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Januar 2004
Telefonseelsorge
von Anika Krüger

Als das Telefon klingelt, legt Christine seufzend das Buch zur Seite. “Immer, wenn es gerade spannend ist”, murmelt sie und streicht sich die blonden Haare aus der Stirn. Dann setzt sie sich auf, schließt kurz die Augen und atmet noch einmal tief durch. Nach dem vierten Klingeln hebt sie den Hörer ab.
“Hör zu, Marie, ich werde mich jetzt von dieser verdammten Brücke stürzen” schreit eine hysterische Männerstimme. “Ich werde es tun, aber vorher will ich dir noch sagen, daß alles deine Schuld ist! Du sollst keine ruhige Minute mehr haben! Du hast mich auf dem Gewissen!” Während die Stimme sie anbrüllt, denkt Christine blitzschnell nach. Was hat diese Frau Doktor Braun neulich bei der Fortbildung noch gesagt? ‚Reden sie mit den Leuten. Egal was, die Hauptsache ist, daß sie den Kontakt nicht verlieren.‘ Am anderen Ende der Leitung ist jetzt nur noch verzweifeltes Schluchzen zu hören.
“Beruhigen sie sich”, sagt sie leise und versucht dabei, sich den Mann am Telefon vorzustellen. “Wollen sie mir nicht erst einmal ganz in Ruhe erzählen, was überhaupt passiert ist?” Einen Moment lang hört sie nichts, außer ein paar tiefen Atemzügen. “Ich möchte so gerne verstehen, warum es ihnen so schlecht geht”, macht Christine einen weiteren behutsamen Versuch, den Mann zum Reden zu bringen. “Wer ist denn da?” fragt der jetzt verstört. “Marie, bist du das?” Christine atmet erleichtert auf. Der Mann ist noch am Apparat. Er spricht mit ihr. Jetzt kommt es darauf an, dieses Gespräch so lange auszudehnen, bis er den Gedanken, sich umzubringen, von selbst wieder fallenläßt. Darauf ist sie geschult worden. “Nein, hier ist nicht Marie, hier ist Christine”, sagt sie deswegen mit sanfter Stimme, die dem Mann Vertrauen einflößen soll. “Aber – ja wo ist denn Marie?” Christine kann die Unsicherheit in seiner Stimme hören. “Marie ist nicht hier”, antwortet sie. “Was ist denn passiert?” “Marie hat mich verlassen”, sagt der Mann. Seine Stimme ist jetzt so leise, daß Christine Mühe hat, ihn überhaupt noch zu verstehen. Aber er redet, das ist die Hauptsache. “Sie hat einfach ihre Sachen gepackt und ist weggefahren. Ich habe sie angefleht, bei mir zu bleiben, aber sie hat nur gelacht. Nur gelacht. Dieses Lachen. Sie hat mich ausgelacht.” Die letzten Worte waren kaum noch zu hören. “Hat sie gesagt, warum sie geht?” hakt Christine behutsam nach. ‚Weiter, nicht aufhören‘, fleht sie innerlich. “Sie hat gesagt, sie kann meine ständige Eifersucht nicht mehr ertragen.” Die Stimme des Mannes ist jetzt wieder fester. Sie klingt sogar fast ein bißchen trotzig. Christine ist erstaunt, will sich aber nichts anmerken lassen. “Hatten sie denn Grund zur Eifersucht?” will sie wissen. “Natürlich hatte ich Grund”, schreit der Mann jetzt so laut, daß Christine zusammenfährt und den Hörer reflexartig ein Stück von ihrem Ohr weg hält. “Diese Schlampe macht doch jeden an, der ihr über den Weg läuft. Wie sie sich schon immer anzieht. Die kürzesten Röcke, die sie finden kann. Und dann diese Oberteile. Bauchfrei. Ist modern, hat sie immer gesagt. Komisch, daß andere anständige Frauen so was nicht anziehen. Ist modern! Kerle aufreißen wollte sie, nichts anderes. Wie sie immer gelächelt hat. Das war eine richtige Einladung für die Typen. Da hätte sie auch gleich sagen können: ‚Fick mich am besten sofort hier auf der Straße‘!” Christine ist erschrocken über diesen Ausbruch und weiß einen Moment lang nicht, was sie sagen soll. Im Hörer herrscht jetzt Stille. Unheimliche Stille. “Sicher hatten sie recht mit ihrer Eifersucht”, sagt Christine schnell, damit das Schweigen nicht zu lange dauert. “Meinen sie?” Die Stimme des Mannes klingt jetzt gar nicht mehr aufgebracht, sondern wieder leise und verzweifelt. “Du machst mich krank mit deiner Eifersucht, hat sie gesagt. Krank. Ich kann nicht mehr, hat sie gesagt. Sie hat mich einfach alleine gelassen. Das Leben hat für mich keinen Sinn mehr.” Christines Herz klopft. Jetzt nur nicht locker lassen. Sie hatte ihn doch schon fast. “Aber sie wollen ihr Leben doch nicht von einer Schlampe wie Marie abhängig machen”, sagt sie beschwörend. ‚Scheiße‘, schießt es ihr dabei durch den Kopf. ‚Zuhören und Verständnis zeigen, aber nicht Partei ergreifen. Schon gar nicht mit solchen Ausdrücken.‘ “Ich meine, vielleicht sollten sie versuchen, das Positive in dieser Trennung zu sehen”, fügt sie deswegen schnell hinzu. “Schließlich sind sie jetzt auch frei für eine andere Frau, die vielleicht besser zu ihnen paßt.” Sie hält den Atem an und wartet auf die Reaktion. “So habe ich das noch gar nicht gesehen”, sagt der Mann zögernd. “Aber vielleicht stimmt es ja. Marie wird sich zu Tode ärgern, wenn sie sieht, daß ich eine Frau gefunden habe, die tut, was ich ihr sage und nicht ständig andere Männer anbaggert.” Christine ist so erleichtert darüber, daß die Stimme des Mannes jetzt ruhig und gefaßt klingt, daß sie die Aussage seiner Worte gar nicht begreift. “Genau so ist es”, stimmt sie zu und versucht, zuversichtlich zu klingen. “Ein Mann wie sie findet sicher schnell eine neue Freundin.” Am anderen Ende der Leitung herrscht einen Moment lang Schweigen. “Wie heißen sie doch gleich?” fragt der Mann schließlich. “Christine.” “Christine, schöner Name”, seine Stimme nimmt jetzt einen ganz anderen Klang an. Sie wird weich und warm. Unwillkürlich stellt sich Christine ihren Gesprächspartner plötzlich als groß, schlank und auffallend attraktiv vor. Mit dunklen Augen, dichtem Haar und schlanken Händen. “Und wo ist Marie?” will er jetzt wissen. “Ich weiß nicht, wo sie ist.” Christine räuspert sich. Sie hat auf einmal einen Frosch im Hals. “Hier gibt es gar keine Marie, sie müssen sich verwählt haben.” “Verwählt?” Der Mann scheint verwirrt zu sein. “Aber Marie hat doch gesagt, sie ist bei ihrer Freundin. Ich hab mir die Nummer aus dem Telefonbuch herausgesucht.” “Ich bin nicht Maries Freundin”, sagt Christine leise. “Das hätte mich auch gewundert.” Der Mann lacht leise. “So nette Freundinnen hat Marie nämlich nicht.” ‚Wenn nicht die letzten zehn Minuten gewesen wären, könnte man jetzt meinen, er wäre ein normaler Mann, der sich einfach nur verwählt hat‘, denkt Christine. “Welche Nummer habe ich denn gewählt?” will er jetzt wissen. “Vier-fünf-vier-fünf-sechs”, antwortet sie. “Und vier-fünf-vier-fünf-drei wollte ich wählen.” Christine kann hören, daß er lächelt. “Was für ein wunderbarere Zufall”, sagt er. “Ich hätte nie gedacht, daß dieser Abend ein so glückliches Ende nehmen würde.” Christine zögert. Dann faßt sie sich ein Herz: “Wollen sie sich denn jetzt nicht mehr von der Brücke stürzen?” fragt sie und bemüht sich dabei um einen möglichst unbekümmerten Tonfall. “Aber wo denken sie denn hin?” Er klingt ehrlich entrüstet. “Jetzt, wo ich die Frau fürs Leben gefunden habe, werde ich mich doch nicht umbringen. Ich liebe dich doch! Bis morgen, mein Engel.”
Es knackt in der Leitung. Der Mann hat aufgelegt. Christine starrt den Telefonhörer in ihrer Hand an. “Ein Verrückter”, murmelt sie und versucht dabei zu lächeln. Es gelingt ihr nicht. Irgendwie hat sie ein komisches Gefühl. Um es zu vertreiben, legt sie energisch den Telefonhörer auf, lehnt sich zurück und greift wieder nach ihrem Buch. Aber sie kann sich nicht darauf konzentrieren. Immer wieder denkt sie an den Anrufer und das seltsame Ende dieses Gesprächs. Sie ist froh, daß das Telefon an diesem Abend nicht noch einmal klingelt.

“Hier ist die Telefonseelsorge, sie sprechen mit Hannah Sukopp, guten Tag.” In der Leitung herrscht Stille. “Kann ich ihnen helfen?” Endlich ist ein leises Räuspern zu hören. “Telefonseelsorge?” fragt eine männliche Stimme. “Ja, sie sind mit der Telefonseelsorge verbunden”, antwortet Hannah Sukopp. Sie ist Mitte fünfzig und ein bißchen mollig. Ihr rundes Gesicht wird von glatten, schulterlangen Haaren eingerahmt, die sie zur Abwechslung mal mahagonirot getönt hat. Jetzt schiebt sie sich die Brille hoch und greift nach dem Kugelschreiber, der neben dem Telefon auf ihrem Schreibtisch liegt, um sich während des Gespräches Notizen zu machen. Sie arbeitet seit über fünfzehn Jahren ehrenamtlich bei der Telefonseelsorge und ist eine routinierte, aber immer noch einfühlsame Gesprächspartnerin für viele Hilfesuchende. Der Mann, den sie jetzt in der Leitung hat, räuspert sich erneut und scheint nicht zu wissen, wie er beginnen soll. Hannah kennt dieses Phänomen. Viele Anrufer brauchen einen Moment, bis sie sich dazu überwinden können, einem wildfremden Menschen am Telefon von ihren intimsten Nöten zu erzählen. Trotz ihrer Routine ist Hannah immer wieder bestürzt darüber, daß die Telefonseelsorge für so viele Menschen die einzige Möglichkeit ist, um sich einmal auszusprechen. Manche rufen an und erzählen von ganz alltäglichen Dingen, die sie erlebt haben, weil sonst niemand da ist, mit dem sie sprechen können. “Kann ich ihnen helfen?” fragt sie noch einmal, nachdem sie dem Anrufer einen Moment Zeit gegeben hat, um Mut zu fassen. “Ja, also, ähm...”, stammelt der Mann. Dann holt er tief Luft. Hannah registriert es und macht sich innerlich zum Zuhören bereit. “Könnte ich bitte Christine sprechen?” fragt der Mann jetzt. Hannah reißt die Augen auf, die sie geschlossen hatte, um sich besser konzentrieren zu können. “Christine?” fragt sie entgeistert und wirft den Kugelschreiber mit Schwung auf den Schreibtisch zurück. “Ja, Christine, die arbeitet doch bei ihnen oder?” Hannah merkt, wie die Wut in ihr hochsteigt. “Christine ist nur Dienstag und Freitag da, immer von achtzehn bis zweiundzwanzig Uhr”, fährt sie den Mann an. “Und jetzt machen sie bitte die Leitung frei, die ist nicht für Privatgespräche gedacht.” Ohne ein weiteres Wort knallt sie den Hörer auf die Gabel. “Unverschämtheit!” Christine ist noch nicht lange dabei und eigentlich hat Hannah sich von Anfang an darüber gewundert, daß die junge Frau ausgerechnet bei der Telefonseelsorge mitarbeiten wollte. Hübsche Dinger wie sie mit Puppengesicht und endlos langen Beinen interessieren sich nach Hannahs Ansicht normalerweise nicht für die Sorgen anderer Menschen. Aber Christine hat ein paar Semester Psychologier studiert und wollte, wie sie sagte, diese Kenntnissen jetzt auch nutzen. Und weil es nur wenige Menschen gibt, die überhaupt noch dazu bereit sind, sich ehrenamtlich zu engagieren., hat Hannah sich dazu entschlossen, es mit ihr zu versuchen. Bis jetzt hat auch alles gut geklappt, aber so etwas wie der Anruf eben darf einfach nicht sein. Sie schimpft laut vor sich hin und geht dann in die Teeküche, um sich zur Beruhigung der Nerven einen Pfefferminztee zu machen. Wenn der nächste Anruf kommt, kann sie sich Wut nicht mehr erlauben. Dann zählen Geduld und Mitgefühl. “Wenn ich Christine sehe, werde ich ihr sagen, daß sie sich wo anders engagieren kann, wenn das noch mal passiert”, nimmt sie sich vor und taucht ihren Teebeutel ein paar mal heftig in das heiße Wasser in ihrem Becher.

Christine geht im Zimmer auf und ab. In der Hand hat sie immer noch das Papier von dem Schokoriegel, den sie gerade gegessen hat. Schokolade ist ihre Schwäche, die man ihrer Figur jedoch nicht ansehen kann. Jetzt knüllt sie das Papier mit ihren langen schlanken Fingern zusammen, nur um es im nächsten Moment wieder auseinander zu falten. Dann knüllt sie es wieder zusammen. “Jetzt wirf doch endlich das Papier weg”, sagt Jörg, der auf dem Sofa sitzt und versucht, sich auf seine Zeitung zu konzentrieren. “Und setz dich hin, du machst mich ganz nervös.” Christine bleibt abrupt stehen und starrt ihren Mann an, der jetzt stirnrunzelnd einen Artikel liest, der ihn anscheinend sehr interessiert. “Ich mache dich nervös, weil ich Angst habe?” fragt sie fassungslos und ist den Tränen nah. “Hast du mir denn gar nicht zugehört?” Jörg schaut seufzend von seiner Zeitung auf. “Doch, Schätzchen, ich habe dir zugehört.” Er gibt sich Mühe, nicht genervt zu klingen. “Aber du erzählst mir seit Wochen von diesem Typen.” “Weil er mich seit Wochen verfolgt und bedroht!” Christine weint jetzt wirklich. “Moment, Moment, jetzt übertreib mal nicht”, weist Jörg sie schroff zurecht. “Er ruft dich an und redet sich seinen Kummer von der Seele. Dazu ist die Telefonseelsorge doch da.” “Aber er ruft jedes Mal an, wenn ich Dienst habe.” Christine setzt sich jetzt auf eine Sesselkante. Sie schluchzt immer noch. “Und über seinen Kummer redet er schon lange nicht mehr. Jetzt redet er nur noch davon, daß ich die Liebe seines Lebens bin, daß ihn noch keine Frau so gut verstanden hat wie ich es tue und daß er eines Tages kommen und mich abholen wird.” “Wahrscheinlich hat er niemanden außer dir, dem er so etwas sagen kann.” Jörg zuckt die Achseln. “Vielleicht ist er auch ein bißchen verrückt, aber doch harmlos. Freu dich doch einfach über seine Komplimente und unterhalte dich ein bißchen mit ihm.” “Der ist nicht harmlos!” Christine springt wieder auf, empört über so viel Gleichgültigkeit. “Ich fühle mich von ihm bedroht. Der meint das ernst. Irgendwann steht er vor mir und will mich mitnehmen. Und unterhalten kann man sich mit ihm auch nicht. Er läßt mich einfach gar nicht erst zu Wort kommen, sondern erzählt immer nur, wie sehr er mich liebt.” Sie geht wieder im Zimmer auf und ab. Das Einwickelpapier von dem Schokoriegel hat sie auf den Couchtisch geworfen. “Du steigerst dich da in was hinein”, brummt Jörg, der schon wieder seine Zeitung vor dem Gesicht hat. “Morgen rufe ich Hannah an und sage ihr, daß ich Ende des Monats aufhören werde”, sagt Christine entschlossen. “Ich mache das nicht mehr mit. Ich kann einfach nicht mehr. Ich habe mir schon so viel Leid anhören müssen am Telefon, aber nichts davon hat mich so belastet, wie die Anrufe von diesem Kerl.” “Wenn du meinst, dann ruf eben morgen Hannah an.” Jörg raschelt lauter mit der Zeitung, als es nötig gewesen wäre. “Ich glaube zwar, daß du mal wieder maßlos übertreibst, aber wenn du dann wieder normal bist, soll es mir recht sein. Kannst dich ja statt dessen für die Frauenhilfe anmelden.” Christine sagt nichts mehr. Sie setzt sich in den Sessel und stellt den Fernseher an. Aber obwohl sie die ganze Zeit bewegungslos auf den Bildschirm starrt, bekommt sie nichts von dem mit, was dort passiert.

“Hier ist die Telefonseelsorge, sie sprechen mit Christine Leineweber.” Christines Herz klopft zum Zerspringen und ihre Stimme zittert. “Hallo, meine Traumfrau”, flüstert der Mann in der Leitung. “Ich habe mich so sehr danach gesehnt, deine wunderbare Stimme zu hören.” Christine versucht, ruhig zu bleiben. “Machen sie bitte die Leitung frei, Privatgespräche sind hier nicht zugelassen”, sagt sie. Mit bebenden Händen greift sie nach dem Kugelschreiber, als wolle sie sich daran festhalten “Deine Nummer zu Hause gibst du mir ja nicht”, sagt der Mann. Christine bekommt eine Gänsehaut. “Mein Mann...”, fängt sie an, aber da wird sie schon unterbrochen. “Ich bin jetzt dein Mann!” Die Stimme klingt jetzt gar nicht mehr sanft und zärtlich, sondern grob und herrisch. “Und zu seinem Mann muß eine brave Frau immer nett sein.” Christine schluckt an ihren Tränen. “Sag mir, daß du mich auch liebst”, verlangt er. Christine schweigt. “Sag es!” herrscht er sie an. “Ich liebe sie überhaupt nicht!” schreit Christine ins Telefon. “Ich liebe meinen Mann und sie werden mich von jetzt an in Ruhe lassen, heute ist nämlich mein letzter Tag hier!” Sie knallt den Hörer auf die Gabel und starrt das Telefon noch einen Moment lang an. Sie zittert am ganzen Körper. Die Ziffern des Funkweckers, der auf dem Schreibtisch steht, springen auf 21 Uhr 27 um. Noch eine gute halbe Stunde, bis Anton sie ablösen wird. Heute ist tatsächlich ihr letzter Tag. Hannah hat sie gesagt, daß sie die Belastung durch de Kummer der Anrufer nicht mehr aushält. “Ich habs doch gleich gewußt”, hat die wütend gemurmelt. Weil Christine so plötzlich aussteigen will und sich bis jetzt noch niemand gefunden hat, der ihre Dienste übernehmen könnte, muß Hannah selbst bis auf weiteres einspringen. Das macht ihre Meinung von Christine nicht gerade besser. Christine versuchtjetzt, tief durchzuatmen und das Zittern so unter Kontrolle zu bekommen. Hoffentlich ruft der Kerl nicht noch einmal an. Aufrecht sitzt sie auf dem Stuhl am Schreibtisch, den Blick starr auf das Telefon geheftet.
Plötzlich hört sie ein Geräusch an der Tür und im nächsten Moment legt sich ihr eine Hand auf die Schulter. Christine fährt heftig zusammen und schreit auf. “Oh, tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken”, sagt Anton und schaut erstaunt in Christines totenblasses Gesicht. “Ist es schon zehn?” stammelt sie. “Naja, kurz vor”, antwortet Anton. “Ist alles okay?” Er sieht sie forschend an. “Ja, klar.” Christine versucht ein Lächeln. Sie kann jedoch nicht verhindern, daß ihre Hände zittern, als sie nach ihrem Buch greift, das noch auf dem Schreibtisch liegt, obwohl sie den ganzen Abend kein einziges Wort darin gelesen hat. “Ich hab einen Piccolo mitgebracht, den ich mit dir trinken wollte, weil doch heute die letzter Tag ist. Hast du Lust?” Anton hat plötzlich das Gefühl, daß sein Angebot fehl am Platz ist. Christine benimmt sich so merkwürdig. Ob sie Probleme mit ihrem Mann hat und deswegen so plötzlich bei der Telefonseelsorge aufhören will? Er ist fast ein bißchen überrascht, als Christine nach einem kurzen Zögern mit dem Kopf nickt. “Warum eigentlich nicht?” meint sie und greift nach dem Glas, das Anton ihr hinhält. “Auf dich”, sagt Anton und prostet Christine zu. “Ich werde dich hier sehr vermissen. Aber vielleicht kommst du uns ja mal besuchen?” “Vielleicht”, antwortet Christine unbestimmt. Nach einem großen Schluck Sekt fühlt sie sich schon viel besser. Sie hat es geschafft. Das war ihr letzter Dienst hier, von jetzt an wird dieser Verrückte sie nicht mehr belästigen. Ein bißchen wundert sie sich, daß er nicht noch einmal angerufen hat, aber sie schiebt den Gedanken zur Seite und beschließt, sich ab sofort darüber zu freuen, daß sie diese Sache überstanden hat. Lange genug hat sie sich quälen und einschüchtern lassen. Sie leert ihr Glas und reicht es Anton hinüber. “Ich muß los”, lächelt sie. “Wir sehen uns bestimmt mal irgendwo. Und danke für den Sekt.” “Gern geschehen.” Anton lächelt auch. Dann stellt er die Gläser ab und nimmt Christine noch einmal ganz fest in den Arm. “Paß gut auf dich auf, ja?” ermahnt er sie. Christine nickt und wischt sich energisch die Tränen ab, die ihr schon wieder über die Wangen laufen. Seit dieser Typ sie belästigt, hat sie so nah am Wasser gebaut, daß sie schon heult, wenn sie jemand scharf ansieht. “Ist wirklich alles okay?” Anton macht sich richtige Sorgen um Christine. Sie ist blaß und hat dunkle Schatten unter den Augen. Und dann die Tränen. Oder ist es vielleicht doch nur der Abschied? “Soll ich dir ein Taxi rufen?” Christine wehrt ab. “Nein, das ist wirklich nicht nötig. Das kurze Stück geh ich zu Fuß.” “Wie du meinst.” Anton hilft ihr in die Jacke. “Dann mach’s gut.” Christine nickt. “Du auch. Und danke noch mal.” Dann nimmt sie ihre Tasche und tritt in die klare Nachtluft hinaus.
Auf dem Weg durch den Vorgarten der Villa, in der die Telefonseelsorge neben Büros des diakonischen Werkes untergebracht ist, atmet Christine ein paar mal tief ein und aus. Jetzt, da sie das Gebäude verlassen hat, mit dem sie alle Ängste der letzten Wochen verbindet, fühlt sie sich wie befreit. Von jetzt an will sie das Leben wieder genießen. Vielleicht sollten Jörg und sie einfach eine Woche in den Urlaub fahren. Jetzt, Ende September ist die beste Zeit dazu. Italien wäre toll. Christine öffnet das Gartentor. Schönes Wetter, tolles Essen, Cappucino im Straßencafé... Sie wird Jörg vorschlagen, im Internet ein schönes Ferienhaus herauszusuchen. An der Abzweigung in den Stadtpark zögert Christine kurz. Normalerweise geht sie im Dunkeln nie durch den Park, dazu hat sie viel zu viel Angst. Sie fährt herum. War da nicht ein Schatten an der Laterne? Mit klopfendem Herzen starrt sie den Fußweg hinunter, den sie gerade gekommen ist, sieht aber nichts. “Du hast schon Wahnvorstellungen”, sagt sie kopfschüttelnd zu sich selbst. “Jetzt reiß dich zusammen und geh durch den Park. Es sind ja nur ein paar hundert Meter und du bist schneller zu Hause und kannst Jörg von deinem Plan erzählen.” Entschlossen wendet sie sich nach rechts und biegt in den Park ein. Schon nach wenigen Schritten reicht die Beleuchtung der Hauptstraße nicht mehr aus, um den Weg, der vor ihr liegt zu erhellen. Und war da nicht schon wieder ein Geräusch? Christine macht noch ein paar Schritte, aber als sie erneut ein Rascheln in den Büschen neben sich zu hören glaubt, hält sie es nicht mehr aus. Sie macht kehrt und will so schnell es geht zur beleuchteten Straße zurück. Als plötzlich eine Gestalt aus der Dunkelheit auftaucht und sich ihr direkt in den Weg stellt, schreit sie auf.
Im nächsten Moment packt der Mann sie an den Handgelenken und dreht ihr den Arm auf den Rücken, so daß sie vor Schmerzen aufstöhnt. Schreien kann sie nicht mehr, denn eine Hand drückt ihr ein Stück Stoff mit aller Kraft auf den Mund. “Du brauchst doch vor mit nicht wegzulaufen, meine Liebste”, flüstert eine Stimme an ihrem Ohr. Christine erstarrt. Es ist die gleiche Stimme, die ihr seit Wochen Panikattacken bereitet, die sie sogar bis in ihre Träume hinein verfolgt. Als ihr klar wird, daß der Mann sie gefunden hat und die Qualen keineswegs zu Ende sind, so wie sie geglaubt hat, bricht sie zusammen. Schluchzend sinkt sie auf den Weg, obwohl der Mann versucht, sie festzuhalten. Sie hat einfach keine Kraft mehr, stehen zu bleiben. “Du blöde kleine Hure, stell dich nicht so an!” fährt der Mann sie scharf an. “Los, steh auf und komm mit oder willst du, daß jemand unser Wiedersehen stört? Ich will dich für mich haben, ganz allein für mich.” Er zerrt sie mit sich hinter ein Gebüsch. Christine hängt schlaff in seinen Armen und läßt es geschehen. Sie ist nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen oder sich irgendwie zu bewegen. Als sie vom Weg aus nicht mehr zu sehen sind, läßt der Mann sie in das feuchte Gras sinken. Er wagt es sogar, die Hand von ihrem Mund zu nehmen. Christine gibt auch so keine Laut von sich. Sie rührt sich nicht und starrt mit ausdruckslosem Blick ins Leere. Wäre sie nicht so benommen gewesen, hätte sie sehen können, daß der Mann, der sie seit Wochen mit seinen Anrufen quält, tatsächlich groß und schlank ist. Er hat dunkle Augen und volles schwarzes Haar, so wie Christine ihn sich beim ersten Telefonat vorgestellt hat. Unter normalen Umständen hätte sie ihn sicher attraktiv gefunden. Aber sie nimmt das alles gar nicht wahr.
“Ich liebe dich so sehr”, flüstert der Mann und streicht Christine eine Haarsträhne aus der Stirn. “Ich liebe dich und ich werde nicht zulassen, daß du dich noch einmal einem anderen an den Hals wirfst, so wie diesem Kerl vorhin im Büro von diesem Telefonverein. Du gehörst mir.” Er hört auf, Christine zu streicheln und macht statt dessen seine Hose auf. “Ich bin jetzt dein Mann, hörst du? Du gehörst mir und keinem anderen. Hast du das jetzt verstanden? Ich bringe dich um, wenn du noch einmal einen anderen Mann anschaust. Schau mich an und sag, daß du mich liebst!” Er reißt an Christines Haaren, so daß ihr Gesicht sich ihm zuwendet. Aber sie schaut an ihm vorbei und reagiert nicht. “Wenn ich erst mal deinen Körper besessen habe, dann gehörst du mir ganz”, flüstert der Mann mit vor Erregung zitternder Stimme in Christines Ohr. “Dann bist du für immer meine Frau und niemand kann dich mir je wieder wegnehmen.” Hastig schiebt er Christines Rock hoch und zerrt an ihrer Strumpfhose. Den Slip reißt er eilig zur Seite. “Du willst es doch auch. Du liebst mich doch.” Als er heftig in sie eindringt, hält er ihr mit einer Hand wieder den Mund zu. Aber Christine schreit nicht. Sie macht noch nicht einmal den Versuch, sich zu wehren.

“Es ist alles ihre Schuld”, schreit der Mann, “ganz allein ihre Schuld!” Hannah erstarrt. “Aber ich...”, bringt sie mühsam hervor, wird aber sofort unterbrochen. “Versuchen sie nicht, sich herauszureden!” brüllt die Stimme in der Leitung. “Meine Frau ist tot und sie sind Schuld!” Heftiges Weinen klingt jetzt durch das Telefon. “Beruhigen sie sich, was ist denn überhaupt passiert?” Hannah gibt sich große Mühe, ruhig und professionell zu bleiben, obwohl sie schon längst weiß, welcher Verzweifelte diesmal die Nummer der Telefonseelsorge gewählt hat. “Was passiert ist? Als ob sie das nicht wüßten!” Die Stimme des Mannes klingt jetzt müde und kraftlos. “Meine Frau hat sich umgebracht, das wissen sie doch ganz genau. Ich habe sie doch bei der Beerdigung gesehen. Sie und ihre Kollegen.” “Aber Herr Leineweber...” Weiter kommt Hannah nicht. “Sehen sie, sie wissen doch ganz genau, worum es geht”, fällt Jörg ihr ins Wort. “Christine ist tot. Tot!” Wieder ist nur verzweifeltes Weinen zu hören. “Es ist für uns alle schrecklich, Herr Leineweber”, nutzt Hannah die Gelegenheit, um auch etwas zu sagen, “aber sie können doch nicht behaupten, daß ihr Tod unsere Schuld ist.” “Wenn sie nicht bei ihnen in dieser dämlichen Telefonseelsorge gearbeitet hätte, wäre sie noch am Leben!” Bitterkeit liegt in Jörgs Stimme. “Herr Leineweber, so können sie das nicht sehen”, sagt Hannah beschwörend. “So kann ich das nicht sehen?” Ein höhnisches Lachen dringt an Hannahs Ohr. “So sehe ich das aber. Hätte sie diesen Verrückten nicht bei ihnen am Telefon gehabt und ihn getröstet, wäre doch das alles nicht passiert. Ganz genau so sehe ich das.” “Aber warum hat denn keiner von ihnen beiden mit mir gesprochen? Ich hätte doch etwas unternehmen können. Wir hätten den Dienstplan ändern und Christines Arbeitstage tauschen oder die Polizei verständigen können. Aber ich wußte doch gar nichts von diesen Belästigungen.” Hannah ist jetzt selbst den Tränen nah. Seit der Sache mit Christine plagt sie sich mit denselben Vorwürfen herum, die Herr Leineweber eben offen ausgesprochen hat. Außerdem hat sie panische Angst vor den Diensten in der Telefonseelsorge, weil der Typ, der Christine belästigt und sie schließlich vergewaltigt hat, immer noch nicht gefaßt wurde. In der Leitung bleibt es still. “Herr Leineweber?” Hannah lauscht. “Ich habe sie nicht ernst genommen”, flüstert Jörg jetzt. “Ich habe ihr einfach nicht richtig zugehört. Ich dachte, sie spinnt. Ich konnte doch nicht ahnen, daß dieser Saukerl sie überfällt und vergewaltigt.” Unhörbar atmet Hannah auf. “Nein, das konnten sie nicht”, sagt sie sanft. “Herr Leineweber, wir haben alle Schuldgefühle, aber die machen Christine auch nicht wieder lebendig. Sie konnte damit einfach nicht leben.” Sie hört am anderen Ende der Leitung ein leises Weinen. “Ich wollte ihr so gerne helfen, aber sie hat mich einfach nicht mehr an sich herangelassen”, sagt Jörg mit erstickter Stimme. “Ich durfte sie nicht in den Arm nehmen und trösten und sie wollte auch nicht mit mir reden. Wenn sie so dasaß und ins Leere gestarrt hat, habe ich manchmal gedacht, daß sie gar nicht mehr da ist.” Hannah schweigt. Sie weiß nicht, was sie darauf antworten soll. “Sie fehlt mir so sehr.” Jörg weint jetzt ein herzzerreißendes, aber befreiendes Weinen. Hannah wartet eine Weile, dann sagt sie: “Christine fehlt uns allen, Herr Leineweber. Und wenn wir vorher gewußt hätten, wie diese schreckliche Geschichte endet, hätten wir sicher alle einige Dinge anders gemacht. Aber jetzt ist es zu spät. Wir können die Dinge nicht mehr ändern, sondern müssen damit leben.” Jörg weint immer noch, aber jetzt leiser. Hannah hat den Eindruck, daß er ihr zuhört, deshalb spricht sie weiter. “Ich weiß, daß es schwer ist, aber sie sind doch nicht alleine. Es ist ganz wichtig, daß sie sich nicht verstecken und in Vorwürfen vergraben. Reden sie mit Menschen, denen Christine auch etwas bedeutet hat und die sie auch vermissen. Sie werden sehen, daß das hilft. Irgendwann wird es ihnen wieder besser gehen.” “Wenn ich das Schwein erwische, dann bringe ich es eigenhändig um”, stößt Jörg jetzt hervor. “Ich werfe es von der gleichen Brücke, von der sich Christine gestürzt hat, weil sie das Leben nicht mehr ertragen konnte, nachdem er ihr so weh getan hat.” “Um den Verrückten kümmert sich die Polizei”, versucht Hannah ihn zu beschwichtigen, obwohl sie seine Gefühle nur allzu gut verstehen kann. “Sie sind ganz nah an ihm dran, sicher sitzt er bald hinter Schloß und Riegel.” “Sie sind sehr optimistisch”, murmelt Jörg. “Anders würde ich diesen Job hier auch nicht durchstehen”, meint Hannah und lächelt. “Christine war eine starke Frau, Herr Leineweber, die Arbeit in der Telefonseelsorge ist nichts für labile Menschen. Wenn jemand wie sie sich dazu entschließt, sich das Leben zu nehmen, weil sie es nicht mehr aushalten kann, dann ist das ein wohl überlegter Entschluß. Niemand hätte sie zurückhalten können. Auch sie nicht.” Es entsteht ein kurzes Schweigen. Dann sagt Jörg: “Vermutlich haben sie recht.” Dann räuspert er sich und setzt hinzu: “Ich danke ihnen sehr für dieses Gespräch, Hannah. Die Telefonseelsorge ist wirklich eine wichtige Sache, aber es kommt doch sehr auf die Mitarbeiter an, ob man sich nach einem Anruf tatsächlich besser fühlt. Es tut mir leid, daß ich sie angeschrien habe.” “Ist okay”, murmelt Hannah. “Unsere Nummer kennen sie ja jetzt. Falls sie wieder einmal mit jemandem reden möchten. Und passen sie gut auf sich auf, Herr Leineweber.” “Sie auch, Hannah. Auf Wiederhören.”
Als sie sicher ist, daß Christines Mann das Gespräch beendet hat, legt auch Hannah den Hörer hin. Sie seufzt tief. Christines Selbstmord hat sie alle sehr mitgenommen. Aber sie ist froh, daß sie ihrem Mann wenigstens ein bißchen helfen konnte. Als das Telefon erneut klingelt, ist sie in Gedanken noch ganz bei dem Gespräch mit ihm. “Hier ist die Telefonseelsorge, sie sprechen mit Hannah Sukopp, guten Abend”, sagt sie automatisch und schließt kurz die Augen, um sich auf die neue Aufgabe einzustellen. “Mit wem telefonierst du denn so lange, meine Liebste”, sagt eine leise und ungeduldig klingende Männerstimme am anderen Ende der Telefonleitung....

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