Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Dezember 2003
Stella Maris
von Birgit Erwin


„Kannst du den Kindern nicht eine Geschichte erzählen?“

Sie sagte nicht „wenigstens“, aber der alte Mann hörte das Unausgesprochene trotzdem. Seine Tochter hatte die Hände an die Schläfen gepresst und warf einen wilden Blick auf die beiden fröhlich tobenden Kinder. In den Augen des alten Mannes lag Mitleid, als er sie von der Seite betrachtete, aber keine Liebe. Ihr Leben war sicher nicht einfach. Sie hasste das Meer, und doch hatte sie einen Seemann geheiratet, wie ihre Mutter und ihre Großmutter vor ihr. So war es immer gewesen. Jetzt war ihr Mann draußen, und ihre Kleidung wurde schlampig, sie wusch ihre Haare nicht mehr und ihre Stimme bekam einen scharfen, bitteren Klang.

Der kleine Martin hatte inzwischen seine pummeligen Finger in den Haaren seiner Schwester verkrallt.

„Gib das her, du!“

„Ich hab es zuerst gehabt.“

„Hast du nicht!“

„Hab ich doch.“

„Was soll ich ihnen denn erzählen?“, fragte der alte Mann müde.

„Erzähl ihnen doch von Stella Maris.“

Die Stimme seiner Tochter war höhnisch. Als sie sah, dass ihre Worte mitten ins Herz getroffen hatten, kniff sie die Augen zusammen und lächelte. Die Kinder hoben neugierig die Köpfe; die zerbrochene Puppe war für Sekunden vergessen.

„Wer war Stella Maris?“, fragte die kleine Elsbeth und drehte sich zu den Erwachsenen um. Der alte Mann hätte beinahe die Pfeife fallen lassen. In diesem Licht glich das Kind auf beinahe unheimliche Weise der Frau auf dem Bild in seinem Zimmer. Er warf einen raschen Blick auf seine Tochter und erkannte, dass sie es auch gesehen hatte. Für einen Augenblick war ihr Blick hasserfüllt.

„Wer sie war? Eure Großtante. Die größte Piratin, die die sieben Weltmeere je gesehen haben“, schleuderte sie verächtlich in die Richtung des alten Mannes und verließ dann das Zimmer. Sie ließ Schweigen zurück.

„Großvater, ist das wahr? War Großtante Marianne eine Piratin?“ Elsbeth legte eine schüchterne Hand auf das Knie ihres Großvaters. „Redet – redet ihr deshalb nie über sie?“

Unwillkürlich drängte sie sich dichter an ihren Bruder. Das Herz des alten Mannes krampfte sich zusammen, als er die Verbundenheit zwischen Bruder und Schwester sah.

Die Uhr tickte.

„Ja“, rief er plötzlich in die Stille. „Stella Maris war die berühmteste Piratin, die die sieben Weltmeere je gesehen haben. Und es gibt keinen Grund, sich für sie zu schämen.“

Seine Hand zitterte. Über die Köpfe der Kinder hinweg starrte er aus dem Fenster, wo das Meer rauschte und lockte.



„Dort standen wir, an der Hafenmauer. Es stürmte in der Nacht, in der das Schiff mit den Roten Segeln in den Hafen einlief. Marianne war gerade sechzehn geworden, und die Männer begannen, sich nach ihr umzudrehen.“

Ein Echo der alten Eifersucht durchzuckte ihn, auch heute noch. Er war dreizehn gewesen und hatte seine Schwester vergöttert.

„Die Roten Segel“, hörte er sein jüngeres Selbst flüstern. Ein Schauer kroch ihm über den Rücken. „Das ist das Schiff des Fliegenden Holländers.“

Marianne warf den Kopf zurück und lachte, aber ihr Lachen klang falsch. Schützend legte er ihr den Arm um die knochige Hüfte und drückte sie an sich. Ihr Körper war warm und schmiegte sich bereitwillig in die brüderliche Umarmung.

„Du glaubst wohl noch an Geister, keiner Bruder“, spottete sie. „Eine verdammte Seele, die alle sieben Jahre an Land kommt, um eine Frau zu finden, die ihm die Treue hält und ihn erlöst. Brüderchen, du musst weich im Hirn sein. Oder schlimmer, du bist romantisch.“

Der Junge, der jetzt ein alter Mann war, sah gebannt zu, wie sich die düsteren Segel im Sturm blähten. „Es ist der Fliegende Holländer“, flüsterte er bestimmt. „Wenn er dich wählte, was tätest du?“ Er sah sie von der Seite an, und die Angst zerrte an seiner Seele.

„Warum sollte er mich wählen?“

„Weil du schön bist. Du bist schön, Stella Maris. Alle wissen es.“

Sie wand sich aus seinen Armen und ein seltsames Lächeln huschte um ihren unfertigen Mund.

„Ach, das wissen alle?“

„Also, was tätest du?“

„Weglaufen.“

„Das könntest du nicht! Alle Frauen sind verflucht, die dem Holländer nicht treu sind.“

„Und ich würde doch weglaufen! Nur um zu sehen, ob es wahr ist. Ich würde dem Fluch trotzen.“

Ihre Blicke begegneten sich. Mariannes Augen waren hart. Dann lachte sie auf und warf die Arme um den Hals ihres Bruders.

„Ich könnte doch gar nicht mit ihm gehen. Wir haben einen Traum, Brüderchen, weißt du es nicht mehr? Wir kapern ein Schiff, und ich werde Kapitän und du mein Steuermann. Ich werde Stella Maris, die berühmteste Piratin, die die sieben Meere je gesehen haben.Wir zwei bleiben zusammen. Und wir werden eine wunderbare Zeit haben.“

Ihre Stimme war leise geworden. Sie ließ den Kopf gegen seine Schulter sinken, und blinzelte in die sinkende Sonne. In der Bucht warf das schwarze Schiff Anker.



Die Fremden erregten Aufsehen in der 200-Seelen-Hafenstadt. Es waren große, starke Gesellen mit fremdem Akzent, die das Geld mit vollen Händen unter die Leute warfen. Den ganzen Abend drückte der Junge sich in den geschäftigen Straßen herum, aber den, den er suchte, bekam er nicht zu Gesicht. Den Kapitän.

Als er endlich aufgab, war er müde und durchgefroren, und er sehnte sich nach der Wärme in der Schenke, die sein Vater führte, seit er auf See ein Bein verloren hatte. Aber heute empfing seine Mutter ihn nicht mit einem Teller Suppe sondern mit einer schallenden Ohrfeige.

„Wo hast du dich wieder rumgetrieben, du fauler Lümmel. Wir können jede Hilfe gebrauchen. Weißt du nicht, dass wir Gäste haben.“

Sein Herzschlag setzte aus.

„Die Fremden? Ist der Kapitän hier?“

„Wo soll er denn sonst sein?“, brummte seine Mutter. „Natürlich ist er hier, im besten Gasthaus am Ort. Und wer weiß, vielleicht ist heute Nacht ein Glückstag.“

Sie kicherte über ihren eigenen Witz und ließ ihren Sohn stehen. Der Junge rannte ihr nach.

„Was meinst du damit, Glückstag?“

„Du wirst schon sehen“, schmunzelte sie und kniff ihn in die Wange, die noch von der Ohrfeige brannte. Dann drückte sie ihm geschäftsmäßig ein Tablett in die Hände.

„Bring das in die Stube. Ist der beste Wein. Nur der Beste für den Herrn Kapitän. Und dass du dich ja benimmst.“

Mit großen Augen blickte der Junge auf den Silberpokal, der sonst in der Vitrine verschlossen stand. Irgendein hoher Herr, ein Graf oder Herzog hatte mal daraus getrunken, und selbst das war nur eine Familienlegende. Behauptete jedenfalls Marianne. Er stolperte in die Schankstube, die von gedämpftem Stimmengewirr erfüllt war.

Seine Blicke suchten den Fliegenden Holländer.

Sie fanden einen großen, schwarzgekleideten Mann mit müden Augen. Er hatte den Kopf in die Hände gestützt wie einer, der in der vergangenen Nacht keinen Schlaf gefunden hat, und der Teller stand unberührt vor ihm. Er tat, als hörte er dem Wirt zu, der mit eifriger Stimme und glänzenden Augen auf ihn einredete, aber seine Aufmerksamkeit galt Marianne. Sie stand mit erstarrtem Gesicht und krampfhaft verschlungenen Händen vor den beiden Männern. Bei dem Eintreten des Jungen wandten alle drei die Köpfe, und Marianne warf ihrem Bruder einen wilden Blick zu. In diesem Augenblick streckte der Fremde die Hand aus.

„Einverstanden. Meine Männer holen den Brautpreis sofort.“

Der Vater schlug ein. Marianne schrie auf. Soviel Zeit ließ der Fremde ihr. Dann lag sie in seinen Armen und konnte nicht mehr schreien, weil er ihr einen Kuss auf den Mund drückte wie das Siegel auf eine Besitzurkunde.



Die Gäste wurden zu Gratulanten, sie ließen Bier und Suppe stehen und formten eine Mauer aus menschlichen Leibern, die unüberwindlich zwischen Bruder und Schwester stand. Endlich zwängte sich die Mutter mit Rührungstränen in den Augen durch die Menschentraube und zerrte Marianne mit sich fort. Der Junge erinnerte sich vage, dass sein Vater mit ihm sprach, aber er verstand die Worte nicht. Glück kam oft vor, und noch öfter Geld. Allein stand nur der Fremde und blickte in die Dunkelheit, wo sein Schiff sich silhouettenhaft gegen den Nachthimmel abzeichnete.

Endlich war der Alptraum vorbei. Alles war vorbei. Der Junge stolperte die Treppe hinauf, warf sich auf sein Bett, oben in seiner Kammer, die er nie mehr mit Marianne teilen würde, und weinte sich in den Schlaf.

Ihr Atem an seiner Wange weckte ihn.

„Marianne!“

Er griff nach ihr. Er wollte sicher sein, dass sie kein Traum war. Ihr weißes Gesicht verzog sich, als er die Finger in ihre Oberarme krallte.

„Sei leise, du Dummkopf. Du verrätst mich noch!“

Er riss mit bebenden Händen ein Streichholz an und hielt es an den Kerzenstummel neben seinem Bett. Endlich flammte das kleine Licht auf und warf seinen Schein über ihr Gesicht.

„Marianne! Großer Gott, war er das? Ich bring das Schwein um!“

Sie legte die Hand rasch über die Schwellung in ihrem Gesicht, als ob sie sich schämte.

„Nicht er. Das war Vater. Weil ich zuerst nein gesagt hab. Hör zu, Bruder, ich bin seine Frau. Sie haben mich gezwungen, ihn zu heiraten.“

„Du hast ihn geheiratet… ohne… ohne mich…“

Sie wich seinem Blick aus. „Es war besser so. Was hättest du schon tun können.“

„Und jetzt bist du seine Frau“, flüsterte er. Ein Gedanke durchzuckte ihn, der zu entsetzlich war, als dass er ihn zu Ende hätte denken können. „Aber warum bist du hier… warum bist du nicht… bei ihm…“

„Wir haben noch nicht… du weißt schon.“ Wieder konnte Marianne ihrem Bruder nicht in die Augen sehen, sie presste sich nur fester an ihn. „Ich muss heute Nacht noch fort. Aber ich konnte nicht gehen, ohne dir Lebwohl zu sagen.“

„Lebwohl?“

Marianne nickte. „Meine Sachen sind gepackt. Einer der Matrosen der Seeschwalbe hat mir versprochen, mich mitzunehmen. Ich… du wirst mir fehlen.“

Die Kerzenflamme warf zittrige Schatten über ihr Gesicht. Für einen Augenblick sah sie so fremd aus, dass es ihm Angst machte.

„Du willst weglaufen? Marianne, der Fluch…“

Plötzlich wurde sie wütend: „Schau mich doch nicht so an! Es gibt keinen Fluch!“

Ihre Stimme schwankte. „Hör zu, ich komme zurück, ich mache wahr, was wir uns geschworen haben, ich kapere ein Schiff, werde Piratenkapitän, und dann komme ich, und wir werden immer zusammen sein. Immer! Das verspreche ich dir.“

Schweigend klammerten sie sich aneinander. Mariannes Brüste unter dem dünnen Kleid hoben und senkten sich stoßweise. Er grub seine Hände tief in ihr Haar, und ihr Gesicht war seinem so nahe, dass er ihren Atem riechen konnte.

„Geh nicht!“, flüsterte er. „Du kannst mich nicht alleine lassen, Marianne. Ich ertrage es doch nicht…“

„Ich bin Stella Maris, der Stern des Meeres. Ich werde reich und berühmt, und niemand wird mich mehr schlagen und zwingen, etwas zu tun, was ich nicht will!“ Dann wurde sie wieder grob und stieß ihn zurück. „Und jetzt hör auf zu heulen wie ein Baby. Ich weine ja auch nicht.“ Ihre Tränen flossen unaufhaltsam, aber er löste gehorsam seine Umklammerung und kauerte sich mit angezogenen Knien auf sein Bett.

„Komm zurück.“

Sie griff wortlos nach dem alten Seesack und schulterte ihn.

„Ich bin Stella Maris“, hörte er sie flüstern. Dann war sie verschwunden.



Der alte Mann verstummte, eine Träne rann ihm in den Bart.

„Und sie wurde eine berühmte Piratin!“, flüsterte Elsbeth. Ihre Augen glänzten, und ihre geöffneten Lippen bebten vor Aufregung.

„Die Größte. Die Berühmteste. Wie sie es versprochen hatte“, sagte der Alte sanft.

„Aber ist sie denn nicht zurückgekommen, um dich zu holen?“

Eine zweite Träne folgte der ersten. „Nein. Und nun geht. Eure Mutter hat sicher Kuchen gebacken.“

„Kuchen?!“ Der Bann zersplitterte, und seine Enkel stürmten aus dem Zimmer. Sie lachten und stritten, ob sie auch Piraten werden sollten.

Der alte Mann blickte ins Feuer. Er dachte an den nächsten Tag. Er erinnerte sich vor allem an den Höllenlärm, als sie das leere Bett seiner Schwester gefunden hatten, an das Fluchen seines Vaters, an das Jammern seiner Mutter. Von allen hatte nur der Fremde geschwiegen. Kein Wort war über seine Lippen gekommen. Nur das eine:

„Fort – aufs Meer!“

Woher er den Mut genommen hatte, sich ihm in den Weg zu stellen, wusste der alte Mann bis heute nicht. Aber er hatte es getan, draußen am Hafen, ehe der Fremde in das Boot steigen konnte, das ihn zu seinem schwarzen Schiff mit den Segeln aus Blut zurückbringen sollte.

„Ist es wahr? Seid Ihr der Fliegende Holländer? Ihr seid es, nicht wahr?“

Der Mund des Fremden zuckte.

„Mein Name ist Jan van der Deeken.“

Schließlich begriff der Junge, dass das die einzige Antwort war, die er bekommen würde.

„Ist sie jetzt verdammt?“, fragte er flüsternd.

Für einen Augenblick ruhten die seltsamen Augen auf ihm. Doch das Mitleid, das darin lag, spendete keinen Trost. Es war kalt wie Eis.

„Sie wird verderben.“

Er setzte einen Fuß in das schwankende Boot, doch der Junge streckte mit dem Mut der Verzweiflung die Hand aus.

„Nehmt mich, Herr“, flehte er. „Lasst mich an ihrer Stelle mit Euch gehen. Ich will treu sein. Ich will Euch dienen. Aber nehmt den Fluch von ihr!“

Der Holländer drehte sich noch einmal um. Seine kalte, viel zu weiße Hand fuhr durch das blonde Haar des Jungen. Der Sturm riss ihm die Worte von den Lippen.

„Ich kann ihr Schicksal nicht ändern. Es liegt nicht in meiner Macht. Deine Treue ist wertlos.“

Dann ließ auch er den Jungen allein.



„Stella Maris, du hast dich selber verdorben“, flüsterte der alte Mann. Er stand mühsam auf und lehnte die Stirn gegen die Scheibe, hinter der das Meer lag, das Marianne in jener Nacht verschluckt hatte. Er hatte nie wieder von seiner Schwester gehört. Natürlich hatte er sie gesucht, aber es gab so viele Hafenkneipen, in denen eine Frau verderben konnte.

Sein Glaube an den Fliegenden Holländer war mit den Jahren geschwunden, so wie die Hoffnung, Marianne doch noch zu finden. Was blieb, war die Erinnerung.

Und die Lüge von Stella Maris, der berühmtesten Piratin, die die sieben Meere je gesehen hatte.



Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 11.57 Uhr
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