Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Januar 2004
Jedes Mal, wenn eine Glocke läutet, bekommt ein Engel seine Flügel
von Susanne Schubarsky

Georg Bailer starrte mit einem Gefühl in die weiß schäumende Strömung, das verdächtig nahe an Angst herankam. Lächerlich. Er war nicht so weit gekommen – das höchste Geländer der Capra-Brücke – nur um jetzt wegen Feigheit aufzugeben. Er schluckte. Er musste einfach nur loslassen und springen. Seine Hände verkrampften sich noch etwas fester um die Metallstreben des Geländers. Besser vorher die Augen schließen. Er holte tief Luft. Also, eins, zwei ...
„He, du da oben!“ Was war das? Konnte der ihn meinen? Georg öffnete vorsichtig seine Augen und blinzelte auf die Brücke hinunter. „Ja, mit dir rede ich. Was willst du denn mit dieser Scheiße beweisen?”
Warum konnte ihn der Typ nicht in Frieden sterben lassen? „Hau ab“, brüllte er hinunter und wäre beinahe von der Brücke gefallen, da er mit seinem Arm weit ausgeholt hatte. Panik erfüllt klammerte er sich mit beiden Armen an die Strebe.
„Hau ab“, wiederholte er, „lass mich in Ruhe.“ Vorsichtig richtete er sich auf. Nach einigen Sekunden hatte sich sein schneller Atem wieder etwas beruhigt und er lockerte testweise seinen Griff um das Geländer. Es hatte keinen Sinn, die Sache noch hinauszuzögern. Eins, zwei...
“Warum?”
Der aufdringliche Samariter war näher gekommen und stand nun fast direkt unter ihm. „Es ist sicher ein geiles Gefühl, da runterzuspringen, aber da gibt’s doch Besseres. Also, warum?“
Warum wollte er springen, musste er springen? Es ging den seltsamen Typen zwar nichts an, aber ... „Weil ich tot mehr wert bin als lebendig, weil ich allen nur Unglück bringe.“
„Und das ist alles? Danke, sehr langweilig. Übrigens, wenn du mit der Lebensversicherung rechnest, um deine Geldprobleme zu lösen, vergiss es. Bei Selbstmord zahlen die nicht.”
Verwirrt schüttelte Georg Bailer den Kopf. Was? Die Versicherung zahlte nicht bei Selbstmord? Wozu hatte er sie dann gerade erst abgeschlossen, auch wenn er sich sonst nichts mehr leisten konnte? „Das glaube ich nicht.“
„Wie du meinst. Aber überleg mal – warum sollten sie einem Versager auch noch etwas dafür zahlen, dass er sich feig aus dem Staub macht.“
„Das ist ja Betrug“, murmelte Georg, viel zu erschöpft, um wirklich wütend zu sein, und kletterte langsam hinunter. Der Typ lehnte entspannt am Geländer.
„Was willst du noch? Du hast es geschafft, ich bin herunten, bravo, Gratulation. Und jetzt hau endlich ab.“
„Okay.” Er streckte Georg eine Karte entgegen. „Aber bevor du eine Dummheit machst, ruf mich an.”
Georg Bailer starrte abwechselnd auf die Karte und die sich rasch entfernende Nervensäge.
Clemens Uhrmacher, Anwärter unter Supervision.
Georg vergrub beide Hände in seinen Taschen und stemmte sich gegen den eisigen Wind. Was sollte er tun? Er würde sich umbringen, daran hatte sich nichts geändert. Er musste es nur so anstellen, dass es nicht wie Selbstmord aussah. Das bedurfte gründlicher Überlegung. Nur, in seine Wohnung konnte er nicht zurück. Sein Vermieter hatte die Zwangsräumung heute Morgen durchgezogen. Blieb nur das Büro. Ganz automatisch hatte er den Weg dorthin eingeschlagen. In drei Tagen würde es für immer geschlossen werden und jetzt sicher leer sein. Die Kollegen hatten bereits aufgegeben. Warum sollten sie auch noch herkommen, wenn niemand sie bezahlte? Er setzte sich an seinen Schreibtisch. Der Lösung seines Problems war er noch keinen Schritt näher gekommen, als das Telefon läutete.
„Helfende Engel“, brummte er ins Telefon. Aus purem Reflex hatte er den Hörer abgenommen, obwohl ihm die Probleme anderer Leute heute eigentlich gestohlen bleiben konnten. „Was wollen Sie?.“
„Äh, bin ich hier richtig bei der Telefonseelsorge?“, fragte der Anrufer nach einer längeren Pause.
„Ich weiß nicht, ob Sie richtig sind. Die ‚Helfenden Engel’ machen telefonische Beratung, noch. Also, was wollen Sie?“
„Ich wollte mit jemandem über meine Probleme sprechen. Aber...“
„Was aber?“
„Ich hatte eigentlich angenommen, dass die Leute am Telefon netter wären.“
„Was, ich bin Ihnen nicht nett genug? Ha. Wollen Sie jetzt reden oder nicht?“
Verblüfft starrte Georg den Hörer an, aus dem das Besetzt-Zeichen tönte. Das war ihm noch nie passiert. Er hatte aber auch noch nie so unter Stress gestanden. Egal. Er wusste jetzt nämlich, was er tun würde. Ein paar Kabel an seinem Computer kurzschließen, so dass er beim Einschalten einen Stromschlag erhielt. Maria und die Kinder wären endlich versorgt, denn die Alimente konnte er schon seit Monaten nicht mehr bezahlen.
Er kroch unter den Schreibtisch und machte sich an die Arbeit. Einmal läutete das Telefon, aber er hob nicht mehr ab. Größere Probleme als er konnten die anderen auch nicht haben. Und wenn er schon für sich selbst keinen Ausweg sah ...
Der Computer war kurzgeschlossen, und er starrte den Einschaltknopf an. Es war so weit. Nein, eine Zigarette würde er sich vorher noch gönnen. Er hatte zwar vor Jahren damit aufgehört, doch die eine würde ihn auch nicht umbringen. Haha. Wenig lustig. Er plünderte die Schublade einer Kollegin, von der er wusste, dass sie immer ein Reservepäckchen aufbewahrte.
Er machte drei tiefe Züge, und der Raum drehte sich um ihn. Nikotinschock.
Das Telefon begann wieder zu läuten. Warum nicht? Eine letzte Zigarette, eine letzte gerettete Seele. „Helfende Engel. Was wollen Sie?“
“Warum bist du so dickköpfig? Du willst dich doch nicht wirklich umbringen.”
Der Quälgeist. Aber wie ...? Woher wusste er ...? Der Typ war aufdringlich. Georg holte tief Luft. „Ich bin am Ende, mir bleibt kein anderer Ausweg. Und wenn du es nicht glaubst, da ist erstens mein Job, dann meine Freundin ...“
„Ja ja, das weiß ich alles. Deine Freundin hat dich verlassen, du hast deinen Job verloren, du hast kein Geld, deine Kinder, deine Eltern, blablabla. Na und? Ich begreife nicht, wie ihr einfach aufgeben könnt, ohne es überhaupt zu versuchen.”
“Was…?”
“Halt deine Klappe und hör mit dem Gejammere auf. Was soll der Scheiß? Dir liegt echt was an anderen Menschen. Du willst ihnen helfen, auch wenn du es nicht immer so deutlich zeigst. Also, was hält dich davon ab? Tu es! Wenn diese kleinlichen Erbsenzähler den Laden hier zusperren, sollen sie. Mach deinen eigenen auf. Du bist gut, du könntest sogar Geld damit verdienen.“
“Was …?”
“Reiß dich zusammen, Mann, das nervt. Übrigens, das hätte ich beinahe vergessen. Maria, deine Frau, sie liebt dich noch immer, genauso wie du sie liebst.“
“Aber … Woher weißt du ...? Verdammt, jetzt reicht’s. WER BIST DU?“
„Du hast meine Karte. Und jetzt legen wir einen Zahn zu, ich hab’s eilig. Du glaubst, du willst dich umbringen, aber das stimmt nicht, ich weiß das. Deine Probleme lassen sich lösen, es gibt also keinen Grund dafür. Also wirst du es nicht tun. Punkt.”
Georg hielt den Hörer weit weg von seinem Ohr. Er brauchte eine Pause. Der Typ war völlig verrückt. Das musste er sein. Die einzige andere Erklärung wäre sonst, dass er selbst den Verstand verloren hatte. Tief durchatmen. Ganz ruhig bleiben.
“Hör mir zu, du …”
„Also, hast du verstanden?”
“Was …?”
“Nicht schon wieder. Ich hab es wirklich eilig. Also, hast du verstanden? Du weißt schon, dass du dich nicht umbringen darfst, dass das Leben ein wundervolles Geschenk ist, das man nicht wegwirft, und so weiter, und so weiter. Ist ja nichts Neues für dich. Sag einfach ‚Ja’, und du bist mich los. Ich brauche diese Beförderung, und schnell. Da wartet ein flotter Engel auf mich. Muss ich noch mehr sagen?“
Hm. Georg wunderte sich längst nicht mehr über die seltsamen Aussagen, er konnte nur daran denken, dass Maria ihn noch immer liebte. Er hätte ihr nie die Scheidung anbieten sollen, sie nie dazu drängen sollen, nur, weil er ihr nicht den Lebensstil bieten konnte, den sie in seinen Augen verdiente. Er würde sie gleich anrufen. Und diese Idee mit der eigenen ...
„Ja.“
„Du meinst …? Du sagst wirklich ‘Ja’? Danke, Mann, das fetzt. Und jetzt tu mir noch einen letzten Gefallen: Läute deine Türglocke, einmal reicht völlig, und dann zisch ich ab.“

Susanne Schubarsky, Jänner 2004

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