Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Dezember 2003
“Nombre de Dios”
von Hans Maria Doé


21.Tag des Monats Juni, Anno Domini 1577

Restigouche verzog das Gesicht, als ihm der Rauch in die Nase drang. Er ließ die Fackel mit der gelben Flamme in das Pechrinnsal fallen, das sich über den Holzboden zog. Das Feuer flackerte zunächst träge und arbeitete sich qualmend nur langsam über die flüssige Bahn, und es verschwand in den Gängen und dunklen Winkeln des alten hölzernen Kontors. Es erreichte erst das eine Ende des Gebäudes, dann das andere, und die Flammen flackerten gespenstisch im Halbdunkeln. Ein erschrockener Vogel, der zwischen den Balken unter dem Dach wohnte, flatterte heftig auf und verschwand durch das einzige obere Fenster.
Große Stapel von Tuchballen erhoben sich im Feuerschein des hallenartigen Gebäudes. Holzkisten mit allerlei Handelswaren fingen Feuer. Mit scharfem Knistern entflammte das trockene Holz. Die Wände fingen an zu brennen, als die Flammen höher krochen.
Restigouche trat aus dem Kontor ins grelle Sonnenlicht hinaus. Zielstrebig marschierte er über den Hof zum nächsten Gebäude, das noch größer war als das erste.
Auf dem Platz vor dem Kontor kämpfte ein Mann gegen einen von Restigouches Männer, der hier auf Posten stand. Es war ein alter Mann, ein armer Kaufmann auf dieser Insel, dem der Kontor gehörte. Er war gerufen worden und eben angekommen und hatte sofort begriffen, was hier vor sich ging. Er konnte nicht fassen, dass er ein solch schreckliches Pech haben sollte. Erst hatten die Spanier seine Gebäude beschlagnahmt und ihm nichts dafür bezahlt.
Und jetzt zündeten diese Piraten, englische Landsmänner, die alle Dons von hier in den Westen der Insel vertrieben hatten, sie einfach an! In den Flammen sah er seinen Untergang, einen unerträglichen Ruin. Was war der Spanier, gegen so etwas?
»Halt! beschwor er den Mann vor dem Tor. »Bitte! Das muss doch nicht sein! Bei Gott! Ich bitte Euch!« Er packte den Wachposten bei der Jacke und schüttelte ihn.
»Bitte! Hör mir doch zu! Lass mich mit dem Befehlshabenden sprechen!«
Der Posten stieß grob die Hand das alten Mannes zurück.
»Halts Maul, Alter!«
In seiner Verzweiflung wandte der Kaufmann sich an Restigouche, der ihm den Rücken zugewandt hatte.
»Ihr da! Sir!« kreischte er. »Ich verlange, dass man dieses unerhörte Verbrechen beendet!« Seine Augen blickten entzürnt und wild. »Dazu habt Ihr kein Recht! Das müsst Ihr mir bezahlen!« Er deutete heftig die Faust gegen Restigouche, aber der drehte sich nicht um. Da schüttelte er beide Fäuste gegen die umstehenden Männer.
»Aufhören, habt ihr gehört? Aufhören, sage ich! Oh, ihr Diebespack, Pest und Aussatz über euch, die Krätze sollt ihr kriegen, die Schwänze sollen euch abfaulen! Oh, oh, oh...« Seine krächzende Stimme übertönte das Brandgeräusch, ein einsamer Wutschrei inmitten der Flammen.
»Ihr findet wohl die Dons nicht, die ihr vernichten könnt, und da vernichtet ihr mich, was? Ihr seid schlimmer als die Spanier und nicht besser als Schweine! Ihr verbrennt mir meinen Besitz? Mir, der sein Leben lang gegen die Spanier gekämpft hat!«
Wütend wandte er sich in allen Richtungen an die Männer, aber es half nichts: Der Posten hielt ihn fest. Als er sich umschaute, sah er die Flammen aus einem der unteren Fenster züngeln. Seine Wut flammte mit dem Feuer empor. Er brüllte sie alle an.
»Ihr Feiglinge! Hurensöhne! Ich bin ein alter Mann, aber vor Feiglingen wie euch habe ich keine Angst!« Verzweifelt entwandt er sich dem Griff des Posten und humpelte auf Restigouche zu. »Ich werde dich verprügeln, bei dem Allmächtigen. Ich werde dich verprügeln!« tobte er mit erhobenen Händen die Fäuste schüttelnd, aber er war alt und bewegte sich nur langsam.
Der Posten packte ihn bei der Schulter, riss ihn roh herum und versetzte dem Alten mit dem Griff seiner Schnapphahnpistole einen bösartigen Schlag auf die Brust. Der Mann fiel zurück, und lag mit den Rücken am Boden. Für ein paar Sekunden schwieg er. Doch seine Wut war unbändig. Zornig bemühte er sich aufzurichten. Aber bevor er seinen Oberkörper erhoben hatte, streckte ihn der Posten mit einem gezielten Schuss ins Herz nieder.
Restigouche kümmerte sich nicht darum. Was er hier tat, musste getan werden. Er warf die Fackel ins Gebäude. Wieder strömten kleine Flammenflüsse davon und strebten den entlegenen Bereichen des Kontors zu, begannen Reihe um Reihe zu fressen, Stapel um Stapel. Kiste um Kiste.
Den Blick auf das Feuer gerichtet, wich Restigouche zurück.
Seine Männer standen im Halbkreis um ihn. Alle schwiegen gebannt vom Anblick dieses wütenden Infernos. Bald brannten beide Gebäude lichterloh. Der Himmel über ihnen flimmerte von den Flammen und der Hitze, die von den Holzdächern aufstieg. Das Knistern des Holzes war zu einem Tosen geworden, das Tosen zu einem Brüllen, Restigouche spürte, wie die Haare in seinem Nacken sich regten, als ein heiser Windhauch vorüberstrich. Dann brach das Dach ein. Irgendwo drinnen knallte und pfiff es, und etwas Schweres krachte herunter.
Bevor der Brand noch intensiver wurde, schafften zwei Männer den Körper des Kaufmanns zum Tor des Kontors und warfen den Leichnam mit Schwung ins Feuer. Große, wabernde Rauchwolken erhoben sich, Rauch der schwarze Fetzen mit sich trug, Rauch, der hässlich war und die Sonne verdunkelte und sich wie ein Leichentuch über das ganze Gebiet legte.
Hinter Restigouches Mannen, drängten sich Bewohner aus den umliegenden Häuser und Hütten, die gekommen waren, um entsetzt zuzuschauen. Schweigend, wie trauernd, starrten sie in die Feuersbrunst.
Restigouche blickte in die Flammen. Er hatte darauf bestanden, selbst derjenige zu sein, der das Feuer legte. Ein so unwirklicher Akt, eine so furchtbare Ironie. Es waren ja englische Vorräte, englische Ware, die hier verbrannte, Waren für Hunderte von Menschen. Und es wäre gutes Geld für ihn und seine Kumpane wert. Doch der Bauch der ›Torment of Hell‹ war voll. Vor einem Monat waren sie vom Glück begünstigt gewesen. Hatten eine spanische Schatzgaleone aufgebracht und ausgeraubt. Das war keine große Leistung, da das Schiff ohne Begleitschiffe von der ›Neuen Welt‹ ins alte Europa unterwegs war, dachte er dennoch verbittert. Denn als sie diese Galeone aufgebracht hatten, waren sie mit vielen spanischen Schiffen gekreuzt, und etliche seiner Männer hatten ihr Leben im Kampf gelassen. Und jetzt hatte er ein Feuer gelegt. Und er hatte es getan, damit den Spaniern, die ihn verfolgten, die kostbaren Vorräte nicht in die Hände fielen.
Auf See war es schlimm gewesen: So schlimm wie vor fünf Jahren wo er seine Flotte mit acht Schiffen gegen die Spanier verlor und die Admiralität ihm untersagte je wieder ein Schiff der königlichen Marine zu betreten. Auch diesmal hatte sich der Himmel über dem Meer aufgetan, Blitz und Donner waren von den Spaniern, und es regnete Blut seiner Männer. Fünf spanische Kriegsschiffe folgten ihnen, bis sie in einen fulminanten Sturm gekommen waren, der die ›Torment of Hell‹ Hunderte von Seemeilen in die See hinausgeblasen hatte, direkt auf diese Insel zu. Wo es eine Bucht gibt. Ein idealer Platz, um sich zu verstecken. Den Spaniern ist die Bucht wohl bekannt, aber sie hat mehrere geheime Seitenarme, die von der See her uneinsehbar sind. Erschöpft, hungrig und halb verdurstet hatten sich er und seine Männer auf Nombre de Dios zurückgezogen, um die eigenen Wunden zu lecken, sich auszuruhen und neu zu formieren, sich zu versorgen und die Toten, und Verwundeten zu ersetzen.
Mit dem Nachschub von Männern sah es zwar gut aus. Aber es waren zum großen Teil undisziplinierte Kerle, die nie gelernt hatten mit einem Degen zu kämpfen, noch einen Vorderlader zu laden, geschweige denn abzufeuern. Viele kamen von den Dörfern und bildeten einen unabhängigen, unbotmäßigen Haufen. Die Kunde von der Flucht vor den Spaniern hatte ihre Begeisterung nicht eben angefeuert. Sie waren illoyal, missmutig und kaum gehorsam. Restigouche bezahlte seinen alten Kumpane einige Goldstücke, und gab ein Fass Rum aus, um die ohnehin misse Atmosphäre seiner Besatzung nicht noch mehr zu vergifteten.
Auch seine Stimmung war finster, aber nicht vor Verzweiflung. Es war nicht seine Gewohnheit, lange über Rückschläge zu grübeln. Widrigkeiten waren ihm stets eine Quelle der Kraft gewesen, und hatten ihn um so entschlossener gemacht. Um ihn herum wimmelten mehr als hundert Mann. Aus dem Rückzug auf diese Insel würden er uns seine Männer einen Vorstoß machen, und aus dem Vorstoß einen großen Gewinn. Wenn seine Männer sich schon bisher so gut geschlagen hatten, so würde es in Zukunft nur besser gehen.
Bei Gott! Wir werden es den Dons schon noch zeigen.
Die Wände des größeren Schuppens brachen donnernd zusammen, und die Flammen leckten in den Himmel. Der Lärm riss Restigouche aus seinen Gedanken. Vieles war noch zu tun. Es war vielleicht noch kein Sieg in Sicht, aber er wusste, seine Chance würde kommen.
Gegen Nachmittag kam von Südwesten Ali Masud, Restigouches verlässlichster Steuermann und Kundschafter an Land herangeritten, atemlos und eilig.
»Dort, hinter den Bergkamm, scheinen ein paar spanische Soldaten einige Bauern zu drangsalieren!« schrie der Mann während er vom Pferd sprang. Restigouche deutete sofort fünf seiner besten Männer ihm zu folgen.
»Sitz auf Ali, zeig uns den Weg, schnell!« Restigouche konnte es nicht fassen. Er jubelte innerlich. Jetzt konnte er wieder Spanier jagen, wiederholt Rache nehmen für die Niederlage vor fünf Jahren, für die Schmach die er erleiden musste, und die ihn zwang als Freibeuter über die Meere zu fahren.
*
Der kleine Bauernhof war von steinigen Äckern und vereinzelten Baumgruppen umgeben. Hinter dem Haus stand eine Scheune. Es waren unansehnliche und heruntergekommene Gebäude mit löchrigen Erddächern, kaputten Fensterflügeln und ohne Türen, ein ausgedörrtes, ärmliches Anwesen auf einem widerspenstigen Boden, der nie mehr als einen kargen Lebensunterhalt hergegeben hatte.
Die Scheune stand in Flammen. Ein paar Scharfe und Ziegen waren in Panik; liefen im Kreis herum und warfen sich gegen den Zaun. Dazwischen ein Huhn das wie verrückt gackerte, und versuchte über den Zaun zu flattern. Am Baum neben dem Hauseingang waren sechs Pferde angebunden, aber draußen war kein Mensch zu sehen.
Von seinem etwa hundert Meter entfernt gelegen Aussichtpunkt, beobachtete Restigouche das Haus und die dicke Rauchwolke, die über der Scheune aufstieg.
Er sah keine Spanier, und entschied die Männer beim Aussichtspunkt zu lassen und nur mit Ali Masud hinzureiten.
Rasch ritten sie zu dem Hof hinunter und behielten dabei die Baumgruppen aufmerksam im Auge. Doch die lagen still da und schienen leer zu sein; nicht einmal die Vögel rührten sich dort. Vorsichtig näherten die beiden sich dem Haus.
»Das sind keine spanische Pferde«, stellte Ali fest. Er überlegte kurz. »Wenn es aber welche sind, sollten wir...«
Männergelächter unterbrach Alis Worte, gefolgt von einem schrecklichen Stöhnen, das an Intensität zunahm. Aus der Vordertür kam eine junge Frau gestürzt, die ein kleines Kind an die Brust drückte. Ihr Kopftuch war weg, ihr langes rotes Haar war offen und bedeckte das schmutzverschmierte Gesicht beinahe ganz. Trotzdem konnte Restigouche sehen, dass sie sehr hübsch war.
Ihr Kleid war am Hals zerrissen und hing über die Schulter herunter. Sie wirbelte beim Laufen Staub auf, denn sie zog ein Bein nach; Restigouche sah, dass sie einen Klumpfuss hatte. Die Frau wollte vorwärts laufen, als sie Restigouche und Ali erblickte. Entsetzt blieb sie jäh stehen, und ihr Stöhnen wurde zu einem Schrei. Hastig sah sie sich um, und dann lief sie auf die berennende Scheune zu. Restigouche sprang vom Pferd und wollte ihr nachlaufen.
In diesem Augenblick erschien ein Mann aus der Eingangstür. Er trug eine alte Offiziersuniform des irregulären englischen Militärs, die es eigentlich gar nicht gab. Er lachte und klatschte wie zu einem Tanz rhythmisch in die Hände.
»He, mein Täubchen!« rief er ihr nach. »Warum läufst du fort? Wir haben doch erst angefangen!«
Aber sie hörte nicht und lief humpelnd um die brennende Scheune herum auf das Tor zu. Der Mann lief ihr nach, und andere Männer kamen hinter ihm aus dem Haus; sie klatschten und lachten.
»Was geht hier vor!« Restigouches Stimme war wie ein Donnerschlag. Erschrocken fuhr der Mann im Offiziersgewand herum. Er erstarrte, als er Restigouche sah; das breite Grinsen auf seinem Gesicht verschwand. Restigouche wandte den Blick nicht von dem Mann.
Er hatte ein schreckliches Gefühl, denn hatte schon viel von diesen Leuten gehört. Vor allem in der Admiralität der er beinahe zwanzig Jahre lang angehörte wurde wild über diese Leute gesprochen. Es waren irreguläre Truppen, Guerilla-Soldaten, die nach den letzten militärischen Niederlagen auf einigen Inseln gegen die Spanier mobilisiert worden waren, um das Volk und die Wiederstandskämpfer zu drangsalieren, ihnen Hinterhalte zu legen, ihre Kommunikationswege zu stören, Verwirrung zu schaffen und die in kleinen Einheiten unterwegs waren, um Angst und Schrecken zu verbreiteten.
Diese Irregulären, waren Männer, die jede Disziplin des gewöhnlichen Militärs verachteten und statt dessen lieber das Land durchstreiften und unkonventionelle Taktiken verfolgten. Sie waren bösartige Kerle, und man warf ihnen schwere Übergriffe vor, nicht nur gegen den Spaniern, sondern auch gegen die englische Zivilbevölkerung. Es hieß, sie schnitten den Menschen die sie fassen konnten, mit ungewöhnlichem Eifer die Kehle durch, sie nähmen sich Körperteile als Trophäen, und die Foltern, die sie sich ausdächten, seien grausam und langandauernd. Restigouche wusste nicht, wo die Wahrheiten aufhörten und die Legenden begannen.
Er war einigen schon begegnet und hatte sie unmöglich und roh gefunden – die Hälfte, dachte er, hätte liquidiert gehört, die andere Hälfte in den Kerker. Doch unsere Jungfräuliche Königin Elisabeth I. ringt um die Macht einiger dieser Antillischen Inseln, und mit Hilfe solcher Banditen versucht sie jene zu erhalten.
Die Männer dort vor ihm lachten immer noch, wenn auch leiser. Restigouche und Ali Masud betrachteten sie mit sichtlicher Verachtung.
»Ali, reite zu den anderen Männern, sie sollen kommen damit sie das Feuer löschen.« Danach wandte er sich wieder dem Mann zu, der zerzaust war und nach Rum stank. Er war groß und kräftig, und sein rabenschwarzer Vollbart bildete einen starken Kontrast zu seinem Haar, das weiß und wild war vor lauter Locken. Die dichten Brauen warfen Schatten über die Augen, die gleichwohl arrogant und feindselig blickten.
»He! Was geht hier vor?« wiederholte Restigouche.
»Wir kamen vorbei und sahen ein paar...«
Restigouche unterbrach ihn donnernd. »Wie ist Ihr Name? Welche Einheit ist das hier?«
Der Mann zog die Stirn kraus, warf einen verächtlichen Blick und spuckte aus.
»Ich bin Keith Hartford. Colonel Keith Hartford. Vierte Einheit. Irregulääär...« Er sagte es langsam, und seine Stimme troff von Sarkasmus und das letzte Wort zog er besonders lang.
»Hat Er welche Dons gesehen?«
»Ja, Sir. Aber ich weiß es nicht genau...«
Restigouche ließ den Colonel stehen und marschierte um die Scheune herum. Die Frau war noch da, und sie hatte ihr Kind auf dem Arm. Sie hatte sich auf den Boden gekauert und lehnte mit dem Rücken am Zaun. Daneben lag ihr Mann. Er war etwa dreißig, und gekleidet wie ein armer Bauer. Er lag auf den Rücken, Arme und Beine ausgestreckt, wie er gefallen war, und starrte mit blicklosen braunen Augen zum Himmel. Man hatte ihm durch die Stirn geschossen.
Seine Frau zog den Kopf zwischen die Schultern, als Restigouche herankam. Die Knie hatte sie hochgezogen und begann sich vor und zurück zu wiegen. Ihr Weinen war zu einem gleichmäßigen dumpfen Wiehern geworden. Sie hielt ihre Tochter umklammert, so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß waren. Das Kind war ungefähr vier Jahre alt, ein Mädchen mit himmelblauen Augen und langen Wimpern. Es hatte hysterisch geweint, seine Augen waren geschwollen und die Wangen streifig von Tränen, und es war schließlich in jenes schwere Schweigen versunken, das kommt, wenn das Schlucken vergangen ist. Ohne auch nur annähernd zu begreifen, was hier stattgefunden hatte, betrachtete es die reglose Gestalt des Vaters am Boden, blickte zu Restigouche und schaute schließlich wieder den Vater an. Dann vergrub es das Gesicht an der Brust der Mutter, und beide wiegten sich sanft zusammen, vor und zurück, vor und zurück.
Ein Schatten fiel über sie, und die Frau hob den Kopf. Ihr Blick richtete sich auf etwas hinter Restigouche. Sie zog sich noch mehr zusammen und wiegte sich schneller. Restigouche drehte sich um. Der Colonel stand hinter ihm.
»Wartet vor dem Haus«, befahl Restigouche.
»Worauf, Sir?«
Restigouches Augen funkelten böse. »Ali! Eskortiere den Colonel...!«
Der runzelte die Stirn und zog sich zurück, bevor der Befehl ganz ausgesprochen war. Restigouche kniete sich wieder auf den Boden.
»Frau«, sagte er und berührte sanft ihren Arm. Ruckartig zog sie diesen zurück. Mit gequältem Blick sah sie ihn an.
»Frau, ich muss es wissen. Der Mann« – er deutete zum Colonel hinüber – »der Mann sagt, es waren Spanier hier. Ich muss wissen, ob das stimmt. Haben diese Kerle hier Ihnen das angetan? Haben sie Ihren Mann ermordet?«
Die Frau bebte, zitterte am ganzen Leib, und antwortete nicht. Ihr Blick stierte vor Grauen, das er von Anfang an darin gesehen hatte.
»Sie sind jetzt in Sicherheit. Beruhigen Sie sich und Erzählen Sie mir, was hier passiert ist. Wenn Spanier hier sind, müssen wir sie rasch finden.«
Schweigen. Er ging zu den Colonel hinüber.
»Hat sie Euch Lügengeschichten erzählt?«
»Warum sollte sie das tun?« fragte Restigouche in scharfem Ton.
»Weil sie hysterisch ist. Sie würde Euch alles mögliche erzählen.«
»Was könnte sie den sagen, was Euch beträfe?« Restigouche musterte den Mann kühl und abschätzig.
»Sie ist ein Krüppel.« Der Irreguläre zuckte die Achseln.
»Nur ein verkrüppeltes Bauernweib. Es ist unwichtig, was sie sagt.«
»Ihr empört mich. Sie ist eine Engländerin. Ihr solltet Euch mit den Feinden Englands beschäftigen und nicht mit harmlosen Frauen.«
»Haben wir ja getan.«
»Aber ich sehe keine Spur von irgendwelchen Feinden. Und nichts weist darauf hin, dass welche hier waren?«
»Aber sie waren hier, ich sag’s Euch. Vier Mann. Lupenreine Dons in voller Rüstung. Ich habe sie gesehen. Meine Leute haben sie gesehen. Wir haben sie verjagt. Was ist denn mit dem Toten? Glaubt Ihr denn, der hat sich selbst erschossen?«
»Das frage ich mich. Warum habt Ihr und Eure Leute sie nicht verfolgt?«
»Wir wollten sie gerade verfolgen, als Ihr hier ankamt. Verdammt, ich hab mir nur einen kleinen Spaß gemacht.«
In diesem Augenblick kamen Restigouches Männer herangeritten und machten vor ihnen halt.
»Nicht die geringste Spur von den Dons.«
Restigouche schaute dem Colonel lange in die Augen. Er war sicher, dass er log, und war sich sicher, dass er es hier mit einem Mörder und Dieb zu tun hatte. Doch er konnte nichts unternehmen, solange die Frau den Mund nicht aufmachte.
»Wie es scheint, haben die Spanier sich in Luft aufgelöst, Colonel.«
»Das sind gerissene Hunde, allerdings.« Der Colonel grinste.
Restigouche schob ihm sein Gesicht entgegen.
»Ich denke, Ihr seit ein Lügner. Ich glaube Ihr seit nichts anderes als ein Mörder und ein Feigling.«
Der Colonel erstarrte und lief rot an. Seine Hand fuhr zu seinem Degen, aber er hielt sich im Zaum.
»Schaft diese Schweine hier weg. Verzieht Euch mit der stinkenden Meute, und zwar sofort. Wenn ich Euch noch einmal sehe, lasse ich Euch in den Kerker werfen. Ich würde Euch zu gern auf den nächsten Baum aufhängen lassen damit die Krähen Euch die Augen auspicken können.«
Der Colonel verneigte sich kurz mit amüsiert- frecher Lässigkeit. Er drehte sich um und fluchte leise: »Jawohl. Leckt mich am Arsch.«
Restigouche hörte diese Unverschämtheit aber dennoch und wollte seinen Degen heben. Er spürte, wie sein Blut zu kochen begann.
In seinem ganzen Leben hatte noch niemand ihn je so beleidigt.
An Bord seines Schiffes hätte er persönlich dafür gesorgt, dass der Mann standrechtlich gehängt wird. Und wenn dieser Mann zu den regulären englischen Militär gehört hätte, dann hätte er es auch hier und jetzt getan.
Aber in diesem Augenblick beging Restigouche den größten Fehler seines Lebens.
Er würdigte den Mann nicht einmal seiner Verachtung. Für ihn war er ein Totschläger mit einer Horde von Banditen und Marodeuren und nicht wert, dass man ihn auch nur bespuckte. Und er zweifelte nicht daran, dass diese räudige Rotte von Strauchdieben ihren Teil an Spanier zur Strecke bringen werde, und dieser Gedanke überwog im Augenblick des Irrtums sein eigenes Bedürfnis nach Gerechtigkeit.
Und so kam es, dass Restigouche nichts unternahm, dass er seinen Leuten abwinkte und die Bande laufen ließ.
Der Colonel grinste breit. Er verbeugte sich noch einmal leicht vor Restigouche und winkte seine Männer zu den Pferden. Einen Augenblick später saßen sie im Sattel. Lachend ritten sie davon.
Die Scheune war rasch niedergebrannt. Nichts blieb übrig von dem, was vielleicht darin gewesen war. Ein paar Rauchfähnchen stiegen aus der Ruine auf. Restigouche ging kurz ins Haus, um sich davon zu überzeugen das alles andere in Ordnung ist. Die Frau saß in einer Ecke im Halbdunkel des kärglichen Raumes auf den erdigen Boden. Er blieb vor ihr stehen. Was hier passiert war erfüllte ihn mit großen Bedauern, aber er wusste nicht was er sagen sollte. Nach einem kurzen Blick auf die Frau und dem Mädchen wandte er sich ab und ging.
Eine viertel Stunde später stand Restigouche zusammen mit Ali Masud auf dem Gipfel einer weiteren Anhöhe, die einen ausgezeichneten Blick über die unwirtliche Umgebung bot.
Die Spanier mussten irgendwo sein, wenngleich er keine Spur von ihnen entdecken konnte. Er hatte zwanzig Mann nach Westen und weitere zwanzig nach Südwesten entsandt und ihnen befohlen, im Laufe des Abends hier wieder zusammenzutreffen.
Nachdem er den Horizont abgesucht hatte, richtete er seinen Blick auf das Gelände zu Füssen ihres Standorts. Er konnte das Bauernhaus sehen. Noch immer verfolgte in der Blick der Frau und der Gedanke an das Kind. Er spürte, wie in ihm die Wut hochkam, wenn er an die Marodeure dachte. Als ob es nicht genügt hätte, dass man sich mit den Spaniern plagen musste – da war er nun auch noch gezwungen sich mit solchen Kreaturen abzugeben.
Ali Masud klopfte ihm auf den Arm. »Restigouche!«
Er schaute in die Richtung, in die Ali zeigte. Die Sonne stand hinter ihnen, und so konnten sie kilometerweit sehen. Ein Lächeln erschien auf Restigouches Gesicht.
Sechs spanische Soldaten suchten dort unten vorsichtig ihren Weg durch eine Baumgruppe. Vom Weg aus dürften sie kaum sichtbar sein, aber dort, wo er stand, hätte die Sicht nicht besser sein können.
Restigouche spürte, wie sein Herz sich in die Lüfte schwang und sein Blut zu rauschen begann.
Dons! endlich da waren seine Feinde! Sein Pferd spürte seine Aufregung und scharrte ungeduldig mit den Hufen.
»Holen wir sie uns, Ali!« Er blickte zurück und erstarrte jäh, als er nochmals das Bauernhaus sah.
Er schrie: »Verflucht! Diese Banditen. Sie sind wieder da.«
Der Colonel und seine fünf Männer hatten im Gebüsch gewartet, und als sie annahmen, dass die Luft rein sei, waren sie zu dem Bauernhaus zurückgekehrt. Restigouche wusste, was sie tun würden. Sein Magen verkrampfte sich. Schnell dachte er nach. So gern er sich diese Spanier vorgenommen hätte, sie waren nur eine kleine Gruppe. Ali Masud konnte sie mit ein paar Männern mühelos allein erledigen.
Er würde sich um diese Kerle da unten Kümmern.
»Ali, ich reite mit sechs Mann zurück zu dem Haus. Nimm den Rest der Leute und setzt den Dons nach. Du kannst sie schnappen, wenn du dort auf sie wartest, in dem Wäldchen. Wenn du sie erledigt hast, komm uns nach.« Restigouche deutete auf einen weiten Bogen, den der Weg nahm.
Ali Masud nickte lächelnd. Ihm war es egal. Die Spanier oder der Colonel – nach wochenlangen Nichtstun hatte er endlich eine Aufgabe.
Die Gruppen trennten sich und ritten gegenüberliegende Hänge hinunter. Restigouche dachte an die Frau und wusste, dass keine Zeit zu verlieren war. Er trieb sein Pferd und seine Männer zur Eile. Rasch gelangten sie durch einen lichten Wald und geradewegs über die steinigen Felder. Als sie das Getreidefeld, dessen Ernte nun wohl Niemand mehr einbringen wird, vor dem Bauernhof erreicht hatten, schoben sich die Männer, die Restigouche folgten, an seine Seite, und sie ritten in waagrechter Linie, Wade an Wade, auf das Haus zu. Die Hufe ihrer Pferde wurden gedämpft durch den Ackerboden, als sie über des Feld ritten.
Im Haus hatte sich der Colonel soeben von der Frau hochgestemmt und knöpfte seine Hose zu. Er war wütend. Das Weib hatte ihm den Spaß verdorben. Sie hatte das Kind nicht loslassen wollen, also hatte er das kreischende Ding aus den Armen gerissen und es einem seiner Männer zugeworfen wie einen wertlosen Sack. Von diesen Augenblick an hatte das Luder gekämpft, wie er es bei keinem Mann je erlebt hatte, sie hatte sich gründlich und gefährlich zur Wehr gesetzt. Sie hatte ihm die Faust an den Kopf geschlagen und als er den Arm zu fassen bekam, versuchte sie ihm mit der anderen Hand die Augen auszukratzen, und dabei harkte sie sich tatsächlich mit einem Fingernagel über seinen Augapfel ein. Er brüllte vor Schmerzen auf und schlug ihr hart ins Gesicht, schlug sie wieder und wieder, und hörte, wie etwas in ihrer Wange brach, aber sie wehrte sich immer weiter und wollte nicht aufgeben. Er hatte nach seiner Pistole gegriffen, um sie damit zu prügeln, und da trat sie ihm mit ihrem Klumpfuss zwischen die Beine. Seine Erektion, befeuert von ihrer Wut und der Kraft ihrer Schläge – diese Erektion war beim Teufel gewesen. Als sie das getan hatte und er sich vor Schmerz zusammenkrümmen musste, wobei er seine Männer hinter sich lachen hörte über den Verlust seiner Potenz angesichts der Gegenwehr dieses verkrüppelten Weibes, da war es mit ihm durchgegangen. In seinem Kopf war es eiskalt, und die Raserei hatte seine Augen aus den Höhlen quellen lassen. Er warf sich wieder auf sie, grub seine Finger an ihre Kehle, drückte durch all ihr Keuchen und Würgen, drückte, bis er mit den Daumen ihre Wirbelsäule fühlen konnte und ihre Lippen sich violett färbten. Es kam ihm vor wie nach einer Ewigkeit, da wurden ihre Arme nach und nach schlaff, und ihre Beine erlahmten, bis sie schließlich aufhörte zu kämpfen und das Leben aus ihr entwich.
»Dreckige Hure!« brüllte er, während er sich hochrappelte.
Einer seiner Männer lachte. Der Colonel fuhr herum und schlug ihm ins Gesicht, und im selben Moment fiel sein Blick durch das Fenster, und er sah Restigouche und seine Leute über das Feld heranreiten.
Er wusste sofort, dass es für ihn und seine Leute kein Entkommen gab. Es gab keine Wahl.
Er wusste, was sie zu tun hatten.
Niemand in Restigouches Truppe rechnete mit einem Kampf. Man würde hier rasch aufräumen und sich dann wieder Ali Masud anschließen, wo es wirklich etwas zu tun gab.
Sie waren dicht vor dem Haus, als die erste Salve von drinnen hervorbarste und vier Mann auf der Stelle tötete. Restigouches Pferd bekam eine Kugel in die Brust und stürzte. Restigouche wurde zu Boden geworfen und verlor das Bewusstsein. In panischer Verzweiflung zügelten die beiden übriggebliebenen Männer ihre Pferde, dass diese sich angstvoll aufbäumten. Sie griffen nach ihre Waffen, aber sie hatten keine Zeit. Wieder donnerten Schüsse aus dem Fenster. Beide Männer gingen zu Boden. Auch sie waren sofort tot. Das ganze hatte vom ersten bis zum letzten Schuss keine Minute gedauert, dann war es vorbei.
Einer der Banditen spähte vorsichtig aus der Haustür heraus und vergewisserte sich ob sonst noch jemand da war.
*
Als Restigouche zu sich kam, lag er mit dem Gesicht nach unten auf dem Lehmboden des Hauses. Er war nur halb bei Bewusstsein, noch immer stark benommen von seinem Sturz. Wie in Trance sah er die Männer vom Colonel, die sich im Raum bewegten. Sie hatten seine Männer von draußen hereingeschleift. Er konnte sie zählen, unklar nebelhaft. Sie waren alle tot. Aufgestapelt zu einem blutigen Haufen, übereinandergeworfen wie Puppen, Arme und Beine planlos ineinander verschlungen, und Ströme von Blut rannen auf den Boden. Er hörte Lachen und Reden, und dann kamen zwei von ihnen zu ihm herüber. Sofort hielt er den Atem an. Stellte sich tot. Sie packten ihn unter den Armen und schleppten ihn zu den blutigen Haufen seiner Männer und legten ihn obenauf. Dann verschwanden die Kerle durch die Haustür. Nach einiger Zeit wagte es Restigouche den Kopf zu heben. Sein Gesicht war blutverschmiert, die Augen verklebt vom Blut der Durchschusswunde seines Kameraden auf dem er lag. Und da war ein Geruch, den er kannte, beißend und unangenehm. Er rieb sich mit dem Hemdsärmel die Augen frei und blickte wie durch einen Nebelschleier zur Seite des Leichenstapels. Da sah er den Leichnam der Frau, das Kleid von den Schultern gerissen und über die Hüften hochgeschoben und quer über ihrer Brust lag ihr Töchterchen, das kleine Mädchen, mit dem Gesicht nach unten, still, stumm, und Blut rann ihr über dem Rücken.
Und dann sah er, woher der Geruch kam, die Kerle hatten überall, Schwefel und Schießpulver verschüttet. Über die Leichen seiner Männer, über ihn, über die Frau und dem Mädchen.
Vor dem Haus hatten die Kerle das Feuer der Scheune angefacht. Dann ertönten Stimmen, kamen näher. Das Lachen wurde lauter. Sofort wurde Restigouches Körper steif. Alles tat ihm weh. Er hatte kein Gefühl in den Fingern und konnte nicht sagen, ob er seinen Körper bewegen könnte wenn er es wollte. Er hörte wie ein Mann die Türschwelle betrat. Restigouche vergrub sein Gesicht wieder in die klaffende Wunde seines Kameraden.
Dann vernahm er das Gekläffe vom Colonel: »Mach schon Catfield! Zünd die Hütte an. Mach schnell. Da kommen Reiter über das Feld!«
Einen Augenblick später hörte Restigouche wie Hufgetrappel aufkam und davon donnerte. Der Mann an der Tür versuchte verzweifelt in aller Eile ein brennendes Holzstück durch die offene Tür zu werfen. Blitzartig verpuffte das Schwarzpulver. Doch der Mann hatte sich schon beim hinwerfen des brennenden Holzstückes umgedreht und war sofort zu seinem Pferd gerannt, sprang auf und folgte im wilden Galopp seinen Männern. So konnte er nicht sehen das Restigouche hustend und halb blind vor Rauch aus der Haustür wankte, und das Haus erst danach wirklich Feuer gefangen hatte.

© 12.2003 by Hans Maria Doè

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 16.06 Uhr
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