Ganz schön bissig ...
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Dezember 2003
Piratengeschichte
von Stefan Schweikert


Er fragte nicht. Mit der Selbstverständlichkeit eines Adligen trat er an den Tisch und mit der Eleganz von jenen, die ihr Lebtag Planken unter dem Holzbein hatten, schwang er sich auf den Stuhl und grinste mich mit schwarzen Stummeln an. Zweifelsohne ein Pirat.
Er bestellte sich und mir einen Rum, oder was das auch immer für ein Zeug war, man konnte damit wahrscheinlich auch das Deck scheuern oder einen Hund vergiften, und begann zu erzählen.

Ich muss jetzt ein wenig weiter ausholen.
Es war eine verregnete Nacht, in irgend einem mickrigen Scheißkaff an der Küste von Wales, eines dieser Nester, deren Namen mehr Buchstaben, als der ganze Ort Einwohnern hatte, und mir ging es dreckig. Als dritter Sohn eines Lord von Habnixausereinemtollennamen steht man, sobald man aus dem Gröbsten heraus ist, vor der Wahl, ob man Priester wird, oder zum Militär geht. Auf beides hatte ich keine Lust.
Ich trieb mich eine Zeit lang herum, bis ich beschloss, nach Amerika zu gehen, Goldsucher werden. So kam ich dann in dieses Kaff. Ich hatte gehofft, hier eine Passage ergattern zu können, die günstiger war, als in den großen Städten an der Südküste. Doch schnell begriff ich, dass die wenigen hochseetüchtigen Schiffe im Hafen mehr zu verheimlichen hatten, als ihr nächstes Ziel.

Er saß also bei mir und begann zu erzählen: Von den Inseln, von kakaobraunen Mädchen an weißen Stränden, vom Duft des Meeres, von Abenteuern, Schlachten, Kapern und vom Gold! Vom Gold, das einem durch die Finger fliest, in den lauen Nächten von Port Royal und Tortuga. Ja, die Wärme, sagte er, und goss noch mal ein, die ganze Flasche ist für uns, die Wärme tut meinen alten Knochen gut, zumindest denen, die mir noch verblieben sind. Dann Lachte er schallend, klopfte mit dem groben Holzklotz, der seine linkes Bein ersetzte, im Takt, hustete, kotze grünschwarzen Schleim auf den Boden, stopfte sich sogleich wieder etwas in die Pfeife, das nur brannte, weil es mehr Teer enthielt, als ein kalfaterter Schiffsrumpf.
Ich horte ihm kaum noch zu. Ich sah die palmenbestandenen Strände, die exotischen Häfen vor mir. Ja, ich glaubte, ganz fest, die Planken des stolzen Piratenschiffs unter meinen Füßen zu spüren. Ich schenk Dir noch mal ein, sagte mein Kamerad.
Am nächsten Morgen erwachte ich auf hoher See. Dreißig Jahre ist das jetzt her, oder sind es gar vierzig? Aber das spielt keine Rolle. Sag, wie hat Dir die Geschichte gefallen, mein Junge? Du schaust so komisch.

Ich könnte Dir jetzt erzählen, dass die einzigen Schätze, die auf vergessenen Inseln warten, jene Münzen sind, die ich beim Scheißen verloren habe, dass beim Anblick der Huren von Tortuga und Port Royal, denen du deinen letzten Heller in den Ausschnitt steckst, jede anständige Landratte schreiend die Flucht ergreifen würde, ja, dass jeder Traum von Reichtum und Abenteuer, längst zerplatzt, und nur ein beschissenes, hartes Leben geblieben ist.
Aber warum sollte ich Dir das erzählen?
Denn du siehst mich ja vor Dir. Meine Zähne hat der Skorbut geholt, etliche Teile von mir wurde von den Fischen gefressen, dort unten wo meine Kameraden im Chor mit dem Klabautermann ihre Lieder grölen. Und wenn ich dem Reichtum je näher gekommen wäre, als dem Gold am anderen Ende des Regenbogens, säße ich jetzt auf einer warmen Insel, zusammen mit einer schokobraunen Schönheit, und nicht mit Dir in einem beschissenen, verregneten Kaff in Wales.
Und doch treibt es mich zurück, wie es auch Dich immer wieder zurück aufs Meer treiben wird. Denn ich sehe: die Flöhe, die ich Dir in Deinen Strohkopf gesetzt habe, fühlen sich schon wie Zuhause. Wenn Du morgen früh auf schwankend Planken aufwachst, zum ersten Mal, unter dem Gegröle Deiner zukünftigen Kameraden, über die Rehling gekotzt hast und Dein Kapitän Dir in den Arsch getreten hat, dann wirst Du die Nase in den Wind stecken. Auf zu fernen Küsten und Städten. Auf zu Reichtum und Abenteuer.

(Stefan Schweikert – 25.11.03)

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 16.10 Uhr
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