Burgturm im Nebel
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"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Januar 2004
Seelsorge
von Torsten "Tortitch" Schmandt

Über wie viel Voraussicht und Berechnung verfügt ein Junge von zwölf Jahren? Ich kann mich genau an jenen Tag erinnern, als er mit dem Telefon am Buffett stand: Finn, mein Sohn, Schalksgesicht.
„Musst du schon wieder telefonieren? Mit der monatlichen Rechnung können wir dein Zimmer tapezieren.“
„Bei der Zimmergröße würde schon meine Briefmarkensammlung dafür genügen.“
„Du sammelst doch gar keine ... mit wem hast du gesprochen?“
„Mit der Telefonseelsorge.“
„Mit der was?“
„Ich hab ihnen gesagt, dass mein Vater mir alles verbietet und mich ständig schlägt, seit Mutter tot ist. Sie haben gesagt, sie schicken jemanden vom Jugendamt vorbei.“
„Lass gefälligst Evas Tod aus deinen dummen Witzen heraus.“
„Warum Witz?“
„Du verdammter, kleiner Hundesohn wirst doch nicht wirklich bei einer dieser tränenseeligen Seelsorgen angerufen und mit denen über mich gesprochen haben?!“
„Hundesohn? Du nennst mich Hundesohn? Du musst es ja wissen.“ Mit vom Stolz gehobenen Kinn drehte er sich um und ging auf sein Zimmer.
Natürlich glaubte ich ihm kein Wort. Ich sah zum Telefon. Aber das verzog keine Miene. Finn würde auf keinen Fall bei einer Seelsorge anrufen. Das war gar nicht sein Stil. Und wenn, dann würde er es mir wohl kaum sagen.
Die Wahlwiederholungstaste erinnerte mich an dieses Yin-undYan-Zeichen: schwarz-weiß, ja-nein, männlich-weiblich, sowohl-als-auch, sollte ich oder sollte ich nicht. Sicher hatte auch ein Zwölfjähriger ein Recht darauf, dass man ihm traute und ihm nicht hinterher schnüffelte. Aber hatte er das in jedem Fall? Ich war sein Vater! Mein Zeigefinger schwebte über der Taste. Vielleicht hatte er auch nur so getan und hatte gar nicht telefoniert. Das war sogar das Wahrscheinlichste. Mit dem Hörer in der Hand hatte er gewartet, bis ich hereinkam, um mich dann mit diesem Kram von Seelsorge und Jugendamt auf die Palme zu bringen. Er hatte den Tod von Eva einfach noch nicht verkraftet und nun fing er vermutlich an, mich, die omnipotente Vaterfigur, für alles verantwortlich zu machen.

„Wollner“, meldete sich eine Frauenstimme.
„Äh, ja, hier ist ... hier ist Karlmann, der Vater von Finn. Ich wollte nur ... also, ich bin wohl aus Versehen gegen die Wahlwiederholung gekommen.“
„Ja“, sagte sie, „die beiden Jungen haben eben miteinander telefoniert.“
„Der Raffael ist ein netter Kerl“, fiel mir schnell ein. Ich hätte das Telefonat auch gleich wieder beenden können, es war ja nur ein Versehen. Aber ich hatte wohl gerade Lust auf eine Plauderei.
„Ihr Finn ist auch ganz prima.“ Sie lachte. Nettes Lachen, dachte ich. „Und nun lernen wir uns auch mal kennen“, sagte sie. Nett gesagt, dachte ich, und automatisch fing das kleine Teufelchen in mir zwischen dem Gedächtniskrempel an zu kramen, ob denn die nette Stimme mit dem netten Lachen nicht zufällig auch alleinerziehend war. Und gleichzeitig war das kleine Engelchen ebenfalls da und meinte schnippisch, dass es mit dem ganzen traurigen Getue wohl nicht weit her gewesen sein könne, wenn ich das Andenken an Eva kaum zwei Jahre heilig halten könne. „Ich glaube kaum“, konterte das Teufelchen, „dass ein Engel etwas weiß von der Bürde eines zweijährigen Zölibats.“ Und so wäre es noch eine Weile hin und her gegangen. Aber ich hatte das Telefon in der Hand und die Pause wurde allmählich zu groß. Womöglich dachte sie noch ich sei einer dieser schüchternen Einfaltspinsel.
„Na, von Kennen-Lernen kann doch so am Telefon nicht die Rede sein. Wir könnten uns vielleicht mal treffen – wo doch unsere Jungen so gute Freunde sind, meine ich.“
Wieder lachte sie. „In Ordnung. Ich wollte ohnehin nachher vorbeikommen und Finn abholen. Die beiden wollen heute ins Einkaufszentrum. Dann fahre ich einfach eine halbe Stunde früher los und schaue mal herein, wenn es Ihnen passt.“
Halt, das ging jetzt aber wirklich zu schnell. „Heute?“, fragte ich. Ich hatte vielleicht etwas zu viel Schrecken in der Stimme. „Wenn es Ihnen nicht passt ...“ antwortete sie sofort mit einer offiziellen Elternteil-spricht-mit-Elternteil-Stimme.
Ich: „Oh, doch, ja, passt sehr gut. Ich habe sogar noch Kuchen da, wenn Sie mögen.“
Sie (wieder etwas fröhlicher): „Ausgezeichnet. Dann würde ich also sagen, bis nachher.“
„Bis nachher.“
Ich stand da und fühlte mich ein bisschen wie Tom Hanks. Aus Finns Zimmer kam laute Musik.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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