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Dezember 2003
Dark Santa und der Schatz des Vatikan
von Ines Haberkorn


Gnadenlos schnappte der Frost nach Little Dark, als er ins Freie trat, und der Schnee wehte so dicht, dass er kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Wenn es etwas gab, dass ihm das Leben auf dem Mars vergällte, dann waren es Kälte und Schnee in schier endlosen Wintern. Dabei wünschte er sich aufrichtig, dieses Klima so zu lieben wie die Santas, die ihn, das Findelkind von der Erde, aufgezogen hatten. Überhaupt wünschte er sich nichts sehnlicher, als so zu sein wie ein Santa und sein Leben nur für das eine Ziel zu leben: Geschenke zu liefern. Doch so sehr er sich auch mühte, sein Herz schlug nicht ungeteilt für diese Sache.
Little Dark beugte sich beim Laufen tief vornüber um sein bartloses Gesicht vor dem schneidend kalten Wind zu schützen. Nicht einmal darin konnte er es den Santas gleich tun. Sie beugten sich niemals, sondern schritten erhobenen Hauptes einher, das schneeweiße, wallende Haar flatternd wie ein Banner im Wind. Sein Haar war kein bisschen wallend und weiß erst recht nicht, sondern von einem schmutzigen Braun, dunkel eben wie sein Name schon andeutete. Und sein Körper? Im Vergleich zu der prächtigen Fülle der Santas nicht mehr als little.
Aus der Gasse, in die er einbiegen wollte, fegte ihm eine Böe entgegen und peitschte ihm Eisnadeln ins Gesicht. Leise fluchend zurrte Little Dark die Kapuze seines Parka fester und stapfte dagegen an. Nein, heute ließ er sich vom Schneesturm nicht unterkriegen, heute nicht. Denn heute war ein ganz besonderer Tag. Die Ratsversammlung der Gilde lud ihn zur Krisensitzung, ihn, den Außenseiter, der nicht den Titel Santa trug. Und weshalb?
Die vor Kälte erstarrten Muskeln in Little Darks Gesicht verzogen sich nur widerstrebend zu einem Lächeln. Sein Herz dagegen jubelte, während er an seinen Vorschlag dachte und das darauf folgende, freudig überraschte Funkeln in den Augen seines Ziehvater, Santa Klaus. Hatte er mit diesem Vorschlag doch gezeigt, dass ihn die aufopferungsvolle Arbeit der Santas nicht unberührt ließ. Nein, sondern dass es auch ihn interessierte, ob die Lieferungen ihre Empfänger unbeschadet erreichten oder unterwegs von den Piraten geraubt wurden, die sich seit einiger Zeit auf der verlassenen Raumstation, ISS, eingenistet hatten.
Durch das Schneegestöber hindurch nahm Little Dark die roten Ziegel des Ratspalastes wahr. Hinter diesen ehrwürdigen Mauern tagte die Gilde der Santas und beriet über seinen Vorschlag, der so genial wie einfach war.
“Fliegt nicht mehr einzeln”, hatte er gesagt. “Fliegt als Konvoi. Ihr müsst eure Kräfte in der Gruppe vereinen und euch gemeinsam gegen die Überfälle der Piraten wehren. Nur im Konvoi können die gut ausgerüsteten Schlitten den Angreifern Paroli bieten und gleichzeitig die schwächeren schützen. Nur im Konvoi werden eure Lieferungen ihr Ziel sicher erreichen.”

Little Dark musste sich mit aller Kraft gegen die massive Holztür stemmen, um sie aufzudrücken. Angenehm temperierte Luft empfing ihn und, als die Tür hinter seinem Rücken zuschlug und das Pfeifen des allgegenwärtigen Windes aussperrte, auch andächtige Stille. Beklommen pellte sich Little Dark aus dem Parka und versuchte sich innerlich auf das Treffen mit dem Rat vorzubereiten. Vielleicht würden sie ihn auffordern seinen Vorschlag detaillierter zu erläutern. Möglicherweise würden sie ihn sogar bitten den Konvoi zu organisieren oder ihn anzuführen. Er musste für alles bereit sein, und das war er auch. Santa Klaus sollte stolz auf ihn sein.
Nach dreimaligem Klopfen an die Tür zum Ratszimmer trat Little Dark ein. Augenblicklich verstummten die Gespräche der Santas, die auf zwölf wuchtigen, mit Schnitzwerk reich verzierten Stühlen um einem ebenso monumentalen Tisch saßen. Ehrfürchtig verneigte sich Little Dark.
“Mein Sohn”, sagte Santa Klaus und nickte wohlwollend. “Ich habe dem Rat deinen Vorschlag unterbreitet, und wir sind der Ansicht, dass er zwar brillant ist, der Konvoi allein jedoch nicht ausreichen wird, die Fracht vor den Piraten zu schützen.”
“Selbstverständlich”, entgegnete Little Dark. Was Santa Klaus da sagte, stimmte natürlich. Der Konvoi alleine reichte tatsächlich nicht. Er konnte höchstens ein erster Schritt sein. Zusätzlich mussten die Schlitten besser gerüstet und bewaffnet werden.
“Und wir dürfen in diesem Jahr nichts, aber auch rein gar nichts riskieren.” Santa Klaus räusperte sich und wechselte dabei einen raschen Blick mit Santa Tom. “Du musst wissen, mein Sohn, wir haben dieses Jahr zum ersten Mal den Zuschlag für die Vatikangeschenke erhalten.”
“Die Vatikangeschenke?”
“Brisante Fracht”, warf Santa Charles ein und strich sich bedächtig über den schneeweißen Bart. “Hochbrisant, vor allem in den falschen Händen. Und Piratenhände wären die falschesten, in die sie geraten könnten.”
“Mon Dieu”, seufzte Santa Pierre zur Bekräftigung. Doch Santa Tom bedeutete ihm mit einer barschen Geste zu schweigen.
“Exakt, die Vatikangeschenke. Du hast richtig gehört und hoffentlich auch begriffen, von welch existentieller Bedeutung dieser Auftrag für uns ist.”
“Im Klartext, wenn wir die Sache vermasseln, dann ...” Santa Pepe, der die Dinge immer gern offen beim Namen nannte, hob mit der einen Hand seinen Bart an und strich sich mit der Kante der anderen über die Kehle. “...dann hat es sich für uns ausexistiert. Nada màs, compañero. Finito.”
“Mon Dieu”, hauchte Santa Pierre noch einmal, zückte ein Taschentuch und tupfte sich damit den Schweiß von der Stirn.
“Um aufrichtig zu sein, mein Sohn, wir benötigen deine Unterstützung. Bitte verweigere uns deine Hilfe nicht, denn du bist unsere einzige Hoffnung.” Santa Klaus erhob sich von seinem Stuhl und schritt auf Little Dark zu. “Nur du kannst dir das Vertrauen der Piraten erschleichen, um ihre Pläne und Taktiken für uns auszuspionieren. Denn von dir werden sie nicht vermuten, dass du zu uns gehörst.” Seine Hände strichen liebevoll über Little Darks dunkles Haar. “Du siehst nicht aus wie ein Santa, mein Sohn. Trotzdem empfinden wir für dich wie für einen von uns. Und wenn du unsere Bitte erhörst, dann sollst du nicht unbelohnt bleiben, sondern wirst den Titel eines Santa ehrenhalber tragen dürfen.”

***

Die Finger um das Geländer gekrallt, stand Rump in der Aussichtskuppel der ISS, gerade als diese die Tag-Nacht-Grenze der Erde überflog. Wie immer ließ dieser Moment der Dämmerung, dieser Übergang von tiefster Dunkelheit in gleißendes Licht sein Herz in schmerzlichster Wehmut erbeben. In der Dämmerung hatte er seine Karriere zerstört. In der Dämmerung hatte er geliebt. Und in der Dämmerung hatte man ihm das Liebste genommen.
Er spürte wie sich eine Hand auf seine Schulter legte und wusste auch ohne hinzusehen, dass Nummer Dreizehn hinter ihm stand. Nummer Dreizehn kannte seine Gefühle, denn sie kannte seine Geschichte, so, wie er die ihre kannte. Als einst mächtige Fee, die dreizehnte im Bunde, war sie von Herrschern geachtet gewesen, bis zu dem Tag, an dem das Geschirr nicht mehr reichte und sie entsorgt wurde wie eine überzählige Serviette. Seitdem kämpfte sie für ihre Rache. Sie dabei zu unterstützen, lenkte ihn von seinem Kummer ab.
“Rump? Alles in Ordnung mit dir?”, fragte Nummer Dreizehn und trat an seine Seite.
“Ja ... ja natürlich, alles in bester Ordnung.”
“Und du bist sicher, dass du es durchstehst?”
“Absolut sicher.”
“Dann ist’s ja gut.” Dreizehn nahm die Hand von seiner Schulter und holte tief Luft. “Der Coup muss einfach gelingen, Rump. Er darf nicht scheitern. Der Schatz des Vatikan, das ist der Schlüssel zur Macht, und Macht ist das Portal zur Rache.” Dreizehn drehte sich um und blickte nach Achtern, wo die Aurora, ihr Flaggschiff, im Sonnenwind lavierte. In dem Moment stieß Rump einen überraschten Pfiff aus.
“Hey, was ist das denn? Sieh nur.” Rumps Arm streckte sich gegen die Scheibe der Aussichtskuppel und Dreizehns Blick folgte der Linie, bis sie erkannte, was Rump längst sah.
“Das ist ein Schlitten. Beim Dreizack des Neptun, das ist ein Schlitten! Komm mit, Rump!”
Doch Rump rührte sich nicht. Wie versteinert stand er da und starrte hinaus auf die sich nähernden Lichter des Schlittens, in deren Schein er mehr und mehr erblasste, bis endlich die erlösenden Worte über seine Lippen sprudelten.
“Ich kenne diesen Schlitten. Oh, Gott, Dreizehn, ich kenne ihn.”

***

Santa Little Dark?
Viel zu umständlich.
Santa Little?
Zu bescheiden.
Santa Dark?
Hmmm...?

Immer und immer wieder spielte Little Dark mögliche Varianten seines neuen Namens durch, ohne etwas Passendes zu finden. Santa war ein stolzer Titel, zu dem ein vornehmer Name gehörte. Doch was klang schon vornehm an Little Dark? Da hörte sich der Name des Schlittens - Red Racer - noch edler an, auch wenn er schlichtweg übertrieben war. Mit einem 10-mrp*¹-Motor hatte er die Zeiten eines Sausers schon lange hinter sich gelassen. Im Grunde hätte er sogar verschrottet gehört. Er besaß nicht einmal Kuvenheizung, keine Antischlidderregelung und war dazu noch ein Unfallschlitten. Doch aus irgendeinem Grund wollte Santa Bob sich einfach nicht von ihm trennen und päppelte den Schrotthaufen immer wieder auf. Natürlich hätte Little Dark sich für seine Mission etwas Besseres als diesen rostigen Seelenverkäufer gewünscht, aber er würde seinen Zweck wohl erfüllen.
Auf dem Steuerdisplay blinkte ein gelbes Lämpchen auf. Unverzüglich leitete Little Dark das Bremsmanöver ein. Ob von der plötzlichen Schubumkehr oder dem Bewusstsein, in wenigen Minuten mit einer riesigen Verantwortung beladen den Piraten auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein, ihm wurde plötzlich furchtbar übel. Zitternd huschten seine Finger über die Steuerkonsole und drückten mehr mechanisch als bewusst Knöpfe und Schalter, bis der Schlitten langsam wie eine Schnecke dahin glitt und endlich mit einem winzigen Ruck an der ISS andockte. Jetzt kam es auf ihn an, auf seinen Mut und seinen Verstand.

Kaum hatte Little Dark den ersten Fuß auf die Andockrampe der ISS gesetzt, da unringten ihn schon die ersten Piraten, und einer, ein schmächtiges Kerlchen mit Strickmütze und zu weit geratenen Hosen schnarrte:
“Eye, was geht ab, Alter?” Dabei spießte er ihm einen Enterhaken gegen die Brust.
Das Muskelpaket mit der Vollglatze neben ihm bleckte die Zähne, spuckte Little Dark eine Ladung ausgekauten Tabak vor die Füße und zeigte ihm anschließend den erhobenen Mittelfinger.
“Ich mach dich platt, du Schwuchtel.”
“Bleib cool, Mann”, mischte sich ein Dritter mit regenbogenfarbenen, zu einem Kamm toupierten Haaren, irrlichterndem Blick und einer klapperdürren Promenadenmischung von Hund an seiner Seite, ein. “Er soll erst was locker machen. Pluto hat Hunger.”
Der scharfe Knall einer Peitsche unterbrach den Disput. “Ihr wollt wohl Bekanntschaft mit der neunschwänzige Katze schließen, ihr Pack? Verschwindet oder ich lass euch kielholen.”
Verwünschungen ausstoßend trollten sich die drei, und als Little Dark den Kopf hob, sah er am Ende der Rampe eine Frau im Licht stehen, wie er sie sich reizvoller kaum erträumen konnte. Ihr perfekt modellierter Körper steckte in einem schwarzglänzendem Latexoverall. Um ihre Taille lag ein silberbeschlagener Gürtel und ihre Hüften wurden von zwei gewaltige Pistolen dekoriert.
Erneut knallte die Peitschte und als Little Dark sich erschrocken duckte, warf sie den Kopf in den Nacken und lachte aus voller Kehle, dass ihre perlweißen Zähne im Lampenlicht blitzten.
“Du!”, brüllte sie. “Komm her!”
Gehorsam setzte Little Dark sich in Bewegung, keinen Blick von den kupferroten Haaren wendend, die wie Feuer um den Kopf der Frau lohten.
“Du bist mit dem Red Racer gekommen?”
“Ja, Ma’am”, antwortete Little Dark mit belegter Stimme. Das Herz schlug ihm jetzt bis zum Hals.
“Nenn mich nicht “Ma’am”. Ich heiße Nummer Dreizehn. Und du?”
“Li... Little ...” Verlegenes Räuspern. “Little Dark.”
“Niedlich.” Sie strich ihm mit dem Peitschenschaft ein paar Haarsträhnen aus der Stirn. “Und woher hast du ihn?”
“Den Namen?”
“Nein, den Schlitten natürlich.”
“Von den Santas. Ich meine, ich habe ihn den Santas gestohlen.”
“Oha, du bist ja ein ganz Schlimmer.” Sie schüttelte amüsiert den Kopf. “Den Santas den Schlitten klauen. War sicher verdammt dunkel, als du das gemacht hast oder gibt ihr Fuhrpark nichts Besseres her.”
“Doch, doch, aber ... mir blieb keine Zeit. Es musste so wahnsinnig schnell gehen. Ich ... Ich war ihr Gefangener, weißt du? Und ... und in dieser einen Nacht, der Frost klirrte und es tobte ein fürchterlicher Schneesturm und die Santas sorgten sich um die Geschenke und ließen mich ohne Aufsicht. Ja, und da stand dieser eine Schlitten. Da habe ich nicht lange überlegt, ob er alt oder neu ist, sondern ihn einfach genommen.”
Der Peitschenschaft fuhr über sein Gesicht hinunter auf die Schulter. “So, so. Und weshalb flüchtest du ausgerechnet auf meine Raumstation?” Während sie um Little Dark herum schlenderte, ließ sie den Peitschenschaft langsam über seinen Rücken abwärts gleiten, bis sie ihm schließlich einen Klaps auf den Po damit versetzte. “Willst wohl Pirat werden, wie?”
“Ja! Ja, genau das möchte ich.”

Dem Anlegen des Red Racers zuzusehen weckte Erinnerungen in Rump, schöne und weniger schöne und ausgesprochen hässliche. Gleichzeitig begann eine seltsame Spannung durch jede Zelle seines Körpers zu kriechen wie schleichendes Fieber. Da war diese Nacht gewesen und dieser unselige Streit mit Santa Bob und der Red Racer beladen mit den Geschenken für den Kreml.
Rump stöhnte gequält und war froh, als sich die Tür in eben diesem Moment öffnete und Nummer Dreizehn eintrat.
“Diese infantilen Fettwänste schrecken aber auch vor nichts zurück.” Sie lachte laut und spöttisch auf. “Haben diese Dilettanten doch einen Maulwurf auf uns angesetzt.”
“Einen Maulwurf? Du meinst der Bursche, der mit dem Red Racer gekommen ist, ist ein Spion der Santas?”
“Volltreffer. Natürlich hat er das so nicht gesagt, sondern mir eine völlig abstruse Geschichte aufgetischt. Dass er Gefangener der Santas gewesen wäre und den Schlitten geklaut hätte, um damit fliehen zu können.” Sie hakte die Peitsche zu den Pistolen an den Gürtel. “Allein dafür, dass er mich für so töricht hält, diesen Unsinn zu glauben, sollte ich ihn über die Planke schicken.”
“Lebend könnte er uns nützlicher sein.”
“Das weiß ich selbst. So ganz ohne ist er mir allerdings trotzdem nicht davon gekommen.” Dreizehn fischte ein Kettchen aus dem Overall und warf es Rump zu. “Das trug der Kleine auf seiner haarlosen Brust. Sieht nicht besonders wertvoll aus. Oder was meint mein Experte für Edelmetalle dazu?”
Rump fing das Kettchen, an dem noch ein Ring als Anhänger baumelte, und spannte es über seine Finger. “333-er Gold, wirklich nicht sehr wertvoll.” Er hob den Ring an und drehte ihn ins Licht. “Der Stein ist synthetisch. Ein lapisfarbener Spinell würde ich sagen. Glänzt schön, aber mehr auch nicht.” Noch während er das sagte, packte ihn die seltsame Erregung, die er schon beim Anblick des Schlittens gespürt hatte, von Neuem. Dieser glänzende Stein, der Ring am Kettchen ... Oh Gott, konnte es wirklich sein, dass ...? Rump schluckte trocken.
“Wo ist der Bursche jetzt? Ich muss mit ihm reden.”
“Sachte, Rump. Warum musst du mit ihm reden? Was ist los?”
“Das weiß ich noch nicht.” Rump ließ das Kettchen vor Dreizehns Nase baumeln. “Erst muss ich wissen, woher er das hier hat.”
Dreizehn blickte kurz auf das Kettchen, danach in Rumps Gesicht und nickte. “Gut, dann fragen wir ihn.”

***

Little Dark konnte sich vor Müdigkeit kaum noch auf den Beinen halten. Der Tag war lang und hart gewesen. Aber mehr als das zehrte an ihm die Enttäuschung darüber, versagt zu haben. Er wollte sich einfach nur noch unter seiner Decke verkriechen, die Augen schließen, schlafen und vergessen. Statt dessen musste er in diesem Zimmer stehen und dem Alten, den die Frau Rump nannte, bei seinem unsinnigen Marsch von links nach rechts und rechts nach links zuschauen.
Der Alte lahmte und jeder seiner Schritte verursachte ein schlurfendes Geräusch, das Little Dark noch mehr nervte als der stiere Blick aus den trüben, grauen Augen, mit dem er ihn pausenlos sondierte. Doch plötzlich und unerwartet stoppte der Alte und hielt die Hand, an der Little Darks Halskette baumelte, in die Höhe.
“Du hattest diesen Schmuck um deinen Hals”, sagte er. “Wo hast du ihn her?”
Müde zuckte Little Dark mit den Achseln. “Keine Ahnung, den besitze ich schon so lange ich mich erinnern kann. Wird wohl von meinen Eltern stammen.”
Der Alte umschloss den Schmuck mit seiner Hand. “Erzähl mir von deinen Eltern.”
“Da gibt es nichts zu erzählen. Ich kenne sie nicht.”
“Du hast keine Ahnung wer dein Vater ist? Oder deine Mutter?”
“Nein.”
“Du bist bei den Santas aufgewachsen, nicht wahr?”
Little Dark nickte, wenn auch widerstrebend.
“Und wie bist du zu ihnen gekommen?”
“Santa Klaus fand mich als kleines Kind im Teutoburger Wald. Man hatte mich wohl ausgesetzt. Und da es bitterkalt war, nahm er mich kurzerhand mit.”
“Ausgesetzt!” Der Alte atmete so heftig ein, dass es sich wie ein Schluchzen anhörte. Dann drehte er Little Dark den Rücken zu und presste die Hand mit dem Schmuck an seine Brust. “Und mir haben sie gesagt, der schwarze Tod hätte dich dahingerafft. Möge die Pest sie alle holen.” Als er sich wieder umdrehte, glitzerten feuchte Spuren auf seinen Wangen. “Du warst das einzige, was ich noch wollte in meinem verpfuschten Leben. Aber nicht einmal das hat man mir mehr gegönnt.” Er schluchzte leise auf. “Ich hätte dich niemals im Stich gelassen, niemals.”
Little Dark verstand kein Wort, und das lag sicher nicht allein an seiner Müdigkeit.
“Ich hätte dich gehegt und gepflegt und es dir an nichts fehlen lassen.” Rump trat vor Little Dark und legte ihm mit zitternden Fingern die Kette um den Hals. “Genauso habe ich es damals gemacht”, sagte er. “Das Letzte, was sie mir noch erlaubten, nachdem ich den Handel verloren hatte.”
Little Dark verlagert sein Gewicht von einem Bein aufs andere. “Tut mir leid, aber ich habe nicht die geringste Ahnung wovon sie sprechen.”
“Er hat recht.” Unvermittelt stand Dreizehn in der Tür. “Wenn er verstehen soll, musst du ihm die ganze Geschichte erzählen.”
Doch anstatt zur reden, schüttelte Rump nur stumm den Kopf und humpelte aus dem Zimmer.

***

Nein, er konnte nicht darüber reden, und er wollte nicht darüber reden. Jedes Wort hätte sich wie ein Degenstoß in sein Herz gebohrt. Schon die Erinnerungen waren Geiselung genug. Und er erinnerte sich viel zu oft. An Santa Bob, mit dem er damals Freundschaft schloss, als die Santas ihren Firmensitz noch am irdischen Nordpol hatten. Wie Bob ihm wegen seiner goldenen Hände diesen Job als Schlittenmechaniker besorgt und wie sie gemeinsam den Red Racer entworfen und konstruiert hatten.
War das der Anfang vom Ende gewesen? Hatte das Santa Bobs Hochmut entfacht und ihn dazu getrieben, sich vor den anderen zu brüsten, ohne ihn, Rump, auch nur mit einer Silbe zu erwähnen? Wie dem auch war, sein Zorn darüber hatte diesen unseligen Streit entfacht, der ihn wütend und frustriert durch die Nacht trieb, bis er plötzlich vor dem beladenen Red Racer stand. 50 Kisten feinster Wodka für den Kreml. Er erinnerte sich nicht mehr, wieviel er davon getrunken hatte, auf alle Fälle zuviel, um einen Schlitten zu steuern. Und doch hatte er gerade das getan. Natürlich musste kommen was dann kam.
Bei einem Looping verlor er die Kontrolle über den Red Racer, prallte gegen die Spitze eines Eisbergs und stürzte ab. Der Unfall kostete ihn ein Bein, den Job und die Achtung der Santas, die Trunkenheit am Zügel nicht tolerierten. Doch damit nicht genug erlegten sie ihm noch die Strafe auf, von nun an den lächerlichen Namen Rumpelstilzchen zu tragen. Konnte man ihm in dieser Situation wirklich vorwerfen, dass er jede Möglichkeit in Betracht zog ein neues Leben zu beginnen?
Und in dieser Müllerstochter hatte er diese Möglichkeit gesehen. Sie steckte in einer fürchterlichen Klemme, sollte Stroh zu Gold spinnen - für ihn und seine goldenen Hände eine Kleinigkeit. Gut, die Notlage der Kleinen auszunutzen, zeugte nicht unbedingt von Noblesse. Doch ohne ihn und seine Hilfe wäre sie verloren gewesen. Und er hatte nur genommen, was sie ihm zu geben bereit war, erst ihren Schmuck, danach ihren Körper.
Gesenkten Hauptes humpelte Rump durch die Station, ohne wahrzunehmen wohin er ging. Hin und wieder führte ihn sein Weg an einem Raum vorüber, aus dem Musik dröhnte oder Stimmen grölten. Das alles interessierte ihn nicht. Denn in Gedanken war er nicht hier auf der ISS unter den Piraten, sondern in seiner Hütte im Wald, die er putzte und richtete für sein Kind. Dass die Müllerstochter dem König versprochen war, hatte er von Anfang an gewusst und sich damit arrangiert. Einzig auf sein Kind wollte er nicht verzichten.
Noch heute warf er sich seine überdimensionale Dummheit vor, auch nur für eine Sekunde zu glauben, der König würde ihm das Kind einfach überlassen, und damit vor aller Welt als gehörnt dastehen. Und wieso hatte er sich nur auf dieses widerwärtigen Spiel um seinen Namen eingelassen, anstatt um seinen Sohn zu kämpfen? Als er sich dazu endlich entschlossen hatte, war es längst zu spät. Er wäre tot, hatte der König gesagt, an den Pocken gestorben. Dabei hatte er ihn einfach im Wald ausgesetzt.
Rump stoppte seinen Schritt und blickte auf. Sein Weg hatte ihn zur Andockrampe geführt, wo der Red Racer lag, alt und unscheinbar wie er selbst. Er bückte sich und streichelte mit der Hand über den stumpfen, roten Lack. Da spürte er eine zaghafte Berührung. Eine Hand, die sich auf seine Schulter legte und es war nicht Dreizehns Hand. Und er hörte eine Stimme hinter seinem Rücken, die sagte:
“Sie hat mir alles erzählt.” Dann drückte die Hand seine Schulter und Rump schloss die Augen.

***

Während des ganzen Fluges hatte Little Dark den Red Racer gnadenlos getrieben, immer das Bild vor Augen, wie die Aurora sie verfolgte, eine Breitseite feuerte und den Schlitten samt seiner selbst in einem Funkenregen pulverisierte. Er hatte das letzte aus dem 10-mrp-Motor geholt. Dabei war ihm klar geworden, was für eine Wertarbeit noch in diesem alten Schlitten steckte, und dafür dankte er insbesondere Rump.
Aber nicht nur dafür, sondern ebenso für die Flucht, zu der er ihm verholfen hatte. Little Dark hoffte inständig, dass Dreizehn Gnade vor Recht ergehen ließ und ihn dafür nicht bestrafte. Eines würde sie jedoch auf alle Fälle tun, die Schlitten der Santas angreifen, um den Schatz des Vatikan zu rauben. Das hatte Rump ihm noch verraten. Und gegen die Aurora würden die Schlitten keine Chance haben, auch nicht aufgerüstet und im Konvoi.
Little Dark steuerte den Red Racer geschickt durch die geschlossenen Wolkendecke, wich einem Blizzard aus und setzte im weichen Schnee des roten Planeten auf. Santa Klaus erwartete ihn schon.
“Mein Sohn”, sagte er und breitete die Arme aus, um Little Dark zu umarmen. “Es ist schön, dass du wohlbehalten zurück bist. Dein Funkspruch hat mich sehr beunruhigt.”
“Wir dürfen keine Zeit verlieren.” Little Dark blieb wie angewurzelt neben dem Schlitten stehen und rührte sich keinen Millimeter vom Fleck. “Die Piraten wollen den Schatz des Vatikan, um jeden Preis. Und egal, was wir auch unternehmen, wir können ihnen nicht Paroli bieten. Es ist aussichtslos.”
Santa Klaus ließ die Arme sinken. “Grundgütiger! Und was sollen wir nun tun?”
“Ich habe während des Fluges nachgedacht. Die einzige Option den Schatz des Vatikan zu retten, ist, ihn der Konkurrenz anzuvertrauen. “Die Balthasar GmbH und Co. KG mit Sitz auf der Venus besitzt ein überaus gut gesichertes Schiff, die Morning Star.” Eine Geste, schroffer als beabsichtigt, blockte einen Einwand von Santa Klaus im Ansatz ab. “Ich weiß, ihr Gebiet ist der Orient, aber sie sind äußerst geschäftstüchtig und ein kleiner Umweg wird ihnen nichts ausmachen. Außerdem sind sie Meister darin unliebsamen Begegnungen aus dem Wege zu gehen. Und was den Vatikan betrifft, den wird es am allerwenigsten interessieren, wer seine Reichtümer liefert, Hauptsache sie kommen überhaupt.”
“Dein Vorschlag klingt wohl durchdacht, mein Sohn.” Santa Klaus musterte seinen Ziehsohn mit einem bewundernden Blick, in den sich jedoch ein Spur Wehmut mischte. “Und er zeigt mir, dass diese Aufgabe dich hat reifen lassen und du würdig bist, den Titel Santa ehrenhalber zu tragen. Ich bin stolz auf dich.”
“Vielleicht solltest du das nicht sein”, entgegnete Little Dark und blickte zur Seite. “Es ist nicht mein Verdienst, dass ich heute vor dir stehen und dir diese Dinge sagen kann. Und selbst wenn du mir den Titel Santa verleihst, gerecht werden kann ich ihm niemals. Denn mein Herz ... mein Herz schlägt nicht ungeteilt für eure Sache.”
Santa Klaus nickte bedächtig. “Ich habe befürchtet, dass du das eines Tages sagen würdest.” Er seufzte kaum hörbar. “Nun, wenn ein Vogel flügge geworden ist, dann verlässt er das Nest. Anscheinend bist auch du flügge geworden.”
Überrascht drehte sich Little Dark zu Santa Klaus um. “Du bist nicht zornig auf mich?”
“War ich das jemals?”, antwortete Santa Klaus und breitete erneut die Arme aus. Ein wenig unsicher trat Little Dark näher.
“Nein, warst du nicht.”
Dann legte er den Kopf an Santa Klaus’ Schulter.
“Darf ich den Red Racer behalten?”
“Diesen alten Schlitten? Von mir aus.” Santa Klaus schlang seine Arme um Little Dark. “Werde ich irgendwann von dir hören?”
“Das wirst du.” Glücklich erwiderte Little Dark die Umarmung. “Nur eben nicht mehr von Little Dark, sondern von Dark Santa.”

Ines Haberkorn
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*¹ magic rentier power




Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 16.04 Uhr
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