Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Januar 2004
Der Anruf ohne Namen
von Manuela Guspini

6:30 Uhr. Es war Zeit zum Aufstehen. Sofia war noch ganz benommen, die Nacht war mal wieder viel zu kurz gewesen, weil sie bis in die Puppen mit Gerhard diskutiert hatte, wie wichtig es ist, eine örtliche Telefonseelensorge zu haben.
Sie zog sich langsam an, trank eine Tasse von dem lauwarmen, nur noch bitter schmeckenden schwarzem Wasser, was ihr Mitbewohnerin Kaffee nannte und machte sich auf dem Weg zur Arbeit.
Sie ist eine der vielen Mitarbeiter einer Telefonseelensorge. Na ja, so viele waren es auch wieder nicht, vor einem halben Jahr waren es fünf mehr; sie haben aufgehört, weil für sie der Stress und die schlechte Bezahlung zu viel waren.
Sofia stieg in ihr Auto, brrr, war das kalt, es hatte diese Nacht wieder richtig gefroren. „Hoffentlich springt mein Auto diesmal an“ dachte sie sich. Das Glück war auf ihrer Seite, es war wichtig das sie diesmal pünktlich in der Telefonzentrale war, weil sie den Schlüssel hatte und es in der Zeit nach Weihnachten viele gab, die ihren Kummer los werden wollten.
Endlich war sie angekommen, der Verkehr wurde auch immer schlimmer, dachte sie sich und schloss die Tür zu dem kleinen Büro auf, in dem zehn Telefone standen. Sie war wirklich die Erste, es hatte keiner von ihren Kollegen vor der Tür gewartet.
„Komisch wo sind die alle, wollten....“ Plötzlich klingelt es. Sie war noch nicht mal ausgezogen, stürzte zum Telefon „Telefonische Seelensorge Berlin, wie kann ich ihnen helfen?“
„Hallo?“ Es war die Stimme einer vielleicht gerade mal 22 jährigen Frau, das konnte sie aus der Erfahrung der langen Zeit sagen, die ziemlich verängstigt klang. „Ich möchte meinen Namen nicht sagen“ kam es aus dem Hörer. „Das ist nicht wichtig, wie kann ich dir helfen?“
Stille. “Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll?“ Leises Weinen kam aus dem Hörer. „Fang einfach irgendwie an, was dir als erstes einfällt. Du brauchst keine Angst zu haben. Niemand erfährt von diesem Anruf, versprochen.“
„Es hat vor 15 Jahren angefangen. Meine Mutter hatte sich ein halbes Jahr davor von meinem Vater getrennt, und schon hatte sie wieder einen Neuen. Ich mochte die Männer nicht, die meine Mutter so nachhause brachte.“
Das Weinen der Frau hatte sich beruhigt, Sofia konnte merken, wie wichtig es für die junge Frau war, dass sie darüber sprechen konnte.
Wieder Stille, danach ein kleines Seufzen. Nach einer Weile sagte sie: “Am Anfang war er richtig nett zu mir und meiner großen Schwester, hatte uns immer wieder kleine Geschenke mitgebracht, na ja, die waren halt als Wiedergutmachung gedacht, wenn er wieder mal zu viel gesoffen und sich irgendwie daneben benommen hatte.“
Wieder eine kleine Pause auf der anderen Seiten des Hörers.
“Meine Mutter konnte mit dieser Sauferei leben, sie sagte immer nur, wir können froh sein, dass wir einen Mann haben, der uns drei Mädels so nimmt, mit dem ganzen Kummer und Ärger, den wir so machen.“
Ein Räuspern, dann fuhr das Mädchen fort:“Eines Tages aber zeigte er sein wahres Gesicht. Er kam wieder mal besoffen Nachhause, ich konnte hören, wie er immer wieder und immer wieder versuchte, den Schlüssel in das Schloss der Eingangstür zu stecken, er schaffte es nicht. Dann war es kurz ruhig, plötzlich hörte ich das Zerklirren des Glases der Eingangstür, er hatte wirklich die Tür eingeschlagen, ich meine, er hätte doch Klingeln können, bei dem Lärm, den er gemacht hatte, wäre das auch egal gewesen.
Das nächste was ich hörte, war als meine Mutter ankam und fragte, ob er spinne, darauf hin hörte ich nur noch eine stumpfen Schlag ... und es war ruhig. Ich hatte solche Angst, was war passiert?“ Die Stimme der jungen Frau zitterte.
„Als ich die Treppe runter ging, sah ich meine Mutter auf dem Boden des Badezimmers liegen. Blut kam aus einer Wunde aus ihrem Kopf, ich dachte sie wäre tot. Das Schwein war nicht mehr da, er ist einfach gegangen und hat sie liegen gelassen ...“
Wieder ein leises Weinen an der anderen Ende der Leitung. Sofia fragte, ob sie eine kurze Pause bräuchte. „Nein“ kam es kurz und knapp.
„Ich weiß nicht mehr so genau, was dann passierte, mir ist nur noch in Erinnerung, dass der Krankenwagen gekommen ist und meine Mutter mitgenommen hat. Sie war also nicht tot, nur bewusstlos. Sie kam in der gleiche Nacht noch nach Hause, schließlich konnte sie uns ja nicht alleine lassen. Am nächsten Morgen wollte sie uns einreden, dass sie selber schuld an der ganzen Geschichte sei, und dass es nur eine Ausnahme war. Es vergingen ein paar Tage, bevor er wieder kam. Diesmal war er sogar nüchtern und versprach meiner Mutter, dass dies nie wieder passieren würde.
Nicht ganz eine Woche später, meine Mutter war in dieser Nacht nicht da, weil sie Taxi gefahren ist, kam er wieder total besoffen nach Hause, nur diesmal hat er das Schlüsselloch nach dem dritte oder vierten Versuch getroffen. Er kam rein, sagte: ‚Miststück, wo bist du?’. Ich bin dann zu ihm und sagte: ‚Schrei doch bitte nicht so, Mama ist nicht da, weil sie arbeiten muss’. Von ihm kam nur:’Das Scheißflittchen lässt mich mit ihren Gören alleine, damit ich auf die aufpasse, na dann habe ich halt diesmal ein etwas jüngeres Spielzeug’. Ich wusste in diesem Moment nicht was er damit meinte.“
Die Frau wurde sehr leise, man konnte die Qual dieser Worte an den Klang ihrer Stimme erkennen.
„Er packte mich an meinen Haaren und zerrte mich auf das alte schwarze Sofa, das im Wohnzimmer in einer Ecke stand. Ich war wie gelähmt und konnte nicht schreien - ich hatte solche Angst! Er hat dann ziemlich schnell mein Nachthemd nach oben und mir meine Unterhose runter gezogen, er spielte mit seinen Fingern zwischen meinen Beinen, das alles mit einer Hand, und mit der anderen zog er sich seine Reißverschluss der Hose auf und sie dann runter, er hielt mir den Mund zu, damit ich nicht schreien konnte. Ich spürte nur noch wie er mit seinem Glied auf meinem Bauch hin und her fuhr und leise dabei stöhnte, dann drang er schnell und mit Gewalt in mich ein. Ich dachte, ich müsste sterben, weil ich solche Schmerzen hatte, sein Stöhnen wurde lauter und er wurde immer heftiger, bis er aufschrie und sich in mich entlud ... Stille!
Dann stieg er von mir runter, zog mich von dem Sofa und sagte nur: ‚Wisch das auf, dusch dich und gehe ins Bett.’ Ich hatte solche Angst und folgte seiner Anweisung.
Am nächsten Morgen, vor dem Frühstück, kam er zu mir ins Zimmer und sagte: ‚Zu niemandem ein Wort, sonst bringe ich deine Mutter um.’
Dieses perverse Doppelspiel machte er dann Nacht für Nacht, wenn meine Mutter nicht da war. Irgendwann hat das auch nicht mehr wehgetan, ich bin in dieser Zeit nicht mehr in meinem Körper gewesen, sondern war mitten im Wald in einer Höhle.
Das ging zwei Jahre so, bis meine Mutter endlich den Entschluss fasste, sich von ihm zu trennen. Er hatte sie in dieser Zeit oft genug krankenhausreif geschlagen und dann immer wieder versprochen, er würde es nie wieder tun.
Wir sind dann eines Nachts einfach abgehauen durch das Fenster im Badezimmer, als er mal wieder die Tür eingeschlagen hatte.
Das ganze ist jetzt schon 15 Jahre her, aber ich musste mit jemanden darüber reden, weil es mich sonst aufgefressen hätte.“
Sofia war total fassungslos, sie wusste nicht so genau was sie sagen sollte. „Danke fürs Zuhören, sie haben mir sehr geholfen!“ Dann legte die junge Frau auf.
Sofia saß noch eine Weile einfach nur still da und weinte. Dann atmete sie tief durch, stand sie auf, machte das Licht an und zog ihren Mantel aus. Die Kollegen trudelten ein, es kehrte wieder der normale Arbeitsstress in dem kleinen Büro ein, doch diese Geschichte würde Sofia niemals vergessen.

©Manuela Guspini

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