Der himmelblaue Schmengeling
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Dezember 2003
Die Rede des Piraten
von Leander Sukov


Mir war es immer ein Rätsel gewesen, weshalb gerade der Rothaarige zum Kapitän gewählt worden war. Ich mochte ihn nicht. Respekt? Nicht die Bohne! Vor dem Rothaarigen? Das wäre wirklich lächerlich gewesen.

Ich weiß nicht ob die Zeit die Länge von sieben Tagen durchschritten hatte, als er mir zum Feind wurde. Erwähnte ich es schon? Mein Schiff, die Princess, war beim Aufbringen einer recht vielversprechenden Prise so sehr zu Schaden gekommen, daß wir es aufgeben mußten. Es blieb wirklich keine andere Wahl. Auf dem Vorderschiff hatte es bereits während des Kampfes gebrannt und auch der Hauptmast war über Bord gegangen. Wir hatten, denn daß wir es wären, die die Schlacht gewinnen würden, stand nie außer Frage, gehofft, die Prise (ich habe den Schiffsnamen leider vergessen) übernehmen zu können. Aber auch sie war unbrauchbar, war leckgeschlagen und noch während wir sie enterten, lief sie voll und begann schnell zu sinken.

So blieben uns die Boote. Kurz nachdem wir in die Boote gegangen waren, hob ein Sturm an und ich wurde mit dem jungen Steuermann abgetrieben. Zwei Tage trieben wir auf offener See von der Küste immer weiter fort und es ist lediglich einer kleinen Ration Schiffszwieback zu verdanken, daß wir nicht Hungers leiden mussten. Dann sahen wir am Horizont die „Blue Sun“ und der Rothaarige nahm uns in seine Mannschaft auf.

Ich bin es nicht gewohnt, Befehle entgegen zu nehmen, wissen Sie. Und der Rothaarige, der mich natürlich von hier und dort kannte, wenn auch nicht persönlich, wußte, daß ihm dort einer an Bord gespült worden war, dessen Abenteuer sich die Leute abends in den Schenken erzählen, während er eine eher bescheidene Existenz als Freibeuter führt (um ehrlich zu sein: mir schien er immer eher einer der armseeligen Strandräuber zu sein, als ein Pirat).

Der Rothaarige piesackte mich, wo er konnte und sogar das Deck mußte ich säubern. Von den Laufdiensten für den schmieren Smutje schweige ich lieber. Er tat alles, um mich gegen ihn aufzubringen und obwohl ich ihn warnte, ließ er nicht ab von seinem Tun. „Ich bin der Kapitän. Du bist ein Schiffsbrüchiger. Sei froh hier zu sein und nicht im Bauch eines Hais“, sagte er mir. Ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich so dumm war, zu glauben, es gäbe hier, bei den Shetlands, Haie. Als ob es die Südsee wäre. So dumm war der Rothaarige. Er wußte nicht, wo die Haie waren.

Was also, sagen Sie selbst, blieb mir übrig? Ich mußte ihn umbringen. Allerdings bedurfte es noch einiger Zeit der Vorbereitung. Denn natürlich wollte ich die Mannschaft, gute Kerle allesamt, nicht gegen mich aufbringen. So sprach ich mit jenen, die mir Einfluß zu haben schienen, teilte ihnen mit, daß sich bald viel ändern würde, sie aber keine Sorge haben müssten, jedoch den Mund zu halten hätte. Als ich mit allen, die mir wichtig erschienen ein Wort gewechselt hatte, stach ich das Schwein ab. Es ging ganz schnell. Ich nahm ein langes Messer aus der Küche (denn meine eigenen Waffen hatte er mir aus Angst abgenommen. Jedenfalls glaube ich, daß er Angst hatte), ging zur Brücke und rammte es ihm in das Kreuz. Die Mannschaft sah dabei zu ohne mit der Wimper zu zucken. Dann hielt ich eine kurze Ansprache (Sie wissen schon: Die Hungerzeit ist vorbei. Jetzt geht es vorran. Auf zu neuen Ufern. Abenteuer warten usw.). Auch beeilte ich mich, die Zeremonie für den Rothaarigen in die Wege zu leiten. Der Maat hielt eine ergreifende Ansprache. Ich bin ja eigentlich ein eher romantischer Mann, gottesfürchtig auch. Ja, glauben Sie es ruhig. Mir geht zwar der Ruf voraus, böse und brutal zu sein, aber eigentlich bin ich nur weitschauend und liebe meine Mannschaft.

Ich ließ das Schiff von vorn nach achtern in Stand setzen. Was zerbrochen war, wurde repariert, die Waffen in Augenschein genommen, die Segel überprüft. Dann hieß ich Kurs auf Dead Man's Corner setzen. Wir, Sie wissen es so gut wie ich, trafen nicht auf viel Widerstand. Der kleine Ort schien mir auf einen Überfall nicht vorbereitet zu sein. Es ging sehr schnell. Wir liefen ein, gingen von Bord, nahmen uns, was uns zu nehmen wertvoll genug erschien und verschwanden mit unserer Beute noch bevor der Morgen graute.

Ist Ihnen kalt? Ich könnte Holz nachlegen lassen. Diese kleinen Kanonenöfen kommen nicht recht an gegen die Kälte. Ich hoffe, wir werden keinen Sturm bekommen. Ich möchte nicht, daß es Ihnen schlecht geht. Oder sind Sie seefest. Sie sehen so zart aus. Es ist natürlich ein großes Glück für mich, daß Sie gerade am Hafen waren, als wir aus dem Ort zurück kamen. Sie sind, doch, doch glauben Sie es mir ruhig, die schönste Beute, die ich je gemacht habe. Ich hoffe, sie mögen mich auch? Nein? Oh, das tut mir leid. Ich werde versuchen, so höflich zu Ihnen zu sein, wie ein Pirat es eben kann. Wirklich. Ich werde mir alle erdenkliche Mühe geben. Sie werden sehen, so schlecht ist es nicht bei uns.

Wir laufen jetzt gen Shetlands. Dort haben wir unseren Sitz. Es ist ein stolzes Haus (so sagt man doch?), fast ein Palast. Sie werden sich dort ausruhen können. Es gibt sogar ein Bad dort und natürlich werden Sie meine anderen Beutestücke sehen. Sie sind auch sehr schön, wenn auch nicht so schön wie Sie. Außer vielleicht... nein, die auch nicht. Ich hoffe, sie werden sich verstehen. Es dauert immer etwas sich einzugewöhnen. Und natürlich ist da der Verlust der Familie. Natürlich kann ich Sie keinen Kontakt aufnehmen lassen zu Ihren Eltern oder Ihrem Mann. Verraten Sie mir, ob sie verheiratet sind, oder sollte ich sagen: waren?

Ach, und noch eines: Wir Piraten haben Ehrenkodexe, die sind uns heilig. Eine Kodex besagt, daß wir die Beute teilen. Natürlich werde ich der Erste und der Letzte sein. Schließlich bleiben Sie hinterher in meinem Besitz. Bitte weinen Sie jetzt nicht, ob wohl es wirklich sehr reizend aussieht, wenn bei Ihnen die Tränen fließen. Ich kann einfach nichts dagegen tun, daß die anderen das von Ihnen bekommen, was ich mir jetzt von Ihnen nehmen werde. Geben Sie sich bei mir Mühe, Sie wollen mich doch nicht erzürnen? Denken Sie an den Rothaarigen! Bei der Mannschaft verhalten Sie sich besser abwesend, also, wie ein, wie ein... Brett? Ja, ungefähr wie ein Brett. Ich möchte keine Begehrlichkeiten wecken und keine Eifersucht erzeugen.

Möchten Sie sich jetzt bitte entkleiden, ja? Es ist wirklich leichter für Sie, wenn Sie sich nicht widersetzen....

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 16.08 Uhr
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