Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Januar 2004
Abschied von Lady Macbeth
von Bernd Pol

Sie kann nur eine Kerze hier sehen, die unwirkliche, im Spiegel die, denn die lebendige Flamme hat sie hinter den Schirm gesteckt, hinten in den Deckel eines Bananenkartons, sorgfältig geschützt mit einem schwarzen Tuch, so dass der Raum um sie im Dunkel bleibt, nur ein ruhiger Widerschein aus dem Spiegel über den Teetisch gleitet, unwirklich, feierlich fast auf der dunkelroten Satindecke, die noch von der Großmutter stammt, diesem einzigen Menschen, der sie jemals ernstgenommen hatte, glaubt sie, nein, ist sie fest überzeugt, die Großmutter nur, vor Jahrzehnten damals und dann war da nur noch Suche und jetzt, am Ende, ist niemand bei ihr, der sie noch anhört, ihr einfach nur lauscht, mit unendlicher Geduld.
Fast niemand ist mehr da, nur einer noch, einer vielleicht, für den bereitet sie sich vor mit dem Spiegel und dem Satintuch und dem Kerzenlicht, das sie seit Wochen schon nicht mehr lebendig erträgt und hinter einem Schirm verstecken muss, für den sie Dutzende von Abenden brauchte, bis er sicher aufgebaut war und den rechten Platz gefunden hatte mit diesem schwarzen Tuch so vor der Flamme, dass kein Flackern den Raum aufrühren kann, nur noch ruhiges Spiegellicht da ist, gleichmäßig fließend auf dunklem Satin, feierlich, dem Anlass angemessen, selbst fast schon tot.
Doch es ist nicht perfekt. Im Spiegel, das Bild der Kerze, es stört. Höchstens die Hände will sie noch sehen, später, wenn sie sich konzentrieren muss, alleine die Hände, dass die Finger nicht daneben greifen, wenn es soweit ist im Widerschein von rotem Satin. Denn sie hat nur einen Versuch. Sie wird sich nur einmal überwinden können. Das weiß sie. Das war immer so. Ein einziges Mal nur. Oder es geht überhaupt nicht.
Nicht, wenn es ums Ganze geht.
Das ist nicht einfach nur ein Gefühl. Das weiß sie. Das denkt sie. Denkt es exakt, folgerichtig, Wort für Wort, Bedeutungszeichen für Bedeutungszeichen. Denkt eine ganze Kette von Folgerichtigkeiten, logisch, einsehbar assoziativ: Wenn dies ist, wird das. Muss denken, tagein und tagaus, Minute für Minute. Vom ersten Spüren der Welt bis hinein in den nächsten, immer unruhigen Schlaf.
Wenn die Kerze nicht flackert, wird sie nicht danebengreifen. Wenn sie nicht daneben greifen will, wird sie sehen müssen. Und wenn sie sieht, darf sie nicht zögern, nicht zucken. Wenn sie nicht zögern, nicht zucken will, muss sie eine Stelle fest im Auge behalten. Und wenn sie nicht zucken und eine, nur eine Stelle fest im Auge behalten will, dann darf da nichts sein, was sie ablenkt, nichts was auch nur ein wenig stört.
Doch die Kerze stört. Es ist nicht nur das Flackern. Die Kerze wird stören. Irgendetwas stört immer.
Nie wird es perfekt.
Dabei ist es doch wichtig, dass alles perfekt ist, dass zum Beispiel der Eine heute erreichbar sein wird, dieser Letzte, der zuhört, wenn auch nur von Berufs wegen. Dessen hat sie sich versichert, hat Mühe auf sich genommen, den Dienstplan beschafft, sich vergewissert, dass er heute auch wirklich dort sein wird, nicht etwa verhindert ist, nicht krank geworden oder schwach, hat angerufen, einmal und noch einmal und wieder, vor einer Stunde zuletzt, als jemand fast schon am Gehen war, jemand, der organisiert, der Bescheid weiß von allem, denn es muss richtig sein, alles perfekt, sonst funktioniert es nicht.
Es wird funktionieren, wenn alles seinen richtigen Platz hat. So legt sie nicht zu viel auf den Satin und die Hände prägen sich die Wege noch einmal ein, zum Handy den und den zur Uhr und den zum Messer nicht zu vergessen, das viel zu lange schon auf das Benutztwerden wartet.
Man sieht es ihm nicht an, wie scharf es ist, viel schärfer als sonst bei ihr üblich, aber das hat sie ja auch einen Mann machen lassen, diesen letzten, Monate ehe er sie verließ, denn für ihn war es bestimmt, ursprünglich, ein Tranchiermesser, das sie ihn, nur ihn hat schleifen lassen, und er war doch so stolz gewesen, wie perfekt er das konnte.
Perfekt? Das Messer vielleicht. Aber sonst war gar nichts perfekt. Sie hatte es wochenlang versucht, Abend für Abend. Es ging nicht. Das Licht war zu schwach oder die Hände zitterten oder er hatte sich weggedreht, im letzten Moment, bevor die Augen das Herz fixieren konnten, oder zumindest die Stelle, wo es zu sein hatte, denn sie hatte sich kundig gemacht und ihn immer wieder abgefühlt, wenn er herunter war von ihr, auf dem Rücken gerollt, laut schnarchend, nicht zu wecken im ersten befriedigten Schlaf. Woche um Woche, es ging nicht, so gab sie es auf, nach einem letzten Versuch, als sie schon über ihm gekniet, schon ausgeholt hatte und ihr auf einmal sein Blut vor den Augen stand, all jenes Blut, das aus ihm herausspritzen, das sie besudeln würde, und es ginge nicht ab, heute nicht und nicht morgen, nie wieder, wie bei Lady Macbeth das, denn die war ihr vertraut, seit den ertrotzten Studientagen, die nichts weiter gebracht hatten als Angst, immer nur neue, unangehörte Angst, und Lady Macbeth mit ihrem Wahnsinn im Blut.
Es war die einzige Arbeit gewesen, die ihr wirklich gelungen war, diese Lady Macbeth. Sie hatte sie nicht bloß charakterisiert, sie hatte sie verschlungen, sich verschlingen lassen von ihr und all jenem Blut, das im Grunde schon immer dagewesen war und nun Gestalt angenommen hatte durch die Lady und niemals mehr fortgewischt werden konnte.
Im folgenden Semester war sie schwanger und im Semester danach war das Kind nicht mehr da, nur das Blut noch, all das Blut, und sie konnte den Gedanken nicht ertragen, der Lady noch einmal gegenüberzutreten, denn dieses Blut ging wirklich nie wieder ab.
Kein Studium mehr und der Mann war es zufrieden gewesen und er hatte auch nicht gar zu sehr drängen müssen, wegen dem Kind, denn das sei ja ihre Idee gewesen, glaubte sie damals, und er habe ja nur das Geld dazu gegeben und den einsamen Flug bezahlt, ins Blut und mit dem Blut wieder zurück und sie konnte überhaupt nichts dagegen tun.
Es war nicht richtig. Es war nicht perfekt. Dieser Mann blieb nicht und andere kamen und immer stand die Lady hinter ihnen und rieb am Blut und sie konnte es nicht ertragen alleine und doch nicht alleine zu sein und sie floh, wieder und wieder, bis zum letzten Mann, der sie zurückgeholt hatte und dann doch weggeblieben war, dann, als sie das endlich überwunden geglaubt hatte, nach all seinem Blut vor ihren Augen, vor dem alles entscheidenden Stoß.
Blut war dann doch noch geflossen, aber es war nicht seines gewesen, sondern sie hatte urplötzlich gezittert, ganz unkontrolliert, als sie an jenem Abend der Schneide die Plastikhülle überziehen wollte, in so heftigen Spasmen, dass ihr die Klinge in den linken Handballen eindrang und die Küche voller Blut war, das sich lange nicht stoppen lassen wollte.
Am Griff blieb ein kleiner Fleck, der ging trotz ständigem Bemühen nicht wieder ab und wenn sie in die Küche kam, nachts, um nachzusehen, stand die Lady schon dort und wartete und rieb und sie wurde die Erscheinung erst los, als sie eines Tages das Messer in seinem Schreibtisch verstecken konnte, ganz hinten in einer Schublade, an die sie nicht drankam, denn normalerweise hielt er den Schub fest verschlossen.
Doch als sie eines Abends nach Hause kam und auch er endgültig geflohen war, da lag das Messer auf ihrem Kopfkissen und war mit einem Mal zur Botschaft geworden: Blut, ihr Blut - sie wird die Lady nur los sein, wenn ihr eigenes Blut aus der Welt geschafft worden ist.
Gut, Mylady, jetzt ist es soweit.
Es ist die richtige Zeit. Sie stellt den Wecker ab, mit der rechten Hand, schaut zu, wie der linke Daumen ganz alleine die richtige Nummer wählt, denn er kennt schon lange seinen Weg über die Tasten.
"Telefonseelsorge?"
Nun wird es ruhig in ihr, denn da ist es, dieses dunkle, geduldige Zuhören, das nachklingt, auch wenn er nicht spricht. Aber auch dieser Mann hat die Lady nicht fortscheuchen können. Sie braucht ihn. Ein letzter Dienst. Einer muss Zeuge sein.
"Ich bin's", sagt sie leise und versucht ihre rechte Hand nicht zu sehen, wie sie ganz langsam über den roten Satin wandert.
Jetzt kommt alles nur noch auf die Kerze an. Vielleicht wird es perfekt.
"Kennen Sie Lady Macbeth?"

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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