Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Januar 2004
Der Türke im Hades
von Ines Haberkorn

Alles deutete darauf hin, dass diese Nacht im Büro der Telefonseelsorge von Nikosia für Mikos und Latis eine ruhige werden würde. Weder waren Vollmond noch Neumond noch feierte man eines der üblichen Feste, die die Seelen aufwühlten. Sogar die ständig schwelende Wut über die Linie, die Nikosia in Levkosía und Lefkosa, in den griechischen und den türkischen Bereich teilte, schien sich in dieser Nacht gelegt zu haben, sodass selbst patriotischste Seelen in Frieden ruhen konnten.
Eben war Latis aufgestanden, um Espresso für Mikos und sich zu brühen, als das rote Lämpchen an der Relaisstation aufblinkte. Mikos stülpte sich das Headset über und schaltete auf Empfang.
“Telefonseelsorge Levkosía. Sie sprechen mit Mikos Panagioutis. Wie kann ich Ihnen helfen?”
In den Kopfhörern knisterte es leise. Dann hörte er eine verrauschte Stimme. "Mit ‘ner Münze, Junge. Ich brauch so 'ne verdammte Münze."
"Geld? Sie benötigen Geld?" Finanzielle Probleme als Grund um die Seelsorge zu kontaktieren, waren zwar nicht ungewöhnlich, resultierten jedoch meist aus der Sorge um den Nachlass und weniger aus einem persönlichen Bedarf heraus.
"Kein Geld, nur eine einzige, lausige Münze für den Fährmann, Junge. Sonst lässt der mich hier stehen."
“Und wo ...?” Noch während er redete, rieselte Mikos ein eiskalter Schauder über den Rücken und ließ ihn verstummen. Großer Gott, er kannte dieses Gefühl, hatte es schon einmal erlebt, ganz am Anfang seiner Laufbahn als Seelsorger. Eine dieser verlorenen Seelen, die dazu verdammt waren niemals zur Ruhe zu kommen, hatte damals angerufen und versucht sich über die Verbindung in seinen Körper zu transferieren. In fieberhafter Eile kontrollierte er den Firewall, den sie daraufhin installiert hatten, um solche Hackerseelen fernzuhalten. Er arbeitete korrekt und Mikos entspannte sich wieder.
“Wenn Sie mir sagen, wo Sie stehen, kann ich vielleicht etwas für Sie tun.”
"Wo ich stehe? Keine Ahnung? An irgend so'nem Scheißfluss, über den keine Brücke führt, Junge. Styx, sagt der Fährmann, setzt mich aber nicht über ohne Münze."
“Am Styx? Sie stehen am Styx?” Mikos sagte das so laut, dass Latis, der gerade mit den beiden Espresso in der Hand den Raum betrat, erschrocken stehen blieb. “Hören Sie, wenn Sie tatsächlich am Styx stehen, dann sagen Sie dem Fährmann, er heißt übrigens Charon, einen schönen Gruß von Mikos Panagioutis, und er wüsste genau, dass der Obolus abgeschafft ist. Laut Vertrag hat die Überfahrt kostenlos zu erfolgen.”
In den Kopfhörern rauschte und knisterte es heftiger, dazwischen glaubte Mikos das Plätschern von Wasser zu hören, fernes Hundegebell und verzerrte Stimmen. “Hallo? Hallo, sind Sie noch in der Leitung?”
“ICH!”, brüllte eine Donnerstimme so laut, dass Mikos erbleichend aufsprang. “ICH bin in der Leitung, Söhnchen. Und ICH sage dir, die Überfahrt ist nur kostenlos für eine griechische Seele, nicht für eine türkische.”
“Charon?” Hilfesuchend blickte Mikos zu Latis. Der stand noch immer mit den Espressotassen in der Hand reglos wie eine Restaurantwerbung neben der Tür. “Charon, wie soll ich das ...” Es knackte. …verstehen, ergänzte Mikos stumm und lauschte dem monotonen Tuten in der Leitung. Aufgelegt. Er zerrte sich das Headset vom Kopf und ließ sich auf den Stuhl plumpsen.
“Was war denn los?” Endlich aus seiner Starre erwacht, kam Latis näher und reichte Mikos einen der Espresso. “Probleme?”
“Eine verirrte Seele”, antwortete Mikos und leerte die Tasse in einem Zug. Der inzwischen lauwarme Espresso hinterließ einen bitteren Geschmack auf seiner Zunge. “Ein Türke im Hades.”
Es dauerte einen Moment bis Latis begriff. Als er es endlich tat, musste auch er sich setzen. “Das ist ein Witz, oder? Kannst du das wiederholen?”
“Könnte ich, aber du hast mich schon richtig verstanden. Da steht eine türkische Seele am Styx und will von Charon übergesetzt werden. Doch unser Fährmann weigert sich, weil sie keine Münze dabei hat. Er sagt, die Befreiung vom Obolus gelte nur für griechische Seelen, nicht für türkische.”
“Womit er vollkommen Recht hat.” Zur Bekräftigung klatschte sich Latis mit beiden Händen auf die Schenkel. “Das ist unser Hades, unser griechischer Hades. Der Türke hat dort nichts verloren. Und wenn er trotzdem rein will, dann soll dafür bezahlen, aber ordentlich.”
“Und wie, Latis? Das ist eine arme Seele. Die hat nichts.”
Eine Weile saßen sich die beiden schweigend gegenüber, bis Latis unvermittelt zu lachen begann. “Beim Zerberus, Mikos, weißt du was? Das eben war gar nicht echt. Das war nur ein Testanruf. Da bin ich mir ganz sicher.”
“Ein Testanruf?”
“Ja, die machen das manchmal, um zu prüfen, wie wir auf bestimmte Situationen reagieren und ob wir die Seelen ordentlich …”
“Quatsch, das war kein Testanruf, nie und nimmer”, fiel Mikos ihm ins Wort. “Ich bin lange genug dabei um Testanrufe zu erkennen. Das eben war jedenfalls keiner. Diese Seele ist wirklich in Not.” Er legte seine Hand auf Latis’ Knie. “Und weißt du was, mein Freund, wir müssen ihr helfen, Türke hin oder her.”
Als hätte Mikos’ Berührung ihn verbrüht, sprang Latis auf. “Spinnst du? Ohne mich. Mach was du willst, Mikos, aber lass mich außen vor. Du kennst die Bestimmungen. Wir sind nur für die Griechen zuständig, und ich setze meinen Job nicht für so eine türkische Seele aufs Spiel.” Damit kehrte er Mikos den Rücken, verkroch sich hinter seine eigene Station und stülpte sich das Headset über.
Nachdem Mikos noch ein Weilchen vergeblich auf Latis’ Einlenken gewartet hatte, tat er es ihm gleich. Nein, den Job riskieren, das wollte auch er nicht. Sollte doch Charon der Seele die Überfahrt ruhig verweigern. Was hatte ein Türke überhaupt im griechischen Hades zu suchen? Wollte er dort etwa eine neue Minderheit gründen, Aufruhr schüren und damit die Ruhe der anderen Seelen stören? Vielleicht plante er gar den Hades zu spalten wie Kypriaki, seine geliebte Insel. Niemals! Wie gut, dass Latis stets einen kühlen Kopf bewahrte.
Besänftigt zog sich Mikos’ Gewissen zurück, und das war gut so, denn in der Leitung wartete schon der nächste Anrufer.
“Telefonseelsorge Levkosía. Sie sprechen mit Mikos Panagioutis. Wie kann ich Ihnen helfen?”
“Mit ‘ner Münze, Junge. Bitte, nur eine einzige Münze. Er nimmt mich sonst nicht mit, und wenn ich hier bleiben muss, dann ...”
“Dann werden Sie zu einer dieser Seelen, die dazu verdammt sind, uns Lebenden auf die Nerven zu fallen. Ich weiß. Aber was soll ich denn machen?”, entgegnete Mikos mit gedämpfter Stimme und blinzelte vorsichtig zu Latis. Der achtete nicht auf ihn, denn er war selbst in ein Gespräch vertieft. “Die Überfahrt ist nun mal nur für griechische Seelen frei, nicht für türkische. Was zum Kuckuck suchen Sie überhaupt im Hades? Gehörten Sie nicht hinter den Barzakh, ins Totenreich des Islam?”
“Dachten Sie, ich hätte mir diesen Ort freiwillig ausgesucht?” Ein bitteres Lachen hallte durch die Leitung. “Niemals hätte ich das. Ich wette, das ist wieder so eine Schikane von euch Griechen.”
“Reden Sie keinen Unsinn. Wenn dem so wäre, dann schikanierten wir uns ja selbst. Keine griechische Seele würde ihren Platz im Hades freiwillig mit einer türkischen teilen. Andersherum mag da eher ein Schuh ...”
Ein merkwürdig schniefendes Geräusch schnitt ihm das Wort ab.
“Ich war immer ein guter Muslim”, schluchzte die türkische Seele. “Fünf Mal täglich habe ich gebetet und dabei das Schahada, das Glaubensbekenntnis, rezitiert. Ich habe Almosen gespendet und gefastet. Nur nach Mekka konnte ich nicht pilgern, weil ich im Kampf um Kibris, meine geliebte Insel, beide Beine verlor.”
Mikos merkte, wie seine eigene Seele erbebte. “Das tut mir leid”, sagte er leise. “Nur weiß ich wirklich nicht, wie ich Ihnen helfen kann. Wenn Sie wenigstens ein bisschen griechisch wären, durch einen Ururgroßvater vielleicht, dann könnte ich Charon möglicherweise überzeugen. Aber so? Ich kann Sie ja nicht einmal mit der türkischen Seelsorge verbinden.”
Traurig verfolgte er, wie der Firewall den Anrufer verifizierte, in die Rubrik bedenklich einstufte und nachfragte, ob er die Verbindung unterbrechen sollte. Keine fünf Minuten mehr, dann würde er ihn als verlorene Seele identifizieren und ohne Rückfrage aussperren.
“Nein, in meinen Venen fließt kein griechisches Blut, Junge, nicht ein einziger Tropfen. Ist auch egal.” Die Seele schluchzte noch einmal auf, dann fasste sie sich. “Das Telefon war so eine Hoffnung, eine letzte, kleine Hoffnung. Aber wenn Sie mir nicht helfen können ... der einzige werde ich wohl nicht sein im Niemandsland.”
“Nein, das sind Sie nicht”, entgegnete Mikos gedankenabwesend. Noch wusste er nicht, was es war, aber irgendetwas rumorte da in seinem Kopf. Er konnte es förmlich spüren, wie Energien flossen und Neurotransmitter ausgeschüttet wurden, wie die Impulse auf Zellwände trafen und die wiederum mit tentakelartigen Auswüchsen reagierten, wie diese Synapsen sich verbanden und einen großartigen Gedanken in seinem Kopf erschufen.
“Warten Sie!”, rief er von diesem Gedanken begeistert, hielt jedoch sofort inne, als Latis sich zu ihm umdrehte. Alles in Ordnung, signalisierte er ihm mit einem Augenzwinkern und senkte seine Stimme zu konspirativer Lautstärke. “Hören Sie. Rufen Sie mich noch einmal an, in fünf Minuten, auf keinen Fall früher.” Danach legte er auf, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und blieb reglos sitzen, um den Gedanken nicht beim Reifen zu stören. Nach vier Minuten und 55 Sekunden streckte er seine Hand aus und deaktivierte den Firewall. Kaum ausgeführt, blinkte auch schon das Lämpchen am Pult.
“Telefonseelsorge Levkosia. Sie sprechen mit Mikos Panagioutis. Wie kann ich Ihnen helfen?”
“Mit ... Ich ... Sollte ich nicht ...?”
“Genau, das sollten Sie”, antwortete Mikos, als er die Stimme der türkischen Seele erkannte, atmete tief durch und schloss die Augen. Eine dumme Gewohnheit nur, denn die Augen zu verschließen half nicht wirklich gegen die Angst, die ihn vor dem Neuem und Unbekannten packte. Ja, als er den Schauder spürte, der ihm so eiskalt über den Rücken rieselte, dass er zu erfrieren glaubte, musste er sogar gegen die Versuchung kämpfen, den Firewall erneut zu aktivieren und damit den Transfer zu unterbrechen.
Da war es auch schon vollbracht, und einen Moment lang fühlte Mikos eine furchtbare Enge in sich. Denn schließlich wohnten jetzt zwei Seelen in seiner Brust, eine griechische und eine türkische. Dazu erfüllte ihn noch immer diese Angst.
Ob sein griechischer Urgroßvater und seine türkische Urgroßmutter ebensolche Angst empfunden hatten, als sie aus ihren Heimatländern nach Zypern gekommen waren, um sich hier ein neues Leben aufzubauen? Und während Mikos über seine Urgroßeltern nachdachte, merkte er, wie seine Brust weit wurde und den beiden Seelen genügend Lebensraum bot. Er trat ans Fenster und blickte hinaus auf Nikosia mit der Grenze mitten durch die Stadt und wunderte sich, warum das, was in seiner Brust möglich war nicht auf einer ganzen Insel funktionieren wollte.

Ines Haberkorn, Januar 2004

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