Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Januar 2004
Brüder, zur Sonne, zur Freiheit
von Katja Obring

„Scheiße!“ Ungeduldig drückte Hannah auf die Hupe des Käfers. Sie war – wie immer – zu spät dran, und dieser Heckenpenner stand in der Einfahrt des Parkplatzes.
„Nun mach schon, beweg dich!“ Nervös trommelten ihre Finger auf dem Lenkrad. Endlich rollte der Wagen einige Meter vorwärts, und Hannah, bevor sie ihr Fahrzeug um die Ecke auf den asphaltierten Platz hinter dem unscheinbaren Gebäude lenkte, sah eben noch, wie jemand mit knallroten Haaren aus dem Haus gesprungen kam und in den Wagen stieg. Dann verdeckte die Tujahecke ihr die Sicht. Dennoch war sie sicher, dass die Person nur ihre Kollegin Marianne gewesen sein konnte. Ketchuprote Haare gab es nicht soo häufig im Büro der Telefon- und Internetfürsorge. Einmal, um genau zu sein.
Als sie ins Büro kam, sah Peter Oberlechner, der Supervisor vom Dienst, missbilligend auf die Wanduhr und setzte zu einer Predigt an. Aber Hannah kam ihm zuvor: „Jaja, ich weiß, ich bin zu spät. Aber vielleicht könnten sie ja mal in der Uni anrufen und dem Baiermann sagen, er soll seine Vorlesung pünktlich beenden – dann komme ich auch rechtzeitig hier an.“
Oberlechner schüttelte den Kopf, öffnete den Mund, schloss ihn wieder, räusperte sich und sagte schließlich: „Ich gehe gerade in die Küche, frischen Kaffee aufsetzen – willst du auch einen?“
Hannah hasste dieses Gebräu aus der uralten Maschine, aber sie hatte keine Zeit gefunden, sich unterwegs noch eine Cola zu besorgen, als lächelte sie und antwortete, sie wolle liebend gern einen Kaffee. Mit viel Zucker, wenn es ginge. So wie ihr Lächeln. Aber das sagte sie nicht.
Als sie sich auf den noch warmen Stuhl fallen ließ, auf dem bis vor einige Minuten Marianne gesessen hatte, stieß sie wohl den Tisch an, und die Maus bewegte sich, was die Energiesparfunktion des Rechners aufhob und den Bildschirm zum Leben erwachen ließ. Aufgerufen war das E-Mail-Programm der Station, unter Mariannes User-Zugang. Das war ein schwerer Verstoß gegen die A-Regel: wenn ein Ratsuchender es wünschte (und die meisten taten es), dann behandelte nur ein einziger Berater (und der Supervisor) seine Anfrage; alles blieb streng anonym und geheim. Marianne hatte es offensichtlich so eilig gehabt, dass sie vergessen hatte, sich auszuloggen. Da man dazu kein Password benötigt, wollte Hannah das eben tun, um ihrer Freundin Ärger mit Oberlechner zu ersparen, als ihre Augen wie von selbst den Zeilen der noch offenen letzten E-Mail zu folgen begannen: … okay, bin dann in fünf minuten vor dem haus. freue mich schon, mithras. Schnell klickte sie auf „schließen“, meldete Mariannes Account ab und sich selbst an. Wenn Oberlechner das gesehen hätte – private Nutzung der Seelsorge-Accounts waren strikter verboten als offene Getränke am Arbeitsplatz.
Die Nacht war nicht sehr ereignisreich, es stand kein Live-Chat an, deshalb arbeitete sie die eingegangenen E-Mails des Tages ab.

Mail von seb14:
ich weiß nicht, was ich machen soll. ich muss mit einem reden. meine tante macht voll krasse sachen mit mir, packt mich an und so. wer kann mir helfen, ich brauch superdringend hilfe.

Sabine verwies ihn an die „kibs“, eine Stelle, die sich speziell mit den Opfern sexueller Übergriffe auf Jungen beschäftigte, bot aber an, dass er sich natürlich auch gern jederzeit wieder bei ihr melden und einen Termin für einen persönlichen Chat ausmachen oder weiterhin in E-Mail-Kontakt bleiben könne.
Eine Hand fiel auf ihre Schulter, Oberlechner sagte: „Hier ist dein Kaffee. Entschuldige wegen vorhin, du leistest hier ja sehr gute Arbeit, das wissen wir sehr zu schätzen – da kannst du ruhig auch mal zu spät kommen. Aber ich war ein bisschen gereizt, Marianne hat sich schlicht geweigert, auf dich zu warten – sie habe eine wichtige Verabredung, sagte sie zu mir, eine, die ihr Leben verändern könne. Und auf zwei Minuten käme es doch wohl nicht an, oder? Naja, da bin ich halt gerade ein bisschen ungerecht geworden.“ Mit diesen Worten knallte er die Tasse so heftig auf den hinter Hannah stehenden Tisch, dass etwas von der braunen Brühe überschwappt. Fast, als täten ihm seine Worte schon wieder leid. Was soll’s, dachte Hannah, und tippte weiter. Acht lange Stunden lang, dann kam Evi und löste sie ab.

Am nächsten Morgen wurde sie vom Schellen des Telefons geweckt. Sie drehte sich auf die andere Seite und versuchte, das Geräusch zu ignorieren. Reichte es denn nicht, wenn sie drei Nächte die Woche für jedes größere und kleinere Problem zuständig war? Außerdem dröhnte ihr Kopf wie eine der großen Glocken im Dresdner Dom. Als aber die durchdringenden Piepstöne des Handys sich zum Schellen des Festnetzanschlusses gesellten, gab sie auf und streckte den Arm aus, um den Hörer abzuheben.
„Ja?“ Besondere Freundlichkeit konnte um diese Uhrzeit – es war acht Uhr fünfzehn – niemand von ihr erwarten.
„Frau Kintell?“
„ Ja.“
„Hier spricht Kriminalhauptkommissar Lichter. Könnten Sie wohl sofort zur Hauptwache an der Düsseldorfer Straße kommen, Raum 123?“
„Ich schlafe noch. Woher haben Sie meine Nummer? Und worum geht es denn über-“ Das statische Rauschen verriet ihr, dass sie in eine leere Leitung sprach. Das Handy piepste immer noch, also drückte sie die Taste, um den Anruf anzunehmen.
„Was?!“ Sie hatte keine Zeit damit verschwendet, das Display zu studieren, um eventuell rauszufinden, wer sie da anrief – sie hatte einfach angenommen, dass es auch dieser KHK Lichter sei.
„Hallo, Hannah.“ Eine ihr unbekannte Männerstimme, rauchig und zu jeder anderen Tageszeit sicherlich verführerisch klingend. Jetzt eine Säge in ihrem Hirn.
„Wer zum Teufel ist denn da?“
Nur ein geisterhaftes Lachen hallte durch die Leitung zurück, dann wurde die Verbindung unterbrochen.

Als sie fünfzehn Minuten später ungeduscht und ohne einen Kaffee gehabt zu haben die schwere Eingangstür der Polizeihauptwache aufdrückte, waren ihre Gehirnzellen zumindest soweit erwacht, dass sie die Gelegenheit, endlich ein Mal mit einem „echten“ Kripobullen zu sprechen, fast begrüßte. Irgendwie fand sie, das gehöre zu den Erfahrungen, die man mal gemacht haben sollte. Und sie war sich relativ sicher, dass sie nichts verbrochen hatte; naja, von kleineren Verstößen gegen Urheberrecht und BTM mal abgesehen. Was sollte ihr also groß passieren? Sie legte dem ungefähr achtzigjährigen Pförtner ihren Ausweis vor, wurde in einer Liste vermerkt – handschriftlich, herrjeh, kein Wunder, dass die nicht klarkamen mit Verbrechensbekämpfung! – und in den ersten Stock geschickt. Das Innere der Hauptwache war ähnlich deprimierend wie das Sozialamt, nur dass es hier nicht nach abgestandenem Zigarettenrauch stank. Ansonsten war das Gebäude mit denselben gelblich-geprenkelten Steinfliesen ausgelegt, auch hier standen Stühle auf den Fluren, die allerdings nicht umlagert, sondern um diese frühe Uhrzeit verwaist waren, und die Türen waren in einem Farbton gestrichen, den sie nur als „schnoddergrün“ bezeichnen konnte. Neben der Hunderdreiundzwanzig hing ein Schild, das verkündete „KHK Lichter, KK1, Kapitalverbrechen“. Handschriftlich hatte jemand hinzugefügt „und Internetkriminalität“. Die werden mich doch nicht wegen ein paar runtergeladener MP3s hierher bestellt haben, zuckte es ihr durch den Kopf. Quatsch, beruhigte sie sich selbst, dann hättest du einen Brief gekriegt. Dafür rufen die doch nicht an. Als sie die Hand ausstreckte um anzuklopfen bemerkte sie ein weiteres Schild, diesmal ein Computerausdruck und mit Klebeband befestigt: SoKo Mithras. Ein Glöckchen begann in ihrem immer noch von Kopfschmerzen gepeinigten Schädel zu schrillen, aber sie brachte es schnell zum Schweigen.
KHK Lichter begrüßte sie ohne aufzustehen: „Guten Morgen, Frau Kintell. Bitte setzen sie sich einen Moment.“
Also setzte sie sich auf einen der beiden blauen Stühle, die rechtwinklig zum Schreibtisch an der Wand aufgereiht standen, und schaute KHK Lichter zu, wie er mit zwei Fingern und quälend langsam etwas in den Computer tippte. Nach einigen Minuten war er fertig. Hannah wünschte sich dringend eine eiskalte Cola; ihr floss der Schweiß in Strömen die Flanken hinab; das Büro war überheizt und stickig.
„So. Sie arbeiten in der Internetseelsorge des Duisburger Sorgentelefons, ist das richtig?“ KHK Lichter schien fertig mit seinem Computer.
„Ja.“
„Wie lange arbeiten sie dort schon?“
„Ungefähr ein Jahr, plus drei Monate Vorbereitung mit Schulung und so. Darf ich erfahren worum es geht?“
„Es geht um den Mord an ihrer Kollegin Marianne Rosenbrecht. Ihre Leiche wurde heute Morgen um“, er konsultierte kurz eine Akte, die vor ihm auf dem Tisch lag, „sieben Uhr fünfzehn am Innenhafen aus dem Hafenbecken gezogen. Sie ist erstochen worden, wie es aussieht, aber natürlich wissen wir vor dem endgültigen Oduktionsergebnis nichts Genaues.“
Hannah blieb der Mund offen, aber Luft bekam sie trotzdem nicht. Konnte es sein, dass sie noch träumte? Der anhaltende Luftmangel zwang sie schließlich, in einem japsenden Zug Sauerstoff einzusaugen. Prompt musste sie husten, Tränen schossen ihr in die Augen und die Erkenntnis ins Hirn. Mithras, der Name der SoKo – genauso war die Mail in Mariannes Account gezeichnet gewesen.
„Scheiße“, sagte sie, als sie ihre Atemfunktionen wieder unter Kontrolle hatte.
„Wie bitte?“, antwortete KHK Lichter.
„Marianne hatte gestern vergessen sich aus dem E-Mail-Programm abzumelden, also las ich zufällig ihre letzte Nachricht. Und die war von jemandem namens „mithras“. Das steht draußen an ihrer Tür. Was hat das zu bedeuten?“
Die letzte Frage stellte sie eigentlich nur aus Höflichkeit. Ihr Hirn hatte bereits die erforderlichen Verdrängungsmaßnahmen bezüglich Mariannes Tod eingeleitet und sich auf „Mystery“-Modus gestellt. Kombiniere, Marianne ist nicht das erste Opfer. Kombiniere, es handelt sich um einen Serientäter. Kombiniere – warum bin hier? Und wer war da vorhin am Telefon? Der Schweiß floss weiter, aber die Temperatur im Raum schien plötzlich gefallen zu sein. Krimis lesen ist eben doch was anderes als sie zu erleben. Hilfesuchend schaute sie KHK Lichter zum ersten Mal wirklich an. Überraschend jung war er, Anfang Dreißig, schätzte sie, und ausgesprochen attraktiv mit den dunklen Haaren, den dunkelblauen Augen und der energischen Nase. Warum trifft man hübsche Männer immer nur in flirtfreien Zonen? Der KHK setzte zum Sprechen an; sie konnte ihm ansehen, dass er seine Worte sorgfältig wählte.
„Das müssen Sie mir gleich genauer schildern. Offensichtlich vermuten Sie ja schon, dass dieses Verbrechen etwas mit der SoKo Mithras zu tun haben könnte, und das ist richtig. Es scheint so zu sein, als ob dieser letzte Mord in einer Beziehung zu mehreren anderen Morden hier und in der gesamten Republik stünde. Der Mörder hat mittels E-Mails Kontakt zu seinen Opfern aufgenommen, und sein Nickname ist „mithras“. Zumindest nehmen wir das an, denn-“ Abrupt stoppte der Kommissar sich. „Aber das kann ich Ihnen nicht sagen, das sind ermittlungsrelevante Fakten, deren Offenlegung den Ausgang der laufenden Ermittlung gefährden könnte.“ Als zitiere er einen auswendig gelernten Absatz aus seinem Lehrbuch, und wahrscheinlich war das auch so. „Jedenfalls wäre es für uns sehr aufschlussreich, wenn wir diese Kommunikation einsehen könnten.“

„Warum bin ich dann hier und nicht Peter Oberlechner, unser Supervisor? Er hat die Zugangscodes für alle Mitarbeiter, er kann ihnen die Daten zugänglich machen.“
„Nein, das kann er nicht, es scheint so, als habe ihre Freundin sich ein Verschlüsselungsprogramm geladen und ihr Password geändert. Außerdem weigert er sich, wegen der Anonymitäts- und Geheimhaltungsklausel.“ Marianne sollte sich ein Verschlüsselungsprogramm verschafft haben? Lächerlich.
„Marianne weiß nicht Mal, was ein Verschlüsselungsprogramm überhaupt ist, ebenso wenig weiß sie wie man ein Passwort ändert.“
„Aber Sie schon, oder? Erklären Sie es mir doch mal.“
„Mit einem solchen Programm verschlüssele ich meine Daten, so dass weder der Systemadministrator noch der Supervisor mitlesen kann.
Aber wenn Sie das nicht wissen, sollten sie sich vielleicht ein anderes Fachgebiet als die Internetkriminalität suchen – vielleicht Kampfkuchenbacken oder so was.“ Ah, super, Fräulein Oberschlau. Beleidige den Beamten – schneller kommst du dadurch bestimmt nicht hier raus. Aber der KHK lächelte.
„Wollen Sie vielleicht auch erst Mal einen Kaffee?“
Zweieinhalb Stunden und vier Liter Kaffee später trat Hannah auf die Straße vor der Wache. Ihr schwirrte der Kopf. Der KHK hatte die gesamte Festplatte ihres Computers aus der Seelsorgestation kopiert und hierher gebracht, und sie hatte sich mit ihrer Zugangsberechtigung eingeloggt, dann ein bisschen rumhackt, nur für die Show. Die Wahrheit war, dass sie diesen Rechner in einer ihren ersten Nächte gehackt hatte – kein Mensch konnte von einer ehrenamtlich arbeitenden Studentin erwarten, dass sie diese lächerliche Internetsperre akzeptierte … Außerdem hatte Sascha, der Systemadministrator beim Eingeben seines Passwortes mehr auf ihre Beine als die Tastatur geschielt. Nur ein Idiot hätte das Password nicht mitbekommen. Auch jetzt wurde sie als SysAdmin anerkannt. Zwar konnte sie Mariannes E-Mails nicht öffnen, anhand der Mailheader, die natürlich nicht verschlüsselt waren, konnten sie feststellen, das Marianne seit ungefähr zwei Wochen mit Mithras in Kontakt gewesen war. Damit war es ein leichtes, in den Sicherungskopien der Eingangsmails, die vor der Viruskontrolle gemacht wurden, nach den Klartextnachrichten zu suchen. Anfangs hatte Mithras über Minderwertigkeitsgefühle und Depressionen geklagt, aber im Laufe der Kommunikation war er immer euphorischer geworden, bis er schließlich Marianne seine tief empfundene Liebe gestanden hatte. Und Marianne, ihre Marianne mit den ketchuproten Haaren und dem Bauchnabeldekolleté, schien darauf reingefallen zu sein. Sie brach die oberste Regel und nannte ihm ihren echten Namen. Mit Telefonnummer. Von nun an veränderte sich der Ton der E-Mails und wurde fordernder. mithras bat zuerst um ein Treffen, dann bettelte, schließlich verlangte er. Die letzte Mail war dann diejenige, die Hannah gelesen hatte. Leider konnten sie nur die eingegangenen Mails lesen, Marianne hatte die ihrigen nicht im Postausgangsorder verwahrt und auch keine Kopien angefertigt. Hannah hatte dem KHK dann noch den Wagen beschrieben, der in der Einfahrt gestanden hatte, ein dunkler Golf, wahrscheinlich blau, womöglich schwarz. Älteres Modell, keine Verzierungen oder Ähnliches. Das Nummernschild hatte sie sich nicht eingeprägt.

Sie ging nicht direkt nach Hause, sondern beschloss, an der Telefonseelsorge vorbeizuschauen. Vielleicht konnte sie ja rausfinden, wer an Mariannes Account etwas geändert und neue Programme aufgespielt hatte. Dazu bräuchte sie allerdings einen Zugriff auf den Server, und das ging nur schlecht ohne den SysAdmin der Station. Der saß nicht oben bei ihnen in der Telefonzentrale, sondern unten, im Erdgeschoss, bei der Verwaltung. Hannah klopfte an die Tür, aber niemand antwortete. Also ging sie ins Verwaltungsbüro.
„Morgen, Hannah. Schon gehört?“ Die Sekretärin, Frau Eisenstein, blickte von ihrer Illustrierten auf und versuchte, einen betroffenen Gesichtsausdruck aufzulegen. Da sie allerdings über keinerlei Mitgefühl für reale Personen verfügte, nur für die Hochglanzfotopromis in ihren Blättchen, misslang das gründlich. Der Sensationshunger blitzte deutlich durch. Sie sah eine Chance, endlich auch einmal in die SuperIllu zu gelangen. Hannah war das Recht – vielleicht konnte sie diese Schwäche der Dame ausnutzen, um ein paar Infos zu bekommen, an die sonst schwer dranzukommen wäre.
„Ja, ich komme gerade von der Kripo.“
Die Eisenstein riss die Augen auf. „Nein!? Was wollten die denn von dir?“
„Ach, das übliche, wann ich Marianne zuletzt gesehen habe, ob ich Freunde von ihr kenne, hat sie mir von dem Typ erzählt, so was halt.“
„Und?!“
„Ja, nix und. Ich kenne ihre Freunde, nein, von dem Typ hat sie nix erzählt, gesehen habe ich sie gestern Abend bei Schichtwechsel. Aber eigentlich wollte ich wissen, wo Sascha steckt.“
„Sascha? In seinem Raum.“
„Nö, da war ich gerade, da ist er nicht. Aber er war heute schon Mal da, oder?“
„Ehrlich gesagt, keine Ahnung. Gesehen habe ich ihn noch nicht. Aber komm, nimm dir einen Kaffee und erzähl mir von dem Verhör.“
Verhör! Also wirklich, das ging zu weit. Hannah merkte, wie ihr Blutdruck bedenklich anstieg. Diese neugierige Kuh!
„Nee, sorry, ich hab zu tun. Danke!“
Mit einem wehmütigen Blick auf den am Schlüsselbrett hängenden Hauptschlüssel verließ sie das Büro. Was nun? Sascha nicht da, das Serverbüro abgeschlossen – sie könnte sich natürlich auch von der Telefonzentrale aus in den Server hacken, aber tagsüber, wenn alle sechs Telefone und die drei Rechner besetzt waren, würde das irgendjemand merken. Trotzdem ging sie hoch. Der Supervisor der Tagschicht, Johannes Grooteboem, begrüßte sie enthusiastisch.
„Mensch, Hannah, hallo! Was machst du denn hier?“
Sie entzog ihren Unterarm seinem Klammergriff und versuchte, wohl eher erfolglos, ein Lächeln auf ihr Gesicht zu zwingen.
„Hallo Jo. Ich war gerade bei der Polizei, wegen Marianne. Ich-“ Ihr Handy fing an zu klingeln. „Schiete, wart mal eben.“ Er runzelte die Stirn – mehrere Schilder wiesen darauf hin, dass in der Telefonzentrale private Handys nicht gestattet waren. Hannah ging auf den Flur und drückte die Taste mit dem grünen Hörer. Diesmal hatte sie vorher auf’s Display geschaut, aber das verriet nur „Nr. unterdrückt“.
„Hallo?“
„Naa, heute Abend schon was vor?“
„Wer spricht da?“
Wieder dieses geisterhafte Lachen, wie am Morgen, und weg war die Verbindung. Hannah lief es eiskalt den Rücken hinunter, und sofort suchte sie die Nummer des KHK Lichter heraus, die sie am Vormittag eingegeben hatte, und rief ihn an. Er meldete sich beim zweiten Klingeln.
„Lichter.“
„Hallo, Herr KHK. Ich glaube, der Killer ruft mich an. Das war gerade das zweite Mal.“ Und sie schilderte ihm die beiden Anrufe. In diesem Moment piepste ihr Handy und zeigte so den Empfang einer SMS an.
„Moment mal eben, da ist was gekommen. Ich ruf sofort zurück.“ Die SMS enthielt ein Bild, das stilisierte Abbild eines Skorpions. Sonst nichts. Die Absendernummer wieder unterdrückt.
„Herr Lichter? Ja, ich bin’s wieder – jemand hat mir das Bild eines Skorpions geschickt. Wissen Sie, was das zu bedeuten haben könnte?“
„Frau Kintell, Sie sollten besser nach Hause gehen und dort bleiben. Schließen Sie die Tür ab, und öffnen Sie niemandem, den Sie nicht gut kennen. Der Skorpion ist Bestandteil des Kultes, nach dessen Gottheit unser Killer sich benannt hat. Dieser Kult beinhaltete die rituelle Tötung eines Stieres oder einer Kuh. Das vergossen Blut sollte die Fruchtbarkeit der Felder erhalten und war gleichzeitig ein Opfer an den Sonnengott Mithras. Alle Darstellungen dieses Rituals bilden dabei einen Skorpion, einen Hund und einen Raben ab. Wir-“
„Wollen Sie damit andeuten, der Killer hätte jetzt mich auf dem Kieker? Aber sein modus operandi war doch bisher völlig anders.“
„Das wissen wir nicht genau. Die bisherigen Opfer hatten zwar auch alle Mobiltelefone, aber wir haben keines davon gefunden. Seien Sie also bitte vorsichtig. Ich kann Sie auch in Schutzhaft nehmen lassen.“
„Nee, falls das ein Angebot war, danke. Ich hab’ Sachen zu tun. Studieren, leben, so was eben.“
„Frau Kintell, Sie sollten das nicht auf die leichte Schulter nehmen-“
„Schon gut, ich pass’ auf mich auf, versprochen. Tschöö.“
Hannah hatte eben gehört, wie unten eine Tür aufgeschlossen wurde. Das konnte eigentlich nur Sascha gewesen sein. Also trabte sie die Treppe runter und klopfte erneut an seine Tür. Diesmal klang ein unwilliges ‚Herein’ durch das Holz, und Hannah drückte die Klinke runter und die Tür auf. Als Sascha sie sah, verwandelte sich seine unwillige Grimasse in ein Lächeln der seltsamen Sorte.
„Hannah! Welche Überraschung. Was kann ich für dich tun?“
„Ich-“ Plötzlich schien es Hannah keine gute Idee mehr zu sein, ihn einfach um Hilfe zu bitten, wie sie es eigentlich vorgehabt hatte. Dieses Lächeln … irgendetwas daran gefiel ihr nicht.
Sascha hatte die Tür hinter ihr wieder ins Schloss gezogen. Nun steckte er den Schlüssel hinein und drehte ihn um. Dann ging er zu seinem Ghetto-Blaster und drückte ‚Play’. Brüllend laut schrammelte Metallica durch den Raum: Frantic-tic-tic-tic-tock.
„Was machst du?“ Hannah musste schreien um sich verständlich zu machen. Sascha aber hörte gar nicht zu. Er wühlte in seinem Rucksack, hatte etwas gefunden und lachte. Irgendwie erinnerte sie dieses Lachen an etwas … natürlich, die Telefonanrufe. Sie drehte sich zur Tür, aber er hatte den Schlüssel abgezogen. Ein Scharren hinter ihr ließ sie wieder herumfahren. Sascha hatte ein langes Messer in der Hand und kam langsam auf sie zu.
„Du warst nicht vorgesehen. Du bist unrein. Aber du gefährdest die Wiedergeburt. Also muss ich dich aus dem Weg schaffen.“
„Unrein? Wiedergeburt? Wovon faselst du da?“ Scheiße, Hannah, denk! Psychologie – das studierst du. Rede mit ihm, beleidige ihn nicht!
„Und diese Überheblichkeit! Aber die wird dir gleich vergehen, und Blut bleibt Blut, und auch du bringst mich ein Stück näher an die Sonne. Zur Freiheit.“ Er hielt ihr eine kleine Phiole entgegen, in der eine trüb-gelbe Flüssigkeit schwappte.
„Trink das.“
„Nein.“
„Tu’s. Das macht es leichter für dich, glaub mir.“
„Nun, es mir leicht machen war noch nie mein Ding. Lass mich gehen. Ich werde dich nicht verraten.“ Ihre Hand suchte hektisch in der großen Handtasche nach dem Handy. Endlich hatte sie es gefunden und drückte auf den grünen Hörer. Oder zumindest hoffte sie, dass sie diese Taste getroffen hatte.
Plötzlich brach um sie herum die Hölle los. Jemand warf sich von außen gegen die Zimmertür, während gleichzeitig die Fenster zerbrachen und etwas ins Zimmer geflogen kam. Sofort breiteten sich beißende Dämpfe aus, ihr schossen die Tränen in die Augen, und sie konnte nichts mehr sehen. Instinkt war alles, was noch funktionierte, und der befahl ihr, von der Tür weg in die Zimmerecke zu wanken und sich dort zusammenzukauern. Die Tür gab, dem splitternden Geräusch nach zu urteilen, endlich nach, sie hörte Getrappel, auch die Fenster schienen aufgestoßen worden zu sein, denn es kam frische Luft ins Zimmer, einiges Geschrei hallte durch die Luft, dann packte sie jemand am Arm.
„Nein! Du kriegst mich nicht, du Arschloch!“ Blindlings schlug sie drauflos, und erst nach einigen Sekunden erkannte sie die Stimme von KHK Lichter.
„Beruhigen Sie sich, alles ist gut! Wir haben ihn, Sie sind in Sicherheit!“

Nachdem die Ambulanz sie mit Augentropfen versorgt hatte und Hannah zumindest eine unklare Weltsicht wieder ihr Eigen nannte, kam KHK Lichter zu ihr herüber und lächelte – das nahm sie wenigstens an. So viele Feinheiten erkannte sie noch nicht.
„Wie konnten Sie denn so schnell hier sein? Ich hatte doch gerade erst angerufen.“
„Angerufen?“ Der KHK nahm sein Telefon heraus und drückte eine Weile darauf herum. „Ach, ja, da, tatsächlich. Nee, da hatte ich schon ausgemacht. Als Sie mich vorher wegen der Anrufe angefunkt hatten, da war ich gerade zu dem Schluss gekommen, dass der Täter direkten Zugang zu ihrem Server haben musste. Also habe ich hier im Büro angerufen und erfragt, ob der SysAdmin da ist. Die Sekretärin sagte ja, er sei gerade gekommen, und dass er heute ein ungewöhnlich gefragter Mensch sei, Sie hätten sich auch schon nach ihm erkundigt. Und da wurde mir klar, dass Sie in Gefahr schweben und ich habe sofort ein Einsatzteam geschickt.“
Hannah konnte nur nicken. Dann wischte sie sich mit einem Taschentuch über die noch immer brennenden Augen.
„So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich glaube, ich werde eine Weile keine Krimis mehr lesen.“
Der KHK grinste. „Falls Sie dann Langeweile bekommen, könnten wir ja mal zusammen ins Kino gehen – keinen Krimi, versprochen. Ich mag die Dinger nämlich sowieso nicht.“

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