Ganz schön bissig ...
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Januar 2004
Die Stimme
von Anna Jordan

„Telefonseelsorge. Guten Tag. Wir sind immer für sie da. Sie sprechen mit Elisabeth List. Sie möchten über ein Problem sprechen?“
„Guten Tag, ja .... also ich ....“
Eine kurze Pause folgte, während Elisabeth List geduldig wartete.
„Also ich ...“, man hörte tiefes Einatmen, dann das laute Geräusch heftig wieder ausgestoßener Atemluft. „Es ist einfach alles schrecklich. Nur schrecklich!“ Nach kurzem Stocken ging es weiter. „Ich weiß nicht, wie ich da rauskommen soll, aus diesem Chaos. Alles fällt auseinander, geht kaputt oder verloren. Ich weiß einfach nicht mehr weiter.“
„Sie wissen nicht mehr weiter?“, erklang sanft Elisabeth List.
„Ja“, antwortete die Stimme. „Jetzt bin ich zu allem andern auch noch seit letztem Monat arbeitslos und blöderweise ist gestern die Waschmaschine kaputtgegangen.“
„Ist die Waschmaschine ein Problem?“
„Ach, naja. So kann man das vielleicht nicht sagen. Eigentlich ist das nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Tropfen ist natürlich Quatsch. Das ganze Wasser ist ausgelaufen und ein Stockwerk tiefer hat es durch die Decke getropft. Das wird noch Ärger geben mit dem Vermieter, und der Typ, der in der Wohnung unter mir wohnt, will garantiert auch Geld für neue Möbel. Ich muss jetzt einfach mal mit jemandem reden, irgendwie ...“
Die Stimme machte eine kurze Pause und klang beim Weitersprechen etwas belegt. „Ich weiß nicht“, man hörte ein Schlucken. „Es ist eben einfach keiner da, keiner der einem hilft, mit dem man vernünftig ... einfach kein Mensch zum Reden.“
„Kein Mensch zum Reden?“
„Ja. Jedenfalls nicht richtig. Alle reden nur oberflächliches Zeug.“
„Was meinen Sie damit?“
„Ach, naja. Man kann eben nichts Richtiges reden, über wirklich Wichtiges. Die Leute reden doch immer nur über dieselben Sachen, machen blöde Witze, Ausflüchte, verschweigen die Dinge, indem sie plappern. Oder sie schreien herum. Verstanden wird man sowieso nicht. Man redet immer aneinander vorbei oder umeinander herum, aber nie richtig miteinander.“
„Sie möchten über ein Problem sprechen?“
„Nun, Sie hören doch wenigstens mal richtig zu und sind nicht gleich wieder mit was anderem beschäftigt. Jetzt habe ich keine Arbeit mehr. Ach so – das habe ich ja schon gesagt. Die Tage sind endlos lang, und die Nächte erst ... Ich kann kaum noch schlafen, mir geht alles mögliche durch den Kopf. Wie soll das bloß werden, mit den Schulden und dann keine Arbeit. Ich schaff das nicht mehr. Das wächst mir alles über den Kopf. Und dann noch der Ärger mit Sophia. Die ist überhaupt an allem schuld. Wenn die Sache mit Sophia nicht gewesen wäre, dann hätte ... ach ich weiß nicht ... Keine Ahnung, was jetzt noch alles auf mich zukommt. Ich weiß einfach nicht, wie es weitergehen soll.“
„Sie wissen nicht mehr weiter?“
„Wenn man in die Zukunft sehen könnte. Dann könnte man sich vielleicht davon überzeugen, dass es irgendwann mal wieder besser wird. Aber jetzt ... jetzt ist da nur ein schwarzes Loch.“
„Ist das schwarze Loch ein Problem?“
„Alles ist ein Problem. Nur meistens merkt man das nicht. Wenn's einem gut geht, dann hat man keine Angst vor der Ungewissheit. Da lebt man zufrieden vor sich hin und denkt nicht dran, dass jeden Moment ein Unglück passieren könnte und plötzlich alles ganz anders aussieht. Für mich gibt es keine Hoffnung mehr. Ich glaube nicht, dass dieser Tunnel jemals endet und ich wieder Licht sehe.“
„Wieder Licht sehe?“
„Sie wissen schon, dass man eine Perspektive hat. Es muss ja irgendwie weitergehen. Es geht auch immer weiter. Komischerweise geht es immer weiter, einfach weiter, auch wenn man keine Ahnung hat, wo's lang geht, immer weiter und man wird mitgeschleift, als würde man an einem Haken hängen oder wäre in der Tür vom Zug der Zeit eingeklemmt und hängt draußen im Fahrtwind.“
„Was meinen Sie damit?“
„Na, ich meine .... Oder vielleicht ist es eher so wie in dem Spruch, dem mit Gottes Mühlen. Die malen langsam und außerdem malen sie gnadenlos. Natürlich ist man da kein Rädchen im Getriebe, sondern schon eher das Korn, das zwischen den Mühlsteinen zermalmt wird, wenn sich die Mühle dreht und dreht und dreht.“ Die Stimme brach ab, setzte dann kraftlos wieder ein: „Vielleicht ist das auch das beste. Dann ist man mit einem Mal alle Probleme los.“
„Sie möchten über ein Problem sprechen?“
„Eigentlich weiß ich jetzt gar nicht mehr so recht, ob das was nützt. Es ist ja auch nicht nur ein einziges Problem. Ein Unglück kommt eben selten allein; da ist was Wahres dran. Es ist einfach alles zu viel.“
„Sie wissen nicht mehr weiter?“
„Sophia die falsche Schlange. Die Schulden. Dann hat mir auch noch einer vor kurzem das Fahrrad geklaut. Mit meinem Vater habe ich einen Reisenkrach gehabt. Der wird immer sturer, dabei ist er noch viel zu jung für Altersstarrsinn.“
„Ist Altersstarrsinn ein Problem?“
„Na und wie! Jedenfalls wenn er zu früh einsetzt. Auf jeden Fall bei meinem Vater. Der merkt gar nicht, wie er mit seiner Sturheit allen auf die Nerven geht, auch meiner Mutter. Aber die hat ja jetzt erst mal Ruhe vor ihm; jetzt im Krankenhaus.“
„Im Krankenhaus?“
„Ja das ist auch so eine Sache. Aber davon will ich nicht reden. Es ist wirklich ernst. Es sieht böse aus, doch die Ärzte sagen nichts genaues.“
„Was meinen Sie damit?“
„Die haben keine Ahnung. Oder sie wollen einfach nichts sagen. Jedenfalls rücken sie nicht mit der Sprache raus. Ist ja auch egal. Jetzt ist wirklich alles egal. Es kommt sowieso alles, wie es kommt. Da kann man gar nichts machen. Oder können Sie mir sagen, was man da machen kann?“
Nach dieser Frage entstand eine längere Pause. Man hörte Rauschen, aber es kam keine Antwort.
„Sie möchten über ein Problem sprechen?“
„Wie bitte?“ Die Stimme klang erstaunt. „Ich wollte eigentlich einen Rat von Ihnen, aber Sie wissen da wohl auch nicht weiter.“
„Sie wissen nicht mehr weiter?“
„Ja, ich weiß nicht mehr weiter, das ist genau das Problem. Dieses Problem ist das Resultat meiner vielen anderen Probleme. Haben Sie vielleicht eine Lösung für ein paar von den Schwierigkeiten, in denen ich stecke? Oder läuft hier nur ein Programm ab? Sie sind so einfallsreich wie ein Computer.“
„Ist der Computer ein Problem?“
Wieder entstand eine Pause. Dann erhob sich die Stimme, klang misstrauisch, fast ein bisschen drohend. „Das würde ich schon so sehen. Das ist doch wohl nicht wahr. Sehe ich das richtig? Ich dachte, es hört wirklich einer zu und hilft mit Rat, wenn man sein Herz ausschüttet.“
„Herz ausschüttet?“
„Jetzt reicht's aber. Das funktioniert hier ja wie ........... wie ein Mülleimer.“
„Was meinen Sie damit?“
„So eine schräge Idee. Man redet und redet, ko ... kippt hier alles rein, und dann ist man die Probleme los. Schön wär's.“
„Sie möchten über ein Problem sprechen?“
„Ich glaube nicht.“ Laut und wütend war die Stimme.
„Sie wissen nicht mehr weiter?“
„Das ist genau der Punkt.“ Die Stimme schrie fast.
„Ist der Punkt ein Problem?“
„Ich muss schon sagen, Telefonseelsorge habe ich mir wirklich anders vorgestellt.“
„Telefonseelsorge?“

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