Der Tod aus der Teekiste
Der Tod aus der Teekiste
"Viele Autoren können schreiben, aber nur wenige können originell schreiben. Wir präsentieren Ihnen die Stecknadeln aus dem Heuhaufen."
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Monique Lhoir IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Januar 2004
Tobias
von Monique Lhoir

„Das Telefon läutet!“
Lara tippte weiter. „Dann nimm doch ab.“
„Geht gerade nicht.“ Marina wirbelte mit ihren Händen durch die Luft. „Ich habe meine Nägel lackiert. Außerdem ist es sowieso für dich.“
Lara sah hoch und blickte Marina über den Bildschirmrand an. „Wieso für mich?“
„Aber Schätzchen“, Marina blies über ihre Finger, „in der gesamten letzten Woche waren die meisten Gespräche für dich, nur eins für mich. Und das war auch nur Peter, der wissen wollte, ob ich seinen Anzug aus der Reinigung geholt hätte.“ Sie rollte ihre Augen und blickte zur Decke.
„Das war privat und zählt nicht“, erwiderte Lara und griff zum Telefon. „Kinder- und Jugend...“ Sie schüttelte den Hörer. „Hallo? Hallo! – Aufgelegt.“
„War er das schon wieder?“
Lara zog ihre Schultern hoch. „Keine Ahnung. Es hat sich niemand gemeldet.“ Sie wandte sich erneut ihrem Computer zu und seufzte.
„Was tippst du da eigentlich den ganzen Tag“, fragte Marina.
„Mein Referat für Montag.“
„Welches Thema?“
„Sexualität zwischen Erwachsenen und Jugendlichen. Aber ich komm hier nicht weiter.“
„Wo hakt es?“ Marina sah Lara interessiert an. Beide hatten gemeinsam mit Jochen, einem ehemaligen Studienkollegen, eine Praxis aufgebaut, die sich auf Kinder- und Jugendpsychologie konzentrierte. Parallel dazu hatten sie ein Sorgentelefon eingerichtet und teilten sich neben der praktischen Arbeit den Telefondienst.
„Ich bin mir noch nicht darüber im Klaren, wie ich das Thema in Bezug auf Jungen zwischen vierzehn und achtzehn angehen soll. Mir fehlt hier einfach die Erfahrung.“
Marina grinste. „Das meinst du doch wohl nicht wirklich, oder?“
„Kannst du nicht ein einziges Mal ernst sein?“ Lara schüttelte den Kopf und blickte ihre Kollegin über die Brillengläser streng an. „Außerdem macht mir dieser Anrufer Sorgen. Er ruft täglich mindestens drei Mal an, spricht kein Wort, entschuldigt sich am Ende auch noch, dass er nichts gesagt hat. Ich habe das Gefühl, dass er ernste Probleme hat.“
„Na komm, schalte den Computer ab. Es ist Freitag, und wir haben in zehn Minuten Feierabend.“
„Du vielleicht, aber ich mache mein Referat noch fertig.“ Lara sah wieder auf den Bildschirm und biss grübelnd auf einen Bleistift.
Marina schaute auf die Armbanduhr und drehte sich auf dem Bürostuhl um ihre eigene Achse. „Feierabend! Nun komm und mach Schluss. Wir können ja noch etwas trinken gehen.“
„Nein, geh ruhig. Ich warte auf Jochen, der müsste jeden Moment kommen und mich ablösen. Vielleicht kann er mir hier helfen. Er war ja auch mal siebzehn.“
„Was man jetzt nur noch schwer glauben kann, seitdem er Halbglatze trägt.“ Marina zog ihren Mantel an und griff nach ihrer Handtasche. „Na dann, tschüss bis Montag.“
„Tschüss.“ Lara nahm nur am Rande wahr, dass Marina die Tür geräuschvoll hinter sich schloss. Mit gekrauster Stirn las sie sich die letzten Zeilen ihres Referates durch, als das Telefon erneut klingelte.
„Kinder- und Jugendtelefon. Mein Name ist Lara Klein.“
„Ich bin es noch einmal ...“, kam es zögernd durch die Leitung.
„Ja? – Kann ich dir irgendwie helfen?“
„Nein ... eigentlich nicht, aber ...“
„Aber was?“ Lara machte eine Pause, doch als sie keine Antwort bekam, sprach sie weiter: „Sag mal, warst du das, der diese Woche hier öfters angerufen und sich dann entschuldigt hat?“
„Hm.“
„Warum?“
„Sind Sie allein?“, fragte er zaghaft.
„Im Augenblick ja, aber mein Kollege wird gleich kommen.“ Lara fand die Frage merkwürdig, und sie hatte das dringende Bedürfnis, diese Bemerkung hinzuzufügen.
Sie hörte ein Seufzen. „Ich wollte nur Ihre Stimme hören“, brach es anschließend aus ihm heraus.
„Meine Stimme? Warum?“
„Einfach nur so.“
„Hör mal, ist wirklich alles in Ordnung mit dir, oder ...?“
„Ja, nur keine Panik, es ist alles okay. Wann machen Sie denn Feierabend?“
Lara spürte förmlich, wie ihr Gesprächspartner den Atem anhielt. Sie suchte nach einer Antwort, zögerte. Was sollte diese Frage? „Gleich, wenn ich abgelöst werde“, erwiderte sie deshalb vorsichtig.
„Gut!“ Die Leitung war plötzlich tot.
„Hallo?“ Lara schaute auf den Hörer und legte nachdenklich auf. „Merkwürdig“, sagte sie laut und wandte sich unkonzentriert wieder ihrem Referat zu. Im selben Augenblick kam Jochen herein.
„Gibt es was Besonderes?“, fragte er und setzte sich an seinen Schreibtisch.
„Nein. Oder ...“
„Oder?“ Jochen schaute zu ihr hinüber.
„Nein ... nichts. Ich komme nur mit meinem Referat nicht weiter. Ich nehme es mit nach Hause.“
„Mach mal eine Pause, du arbeitest zuviel. Hast du überhaupt noch ein Privatleben?“
Lara lächelte matt. „Ja, meine neue Wohnung. Aber daran muss ich auch noch etwas tun, die Maler haben mich im Stich gelassen.“
Sie ging zum Spiegel, löste das Gummi aus ihren Haaren und zog ihre Lippen nach.
Jochen beobachtete sie. „Gut siehst du aus. Nur ein wenig müde. Ruh dich übers Wochenende aus. Wir sehen uns dann Montag.“
„Okay. Machs gut.“ Sie drückte Jochen einen freundschaftlichen Kuss auf die Wange und verabschiedete sich.
Der Fahrstuhl brachte sie bis hinunter zur Tiefgarage. Als sie zu ihrem Wagen eilte, hörte sie nur ihre eigenen Schritte. Und doch war ihr nicht ganz wohl. Verstohlen schaute sie sich um, aber es war niemand zu sehen. Sie schloss rasch ihr Auto auf und startete. Draußen wurde sie sofort vom Schneegestöber verschluckt. Sie fuhr langsam die Hauptstraße entlang. Es war Anfang Januar, doch die Weihnachtsbeleuchtung brannte immer noch. Sie dachte an den Jungen, der sie die ganze Woche über angerufen hatte und nur ihre Stimme hören wollte. Wollte er wirklich nur das?
Als sie in die kleine Seitenstraße einbog, waren die meisten Häuser schon dunkel. Sie war erst vor wenigen Wochen hierher gezogen, hatte eine Traumwohnung in der zehnten Etage mit Sicht auf die Elbe gefunden. Kein Haus störte den Blick. Sie fuhr in die Tiefgarage. Auch hier war alles ruhig. Die Sensoren schalteten die automatische Beleuchtung ein, so dass die Garage hell erleuchtet war, als sie ausstieg. Eilig lief sie zum Fahrstuhl und drückte auf die Acht.
Ihre Wohnung lag nur wenige Meter vom Fahrstuhl entfernt. Schnell lief sie durch den kleinen Gang Der dicke Teppichboden verschluckte ihre Schritte. Zittrig steckte sie den Schlüssel ins Schloss, und die Wohnungstür schnappte auf.
„Lara?“ Sie hielt in ihrer Bewegung inne, drehte sich nicht um.
„Ja?“, hauchte sie. Jemand berührte ihren Mantelärmel.
„Lara. Ich bin es nur.“
Sie wandte sich zur Seite und schaute in ein Jungengesicht, das von wuscheligen dunklen Locken umrahmt war. Eine Pudelmütze war tief in die Stirn gezogen, in den Ohren hingen noch die Stöpsel seines Walkmans, und spärlicher Flaum deutete einen Spitzbart an. Lara schaute ihn verständnislos an. „Ich weiß nicht, wer du ...“
Er grinste verlegen. „Tobias. Erkennst du mich nicht mehr?“
„Tobias?“ Vor Schreck fiel ihr der Schlüssel aus der Hand. Beide bückten sich gleichzeitig, stießen mit den Köpfen zusammen, und sie plumpste auf ihr Hinterteil.
„Verdammt, tut mir Leid“, sagte er, reichte ihr linkisch die Hand und zog sie hoch.
„Ist ja nichts passiert.“ Sie blieb in der halboffenen Wohnungstür stehen. „Tobias – mein Gott, bist du groß geworden!“ Lara blickte zu ihm auf, denn er war tatsächlich einen Kopf größer als sie. „Ich ... ach ... willst du nicht reinkommen?“
Sie öffnete nun einladend die Wohnungstür, schaltete die Beleuchtung ein, warf achtlos ihren Mantel und ihre Handtasche auf das Sofa. „Möchtest du etwas trinken? Limonade oder Cola“, sie schaute ihn an, „...vielleicht einen Kaffee oder etwas ganz anderes?“ Er stand in dem großen Wohnzimmer, gab keine Antwort und blickte sich um.
„Wow, toll hast du es hier. Das nenne ich Luxus. Und der Ausblick.“ Er ging zu dem riesigen Panoramafenster. „Hier kannst du ja den ganzen Tag Schiffe zählen, wenn du Langeweile hast.“
Sie trat hinter ihm. Zum ersten Mal nahm sie seit ihrem Einzug den herrlichen Ausblick wirklich wahr und die Tatsache, dass sie von hier aus die Schiffe sehen konnte. „Tobias?“, fragte sie noch einmal. „Möchtest du etwas trinken?“
„Ja, wenn du hast, Cola. Sonst nehme ich aber auch gern einen Whisky.“
„Whisky?“ Lara war entsetzt.
„Nein, große Schwester, natürlich nicht. War nur ein Scherz.“
Lara eilte in die Küche, besorgte zwei Gläser und die Flasche Cola. Als sie zurückkam, lümmelte sich Tobias auf ihrem knallroten neuen Designer-Sofa.
„Sag mal, hast du dir dieses Ding etwa selbst gekauft?“ Er knuffte in die Kissen.
„Nein. Ich habe die Wohnung von einem Innenarchitekten einrichten lassen. Ich habe gar keine Zeit dazu, alles einzukaufen.“
„Das habe ich mir fast gedacht.“
„Wieso?“ Lara sah ihn irritiert an.
„Du bist fast nie hier“, sagte er. „Du gehst früh aus dem Haus und kommst vor Mitternacht nicht zurück.“
„Woher weißt ...“
„Ich war ein paar Mal hier, zu verschiedenen Zeiten, und habe dich nie angetroffen.“
„Wie kommt es, dass du es heute geschafft hast?“
„Zufall.“
„Du hast doch im Flur auf mich gewartet. Woher wusstest du denn, dass ich um diese Zeit heimkomme?“ Sie sah ihn an.
„Das war ein Trick“, sagte er stolz und schwieg.
Langsam dämmerte es Lara. „Dann hast du mich vorhin angerufen und die ganze letzte Woche ...“
„...auch“, grinste er.
„Ich dachte, du wärest im Heim.“ Lara blickte Tobias an.
„Ich bin abgehauen.“
„Warum?“
„Ich habe meine eigenen Vorstellungen.“ Tobias presste trotzig seine Lippen zusammen.
„Wohnst du wieder bei deinem Vater?“ Lara kramte in ihrer Handtasche und zog eine Packung Zigaretten hervor.
„Nein. Er hat mich nicht reingelassen. Als er mir die Tür öffnete, war er wieder stinkbesoffen. Er jagte mich weg, tobte und schmiss eine Flasche hinter mir her.“
Lara zog an ihrer Zigarette. „Wo wohnst du jetzt?“
„Nirgendwo, mal hier, mal dort.“
„Hast du schon etwas gegessen?“ Lara drückte ihre Zigarette aus und stand auf.
„Nein, ich habe gar keinen Hunger. Ich bin nur hundemüde. Lara, kann ich bei dir schlafen?“
Lara atmete tief durch. „Ich habe nur ein Schlafzimmer“, sagte sie. „Du müsstest dann die Nacht auf diesem Ding hier verbringen.“ Sie zeigte auf das rote Designer-Sofa. „Tobias, möchtest du mit mir reden, ich glaube ...“
„Bitte Lara, heute nicht.“
„Gut. Dann morgen. Ich bringe dir Bettzeug. Das Bad ist dort.“
Als sie zurückkam, war Tobias nicht im Wohnzimmer. Sie bereitete das Bett vor, dann ging sie in die Küche, um ein paar Brote zu herzurichten. Im Wohnzimmer hörte sie es rumoren.
„Du bist ja schon bettfertig.“ Lara stellte den Teller auf ein Tischchen. Tobias hatte es sich unter der Decke gemütlich gemacht, nur sein Kopf und seine nackten Schultern schauten hervor. Sie war befangen; das war nicht mehr ihr Tobias von damals, das war ein junger Mann, und er war ihr fremd. „Ich geh noch rasch unter die Dusche. Wenn du willst, können wir anschließend noch ein bisschen reden.“
Lara verbrachte mehr Zeit im Bad als sonst. Als sie ins Wohnzimmer kam, war die Deckenbeleuchtung ausgeschaltet, nur das Mondlicht erhellte ein wenig den Raum. Tobias schlief. Lara zündete sich eine Zigarette an, ging zum Fenster und schaute auf die Elbe. Sie musste diesen unerwarteten Besuch erst verarbeiten. ‚Schiffe zählen’, dachte sie lächelnd. Dann setzte sie sich leise in den Sessel neben dem Sofa und betrachtete Tobias. Lange hatte sie ihn nicht mehr gesehen, ungefähr vier Jahre. Als er weggeschickt wurde, war er gerade dreizehn, und sie hatte ihn lange Zeit sehr vermisst.
Tobias Mutter war gestorben, als der Junge gerade vier Jahre alt war. Lara wohnte damals mit ihrer Mutter in der Wohnung gegenüber. Der Vater von Tobias war mit allem völlig überfordert, eine Tante versorgte stundenweise den kleinen Jungen. Und so kam es, dass Lara ihn für ein Taschengeld am Nachmittag betreute. Sie war gerade vierzehn und konnte das Geld gut gebrauchen. Doch dann kümmerte sich die Tante immer weniger, der Vater begann zu trinken, verfiel in Depressionen und war wochenlang betrunken. Anschließend verlor er seinen Job und trank noch mehr. So übernahm sie nach und nach die Rolle einer großen Schwester: Neben ein paar Stunden Spielen kam später die Beaufsichtigung der Hausaufgaben hinzu, und schließlich kochte und wusch sie sogar für ihn.
Dann starb die Tante und Tobias wurde mit dreizehn in ein Heim gesteckt. Sie schrieb ihm Briefe. Anfangs antwortete er – dann kam nichts mehr. Sie war traurig, aber mit der Zeit dachte sie immer weniger an ihn.
Lara zündete sich erneut eine Zigarette an. Die Decke war Tobias bis zum Bauchnabel hinuntergerutscht. Das Mondlicht ließ seine Haut glänzen. Sie musterte seine breiten Schultern, ein paar Haare wuchsen auf seiner Brust, einige um seine Brustwarzen. Seine Muskeln bewegten sich leicht. ‚Er muss viel Sport getrieben haben‘, dachte sie und bewunderte seinen Körper. Das war nicht mehr der zarte, vierjährige Tobias. Sie blieb ganz still sitzen, um ihn noch ein wenig betrachten zu können. Dann stand sie auf, zog die Decke höher und strich ihm sanft über die Wangen.
„Bleib bei mir“, flüsterte Tobias. Lara fühlte sich ertappt, als er nach ihrer Hand griff und sie gegen sein Gesicht presste. Sie war sich nun nicht mehr sicher, ob er wirklich schlief.
Tobias seufzte. „Ich liebe dich doch so sehr, und ich habe dich die ganze Zeit vermisst.“
Lara blieb bewegungslos. ‚Nein, das durfte nicht sein.‘ Sie erschrak vor ihren Gedanken, wollte ihr Hand sanft lösen.
„Bitte, bleib bei mir“, murmelte er. Sie kniete sich nieder und legte ihren Kopf auf Tobias Kissen. Es war ihr nicht unangenehm, ja sie genoss es geradezu. Dann schlief sie ein.

Schon früh wachte sie mit steifen Gliedern auf. Sie hatte die ganze Nacht in gehockter Haltung verbracht. Eilig machte sie Frühstück. Als sie zurückkam, war Tobias unter der Dusche und kam, nur mit einem Handtuch bekleidet, wieder zum Vorschein. Lara spürte, wie sie bei diesem Anblick errötete, und beschäftigte sich eifrig mit dem Frühstückstisch.
„Wir sollten miteinander reden“, sagte sie, als Tobias sein erstes Brötchen verschlungen hatte.
„Ja, machen wir. Aber später. Sag mal, kannst du dich noch an das Märchen erinnern, das du mir früher immer erzählt hast? Das mit den drei Wünschen?“
Lara lachte. „Ja, du wolltest es ja jeden Abend hören.“
„Ich habe letzte Nacht geträumt, es wäre eine Fee bei mir gewesen, und nun hätte ich drei Wünsche frei.“ Er neigte den Kopf zur Seite und sah sie spitzbübisch an.
Lara erschrak, spürte, wie ihre Wangen heiß wurden, und verschluckte sich an ihrem Kaffee. Hatte er etwa doch nicht geschlafen? „Und? Was für Wünsche hast du?“, fragte sie vorsichtig.
„Ich möchte mit dir heute nach Travemünde fahren, so wie früher.“
„Heute? Wir haben Anfang Januar, und es liegt überall Schnee. Es ist saukalt und ungemütlich. Erst recht an der See.“
„Ja, ich möchte heute hinfahren. Ich weiß nicht, ob ich morgen noch da bin. Und saukalt ist gut, ich muss nachdenken.“ Tobias wurde plötzlich ernst.
„Okay.“ Lara fand die Idee plötzlich gar nicht mehr so schlecht. So konnte sie noch ein bisschen Zeit mit Tobias verbringen, und vielleicht ergab sich eine Gelegenheit, mit ihm zu sprechen.
Wie in früheren Zeiten tobten sie dann auf dem schneebedeckten Strand, ließen sich fallen und rollten übermütig die kleinen Hügel hinunter. Dann lief Tobias ein Stück von ihr weg, breitete seine Arme aus und rief: „Wer kommt in meine Arme!“ – so, wie sie es früher immer mit ihm gemacht hatte. Lara lachte, rannte auf ihn zu und ließ sich in seine Arme fallen. Tobias wirbelte sie herum und stellte sie anschließend lachend auf die Beine. Sie hatte ihre Hände um seinen Nacken gelegt, er hielt sie in der Taille. Abrupt ließ sie ihn los und trat einen Schritt zurück.
„So geht das nicht“, sagte sie plötzlich. Ihre Stimme klang kalt. „Lass uns nach Hause fahren und reden.“
Auf der Heimfahrt saß Tobias schweigend neben ihr im Auto. Die fröhliche Stimmung war verflogen. In ihrer Wohnung angekommen, bereitete sie sofort einen starken Kaffee zu. Dann ging sie zu Tobias ins Wohnzimmer.
„Was hast du nun vor?“, fragte sie ihn. „Gehst du zurück ins Heim?“
Er schüttelte den Kopf. „Nein, auf keinen Fall. Ich würde gerne studieren, muss aber noch mein Abi machen. Ich habe aber kein Geld und keine Wohnung. Und ich musste mir erst über etwas klar werden.“
„Ich kann dir helfen“, sagte Lara. „Ich habe hier noch gute Kontakte zur Uni, und dein Abi kannst du auch in Hamburg machen. Eine kleine Wohnung werden wir ebenfalls finden. Du kannst Bafög beantragen und nebenbei jobben. Du wirst doch in drei Wochen achtzehn, wenn ich mich recht erinnere.“
Tobias nickte. „Schön, dass du das noch weißt.“
Lara erwiderte lächelnd: „Ja, wie könnte ich das vergessen. Ich habe für dich so manchen Kindergeburtstag ausgerichtet.“
„Ich ...“ Er stotterte, und jetzt erkannte Lara auch die Stimme wieder, die sie am Telefon gehört hatte.
„Ja?“ Sie sah ihn erwartungsvoll an.
„Ach, nichts.“
„Du kannst diese Nacht noch hier bleiben“, sagte Lara und räumte den Tisch ab. „Ich werde jetzt schlafen gehen. Morgen Abend komme ich später, weil ich noch ein Referat halten muss. Ich werde mich aber nach einer Schule für dich erkundigen, wenn du willst.“ Tobias nickte stumm.
Lara gönnte sich eine ausgiebige Dusche, wickelte sich in ihren Bademantel und ging zurück ins Wohnzimmer. Tobias saß noch unbeweglich am Tisch.
Sie ging auf ihn zu und sagte mit warmer Stimme: „Gute Nacht, Tobias.“ Sie strich ihm über die Wange. Er stand rasch auf und nahm sie in den Arm, dabei drückte er sein Gesicht in ihr Haar.
„Ich habe dich so vermisst“, sagte er leise. „Die ganzen letzten Jahre habe ich nur an dich gedacht. Aber du hast mich nicht gehört, hast mich einfach vergessen. Dabei habe ich dich doch so lieb.“ Lara blieb unbeweglich stehen, löste sich dann aus seiner Umarmung und flüchtete in ihr Schlafzimmer.

Als sie am nächsten Morgen in die Praxis fuhr, schlief Tobias noch. Lara hatte sich die ganze Nacht unruhig hin- und hergewälzt und kein Auge zugemacht. Hatte sie sich etwa in ihren kleinen Tobias, der nun zum Mann geworden war, verliebt?
Schweigend packte sie ihre Aktentasche aus.
„Hast du ein schlechtes Wochenende gehabt?“, fragte Marina neugierig. „Du bist ja ganz grau im Gesicht.“
„Nein, alles in Ordnung.“
„Probleme? Dann sind Sie hier genau richtig“, flötete Marina.
„Lass mich heute in Ruhe“, sagte Lara missgelaunt. „Ich muss mein Referat schreiben. Wäre nett, wenn du das Kummertelefon noch übernehmen könntest.“
„Schon klar, ich habe eh nur drei Termine.“
Lara verzog sich in das hintere Büro und rief ihr Referat auf, mit dem sie nun noch kein Stück weitergekommen war. Noch während sie grübelte, kam Marina zur Tür herein.
„Entschuldige, aber da ist wieder der Junge von letzter Woche am Telefon. Du weißt schon, der nie spricht und sich am Ende entschuldigt. Er möchte unbedingt mit dir reden.“
Lara nickte. „Stell durch.“
Bevor Marina die Tür wieder schloss, sagte sie noch feixend: „Übrigens, er ruft von deinem Privattelefon aus an, ich hab’s auf dem Display gesehen.“
Als es klingelte, nahm Lara mit einigem Herzklopfen den Hörer ab und meldete sich in geschäftsmäßigem Ton: „Lara Klein.“
„Ich bin es, Tobias.“
Lara lächelte. „Weiß ich. Und, was kann ich für dich tun?“
„Ich möchte mit dir sprechen.“
„Nun, ich höre dir zu.“
„Mir ist jetzt einiges klar geworden“, sagte Tobias zögernd. „Ich bin vor vier Wochen aus dem Heim abgehauen, weil ich es nicht mehr aushielt. Die ganzen Jahre habe ich dich vermisst, aber du hast dich nicht um mich gekümmert.“
„Ich habe dir geschrieben, aber du hast nicht mehr geantwortet.“
„Aber du hast mich da nicht rausgeholt. Du weißt gar nicht, wie einsam ich mich gefühlt habe. Ich habe dich geliebt, du warst für mich sowohl Mutter als auch Schwester, und du hattest mich einfach verlassen.“
„Ich habe dich nicht verlassen.“ Lara verteidigte sich. „Ich steckte mitten in den Klausuren.“
„Du hättest mich besuchen können.“
Lara holte tief Luft. „Ja, du hast Recht. Ich hätte dich besuchen müssen. Aber dann hast du nicht mehr auf meine Briefe geantwortet und ich war damit beschäftigt, die Praxis aufzubauen. Ich dachte, du hättest mich vergessen.“
„Ich träumte jede Nacht von dir“, sprach Tobias ruhig weiter. „Für mich warst du eine Fee, diese Fee, von der du mir immer erzählt hast. Du warst wunderschön und so zärtlich. Bis ich aus dem Alter heraus war, an Feen zu glauben. Ich bin abgehauen, um dich zu suchen, aber du wohntest nicht mehr in unserer alten Straße. Ich wusste nicht mehr weiter. Eines Abends sah ich die Anzeige des Kinder- und Jugendtelefons in der Zeitung du las darunter deinen Namen. Ich rief an, um ... und dann warst du am Telefon.“
Lara schwieg betroffen. ‚Nein, Tobias, das darf nicht sein!’, schrie es in ihr.
„Lara, bist du noch da?“
„Ja, natürlich. Aber warum hast du dich dann nie gemeldet?“
„Ich wusste doch nicht, ob du mich nicht schon längst vergessen hattest. Vielleicht wolltest du ja gar nichts mehr mit mir zu tun haben. Ich habe mir dann gedacht, dass ich dich einfach besuche, dich überrasche, um zu sehen, wie du reagierst. Deine Adresse habe ich dann schnell herausgefunden.“
Lara lächelte und dachte an den schönen Tag mit Tobias in Travemünde, den sie so jäh beendet hatte.
„Lara, bist du noch da?“
„Ja, immer noch.“
„Lara, ich habe in der ersten Nacht nicht geschlafen, ich habe nur ganz still gehalten, als du mich gestreichelt hast. Es war so schön – und da habe ich gespürt, dass du mich auch noch lieb hast – so, wie eine große Schwester ihren kleinen Bruder lieb hat. Und darüber hatte ich Klarheit gewinnen wollen. Verstehst du? Ich habe vier Jahre einer Fee nachgetrauert, so sehr, dass mir das Herz weh tat und ich an nichts anderes mehr denken konnte. Ich musste einfach feststellen, dass du aus Fleisch und Blut bist. Ich bin doch kein Kind mehr.“
„Nein, ganz und gar nicht. Und ich bin keine Fee.“ Nun konnte Lara befreit lachen.
„Ich habe gespürt, dass du befangen warst, als ich dich in den Arm genommen hatte. Aber was kann ich dafür, dass ich so gewachsen bin.“ Nun lachte auch Tobias.
„Schön, dass du da bist und dass es dich gibt“, sagte Lara und ihre Augen wurden feucht. „Und, Tobias, ich liebe dich noch genauso wie früher.“ Die Leitung blieb einen Moment tot.
„Lara, ich habe doch noch zwei Wünsche frei, oder?“
„Ja, wenn sie erfüllbar sind. Ich bin ja keine Fee, wie du festgestellt hast.“
„Erstens möchte ich mein Abi nachmachen und studieren. Ich würde mich freuen, wenn du mir helfen könntest, und zweitens – verlasse mich nie mehr. Wir beide gehören doch zusammen.“
„Warum hast du mir das nicht gestern schon gesagt?“
„Ich weiß nicht.“ Lara spürte förmlich, wie er grinste. „Am Telefon geht alles leichter. Ich hätte dir auch eine Mail schreiben können, aber du hast ja in deiner Wohnung noch nicht einmal einen Internetanschluss. Da werde ich mich wohl mal drum kümmern müssen – und deine Wohnung sieht auch noch aus wie eine Baustelle.“
„Okay. Tobias, du kannst so lange bei mir wohnen, bis wir etwas Passendes für dich gefunden haben. Und – ich bringe heute Abend eine Flasche Sekt mit, dann feiern wir Familienzusammenführung.“

Erleichtert legte Lara den Hörer auf und ging beschwingt zu Marina ins Büro. „So, fertig.“
„Was ist fertig?“
„Mein Referat für heute Abend. Ich denke, dass ich kein Konzept mehr benötige.“
„Wieso? Hast du jetzt praktische Erfahrungen gesammelt?“
„Kommt darauf an, von welcher Seite man etwas betrachtet. Aber unsere Phantasie gaukelt uns manches Mal etwas vor, was nicht so ist, wie man es sich wünscht und ein offenes Gespräch kann Wunder wirken.“


© Monique Lhoir

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
Dieser Text enthält 23141 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2022 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.