Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Januar 2004
Voll eingeschenkt
von Josef Th. Tanner

Wir befanden uns mit dem alten Cornelius im Clinch – so lange, dass keiner der anderen mehr wusste, wie alles angefangen hatte. Aber ich weiß es noch genau. Wenn ich mich zurück erinnere, spüre ich den warmen Sommerwind in meinem Gesicht, höre das Rauschen der Baumwipfel und das Zirpen der Grillen: Wir — Roddy, Penko und ich — sausten auf unseren Fahrrädern durch den Stadtpark. Wir benutzten natürlich nicht die Radwege, das war uncool, wir fuhren über die Fußgängerpfade oder gleich direkt über die Wiese und durch die Veilchenbeete. Das war lustig, und der Widerstand beim Fahren war größer. Und es hinterließ so schöne Spuren, wo unsere Reifen den Humus aufrissen.
Der alte Cornelius beobachtete uns nicht lange. Schon stand er am Wiesenrand und fuchtelte mit seinem Spazierstock.
„Ihr Rowdys! Runter vom Rasen!“, rief er. „Ich kenn’ euch genau. Das erzähl ich euren Eltern.“
Panik erfasste uns. Wir stoben wie Pferdchen auseinander, rasten in unsere Straße zurück und verkrochen uns im Geheimversteck. Unter Pappkartons verbrachten wir den Rest des Nachmittags und schworen dem Alten blutige Rache.
Penko stahl im Sommer Kirschen aus Cornelius’ Garten, wurde aber von dem Alten erwischt. Roddy trieb nachts Kupfernägel in die Birke in seinem Garten, aber der Baum steht heute noch. Ich sammelte Schnecken aus Mutters Gemüsebeet und leerte eine ganze Papiertüte voll in seinen Garten, aber nichts geschah. Unsere Rache war unvollständig, das sah selbst ein Blinder mit Krückstock. Das konnten wir nicht auf uns sitzen lassen.
Die rettende Idee kam von Roddy.
Den Tag, an dem wir ihm endlich voll einschenken wollten, brauchten wir nicht auszusuchen; er kam von ganz allein. Wir warteten einfach, bis die Temperatur unter Null gefallen war und der erste Schnee lag, dann ging’s zur Sache.
Wir füllten acht Flaschen ab und zogen nach Einbruch der Dunkelheit los. Unseren Eltern hatten wir erzählt, dass wir gemeinsam lernen würden; jeder hatte gesagt, in der Wohnung des anderen. Unser Alibi war perfekt.
Cornelius lebte in einem kleinen Häuschen mit einem Garten rund herum. Ein schiefer Plattenweg führte zur Eingangstür. Wir schlichten in der Dunkelheit hin und leerten acht Liter Wasser auf die Platten. Den Rest würde die Kälte erledigen.
Was haben wir auf dem Nachhauseweg gelacht, und noch lange haben wir uns diese Nacht heimlich am Telefon von unserer Heldentat vorgeschwärmt. Diesmal würde es ihn erwischen! Wir wollten nur zusehen, dass wir dabei waren.
Lange vor Schulbeginn trafen wir uns vor dem Haus des Alten. Als ich eintraf, hatte Roddy schon nachgesehen. Das ganze Wasser war angefroren, erzählte er uns frohlockend. Der Alte würde sein blaues Wunder erleben, wenn er seine Hundehütte verließe, hua-hua, blaues Wunder - blaue Flecken, ja, das war gut! Wir lachten. Wir warteten. Licht brannte in seinem Haus. Er war schon auf. Aber er kam nicht heraus.
Langsam wurde es kalt. Jämmerlich kalt. Bald sahen wir die ersten Schulgänger. Einige von ihnen kannten wir, und sie fragten, worauf wir warteten. Wir schickten sie weg.
Es wurde langsam hell, aber der Alte war immer noch nicht vor die Tür getreten. Unglaublich, wie lange es ein alter Mann in so einer stickigen Bude aushielt.
Wir hüpften auf der Stelle, klopften uns die Arme vor die Brust und bibberten. Es ließ sich nicht länger leugnen: Wir hatten jeden Spaß an unserer Racheaktion verloren. Die Kälte trieb uns schließlich in die Schule.


Er war gefallen! Penko schrie es und tanzte die Straße entlang uns entgegen.
Nach der Schule war er der Erste gewesen, der sich auf den Drahtesel geschwungen hatte und zum Haus des Alten gefahren war. Man hatte ihn gerade wieder zuhause abgeliefert, erzählte er uns, ein Krankenwagen hatte ihn gebracht, und ein Kerl in einem weißen Kittel hätte ihn gestützt. Er sei sogar bandagiert gewesen, wusste Penko zu berichten.
Wir rasten alle drei vor seine Hundehütte und spähten, konnten aber nichts erkennen. Keine Spur von dem Alten. Der Film Schnee, der sich über unsere selbst produzierte Eisschicht gelegt hatte, war von vielen Fußspuren verwüstet. Aber ganz genau konnten wir die Stelle sehen, wo der Alte ausgerutscht war. Gleich nach der untersten Treppenstufe war es passiert. Und auf den Stufen waren dunkle Stellen, Flecke, Spritzer. Das war die Stelle, wo er mit dem Kopf aufgeschlagen sein musste.
Als ich die anderen darauf hinwies, lief mir ein eisiger Schauer über den Rücken.
„Ach, was soll’s“, winkte Roddy ab, „ist er halt auf den Arsch gefallen.“
„Ich glaube aber eher, dass er mit dem Hinterkopf auf die Treppe geschlagen ist“, sagte ich.
„Na und“, schrie Roddy, „jetzt haben wir Rückenwind, jetzt geben wir dem Drecksack noch eins drauf!“
„Meinst du nicht, dass das jetzt genug ist?“, rief ich.
„Mann, hast du vergessen, was im Sommer los war? Er hat Penko beim Kirschenstehlen erwischt und ihm den Spazierstock übergezogen.“
Das war nicht wahr, der Alte hatte Penko nur verjagt, und wir wussten es alle drei. Aber niemand sagte etwas.
Also ging die Sache weiter.
Wir versammelten uns gegen sieben Uhr abends, als es in der Straße schon stockdunkel war; es standen nur wenig Laternen in der Wohngegend. Roddy hatte von zuhause Katzenmist in einer Plastiktüte mitgebracht, den wollten wir dem Alten in den Kühlschrank legen. Das Los fiel auf mich.
„Und wenn er mich erwischt?“
„Mann, bist du ein Hasenfuß!“, rief Roddy verächtlich.
„Aber wie soll ich denn überhaupt reinkommen?“
„Auf der Hinterseite ist eine Holztür, die fault langsam durch“, sagte Penko. „Die brauchst du nur aufdrücken, schon biste drinnen.“
„Und dann? Was dann?“
„Du schleichst in die Küche und legst den Katzendreck in den Kühlschrank, Mann! Nun mach’ schon!“
Mit hängenden Schultern zog ich von dannen. Schlich in den Garten, ums Haus herum. Durch einen Schlitz der zugezogenen Vorhänge fiel Licht. Einige Zimmer waren unbeleuchtet.
Penko hatte Recht: eine Holztür, an den Scharnieren schon halb verfault, von unten her stieg Nässe ins Kieferholz. Ich brauchte sie gar nicht erst aufdrücken, musste mich nur mit angehaltener Luft dünn machen und hineinzwängen.
Der Gang war nass und kalt und dunkel. Unrat lag herum, und ich musste aufpassen, wohin ich trat. Das von schwachem Licht umrandete Viereck vor mir war wohl die Tür in den Innenraum. Ich tastete nach einer Klinke. Langsam drückte ich sie nieder. Die Tür hatte Spannung und sprang ein paar Zentimeter weit auf. Das hatte ein Geräusch verursacht, und einen schrecklichen Moment lang glaubte ich, dass der Alte es gehört und mein Eindringen bemerkt hatte. Dann hörte ich die Stimme.
„... habe niemanden mehr, gar niemanden.“ Dann ein unterdrücktes Schluchzen. „Meine Tochter ist vor zehn Jahren an Krebs gestorben. Ihr Mann? Was habe ich mit dem zu schaffen? Er ist in eine andere Stadt gezogen. Wir konnten nie besonders gut miteinander. Sie meinen, jemand, der mir die Einkäufe besorgt? Das kann ich noch allein. Das heißt, jetzt auch nicht mehr ...“
Ich spähte durch den Schlitz zwischen Türrahmen und Türblatt. Warme Luft blies mir ins Gesicht, aber ich sah nichts. Sanft drückte ich gegen die Tür. Sie knarrte leise.
Erschrocken hielt ich inne. Den Katzendreck hielt ich in meiner Hand. Einen Augenblick lang spielte ich mit dem Gedanken, ihn einfach in den Flur zu werfen und davonzurennen.
„... sie haben Wasser auf den Weg gegossen. Ich bin gestürzt. Diese Jungs sind die Hölle, ich weiß nicht, was ich noch tun soll. Sie quälen mich seit Monaten.“
Der Alte hatte nichts bemerkt! Ich drückte die Tür noch etwas weiter auf und beugte den Oberkörper in den Flur hinein. Ein Bullerofen verbreitete Hitze, die durch offen stehende Türen in alle Räume gelangte. Holz knisterte und knackte. Ich suchte die Küche. Ein paar Schritte machte ich in den Flur hinein. Der Alte sprach weiter.
„Seit dem Sommer geht das schon so. Was meinen Sie? Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Mit ihnen reden? Wie soll ich das denn bewerkstelligen? Und was soll das bewirken? Zuletzt stellt sich noch heraus, dass ich ... Nein, danke. Ich dachte ja nie, dass ich in meinem Leben einmal bei Ihnen anrufen müsste ...“
Die Küche fand ich schnell, hatte eine instinktive Ahnung, wie solche Häuser gebaut sind. Diese Tür war verschlossen, aber ich drückte sie auf. Sah im Halbdunkel eine große graue Fläche, den Kühlschrank. Ich hastete hin, riss die Schwingtür auf. Der Katzendreck flog hinein, so schnell wie das Licht heraus fiel. Ein leises Klingeln war beim Öffnen der Tür ertönt.
Ich schlug sie zu.
Da fiel ein Schatten in den Raum. Das Licht ging an.
Geblendet trat ich einen Schritt zurück.
„Du, Junge?“
Der Alte versperrte den Türrahmen. Er trug einen dreckstarrenden blauen Anton, eine Kordhose, Hausschuhe, ein Flanellhemd. Sein alter Kopf war eingebunden, gelbliche Flüssigkeit hatte den Verband durchtränkt. Unter dem einen Auge hatte er einen wüsten dunklen Fleck. Sein zahnloser Kiefer mahlte. Graue Augen sahen mich an, sahen durch mich hindurch. Dann, plötzlich, als ob ihm etwas einfiele, sagte er:
„Willst du etwas trinken, Junge?“
Ich brachte kein Wort hervor.
„Hast du Hunger? Ich könnte dir ein Brot machen.“
Ich starrte den Alten nur an.
„Ich will reden. Willst du auch reden? Ich will mit jemandem reden. Mit dir. Mit euch. Was habe ich euch getan, Junge? Was nur?“
„Ich ... ich dachte ...“ Ich räusperte mich. „Sie kennen unsere Namen nicht? Ja, wissen Sie denn nicht, wer ...?“
„Was habe ich euch nur getan, dass ihr so grausam ... so ...“
Der Blick des Alten war blutunterlaufen und wässrig, als er zum Fenster hinaus wanderte. Er konnte offensichtlich nicht weiter reden. Sein mahlender Kiefer knackte. Das unrasierte Kinn schabte über den Kragen des blauen Antons.
„Komm, Junge ... setz’ dich, ich mach’ dir etwas. Ein Glas Wasser? Ein Stück Kuchen? Ich hab’ Zitronenkuchen da.“
„Ich ...“
„Setz’ dich hierher.“ Er rückte einen Stuhl vor dem Küchentisch zurecht.
In einem Anfall von Panik sprang ich an ihm vorbei, zwängte mich durch den heißen Flur, den kalten Gang und zur faulenden Holztür hinaus. Mein Herz pochte wie verrückt, als ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf Roddy und Penko traf.
„Na?“, fragte Roddy lachend, „ist der Katzendreck im Kühlschrank?“


Der nächste Abend sollte dem Alten den Todesstoß versetzen. Roddy nannte es so. Er wollte ihn richtig fertig machen. Diesmal war Penko an der Reihe. Roddy hatte eine lebendige Ratte gefangen, die Penko in die Wohnung des Alten transportieren und dort freilassen sollte. Penko benutzte wie ich die Hintertür.
Roddy und ich warteten auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Roddy riss Witzchen und ich fror. Wir schauten den Nebeln nach, die aus unseren Mündern aufstiegen. Es dauerte keine Viertelstunde, und Penko war wieder da, bleich, aber ohne die Schuhschachtel mit der Ratte.
„Wie ist’s gelaufen?“, fragte Roddy.
„Der Alte ...“
„Ja, was ist? Hat er dich erwischt?“
„Er hat sich aufgehängt. An einem Balken im Flur.“


© J. Th. Thanner

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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