Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Januar 2004
Schlaf
von Birgit Erwin

Die letzten Töne von „Amazing Grace“ verklangen. Die schwarz gekleidete Sängerin verließ die Kanzel mit leisen Schritten. Jetzt war nur noch hier und da unterdrücktes Schluchzen zu hören. Der Ehemann der Verstorbenen hatte sich noch kein einziges Mal gerührt. Sie waren erst zwei Jahre verheiratet gewesen, nicht lang genug, um den rosafarbenen Lack von ihrem jungen Glück zu kratzen.
„Tragischer Tod… aufopfernde Tätigkeit für ihre Mitmenschen… Erlösung in Gott… wahre Christin…“, leierte der Pfarrer, der seine Kirche nie so voll gesehen hatte, nicht einmal an Weihnachten.
Für das gemeinsame Gebet standen Freunde, Verwandte und Kollegen auf, auch der junge Ehemann. Seine Lippen bewegten sich im Gleichklang mit denen der anderen Trauergäste. Hinter seiner Stirn kreisten die Worte: „In guten wie in schlechten Zeiten … die Zeiten sind schlecht ohne dich. Warum bist du jetzt nicht bei mir…“
„Amen“, intonierte die Gemeinde.
„Ich brauche dich doch“, flüsterte der Mann.

Dann kam der Moment, auf den alle gewartet hatten. Eine Mischung aus Betroffenheit, Verlegenheit und Vorfreude zitterte durch die kleine Kirche, als der junge Ehemann schwankend aufstand, um als erster an den offenen Sarg zu treten. Das schlurfende Echo seiner Schritte hallte durch das kleine Gotteshaus. Die Blicke in seinem Rücken schoben ihn vorwärts. Doch die allgemeine Erwartung wurde nicht erfüllt: Er brach nicht zusammen, er weinte nicht einmal. Er blickte nur in das stille Gesicht der Toten und streckte die Hand nach den Rosen aus, die neben dem Sarg in der hohen schwarzen Vase standen, um sie ihr zwischen die bleichen Finger zu schieben. Doch er zögerte, griff stattdessen in die Tasche seines Jacketts und zog einen Gegenstand hervor, den er behutsam in den Sarg legte. Noch einmal bewegte er die Lippen, dann wandte er sich an den Pfarrer und bat mit leiser, fester Stimme darum, den Sarg schließen zu lassen. Sein Wunsch wurde erfüllt, und niemand konnte mit Gewissheit sagen, was die letzte Liebesgabe des Mannes an seine Frau gewesen war. Natürlich wurde die Angelegenheit beim Leichenschmaus ausgiebig erörtert, aber nur Tante Sarah behauptete im Brustton der Überzeugung: „Und ich sage euch, er hat gesagt: Ich ruf dich später an, Liebling. Der arme Junge“, setzte sie hinzu und beschrieb mit ihrem knochigen Zeigefinger eine kleine Kreisbewegung über ihrer Stirn, bevor sie sich erneut dem Buffet widmete.


Lange Stunden waren seit der Beerdigung verstrichen. Draußen war es jetzt stockfinster. Der junge Mann hockte zusammengekauert auf seinem Bett. Er hatte Angst, entsetzliche Angst vor dem Schweigen und vor der Stille, die in jeder Ecke der Wohnung lauerte. Endlich hielt er es nicht mehr aus. Langsam, eine nach der anderen, drückte er die Tasten, wählte die Nummer, lauschte auf das Freizeichen. Seine Hände zitterten. Niemand würde ihm antworten, natürlich nicht.
Er hörte ein Knacken in der Leitung.
„Endlich.“
Es war ihre Stimme.
Für den Bruchteil einer Sekunde stand das Universum ganz still. Dann begann es zu rotieren.
„Du?“
„Ich habe auf deinen Anruf gewartet. Du hast gesagt, du brauchst mich. Und du hast mir das Handy gegeben.“
„Ja, aber ich habe doch nie wirklich … du bist tot!“
Er schrie sein Grauen hinaus. Als sie schwieg, flüsterte er: „Du bist doch tot?“
„Ja, ich bin tot“, bestätigte sie und seufzte ein bisschen. „Liebling, du warst schon immer ein Pedant.“
Die Hoffnung, die für einen Augenblick augeflammt war, starb und ließ tiefe Leere zurück. „Tot“, wiederholte er dumpf. „Du bist wirklich tot…“
Sie wartete einen Augenblick mit der Antwort, dann bemerkte sie spitz: „Du bist nicht sehr charmant, mein Liebling, und etwas einseitig in der Betrachtungsweise.“
„M-meiner Betrachtungsweise…?“
„Sieh es einmal so: Es ist Nacht, du liegst im Bett und telefonierst mit deiner Frau.“ Ihre Stimme enthielt wieder diese unwiderstehliche Mischung aus Koketterie und Ernsthaftigkeit, die ihn einmal so bezaubert hatte. „… mit deiner Frau, die dich liebt. Bis dass der Tod uns scheidet. Und darüber hinaus. Sag mir was Nettes, ja?“
Er konnte nicht. Er klammerte sich an den Hörer, während er zu begreifen versuchte. Irgendwo da draußen musste es eine Erklärung dafür geben, dass er mit seiner toten Frau telefonierte. Ihre Stimme sank zu einem weichen Flüstern herab.
„Es gibt nichts zu begreifen. Es gibt nur dich und mich. Und jetzt hör mir zu: Ich kann dir nicht sagen, dass das alles einen Sinn macht oder dass es zu unserem Besten ist. Ich kann dir nur sagen, dass du mich glücklich gemacht hast. Wenn ich könnte, käme ich zu dir zurück, aber das kann ich nicht. Vergiss mich bitte nicht. Aber verzeih dir, wenn du eines Tages Schwierigkeiten hast, dich an mein Gesicht zu erinnern.“
„Niemals…“, stammelte er.
Unendliche Zärtlichkeit lag in ihrer Stimme. „Oh doch, das wirst du. Und das ist gut so. Und jetzt musst du aufwachen, Liebling. Wach auf und lass mich schlafen.“
„Kann … kann ich dich wieder anrufen?“
„Schatz, ich bin tot. Ich bin nicht die Telefonseelsorge.“

Als er erwachte, schien die Sonne. Er ließ die Rolläden hinunter, vergrub den Kopf in den Händen und weinte lange. Es waren die ersten Tränen seit dem Tod seiner Frau. Dann fiel sein Blick auf das Telefon neben seinem Bett. Er streckte den Arm aus und ließ ihn wieder sinken.
„Schlaf gut“, flüsterte er.

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