wunderschöne Sandstrand, ein wahres Naturwunder, üppige Vegetation in steiniger Einöde.“
Meine Begeisterung fand kein Ende.
„Es ist der einzige Palmenstrand im europäischen Raum“, sagte Johann.
„Hello Mr. Hill!”, rief er und ein Mann in den Vierzigern kam auf uns zu. Johann stellte uns vor, es handelte sich um den amerikanischen Archäologen, der die Ausgrabung leitete.
„Ich bin ein Bewunderer ihrer Piratenbücher, Herr Stockhausen“, sprach er in gebrochenem Deutsch.
„Danke! Sehr erfreut. Mister Hill, mein Freund hat mich extra einfliegen lassen, um bei der Ausgrabung dabei sein zu können“, sagte ich.
„Wird es heute soweit sein?“, fragte Johann.
„Ich denke in zwanzig Minuten haben wir das umliegende Erdreich abgetragen“, antwortete er.
Beim Bau des Parkplatzes fand man fünf Meter unter der Erdoberfläche eine zerfetzte Piratenflagge, die eingeklemmt zwischen zwei Felsplatten lag und hoffte auf einen verborgenen Schatz zu stoßen. Johann wusste, wie sehr es mir am Herzen lag bei der Bergung eines Piratenschatzes anwesend zu sein.

Aus Minuten wurden Stunden, die ins Land zogen, aber der erhoffte Schatz blieb aus. Die Archäologen bargen eine schon halb verfaulte Holzkiste mit einem metallenen Schloss. Als sie den Deckel öffneten fanden sie einen zerbrochenen Krug, den Mister Hill in die minoische Zeit einordnete.
„Es tut mir leid, Herr Stockhausen. Wir waren uns so sicher“, sagte Mr. Hill.
„Schon gut.“
Im Inneren spürte ich die aufsteigende Enttäuschung. Ich war meinem Herzenswunsch so nah gekommen.
Müde von den erwartungsvollen und dann enttäuschenden Stunden suchten wir unser Hotel in dem Dorf Zakros auf. Zum Ausklang des Tages kehrten wir in einer Taverne ein, in der wir herzlichst begrüßt wurden. Schon kurze Zeit nach unserem Eintreten stand der Tisch voll mit leckeren Mesedes, den griechischen Vorspeisen.
„Peter, ich bin untröstlich.“
Johann sah mich mit traurigen Augen an.
„Na wenigstens hast du meinen Vornamen behalten. Wir sitzen gemütlich beisammen, genießen das Essen, den Wein und die traumhafte Landschaft. Man sollte sich mit kleinen Dingen im Leben zufrieden geben.“
Ich versuchte meine wahren Gefühle zu verbergen und ging kurz nach dem reichhaltigen Mahl auf mein Zimmer.

Am folgenden Morgen wurde ich von Sonnenstrahlen, die durchs Fenster leuchteten, geweckt. Ich streckte meine alten Glieder und freute mich auf die geplante Bootsfahrt hinüber zur Insel Elaza, die sich in vier Meilen Entfernung befand. Auf dem Hotelflur kam mir Johann entgegen.
„Guten Morgen, Johann.“
„Kein guter Morgen, Stockhausen. Ich hätte gestern Abend nicht so viel von den geschmackvollen Feigen essen sollen. Nun, also ... verstehst du, es hat mich erwischt. Ich bleibe lieber in der Nähe des stillen Örtchens“, sagte Johann.
„Na gut. Leg dich wieder ins Bett. Nach meiner Rückkehr werde ich dir Bericht erstatten“, sagte ich und ging Richtung Frühstücksraum.
„Viel Spaß“, rief Johann mir hinterher.

Mit einem kleinen Fischerboot setzte ich auf die Insel hinüber. Der Fischer erzählte mir, dass vor vielen Jahrhunderten die Bucht ein beliebter Ankerplatz für Piratenschiffe war. Durch ausgespuckte Kerne getrockneter Datteln seien die Palmen erstanden.
Er half mir an Land. Ich erkundete die kleine Insel und erfreute mich an der Abgeschiedenheit.
„Verdammt!“, schrie ich und landete im gleichen Augenblick auf dem felsigen Boden. Mein linker Fuß steckte in einer Erdspalte. Zum Glück verspürte ich nur einen leichten Schmerz. Ich zog den Fuß mit beiden Händen aus dem Loch, als reflektiert durch die Sonne etwas Silbernes zum Vorschein kam. Ein kleiner Gegenstand hatte sich an meinem Hosenbein verfangen. Ich beugte mich nach vorne, streifte ihn ab und sah ihn mir genauer an. Es handelte sich um einen Säbel von ungefähr zwanzig Zentimeter Länge, am Griff leuchtete ein blauer Stein. Vorsichtig griff ich in die Spalte und ertastete etwas weiches, dass ich langsam an die Erdoberfläche zog.
Ein in Leder gebundenes Buch kam zum Vorschein. Ich sah mich um, ob sich keine anderen Touristen in meiner Nähe befanden, lehnte mich an einen Felsen und schlug es auf. Es handelte sich um ein Logbuch. Einige Seiten waren von der Witterung angegriffen und ich konnte nur Stellenweise die Eintragungen lesen.

August 1578
Die “Queen“ segelte mit uns, Kurs SSW über die Weite der Meere. Seit Monaten hatten wir unseren Ankerplatz am flachwelligen Küstenland mit den zahlreichen Sandbänken, Korallenriffen und Inseln im Omangewässer hinter uns gelassen. Seit drei Wochen herrschte Windstille. Meuterei lag in der Luft. Es war still, ungeheuer still. Ab und zu hörte ich wie das Wasser sich an die Planken drängte. Dann wieder Totenstille.
.............. Im Laderaum lagen noch einige Säcke mit getrockneten Früchten auf Vorrat. Den Rest der Verpflegung teilten sich die Würmer.
Nach einem erfolgreichen Beutezug, wir hatten Tonnen von Silber und Gold an Bord.....

Die folgenden zwei Seiten klebten zusammen. Ich konnte die Worte nur teilweise entziffern und blätterte weiter.

......... Ich übernahm das Steuerrad und drehte bei. Mein Blick war gen Himmel gerichtet. In rasender Geschwindigkeit verdichteten sich die Wolken, nur ein schmaler Sonnenstrahl versuchte sie zu durchbrechen. Starker Wind zog auf und der Wellengang steigerte sich.
„Alle Mann an Deck“, schrie ich durch den Wind.

Die Hälfte der nächsten Seite war abgerissen.

........................Verdammt, es liegt ein Fluch auf der Beute.

............Das Ruder war nicht mehr zu halten. Ich ließ der Queen freien Lauf und vertraute ihr unser Leben an.
„Land in Sicht, Land in Sicht......“.

Ich blätterte weiter.

...............Wir waren an einem öden, felsigen, sandigen Ufer gestrandet.
...... von hier habe ich eine kleine Insel,....
dort wäre unsere Beute geschützt.....

Wieder fehlten einige Seiten.

..........als uns bei Landgang ein Erdbeben heimsuchte. Die Grotte mitsamt unserer Beute wurde zugeschüttet.

...............Kapitän.......

Mit Tränen in den Augen blickte ich von der letzten Aufzeichnung hoch. Ich saß auf einem Piratenschatz.
„Hello Mister!“
Der Fischer rief nach mir. Ich legte das Logbuch zurück in die Erdspalte, zog unter großer Anstrengung einen Felsbrocken über die Öffnung und ging zum Boot.

Drei Jahre sind seit damals, als ich glückselig über meinen Fund, der als Geheimnis in mir verborgen blieb, an Land zurückkehrte. Johann stellte fest, als ich ihm Bericht erstattet, dass mir der Ausflug gut getan hätte, da meine Augen vor Freude strahlten. Mein Freund, ich hätte dir zu gerne alles erzählt, doch was wäre dann ......
Das Klingeln des Telefons riss mich aus meinen Gedanken.
„Stockhausen, altes Haus. Ich beglückwünsche dich zu deinem neuen Bestseller. Deine Fantasie!“, sagte Johann.
„Danke“, sagte ich.
„Nach all den Erwartungen, die damals nicht eingetreten sind, hat die Reise nach Kreta doch noch eine schöne Erinnerung erhalten. Ein Glück, dass ich nicht mit dir auf die Insel Elaza übersetzen konnte, sonst wärst du nie auf die Idee gekommen, dass sich dort ein vergrabener Piratenschatz befinden könnte“, sagte Johann.
„Irgendwie musste ich mir meinen Herzenswunsch erfüllen“, lächelte ich, drehte den kleinen Säbel in meiner Hand und lehnte mich gemütlich im Sessel zurück.

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 11.58 Uhr
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