Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Dezember 2003
Der schwarze Teufel
von Elke Schwab


Schlagartig wurde es still an Deck. Der Captain hatte das Achterdeck betreten. Er trug seine gefürchtete Kampfuniform, bestehend aus einer schwarzen Jacke, schwarzen Seidenhosen, schwarzen Stiefeln und einem goldumsponnenen Gürtel, in dem zwei doppelläufige Pistolen und ein Säbel steckten. So ganz in schwarz wirkte seine Gestalt diabolisch. Die zerzausten schwarzen Haare wehten im Wind, seine Augen funkelten böse, seine Stimme klang rau und gefühllos, als er begann zu sprechen: „Wir umsegeln das Cap Horn!“
Sofort begannen die Männer zu protestieren. Fast gleichzeitig grölten sie los: „Das ist Wahnsinn!“ „Das überleben wir niemals!“ „Das bedeutet unseren sicheren Tod!“ „Niemals, bisher hat das noch keiner geschafft!“
„Ruhe!“ übertönte Captain Black die aufgebrachte Meute. „Keiner widersetzt sich meinem Befehl! Oder habt ihr schon vergessen, was ich mit Meuterern anstelle?“
Die Mannschaft verstummte. Die Todesschreie des Bootsmanns tönten noch in ihren Ohren. Der Captain hatte ihn vor aller Augen zu Tode geprügelt. Bei dieser rohen Gewalt hatte sich niemand gewagt, einzugreifen, um die Qualen des armen Kerls zu verkürzen. Feige hatten sie zugesehen.
„Also! Dann haben wir uns ja verstanden. Vor den Inseln in Tahiti liegt die spanische Flotte, die reichste Flotte der ganzen Welt. Es wird ein Leichtes für uns sein, sie zu besiegen, weil sie nicht mit einem Angriff rechnet.“
„Aber wir haben bei unserem letzten Gefecht so reiche Beute gemacht, dass wir diese Ladung gar nicht mehr brauchen!“ stellte Wolverine, der Schmutje, fest. Seine große und viel zu dicke Gestalt strahlte Behäbigkeit aus. Ihm gefiel der Gedanke an eine weitere gefährliche Schlacht, die viele Opfer bringen würde und dazu noch nicht einmal zwingend notwendig war, überhaupt nicht. „Warum sollen wir für etwas kämpfen, was wir schon in Hülle und Fülle haben?“
„Du denkst wie immer nur ans Fressen“, grollte Captain Black. „Auf dieser Flotte befinden sich andere Wertschätze, Gold und Silber. Damit kannst du dir ein Sicherheitspolster anlegen, auf dem du deinen fetten Bauch den Rest deines Lebens ausruhen kannst.“
Mit böse funkelnden Augen fixierte er jeden einzeln, um sich davon zu überzeugen, dass er sich klar und deutlich ausdrückte.
„Diese Flotte, die sich in Sicherheit wiegt, weil sie an einem Ort liegt, der für die Schifffahrt schwer zu erreichen ist, stellt für uns keinen Gegner dar. Wollt ihr euch diese Chance entgehen lassen?“
Die Männer schüttelten die Köpfe. Ein Widerspruch war sinnlos. Captain Black hatte sich durch seine Grausamkeit unantastbar gemacht. Als ein zum Tode Verurteilter war es ihm gelungen, auf dem Weg in die Strafkolonie nach Australien zu fliehen. Er hatte auf dem Schiff eine Meuterei angezettelt, die Offiziere getötet und selbst das Kommando übernommen. Seitdem galt er als gefürchteter Piratenkapitän, dessen Wille Gesetz war.
„Macht das Schiff starklar, morgen in aller Frühe nehme wir Kurs auf Cap Horn!“ lautete sein Befehl.
Clarence lehnte lässig an sein Ruder und grinste: „Ich hab gehört, in Tahiti soll es schöne Mädchen geben!“
Seine Gestalt war klein und gedrungen, sein Gesicht unrasiert, und seine Augen schielten so stark, dass niemand erkennen konnte, in welche Richtung er schaute. Wie er seine Aufgabe als Steuermann so perfekt beherrschte, war allen ein Rätsel.
„Diese Mädchen warten gerade auf dich“, entgegnete Dominik, der Zimmermann, der sich nicht vorstellen konnte, jemals auf dieser Insel zu landen.
„An die Arbeit, Männer“, rief Stuart, der erste Offizier, um der aufgebrachten Mannschaft keine Gelegenheit zum Grübeln zu lassen.
„Jetzt dreht der schwarze Teufel völlig durch“, murrte Dominik während er die Planken des Schiffs untersuchte.
„Bisher hat noch keiner das Cap Horn überlebt“, murrte Christian, der Schiffsjunge, während er den Boden schrubbte. „Dabei haben wir doch gute Beute gemacht! Sollen wir mit unseren Schätzen untergehen?“
„Du hast Recht! Ich werde noch einmal mit ihm reden. Wir brauchen eine Pause, damit wir gestärkt in die nächste Schlacht ziehen können. Zurzeit lecken wir noch unsere Wunden von vergangenen Überfällen“, schimpfte Wolverine. Entschlossen stampfte er zur Kapitänskajüte.
Kurze Zeit später stand er wieder auf Deck.
Die Männer schauten ihn erwartungsvoll an. Er war der einzige, der den Mut besaß, dem Captain gegenüberzutreten. Nur ihm trauten sie es zu, dass er den schwarzen Teufel zur Rede stellen konnte. Aber sie wurden enttäuscht.
Wolverine schüttelte den Kopf, während er erklärte: „Er ist fest entschlossen.“
Wie ein Riese stand er vor der enttäuschten Mannschaft. Durch seine Einäugigkeit sah er bedrohlicher aus, als er eigentlich war.
„Du bist unsere letzte Hoffnung, Wolverine“, gestand Dominik. „Nur du schaffst es, den Captain davon zu überzeugen, dass sein Plan lebensmüde ist.“
Wolverine nickte grinsend, wobei seine faulen Zähne sichtbar wurden. Durch Dominiks Worte fühlte er sich sehr geehrt.
„Ich tue, was ich kann“, brummte er, stampfte mit schweren Schritten auf seine Kombüse zu und fügte an: „Sollten wir uns diesem Kampf stellen müssen, brauchen wir auf jeden Fall Kraft. Ich sorge dafür, dass wir etwas Ordentliches zu beißen haben!“
Das war der beste Vorschlag, der an diesem Morgen gemacht wurde. Er versorgte die Mannschaft immer mit sehr schmackhaften Mahlzeiten. Also hatten sie etwas, worauf sie sich freuen konnten.
Hurtig begannen die Schiffsmaaten die Segel zu prüfen, die Löcher der letzten Schlacht zu flicken. Dominik reparierte mit Hilfe der Decksmänner die Schiffsplanken, Clarence ersetzte die zerschlissenen Taue, die sein Ruder sicherten, damit es der stürmischen Fahrt, die vor ihnen lag, standhielt.
Stuart studierte die Seekarte. Mittendrin ließ er sie auf dem Deck liegen und eilte zur Kapitänskajüte. Erwartungsvoll hielt die Mannschaft von ihrer Arbeit inne und beobachtete ihn. Aber nach viel zu kurzer Zeit kehrte er zurück und warf seinen Blick wieder in die Karte, als hätte diese Unterbrechung gar nicht stattgefunden. Enttäuscht arbeiteten sie weiter.
Die Ruhe vor dem Sturm war bedrückend. Die Männer arbeiteten getrieben von ihrer Angst ohne Pause den ganzen Tag. Eine leichte Brise wehte über das Meer, dessen Wellen phosphorisch leuchteten im Licht der untergehenden Sonne. Nichts ließ erahnen, welche Naturgewalten an der Passage des Cap Horns auf sie warteten. Aber sie alle wussten es. Viel zu viele Horrorgeschichten waren in den Hafenkneipen erzählt worden, eine schauriger als die andere. Niemand war bisher lebend vom Cap Horn zurückgekehrt.
Wie eine bleierne Schwere legte sich die Ungewissheit auf die Männer. Vom Captain hatten sie den ganzen Tag nichts mehr gesehen. Erst als Wolverine die hungrigen Männer zum Essen rief, kehrte wieder Leben in ihre Gemüter.
„Wo ist der Captain?“ fragte Dominik, während er sich ein großes Stück Keule griff und herzhaft hinein biss.
„Mampf, schmeckt das gut!“ murmelte Clarence. Dabei lief ihm das Fett an den Mundwinkeln herunter.
„Stuart, du hast doch Captain Black einen Besuch abgestattet“, erinnerte Dominik an seine Frage. „Warum kommt er nicht zum Essen? Es ist doch sein Motto, dass wir nur dann jeder Gefahr trotzen können, wenn wir durch ein gutes Essen gestärkt sind.“
„Ich wollte den Captain besuchen“, gestand Stuart. „Aber als ich vor seiner Kajüte stand, hörte ich seltsame Geräusche!“
„Was für Geräusche?“ hakte Clarence nach.
„Es hörte sich wie ein Würgen oder Stöhnen an!“
„Vielleicht ist der Captain seekrank geworden“, spekulierte der Smutje.
Laut lachte die ganze Mannschaft über diesen köstlichen Witz.
„Ha ha ha! Ein seekranker Piratenkapitän!“
„Wer hat so etwas schon erlebt: der gefürchtete Captain Black wird vor seiner größten Fahrt seekrank!“
Die Stimmung war so ausgelassen wie schon lange nicht mehr.
„Übrigens, Wolverine! Das Fleisch schmeckt wirklich verdammt gut. Was ist das überhaupt?“ fragte Stuart, nachdem sich die Männer wieder beruhigt hatten.
„Schwein“, antwortete Wolverine.
Erstaunt schaute Stuart den Schiffskoch an, bevor er feststellte: „Ich habe keine Schweine gesehen, als wir unser Schiff mit Vorräten beladen haben!“
„Es war ja auch nur ein Schwein“, erklärte Wolverine.
„Nur ein einziges Schwein für eine ganze Mannschaft? Das ist aber sehr wenig“; staunte Stuart immer mehr.
„Stimmt! Unter den vielen Schafsköpfen hast du es wohl übersehen“, gab Wolverine zurück.
„Das ist durchaus möglich“, gab Stuart zu.
Zufrieden nagte er den Knochen blank. Als er ihn auf den Tisch legen wollte, schaute er sich das Stück genauer an. Es war lang und schmal, eine Form, die ihn stutzig machte.
Wolverine spürte Stuarts Blick sofort.
„Wo hat ein Schwein so lange Knochen?“ fragte der erste Offizier.
„Das sind die Hinterläufe“, behauptete Wolverine hartnäckig.
„Das muss aber ein langbeiniges Schwein gewesen sein!“
„So kann man es auch bezeichnen!“
Die Mannschaft wurde still. Neugierig lauschten sie dem Dialog der beiden Männer.
Plötzlich wurde Stuart ganz blass im Gesicht: „Ich bin wohl genau in dem Moment zur Kapitänskajüte gegangen, als du dabei warst, deinen Plan in die Tat umzusetzen. Der Captain war nicht seekrank!“
Stuart begann zu würgen.
„Seekrank war er wirklich nicht“, grinste Wolverine.
„Wir hatten auch kein Schwein in der Schiffsladung, Wolverine“, stellte Stuart mehr fest als er fragte.
„Nicht in der Schiffsladung“, bestätigte der Schiffskoch.
Dominik und Clarence mussten ebenfalls würgen.
„Was hast du getan, Wolverine?“
Der massige Schiffskoch zuckte die Schultern. In einem Tonfall, als ginge es nur um ein Spiel erklärte er: „Der schwarze Teufel wollte uns in den sicheren Tod schicken. Wie konnte ich da tatenlos zusehen!“

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 15.58 Uhr
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