Das alte Buch Mamsell
Das alte Buch Mamsell
Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Januar 2004
Anruf aus der Vergangenheit
von Sigrid Wohlgemuth

Das neue Jahr hatte mit einem böllernd farbenfrohen Feuerwerk Einzug gehalten. Thomas stand am Neujahrsabend gedankenversunken vor dem Schlafzimmerspiegel und betrachtete den kleinen Bauch, der sich über seinem Hosenbund abzeichnete. Um ihn ein wenig zu kaschieren, zog er einen weiten Pullover über. Er sah auf die Uhr. Es war Zeit zu gehen.

„Thomas, das geht zu weit. Muss das sein?“

Dörthe trat ins Schlafzimmer.

„Ja.“ Er spürte, wie sich seine Muskeln anspannten.

Im Spiegelbild sah er ihren klagenden Gesichtsausdruck.

„Es reicht mir! Ich will nicht alleine sein!“, schrie sie.

„Bitte, ich möchte mich nicht schon wieder streiten.“

Er zog seine schwarzen Winterstiefel an.

„Was heißt hier streiten! Ich will mit dir reden!“ Sie kam einen Schritt näher.

„Dann brüll mich nicht an. Ich muss los.“

Dörthe hielt ihn am Ärmel fest, als er aus dem Schlafzimmer gehen wollte.

„Vor sechs Monaten, am Anfang unserer Beziehung habe ich dir gesagt, dass ich die Seelsorge nicht aufgeben werde. Du bist montags und freitags im Fitnessstudio, mittwochs triffst du dich mit deiner Freundin. Ich habe mich nach deinen Freizeitplänen gerichtet und gehe an diesen Abenden ... “

„Heute ist Donnerstag und Neujahr!“, fiel sie ihm ins Wort.

„Dafür haben wir gemeinsam Silvester gefeiert.“

Thomas atmete tief durch.

„Ha, als wenn heute nicht auch ein besonderer Tag wäre! Aber geh du ruhig zu deinen Spinnern. Wenn du jetzt gehst, verlasse ich dich!“ Sie warf ihm einen aufgebrachten, kalten Blick zu.

„Reisende soll man nicht aufhalten!“ Mit einer Handbewegung deutete er ihr den Weg. Eine Reaktion von Dörthe blieb aus. Thomas nahm den Mantel vom Bügel und ging zur Haustür. Als er sich umdrehte stand Dörthe auf der gleichen Stelle. Ihre Blicke trafen sich, und ein angespanntes, misslungenes Lächeln glitt über seine Lippen. Das Telefon klingelte. Thomas ließ die Haustüre von außen ins Schloss fallen und achtete nicht darauf, dass Dörthe ihm ein Zeichen gab. Er legte den zwanzigminütigen Weg bei eisiger Kälte – innen und außen - zu Fuß zurück.



„Ein frohes neues Jahr! Du bist spät dran“, sagte Manuela, als Thomas vor ihrem Schreibtisch stand.

„Entschuldige die Verspätung! Ist viel zu tun?“, fragte Thomas.

„Peter und Marie sagten, die Nacht wäre ruhiger verlaufen, als in den Vorjahren. Ruth und Tanja sind vor einer halben Stunde gegangen. Du bist zwei Stunden alleine. Dann kommen Alex, Jane und Otto für die Nachtschicht.“ Sie stand auf. „Ich muss mich beeilen. Mein Mann rief an. Er hat Hunger und will für uns kochen. Ich denke, wenn ich zu Hause eintreffe, wird ein Italiener das Essen im Pappkarton geliefert haben, und mein Liebster hat es auf Tellern mit ein wenig Salat angerichtet.“

„Ich wünschte, Dörthe hätte deinen Humor und das Verständnis deines Mannes.“

Manuela sah in seine glanzlosen Augen.

„Schon wieder gestritten? Hast du ihr nie gesagt,

warum ...?“

„Doch, aber sie versteht es nicht. ’Geh du zu deinen Spinnern’, hat sie gesagt. Ich bin müde vom vielen Streiten. Sie will mich verlassen. Es ist besser so.“

„Nicht die Hoffnung aufgeben“, rief Manuela ihm von der Türe aus zu.

Thomas blieb alleine im Raum zurück. Er schüttete sich eine Tasse Kaffee ein, den Manuela frisch zubereitet hatte, nahm ein Buch über die Toskana zur Hand und ließ sich bequem in einem Sessel nieder. Unkonzentriert blätterte er in dem Reiseführer, bis das Telefon klingelte.

„Telefonseelsorge. Sie sprechen mit Thomas Wehner.“

„Thomas?“, fragte eine zarte Stimme.

„Ja.“

„Hier spricht Jeanette.“

Thomas spürte, wie sein Brustkorb eng wurde und dunkle Wolken über ihm aufzogen.

„Jeanette?“

„Wirst du alt und erinnerst dich nicht mehr an mich?“

Er konnte ihr Lächeln förmlich sehen.

„Warum rufst du an? Hast du Probleme?“

Blöde Frage, dachte Thomas und schlug sich mit der Hand vor die Stirn.

„Unitreffen, mein Lieber. Ich hatte deine Privatnummer angewählt. Du warst gerade aus dem Haus und ich erhielt diese Nummer. Ich wusste nicht, dass du die Berufsbranche gewechselt hast.“

„Habe ich auch nicht.“ Thomas erhob sich aus dem Sessel.

„Sag mal, freust du dich nicht, mich zu hören?“, fragte sie.

„Nein, äh, ja ... “

„Was stotterst du so?“ Ihre anfänglich zarte Stimme hatte an Stärke gewonnen. Jedes Wort stach wie ein Messer in seine Herzgegend und eine alte Wunde begann zu bluten. Sein Herz raste. Der Atmen ging schneller.

„Hallo, bist du noch in der Leitung?“, fragte sie.

„Ja.“ Er ging im Raum auf und ab.

„Nun gut, am 30. Januar findet das Treffen im Hotel Maritim in Köln statt. Wir haben ab 19 Uhr die Pianobar gemietet. Ich merke, du bist kurz angebunden, willst nicht mit mir reden, drum ... .“

Wie von einem Blitz getroffen blieb er abrupt stehen.

„Nicht reden? Ich warte seit Jahren darauf!“

„Komm mir bitte nicht mit den ollen Kamellen. Ich mach jetzt die Leitung frei. Bis dann. Vielleicht sehen wir uns“, sagte sie.

„Häng nicht ein. Es leuchtet an meinem Telefon auf, wenn jemand anruft. Du schuldest mir noch eine Antwort!“ Er setzte sein Gehen fort.

„Thomas! Das liegt Jahre zurück.“

„Ich habe sie nie vergessen.“ Seine Stimme bebte.

„Was?“

„Meine Frage,“ antwortete er.

„Welche Frage?“

„Die letzte, die ich dir gestellt hatte,“ antwortete Thomas.

„Ich kann mich nicht erinnern.“

„Du kannst, oder du willst dich nicht erinnern?“ Er verlor beinahe die Fassung. Es wurde still in der Leitung. Walter atmete tief durch.

Jetzt oder nie, dachte er.

„Äh ... Ich hatte nie das Gefühl, dass du unglücklich mit mir warst, ganz im Gegenteil. Wir lernten uns kennen, ein halbes Jahr später gingen wir das erste Mal miteinander aus. Von da an sahen wir uns täglich. Vier Monate danach hast du uns die Ringe unter den Tannenbaum gelegt.“ Er ging zum Fenster und sah hindurch in die Finsternis, wie in einen Spiegel der Vergangenheit. „Wir genossen unsere Auslandsreisen, verwöhnten uns gegenseitig nach gestressten Arbeitstagen, ließen keine Feier aus und harmonierten im Alltag. Nach fast zwei Jahren gemeinsamen Weges ... .“ Er stockte kurz, dann sprach er weiter: „Du wolltest mich weder sehen, noch mit mir telefonieren. Für ein gemeinsames Treffen hattest du nie Zeit. War dir danach, dich in meine Arme fallen zu lassen, bist du zu mir gekommen, und in der Nacht hast du dich wie eine Verbrecherin aus der Wohnung geschlichen.“

Walter spürte, dass sich die Erinnerungen wie ein zu enger Reif um sein Herz legten. „Ein knappes Jahr später hast du mir gesagt, du wolltest nicht mehr mit mir zusammen sein. Du hast den Schlussstrich in einer Bar gezogen, in der wir uns zufällig trafen. Warum?“

Zitternd vor Aufregung entfernte er sich vom Fenster und sank tief in den Sessel. In der Leitung war das leise Klicken eines Feuerzeuges zu hören.

„Du rauchst?“, fragte er.

„Ja. Du, .... ich werde noch erwartet. Bis dann“, hörte er sie sagen und spürte ihre, Stimme hatte an Kraft verloren.

„Häng nicht ein! Ich will dir keine Vorwürfe machen, sondern einfach nur verstehen, um besser damit umgehen zu können. Nach all den Jahren bin ich vor einigen Monaten eine neue Beziehung eingegangen, doch die Vergangenheit lastet auf mir.“ Er stand auf und ging wieder im Zimmer umher. „Damals brach alles über mir zusammen. Du wolltest mich nicht sehen, mein Großvater starb, mir wurde die Wohnung wegen Eigenbedarf gekündigt, mein Chef meldete Insolvenz an. Mein Kartenhaus fiel zusammen, und ich rutschte in ein tiefes, dunkles Loch.“

„Das geht mich nichts an!“ Ihre Stimme hatte ihre Stärke wiedergefunden.

„Bei deinen Worten sträuben sich mir die Haare. Was hat dich so hart werden lassen? Sag mir doch, was ich dir angetan habe! Hilf mir!“ Er ließ sich auf der Schreibtischkante nieder.

„Hilf dir selbst! Du arbeitest schließlich bei der Seelsorge!“

Nun soll sie auch den Rest erfahren, entschied Thomas in Gedanken und sprach: „Ich werde dir sagen, warum ich meine Freizeit hier verbringe. Damals suchte ich im Alkohol Trost, ich vernachlässigte alles, was mir noch geblieben war. Eines Abends hatte ich mir eine Flasche Whiskey und einige Päckchen Tabletten auf den Tisch gestellt, um mir einen Pillencocktail zu mixen. Ich hatte jedoch ein Glas vergessen.“ Sein Atem wurde schneller. „Als ich es aus dem Schrank holte, fiel dein geliebter Taschenkalender von Burda heraus auf den Boden. Ich hob ihn auf. Er war auf einer der hinteren Seiten aufgeschlagen. Die mit wichtigen Adressen und Telefonnummern. „Rat und Hilfe“ stach mir in die Augen. „Telefonseelsorge“. Ich zögerte nicht lange und wählte die Nummer. Eine freundliche Stimme ließ mich anfangen zu hoffen, dass ich eines Tages wieder Licht am Ende des Tunnels sehen würde. Sie half mir weiter zu leben.“ Er wischte sich den aufgekommen Schweiß von der Stirn. „Als es mir besser ging, habe ich über zwei Jahre einen Abendlehrgang belegt. Mit zehn Leuten aus dieser Gruppe habe ich die erste private Telefonseelsorge ins Leben gerufen.“

Die nachfolgende Stille in der Leitung raubte ihm fast den letzten Nerv. Dann vernahm er ihre Stimme, und die gesprochenen Worte drangen kaum hörbar an sein Ohr.

„Dann hilf dir selbst, oder lass dir von deinen Leuten helfen.“

„Wie bitte?“

„Tschüss“, sagte sie.

Tut, tut, tut ...



Sie hatte das Gespräch beendet. Thomas legte den Hörer auf und ließ sich erschöpft in den Sessel fallen.

Einige Zeit verstrich, bis das Telefon erneut klingelte. Thomas atmete tief durch und wünschte sich genügend Kraft für den Anrufer.

„Telefonseelsorge. Sie sprechen mit Thomas Wehner.“ Er schluckte.

„Ich habe ...“
Thomas vernahm eine aufgelöste, vom Weinen geschüttelte Stimme.

„Ist es für dich okay, wenn wir uns duzen?“, fragte er.

Eine kurze Stille entstand.

„Ich habe mich von einem geliebten Menschen getrennt.“

Thomas hörte, wie sie sich schnäuzte.

„Wir liebten uns vom ersten Augenblick an. Es waren die schönsten Jahre meines Lebens.“

Es entstand eine Pause. Thomas nickte voll Verständnis und wünschte sich insgeheim, jemand anderes hätte angerufen. Er wollte ihre Geschichte nicht hören und spürte, wie der letzte Rest an Kraft aus seinem Körper wich.

„Ich habe ihm wehgetan, ... ihn mit seinen Sorgen alleine gelassen, weil ... “ Ihre Worte kamen stockend und wurden durch Schluchzen unterbrochen.

„Wenn du möchtest, kannst du mir erst erzählen, wie ihr euch kennen gelernt habt“, sagte er.

„Nein, ich muss ... , sonst verlässt mich mein Mut. Wir waren glücklich, wollten eine Familie gründen. Kinder bedeuteten ihm alles. Er machte mir einen Heiratsantrag. Eine Woche zuvor hatte mir mein Frauenarzt gesagt, ich könnte niemals Kinder bekommen.“ Sie weinte. Als sie sich ein wenig gefangen hatte, sprach sie weiter: „Ich brachte es nicht übers Herz, es ihm zu sagen. Ich stieß ihn von mir weg. Baute eine Mauer um mich, dachte mir immer neue Lügen aus. Ich hoffte, er würde mich verlassen ... “

Es entstand eine Pause.

„Er hielt an mir fest. Er hatte privat und beruflich viele Sorgen und hoffte auf meinen Beistand. Ich verließ ihn, siedelte in eine andere Stadt über. Nach einem Jahr lernte ich einen Mann kennen und ging, da ich mich einsam fühlte eine Beziehung ein. Ich verhütete nicht, weil ich dachte ... . Nach drei Monaten war ich schwanger.“

„Du wurdest schwanger?“

„Meine Tochter kam gesund auf die Welt. Nach vielen Untersuchungen und Durchforschen der Arztberichte stellte sich heraus, dass der Gynäkologe mich damals mit einer anderen Patientin verwechselt hatte. Wie oft habe ich mir vorgeworfen nicht einen zweiten Mediziner aufgesucht zu haben. Ich dachte, es wäre eh alles verloren“, sprach sie.

Auch Ärzten unterlaufen Fehler, dachte Thomas.

„Und jetzt hast du den Vater deiner Tochter verlassen?“, fragte er.

„Der hat mich schon vor der Geburt im Stich gelassen.“

Thomas stand auf, ging zum Fenster und sah in die Dunkelheit. In weiter Ferne flackerte kurz ein kleiner Lichtstrahl auf.

„Du hast dich neu verliebt und dich von diesem Mann getrennt?“

„Ich war nur einmal in meinem Leben wirklich verliebt!“ Ihre Stimme zitterte. Thomas hörte, wie sie tief durchatmete, und fragte vorsichtig: „In den Mann, den du wegen der falschen Diagnose verlassen hattest?“

„Ja. Ich habe nie aufgehört ihn zu lieben.“

„Hast du ihm inzwischen gesagt, warum du ihn verlassen hast?“, fragte er.

„Ja.“

Sie hatte sich etwas beruhigt. Thomas suchte nach den richtigen Worten. Zu sehr erinnerte ihn das alles an seine eigene Geschichte. Aber wenigstens hatte dieser Mann eine Antwort erhalten. Er fuhr sich mit einer Hand durchs Haar, eine Angewohnheit, wenn er nicht mehr weiter wusste.

„Wie hat er reagiert?“, fragte er.

„Noch gar nicht.“

„Er hat sich nicht mehr bei dir gemeldet?“

„Ich habe es ihm gerade erst gesagt!“, antwortete sie.
Thomas fiel der Telefonhörer aus der Hand.

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