Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Januar 2004
Stein der Weisen
von Jochen Hoff

Professor Manfred von Reuchlin, Ritter des Templerordens, Doktor der Chemie und Biologie, saß einsam vor der großen Fensterscheibe seines Wohnzimmers und blickte hinaus in das Schneechaos, das teilweise von den Lampen der Sicherheitsanlagen erhellt wurde. Ab und an blitzten an den kaum sichtbaren Berghängen Lichter auf, die bezeugten, dass die Wachen auch in dieser Nacht ihrer Aufgabe nachkamen.
Neujahrsnacht in den Bergen. Bis auf einige Tierpfleger lag der riesige, teils unterirdische Laborkomplex völlig verlassen in diesem schlecht zugänglichen Seitental der Alpen.
Neujahrsnacht in den Bergen. Der Professor hob grüßend das Glas zu den unsichtbaren Gipfeln. Dies also war die Stunde seines größten Triumphes. Nur würden ihm keine Triumphbögen errichtet werden. Er rechnete eher damit, dass ihm die Menschheit alle Flüche, derer sie fähig war, nachsenden würde. Zumindest dann, wenn sie wüsste, welche Chance ihr mit den Entscheidungen dieser Nacht genommen werden sollte. Aber wie schon einmal, im frühen Mittelalter, würde die Menschheit auch diesmal ahnungslos bleiben. Das war zumindest seine Hoffnung. Damals war das Wissen der Alchemisten zusammen mit ihnen und einem ganzen Kloster für viele Jahrhunderte untergegangen. Heute würde ein Feuer alleine nicht mehr helfen. Er hoffte nur, dass wenigstens Gott ihm verzeihen würde.

Er griff zum Telefon. Die Nummer des Palazzo del Sant'Uffizio in der Vatikanstadt hatte er schon vor Tagen nachgesehen. Das letzte Mal hatte er die 003906 beim Tod seiner einzigen Tochter gewählt. Weder seine Gebete, noch sein Glaube, oder gar sein Wissen hatten ihren Tod durch Krebs verhindern können. Doch auch diese so hoch angesiedelte Telefonseelsorge konnte ihm damals nicht weiterhelfen. Ihr einziger Trost hatte in der Vermittlung seiner heutigen Arbeit bestanden, damit anderen Vätern das gleiche Schicksal erspart werden könnte. Heute würde er bereitwillig Hilfe erhalten. Er schaltete den Lautsprecher ein. Zunächst kamen nur die Wählgeräusche und dann das armselige Fiepen, mit dem sich die Verschlüsselungssysteme auf einen gemeinsamen Code einigten. Er lächelte bei dem Gedanken, welche trügerische Sicherheit derartige Systeme vermitteln. Wie oft waren die angeblich unknackbaren Codes von Schülern und Studenten wie Nüsse aufgebrochen worden. Endlich ertönte ein Freizeichen, und nach dem dritten Signal wurde abgenommen. Wie zu erwarten, begrüßte ihn selbst zu dieser nachtschlafenden Zeit eine Stimme in bestem Latein: "Hier ist das päpstliche Sekretariat für besondere Fragen. Womit kann ich ihnen helfen?"
Der Professor antwortete in Altgriechisch. "Professor Reuchlin hier, ich muss sofort den Kardinal sprechen." Bevor die Gegenseite antworten konnte, fügte er noch hinzu: "Ja, ich weiß, wie spät es ist, wecken Sie den Kardinal und sagen Sie ihm, dass ich ihn unbedingt sofort sprechen muss."
Der Priester auf der anderen Seite war ausreichend geschult, um sofort zu reagieren. "Wollen Sie warten, oder sollen wir Sie kurzfristig zurückrufen?" Die Antwort erfolgte ebenfalls in Altgriechisch.
"Ich warte, und der Kardinal soll sich anziehen, es wird ein langes Gespräch." Der Professor schenkte sich ein zweites Glas Wein ein. Aus dem Lautsprecher drang die Stille eines leeren Büros, das nach kurzer Zeit von Vermittlungsgeräuschen und einem weiteren Fiepen des Verschlüsselungssystems abgelöst wurde.

"Manfred, du um diese Zeit? Ist es nicht ein bisschen früh für einen Neujahrsanruf, und viel zu spät für einen mitternächtlichen Gruß?", ertönte die Stimme des Kardinals in klarem Deutsch.
"Wir haben ein ernsthaftes Problem", antwortete der Professor in Altgriechisch. "Eminenz, lassen Sie uns lieber die Sprache wechseln und schalten sie die Tonbänder ab. Selbst wenn wir abgehört werden, gibt es da kaum Übersetzer, die nicht in unseren Diensten stehen."
Der Kardinal, gab einen dreistelligen Code in sein Telefon ein um den Mitschnitt abzubrechen und wechselte nun auch die Sprache. "Meinetwegen, aber unsere Verschlüsselungssysteme sind heute so gut, und wer sollte uns abhören? Ich hab mittlerweile ein solches Telefon sogar am Bett und kann gemütlich liegend mit dir telefonieren. Aber ihr Wissenschaftler seid ja immer Geheimniskrämer, viel schlimmer, als es die Kirche jemals war."
"Eminenz, Sie erinnern sich an den Behälter mit den Oligoneuriella rhenana im Imagostadium, die ich Ihnen vor einem Jahr im Hochsicherheitslabor zeigte. Ich habe sie heute getötet."
"Ach, Sie und Ihre komischen Fliegen. Die Dinger sahen doch lustig und harmlos aus in ihrem Glas, wenn auch nutzlos. Rufen Sie mich deshalb an? Wollen Sie eine Absolution für den Mord an ein paar Fliegen? Das wäre dann die komischste Telefonseelsorge meines Lebens."
"Eminenz, es waren keine Fliegen, sondern Ephemeroptera, die gemeinhin als Rheinmücken oder Eintagsfliegen bezeichnet werden, aber auch keine Mücken sind. Aber egal. Das Besondere an dieser 'Fliege' ist, dass sie normalerweise nur 40 – 50 Minuten im Imagostadium überlebt und wie alle Eintagsfliegen in dieser Zeit keine Nahrung aufnimmt. Meine haben 15.000 Mal so lange gelebt und sind geflogen, ohne zu verhungern."
"Was heißt Imago und was bedeutet das für uns? Wollen Sie andeuten, Sie hätten den Stein der Weisen gefunden?"
"Eine Eintagsfliege entwickelt sich im Wasser vom Ei zur Larve. Aus der Larve wird bei dieser Art nach einem Jahr ein Subimago. Es ist das einzige flugfähige Insekt, das sich nach Entwicklung der Flügel noch einmal häutet und vom Subimago zum Imago, also flug- und zeugungsfähig, wird. Und nun zum zweiten Teil ihrer Frage. Ja, wir haben den Stein der Weisen entdeckt, oder das ewige Leben, aber wahrscheinlich eher die ewige Verdammnis. Es ist auch kein Stein, obwohl amorpher Graphit und einige Lanthanoide und Actinoide eine Rolle dabei gespielt haben, genau wie embryonale Stammzellen der unterschiedlichsten Lebewesen. Aber das wollen Sie sicher gar nicht so genau wissen. Ich hatte Sie vor den möglichen Ergebnissen gewarnt, als Sie mich baten, ich möge mich quasi als heimlicher Vertreter der Kirche an die Spitze dieser Forschungen stellen."
"Nein, Manfred, bleiben Sie mir bloß mit Ihrem Fachchinesisch vom Leib. Aber was bedeutet das, die Fliegen leben ewig und brauchen dabei keine Nahrung? Das ist doch nicht auf Säugetiere oder den Menschen übertragbar? Wir hatten letztens erst die Anfrage, ob es mit den Glaubensregeln vereinbar sei, Schweinelebern in Menschen zu verpflanzen, und konnten uns um eine Antwort drücken, da die Wissenschaft noch nicht so weit ist. Und, Manfred, natürlich habe ich Sie gebeten, für uns diesen Zweig der Wissenschaft zu überwachen. Sie waren wie kein anderer dazu prädestiniert. In einem Kloster hätten Sie uns nicht viel genützt."
"Eminenz, meine Experimente mit den 'Fliegen' sind übertragbar. Wir haben die gleichen Versuche an Mäusen und menschlichen Stammzellen gemacht. Im Prinzip wirkt das Ganze wie ein Reparaturgen. Wo normalerweise der Alterungsprozess durch Fehler beim Kopiervorgang des Zellkerns eintritt, verhindert unser Gen genau das. Ja, es behebt sogar bereits vorhandene Fehler, wobei wir allerdings nicht wissen, wie die Fehlererkennung funktioniert. Dies bedeutet, dass Zellen sowohl gegen Krankheiten wie auch Strahlung und Gifte praktisch immun werden. Selbst fast tödliche Schnittverletzungen heilen so schnell, dass man dabei zusehen kann. Allerdings ..."
"Aber das ist doch hervorragend, Manfred, und für die verbotenen Versuche mit menschlichen embryonalen Stammzellen hatten Sie schon von Anfang an unsere Absolution. Sonst hätten Sie ja gar nicht glaubwürdig arbeiten können. Wann beginnen Sie mit den Versuchen an Affen oder am Menschen? Stellen Sie sich vor, eine Menschheit ohne Krankheiten und Hungersnöte. Wie hoch sind die Produktionskosten und wie könnten wir sie verteilen?"
"Eminenz, ich habe bereits einen Versuch an mir selbst vorgenommen. Die Ergebnisse sind die gleichen. Ich brauche nur noch Bruchteile meiner früheren Nahrungsmengen und weniger als ein Tausendstel der normalen Sauerstoffmenge. Aber Sie verstehen das Problem nicht. Die Menschen, Tiere und Insekten würden nach meinen jetzigen Hochrechnungen mindestens tausend Mal so alt wie heute. Und das bei gleichbleibender Fruchtbarkeit, wie meine Mäuse zeigen. Es wird nichts produziert oder verteilt. Das Gen ist vererbbar und sowohl durch Speichel oder Blut als auch durch Geschlechtsverkehr übertragbar. Es verhält sich wie ein Virus, ohne einer zu sein. Einmal in die Welt gesetzt, lässt es sich durch nichts wieder zurückholen. Es ..."
"Manfred, Mensch, freuen Sie sich doch. Die Überbevölkerung ist kein Problem. Das können wir lösen, vor allem wenn weniger Nahrung gebraucht wird. Im Zweifelsfall stehen uns Millionen von Planeten zu Verfügung. Wir ..."
"Sie wollen es einfach nicht verstehen. Natürlich sind alle Probleme lösbar, die meisten sogar leicht. Aber die Menschen werden sich ändern. Wer Tausende von Jahren leben kann, hat mehr zu verlieren. Die Menschen haben Zeit zum Denken. Wem, Eminenz, wollen Sie noch ein Paradies nach dem Tode versprechen, wenn wir eins auf der Erde haben? Wer braucht eine Kirche als Vermittler zu Gott, wenn er nicht in Hunger, Krankheit und Not gefangen ist? Die Erlösten brauchen keinen Erlöser. Vor allem, wie wollen Sie einen gütigen, allwissenden Gott darstellen, der in seiner Schöpfung einen solch gravierenden Fehler im Bauplan hatte? Jedes Kind wird in der Schule lernen, welchen grandiosen Fehler Gott gemacht hat, und dass die Menschen Gott korrigieren mussten. Selbst wenn die Menschen Gott verzeihen, der Kirche werden sie den Hochmut der Jahrtausende nie verzeihen. Wir reden über das Ende jeder Religion. Auch über das Ende der Wirtschaft. Überquellendes Leben heißt Nahrung für alle im Überfluss. Niemand muss für sein tägliches Brot arbeiten und keiner ist krank. Geld verliert jede Bedeutung, genau wie Besitz von Dingen. Die neue Menschheit würde ganz andere Prioritäten setzen."

Am anderen Ende der Leitung herrschte tiefes Schweigen. Der Professor schaute in den Schnee, aber das Bild hatte sich nicht verändert. Er wusste, dass er seinem Gesprächspartner soeben eine große Last auferlegt hatte, und wartete geduldig.

Nach einer kleinen Ewigkeit räusperte sich der Kardinal. "Entschuldigung, Professor, ich hatte wirklich nicht verstanden. Meine Aufgabe ist es zwar, auf die Einhaltung der Regeln unserer Kirche zu achten, beziehungsweise diese auszulegen, aber an ein solches Problem habe ich noch nie gedacht.
Sie haben Recht, Sie hatten mich von Beginn an gewarnt. Gibt es die Selbstvernichtungseinrichtung für den Komplex noch, die Sie mir bei meinem letzten Besuch zeigten?"
"Ja, die Selbstvernichtung ist funktionsbereit. Ich habe sie bereits scharf geschaltet. Morgen um elf ist eine Versammlung aller Mitarbeiter. Aber die Selbstvernichtung allein wird nicht reichen. Rettungstrupps könnten früher oder später eindringen. Wir brauchen eine langfristige Lösung, die für ein paar tausend Jahre jeden Menschen am Betreten hindert. Nur Sie, Eminenz, haben die politischen Möglichkeiten dafür zu sorgen."
"Wie nah sind andere Forschungseinrichtungen an Ihrem Ergebnis? Wer weiß außer Ihnen noch Bescheid? Könnte einer Ihrer Mitarbeiter kontaminiert sein? Ich habe Sie schon verstanden, aber ich will diesen Schritt nur dann gehen, wenn ich sicher sein kann, dass er erfolgreich ist. Töten ohne Grund ist auch mir ein Graus."
"Alle anderen Forschungsreinrichtungen haben ihre Schwerpunkte auf die Erforschung der Stammzellen gelegt. Niemand außer mir ist kontaminiert. Die Mitarbeiter wissen nur sehr wenig, aber gute Befragung könnte vieles zum Vorschein bringen und meine Versuche nachvollziehbar machen. Es sind insgesamt fast tausend Menschen und auch ich hasse Morde. Nur mein Assistent Dr. Jörg Römer weiß Genaueres, auch wenn er die Zusammenhänge nicht kennt. Er hat gesehen, wie schnell Verletzungen bei mir und den Mäusen heilen. Und er hat eine schwangere Tochter, die im Koma liegt. Es ist abzusehen, dass er mich um das Mittel bitten wird, das seine Tochter rettet."
"Gut, Manfred, ich werde meinen Teil der Last tragen. Ich habe die größte Hochachtung vor Ihnen. Die Kirche wird es Ihnen nicht danken können, weil sie es nie erfahren wird."
"Eine Bitte hätte ich noch, Kardinal ..."
"Ja, Manfred, dir sind deine Sünden vergeben. Ego te absolvo."

Ein letztes Klicken in der Leitung und der Professor war für den Rest des Tages und seine letzte Nacht mit seinen Gedanken allein.

Am Morgen des 2. Januar fuhr Dr. Jörg Römer auf der Autobahn in Richtung Alpen. Zum prächtigen Neujahrsempfang würde er zwei Stunden zu spät kommen. Aber das war ihm egal. Er musste seinem Professor beichten, dass er seiner Tochter das neue Mittel verabreicht hatte und diese aus dem Koma erwacht war. Er war bis vor kurzem bei ihr gewesen und hatte der Heilung praktisch zusehen können. Auch das Ungeborene war wohlauf, wie der Ultraschall zeigte. Natürlich konnte er seine Stellung nicht behalten. Im Vergleich zu dem, was ihm neu geschenkt worden war, hatte dies keine Bedeutung für ihn. Etwa 150 km vor seinem Ziel zwang ihn ein Lichtblitz zum Anhalten. Er konnte sich gerade noch auf die Standspur retten. Der Blitz war, wie durch einen umgekehrten Trichter, nach oben abgeleitet worden und nun folgte die typische pilzförmige Wolke. Zwar wehte plötzlich ein starker Wind über das Land, aber die Berge hatten sowohl die Strahlung als auch den Sturm abgeschirmt. Als er nach einigen Minuten weiterfuhr, meldete das Autoradio den Absturz eines Kampfflugzeuges in einem Seitental, bei dem auch eine kleinere Nuklearwaffe sich selbst gezündet hatte. Die Bürger wurden davor gewarnt, sich dem Tal und seiner Umgebung zu nähern.









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