Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Dezember 2003
Wellenkrieger
von Thomas Schulz


Im Nachhinein betrachtet begann alles, als er über die schmale Planke an Bord ging und zum ersten Mal seinen Fuß auf dieses Schiff setzte. Gezeichnet von vielen Stürmen und verbrannt von der Grausamkeit des Sonnenlichts segelte es nun schon so viele Jahre über die Meere.
Yoshármis, einst Bezwinger der Weltmeere, ein Pirat, wie er im Buche stand.
Bis er eines Tages in einen schweren Sturm geriet und neben seinem Leben als Pirat auch das verlor was ihm am meisten bedeutete. Sein Gesicht, sein “Ich“.
Das Einzige, was ihm seid dieser Zeit noch weiter vorauseilte als sein Ruf, war seine Alkoholfahne.
Der Abend dämmerte bereits und von der Stadt herüber erklang tosendes Gejohle, vermischt mit streitlustigem Geschwätz. Yoshármis, fluchte so undeutlich, dass er selbst nicht genau verstand, was er eigentlich gesagt hatte und schüttelte den Kopf. Sein Schiff, die “Wellenkrieger“, war bis zum Rand gefüllt mit einer bunten Fracht. Graue Stoffe und stinkende Tücher, verschimmelte Früchte und nasses Stroh. Dazwischen verborgen, die Ratten, die sich einen Teil der verrotteten Ladung holten. Aus kleinen Löchern sickerte das Salzwasser unmerklich in den Rumpf hinein. Die Segel geflickt, immer wieder die Nadel durch den Stoff gezogen um deren Erhalt zu sichern.
Yoshármis, war stetig auf der Suche, und wie jeden anderen Tag zuvor erfolglos. Er suchte ruhelos in den Ecken und unter den Schränken, stieg den Segelmast empor, und schaute lange Zeit über das Meer.
Irgendwann einmal hatte er das Gefühl sich selbst auf den Fersen zu sein. Aber, nichts, nirgends war es zu finden. Langsam begab er sich in seine Kajüte und ließ sich auf der Koje nieder. Er fluchte erneut, allein um des Fluchens Willen, schnappte sich das Fass Rum aus der Kiste hinter dem Stuhl, zog den Korken und nahm einen kräftigen Schluck. Immer wieder setzte er das Fass an seine Lippen. Nach einiger Zeit saß er völlig regungslos und in Gedanken versunken da, und starrte die Wand vor sich an. Es ist sehr still geworden auf diesem Schiff seitdem ihn sein “Ich “verlassen hatte. Eine lautlose Kälte umgab es. Nur das beharrliche rauschen des Windes unterbrach in aufdringlicher Regelmäßigkeit diese Stille. Und er saß da und starrte vor sich hin. Immer wieder nahm er einen kräftigen Schluck Rum aus dem Fass, der wie aus einer Quelle langsam wieder aus dem Mund herauslief. Plötzlich kippte er benommen zur Seite und ein Schlag erschütterte die Welt um ihn herum. Die Wirklichkeit versank in einem Sog, alles drehte sich und er schlug dumpf auf den Boden. Stille herrschte, bis sie am frühen Morgen vom Rauschen des Meeres abgelöst wurde.
Der Wind draußen ist stärker geworden, er heulte wie ein bösartiges Tier, peitschte über die Rehling und zerrte an den Segeln. Am morgendlichen Himmel vereinten sich die Wolken zu drohenden Gebilden.
Yoshármis, erwachte. Sein Kopf brummte, als hätte er am Abend vorher etliche Fässer Rum geleert. Diese Möglichkeit konnte er zur Zeit nicht ausschließen, da er keine Erinnerung mehr an den gestrigen Abend hatte. Er nahm seinen Kopf zwischen die Hände und wartete, bis die Welt wieder still stand. Langsam rappelte er sich auf, riskierte einen Blick aus dem Bullauge der Kapitänskajüte und ließ sich vorsichtshalber wieder auf den Boden sinken.
Jäh fielen ihm die Gedanken der letzten Nacht ein.
„Hallo! Ist da jemand?“, rief er mit rauher Stimme. Jeder Atemzug brannte in seiner Kehle und in seinem Mund machte sich ein säuerlicher Geschmack breit.
Er wartete einfach ab, ob es zu ihm zurückkommen würde. So saß er da. Eine Stunde, zwei. Doch nichts geschah. Keine Spur von seinem “Ich“.
Sein Herz hämmerte schmerzhaft.
Kälte und modriger Gestank umgaben ihn und dieses uralte Schiff. Mockrah, der alte Kater tänzelte um ihn herum und schmiegte den Kopf an seinem Knie. Langsam erhob er sich und plötzlich glaubte er ein Geräusch zu hören. Schlurfende Schritte, unterbrochen von einem Klopfen. Yoshármis, runzelte die Stirn, wandte sich ab, als sich das Geräusch wiederholte. Wie von einem Blitz getroffen fuhr er herum. Yoshármis, rannte die Stufen der alten wackligen Treppe empor. Als er den Kopf aus der Tür steckte empfing ihn ein giftiger Wind.
Scharf spannte sich die Haut über seine knochigen Gesichtszüge, die wie verknittertes Pergament wirkten.
Hallo! ist da jemand?“, brüllte er über das Schiff.
Doch es kam keine Antwort zurück. Es war wohl der Rum der diese Laute in seinem Kopf verursacht hatte. Sein schmächtiger Körper, umhüllt von einer verschmutzten Kapitänsuniform, dessen linkes Hosenbein zerrissen war, sackte in sich zusammen. Yoshármis, setzte sich auf die alte Kiste an Deck, entzündete die Feuerschale, und lauschte Gedankenverloren den Klängen der einsetzenden Stille. Eine wohltuende Melodie für seinen geplagten Geist. Ein Hauch von Zeitlosigkeit lag in der Luft. Tief atmete er sie in sich hinein. Eine lang vermisste Ruhe nahm Einkehr in das Herz und erfüllte seine Seele mit Frieden als er ein Blatt Papier und eine Feder aus seiner Tasche zog und seinem “Ich“ einen Brief zu schreiben begann.
“Mein liebes Ich,
ich hoffe es geht dir gut!? Auch heute habe ich Dich den ganzen Tag gesucht, doch leider fand ich dich wieder nicht. Mit Dir konnte ich leicht durchs Leben gehen, als Du noch bei mir warst. Du und ich wir waren gemeinsam stark. Zeitweise hatte ich das Gefühl wir könnten fliegen. Kannst Du dich noch daran erinnern?
Es war einmal, unser Kinderland, das Traumland, die Märchenwelt. Es war schön, warm, so voller Sonne und Licht. Unser Regenbogenland. Ja, das war einmal. Und jetzt würde ich dir gerne sagen wie kalt mir ist.
Jetzt, wo du gegangen bist komme ich kaum von der Stelle, sogar mein Schatten ist schwer geworden. Immer habe ich versucht, ein unbeschriebenes Blatt zu sein, weiß, rein, ohne Vorzeichen. Nur so war es mir möglich ein neues Bild entstehen zu lassen. Weißt Du, würde ich noch Teile des Bildes von Gestern mit ins Heute nehmen, so würde ich doch immer versuchen aus dem alten etwas Neues zu machen. Da kann sich das Heute doch nicht verwirklichen.
Es ist, als wenn jemand meine Träume geraubt hat. Ich möchte einfach wieder einmal ein Weilchen ausruhen, einen Moment anhalten, neben dir stehen und Lächeln. Gerne würde ich dich wieder bei mir haben, wir gehören doch zusammen, wie die Sonne und der Mond.
Ich wurde schon gefragt wo du bist, was soll ich denn den Leuten sagen? Dass du verreist bist, das wir geschiedene Leute sind? Oder dass du mich nicht mehr Leiden kannst? Du weißt doch, die Menschen reagieren seltsam auf solche Antworten. Komm doch bitte zu mir zurück. Unsere gemeinsame Zeit war schön, so leicht, so vollkommen.
Doch nun bist Du verschwunden und ich kann ohne dich nicht existieren. Ich brauche Dich, verlass mich nicht für immer.
Mein liebes Ich, nur mit dir bin ich eins!

In tiefer Verbundenheit zu dir,
Ich“

Leise knackend flackerte das gelbrote Feuer vor sich hin. Die sanft abstrahlende Wärme umhüllte ihn wie eine weiche Wolldecke. Eine weitere Nacht, senkte sich über seine Existenz. Sekunden wurden zu Minuten, die zu Stunden wurden. Er war eins mit seinen Empfindungen, wurde eins mit seiner Umgebung. Fremde Gedanken, Worte und gesagtes flossen durch ihn hindurch, als er mit den ersten Sonnenstrahlen, den Anker einholte und in See stach.
Seit diesem Tag führten seine Wege ihn über die Ozeane dieser Welt, immer auf der Suche nach sich selbst, nach seiner Bestimmung. Er trotzte den Winden, der glühenden Sonne, dem Eisregen und ließ sich nicht von seinem Weg abbringen.
Er befand sich auf seiner letzten Fahrt. Und er würde weitersuchen, bis er eines Tages seine Heimat, sein “Ich “, gefunden hätte, oder an den Klippen der Meere zerschellen würde.


© Thomas Schulz
Dez.2003

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 16.03 Uhr
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