Ganz schön bissig ...
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Januar 2004
Das zweite Leben des Felix Krull
von R. Funke

»Man lernt weder für die Schule, noch für das Leben, sondern zur Unterscheidung des freien und unfreien Willens«

Es begann mit Tina.
In der Prima warf ich das Handtuch zehn Sekunden vor dem Gong und folgte meinem Herzen nach Trier. Mein Abschlusszeugnis erreichte mich Monate später auf postalischen Umwegen.
Sie immatrikulierte in Psychologie und ich hocke jede wache Minute im selbsterschaffenen Elfenbeinturm an ihrer Seite. Sie war das Licht und ich ihr Schatten.
Nach zwei Semestern verließ ich sie. Psychologie war für meine Vorstellung zu theoretisch – Statistik I und II hätte ich auch in Mathe belegen können – ich wechselte nach Freiburg, sie nach Kiel.
Tina war damals schon zielbewusst - sie wusste, was sie wollte ... und vor allem wusste sie, was sie nicht wollte.
Ich testete Parapsychologie und erwarb Gasthörerscheine in klinischer Psychiatrie und linguistischer Datenverarbeitung. Mit dieser Kombination gedachte ich Astronauten vom Schock des Alien-Erstkontakts zu befreien – später, wenn auch ich mal erwachsen würde.
Meine Wissbegier stieg proportional zur Ziellosigkeit und erreichte irgendwann den Punkt, an dem sämtliche Freiburger Dozenten meinen Vornamen kannten.
Aus reiner Langeweile bewarb ich mich für eine Assistentenstelle am Moskauer Institut für Nuklearphysik. Teile meiner Bewerbungsunterlagen reichte ich später nach – sie kamen auf den üblichen postalischen Umwegen. Schließlich brauchte ich keine Zeugnisse - ich wusste schon alles. In der Nachtschicht fand man mich in verschiedenen Frauenkliniken im Moskauer Umland – grüner Kittel und Gummihandschuhe standen mir gut – unermüdlich half ich neuem Leben auf die Welt, manchmal zehn pro Schicht. Für eine Weile dachte ich, meine wahre Berufung gefunden zu haben ...
Nach einem Abstecher in Ethologie und Studien über die westindische Grasmücke am renommierten M.I.T. verschlug es mich nach Corou in Französisch Guyana.
Dort saß ich stundenlang auf einem Hügel und beobachtet, wie die Raketensilos hin und her geschoben wurden - je nach Wetterlage vom Montage- zum Startplatz und zurück. Um mich herum lagen Stapel von Notizen im Gras verteilt, die meine Berechnungen zur effizienteren Klimavorhersage enthielten. Ein Windstoß erfasste die losen Blätter und einige Nobelpreisverdächtige Gedanken wirbelten davon. Sei es drum, die Welt war sowieso noch nicht bereit für mein Genie.
An diesem Tag klärten die Wolken auf und ich wurde Zeuge des Starts einer Ariane V. Sie wies wie ein gestreckter Zeigefinger zum Himmel und gab meinem Leben eine neue Richtung: Aufwärts – Entscheidungsalarm - nur nicht im Sumpf meiner Ziellosigkeit stecken bleiben! Einmal etwas richtig machen ...

„Verstehst du, was ich damit sagen möchte, Marianna?“
Ich hörte das Mädchen am anderen Ende der Leitung atmen. Sie weinte zumindest nicht mehr.
„Bist du noch da, Marianna?“
„Ja – ich denke, du willst damit sagen, dass man alles im Leben erreichen kann, wenn man nur will ...“
„Genau. Und was noch?“
„Dass es nicht sofort sein muss und dass Zeugnisse am Ende nichts entscheiden.“
Ich lehnte mich zufrieden in meinem Schreibtischsessel zurück. Das Mädchen, das noch vor zehn Minuten von Selbstmordabsichten gesprochen hatte, weil eine sechs in Mathe ihre Versetzung gefährdete, schien nun auf dem richtigen Wege zu sein. Nun galt es, ihren Lebenswillen zu festigen.
„Einstein war ein schlechter Schüler – das ist allgemein bekannt – denkst du, dass er beim Empfang des Nobelpreises auch nur einen Gedanken an seine Schulzeit verschwendet hatte?“
Marianna lachte verhalten. „Wohl kaum.“
„Ich weiß nicht, ob der gute Albert mit Hausarrest oder gar Prügel bestraft wurde, wenn er mal mit einer schlechten Note nach Hause kam, aber das kann nicht der Grund für sein Genie gewesen sein. Es steckte schon von Geburt an in ihm. Welches unentdeckte Genie steckt in dir, Marianna? Worin liegen deine Stärken?“
„Ich zeichne gerne. Hab immer eine eins in Kunst.“
Auf meinem Laptop tauchte ein weiterer Anrufer in der Schüler-Helpline auf. Ich leitete ihn an eine freie Kollegin weiter. Am Tag der Zeugnisvergabe herrschte Hochbetrieb in der Telefonzentrale. Wir versuchten mit allen zu sprechen, doch es war uns bewusst, dass es nur bei einem frommen Wunsch blieb. Nicht jeder war so einfach zu überzeugen wie Marianna; und viele gingen in der Warteschleife unter. Am Ende der Schicht würde ich selbst einen Seelsorger brauchen ...
„Und wer behauptet, Kunst sei unwichtiger als Mathe?“
„Das Schulgesetz. Kunst gleicht Mathe nicht aus, sagen meine Lehrer.“

Nun hatte ich das Mädchen am Haken. Sie begann, ihr Versagen in Wut auf eine vermeintliche Ungerechtigkeit im System zu projizieren. Heraus aus der Ich-tauge-ja-doch-nichts-Phase – hinein in den Kampf. Ich musste die Unfehlbarkeit des neuen Feindbildes nun nur noch in Zweifel ziehen, um ihr ein Gefühl der Überlegenheit zu vermitteln, sie abzulenken und ihren Selbstzerstörungstrieb zu kanalisieren. Letzteres war nicht immer einfach zu erreichen, da sich Kinder von Natur aus unterlegen fühlen – Eltern, große Geschwister und Lehrer – alle kontrollierten sie. Das imaginäre System der Schule stand jedoch noch über allem, und solche Sprüche wie aus Turnvater Jahns Zeiten, dass man nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernte, erwiesen sich im falschen Kontext eher als kontraproduktiv. Ich versuchte es dennoch ... mit meiner eigenen psychologischen Logik ...

„Mit einer mathematischen Begabung allein kann man im Leben nicht viel erreichen, mit einer künstlerischen aber schon. Auf der Akademie wird man später nicht mehr danach fragen, ob du mal eine sechs in Mathe hattest. Man wird dich fragen, ob du den Pinselstrich schon dermaßen beherrscht, dass man dich mit der Kopie eines alten Meisters beauftragen kann. Wenn Du dich dann durch Bildbände der sixtinischen Kapelle wühlst, alles über Farbmischungen und ihre Zusammensetzung lernst, wirst du die Mathezensur längst vergessen haben. Gefällt dir diese Vorstellung einer möglichen Zukunft, Marianna?“
„Ja, das würde mir gefallen.“
„Wie denkst du, diese Zukunft erreichen zu können?“, sprach ich in das Headset und forderte mit dieser Frage eine Entscheidung – einen Richtungswechsel.
„Ich werde viel üben müssen, um an der Akademie aufgenommen zu werden.“
„Das ist vielleicht das kleinere Problem für eine begabte Zeichnerin. Viel wichtiger ist jedoch, dass dich bis dahin so kleine Rückschläge wie Mathematik nicht aus der Bahn werfen. Deine Zukunft, so wie du sie wünscht, kannst du nur erreichen, wenn du leben willst, Marianna. Siehst du nun, wie unsinnig es wäre, dein Talent mit Selbstmordgedanken über Bord zu werfen? Wer wird jene Bilder sehen können, die du nie gemalt hast, weil du einer kleinen, vorübergehenden Matheschwäche dein Leben geopfert hast? Bilder bedienen die Sehenden, nicht die Innenansichten.“

Ich ließ es nachklingen und wartete ihre Reaktion ab. Positive Zukunftsträume entwerfen, Bilder und Möglichkeiten eines wünschenswerten und inhaltsvollen Weiterlebens suggerieren – darin bestand meine Taktik, die durch Mariannas Interesse an der Kunst als Stichwort vorgegeben wurde. Gleichzeitig führte es die Wertvorgaben des staatlichen Schulsystems ad absurdum. Allein die Hinterfragung dieses Systems hätte Marianna von ihrer Depression ablenken können. Was uns nicht umbringt, macht uns nur noch härter, hatte Nietzsche einst gesagt.
Und wenn das Mädchen nun Kraft und Mut fand, sich der Härte der Realität zu stellen, dann konnte sie nicht mehr umbringen.

„Bist du ok, Marianna?“, fragte ich nach einer kleinen Gedankenpause.
„Ja, mir geht es jetzt besser. Ich werde jetzt heimgehen und meiner Mutter das Zeugnis zeigen. Sie wird mir wohl nicht gleich den Kopf abreißen.“
„Möchtest du, dass ich mit deiner Mutter vorher rede?“
„Nein, das muss ich selbst bewältigen. Aber danke für das Gespräch ...“
„Du kannst mich ja mal zu deiner ersten Ausstellung einladen.“
„Das werde ich ...“
Es klang, als würde sie lächeln ... dann legte sie auf.

Vor mir lag ein Zettel, auf dem ich Stichpunkte zu den Einzelgesprächen notierte. Sie dienten der späteren Aufarbeitung und Analyse. Hinter Marianna stand: Suggestion einer positiven Zukunftsvision als Sinngebung zur Abschwächung suizidialer Gedanken.
Wir alle wurden beizeiten von Existenzängsten heimgesucht – nur in der Verarbeitung und Herangehensweise unterschieden sich Seelsorger und Klienten.

An diesem Tag standen die Telefone nicht still und ich musste noch viele Gespräche führen und den Schülern erklären, dass ein schlechtes Zeugnis keinen Weltuntergang rechtfertigt. Ich sprach auch mit manchen Eltern und redete ihnen ins Gewissen, dass eine unverhältnismäßige Bestrafung mitunter mehr Schaden in einer Kinderseele anrichten konnte, als die vermeintlichen Gewinne des Zucht- und Ordnungsgedankens versprechen mochten. Mir kam es vor, als hätte ich an diesem Tag mehr Eltern als Kinder vor dem Unglück einer falschen Erziehung gerettet.
Um achtzehn Uhr beendete ich mein letztes Gespräch und meldete mich beim Verteiler ab.
Meine Kollegin kam an meinen Tisch und brachte mir einen Tee.
„Danke meine Liebe. Den kann ich jetzt gebrauchen.“
„Im Vorraum wartet übrigens eine junge Dame mit ihrer Mutter. Darf ich sie reinbringen?“
„Wer ist es denn?“
„Sie fragte nach einem Mitarbeiter, der ihr die wundersame Geschichte von Felix Krull erzählt hatte und heißt Marianna. Felix Krull ... damit kannst ja nur du gemeint sein. Es war wohl ein schwieriger Fall, wenn du schon solche Geschütze auffährst.“
„Ja, es war eine ernsthafte Angelegenheit.“
Ich kämmte mir die Haare aus der Stirn und zog den Knoten meiner Krawatte zu.
„Sage bitte der Mutter, sie möchte noch draußen warten und führe Marianna herein.“

Sie war wirklich eine junge Dame – viel älter, als ich sie mir am Telefon vorgestellt hatte. Sie besuchte die 12. Klasse der Oberstufe.
Ein wenig verlegen reichte sie mir die Hand und stellte sich vor. Ich bot ihren einen Stuhl an.
„Wie konnte ich nur so dumm sein ...“, sagte sie mit gedrückter Stimme.
Ich gab ihr meinen Tee. „Du wirst es vielleicht nicht glauben, aber ich war in deinem Alter noch viel dümmer, und selbst heute verläuft nicht alles glatt in meinem Leben und ich baue zuweilen richtigen Bockmist“, erwiderte ich mit einem Augenzwinkern.
Sie sah sich im Raum um und betrachte die Fotos an den Wänden. Sie zeigten mich mit meinen Kollegen am Moskauer Kernforschungszentrum, meine erste Geburt als Stationsarzt, mit meinen Kommilitonen am Freiburger Institut für Parapsychologie und mit meiner ersten Liebe Tina, die meiner Kollegin vom Notruf zum Verwechseln ähnlich sah. Zwischen den Bildern hingen Diplome des M.I.T., Explosionszeichnungen von Fest- und Flüssigtreibstoff-Raketenmotoren und wetterwissenschaftliche Studien.
„Dann ist Felix Krull nicht nur eine Geschichte, die du dir ausgedacht hast, um mich von meinem Vorhaben abzubringen?“, fragte sie überrascht.
„Ich bitte dich, Marianna. Dein Problem war zu ernst, um es mit einer erfundenen Story zu behandeln. Es kommt selten vor, dass ich meine eigene Geschichte ins Gespräch bringe. Nur in Ausnahmefällen – und es ist gleichzeitig auch eine Therapie für mich selbst.“
Sie nahm einen Schluck Tee und schaute mich erwartungsvoll an.
„Wenn du Interesse und ein wenig Zeit hast, dann tauschen wir die Rollen – ich bin der Anrufer und du die nette Dame von der Seelsorge. Wollen wir es mal versuchen?“
Sie nickte, ich gab ihr mein Headset und wählte mich als Anrufer in unser System ein. Eine Lampe blinkte auf. „Du musst nur auf diesen Knopf drücken, Marianna. Dann sind wir verbunden.“
Sie betätigte die Freigabe und sagte zögerlich: „Schüler-Helpline. Du sprichst mit Marianna. Wie kann ich dir helfen?“
Das macht sie schon recht professionell, dachte ich. Vielleicht würde sie dieses Rollenspiel von ihren eigenen Problemen ablenken.
„Ich heiße Felix. Wird alles was ich hier sage vertraulich behandelt?“, sprach ich am anderen Ende des Raumes in das Telefon.
„Selbstverständlich. Du musst auch nicht deinen richtigen Namen oder deine Adresse nennen. Hast du Ärger mit dem Zeugnis?“
Ich überlegte. Natürlich hatte ich Probleme mit meinem Zeugnis, doch wie sollte ich beginnen?
„Mein Abitur liegt schon einige Zeit zurück – mein Problem ist jedoch, dass ich es nie gemacht habe.“
Marianna schaute verwirrt zu mir hinüber. „Ich bin nicht da“, flüsterte ich ihr zu, „während einer richtigen Sitzung kannst du deinen Gesprächspartner auch nicht sehen, sondern musst dich auf Ton und Inhalt seiner Stimme konzentrieren.“
Sie verstand und drehte sich zur Wand.
„Du meinst, du hast dein Zeugnis gefälscht? Warum? Hattest du Angst, den Abschluss nicht zu bestehen?“
„Der echte Felix war besessen von dem Begriff der Unerreichbarkeit. Das Abitur hätte er im Vorbeigehen absolviert. Allein der Gedanke und das Wissen um diese Erkenntnis führten ihn zu der Entscheidung, es nicht zuende zu bringen.“
„Ich glaube, das kenne ich auch“, sagte Marianna, „es ist ein unbefriedigendes Gefühl, wenn man gewisse Ziele ohne Anstrengung erreichen kann.“
Ich war erstaunt, wie dieses 17-jährige Mädchen meine Erkenntnis auf den Punkt gebracht hatte. Ich legte den Hörer auf, ging zu ihr hinüber und setzte mich wieder an meinen Schreibtisch.
„Habe ich etwas Falsches gesagt?“, fragte sie unsicher.
„Aber nein, ganz im Gegenteil, Marianna. Ich kenne deine künstlerische Begabung nur vom Hörensagen, aber deine psychologische ist bestechend. Ich würde dir gerne etwas vorschlagen, vorausgesetzt, deine Mutter ist auch damit einverstanden ...“

Marianna nahm Nachhilfestunden und schaffte ihr Abi am Ende mit einer guten vier in Mathe. Kunst belegte sie als Leistungsfach und das Ergebnis wurde ihrer Begabung gerecht.
Zur Finanzierung ihres Studiums an der Akademie der schönen Künste jobbte sie in der Zentrale der Schüler-Helpline.
Ich hatte ihr meine Stelle vermittelt und freute mich über die lebenslustigen, ausgeglichenen Briefe die sie mir schrieb. Ihr Leben verlief nach ihrer Vorstellung. Sie besuchte die sixtinische Kapelle und schickte mir handgezeichnete Skizzen, die nach meinem laienhaften Dafürhalten einen Michel Angelo in den Schatten stellten.
Der Unterschied zwischen Marianna und mir lag im Gegensatz: Ihr Problem war die Naturwissenschaft – meines die künstlerische Entfaltung.

Der Countdown zählte von zehn auf Null. Die Ariane V hob mit gewaltigem Donner vom Boden ab. Nach Überwinden der Ionosphäre ließ der Druck nach und die Gesichtzüge nahmen wieder menschliche Formen an.
Mein erster geostationärer Anruf, der vom Spacecenter in Corou vermittelt wurde, galt jenem Mädchen, das mir gezeigt hatte, wohin man kommen kann, wenn man einmal im Leben etwas zuende bringt.
Ob mit oder ohne Abitur - es spielte keine Rolle mehr, als meine Stimme am Telefon ihr die unbeschreiblich schöne Sicht auf unseren blauen Planeten zu vermitteln versuchte ...

Epilog
Der Bleistift meines Analytikers ist schon vor einigen Minuten erstarrt.
Ich liege auf seiner Couch, schaue an die Decke und folge den Verschnörkelungen des Stucks.
„Nun, Herr Doktor“, beginne ich, „was glauben Sie? Handelt es sich um eine komplexe, psychopathische Phantasie oder um einen Tatsachenbericht?“
„Es könnte sich“, sagt er vorsichtig, „um eine disfunktionelle Wahrnehmung handeln ... eine Projektion des Unbewussten auf eine scheinbare Erinnerung, die zur Befriedigung ursächlicher Wunschvorstellungen dient.“
Ich lächle in mich hinein. Dieser Vorstadtanalytiker versucht allen Ernstes, mir eine Wahrnehmungsstörung unterzujubeln. Wie beschränkt ist doch seine Vorstellungskraft.
Diese Sitzung hat mich nicht weitergebracht. Ich erhebe mich von der Couch und mein Blick fällt auf sein Diplom an der Wand – ausgestellt von einer Uni, deren Namen ich nie zuvor gehört habe.
„Haben Sie eigentlich ihr Abitur bestanden?“, frage ich ihn beiläufig.
„Selbstverständlich“, erwidert er leicht brüskiert.
„Dann sind Sie zu beneiden.“

Am frühen Abend besteige ich den Alpenexpress nach Venedig und reibe die ledernen Ärmelschoner meines Kordjacketts an den Armlehnen der ersten Klasse. Ich koste den All-Inklusiv-Tarif der Bahn bis ins Letzte aus und krame eine Einladungskarte aus meiner Innentasche. Das vorbeihuschende Licht wirft stroboskopische Reflexe auf das Schreiben:
„Lieber Felix, ich möchte Dich zu meiner ersten Vernissage einladen. Deine Marianna.“
Der Zug wird in acht Stunden sein Ziel erreicht haben – genügend Zeit, um mein ursächliches Problem entgültig zu verarbeiten. Auf dem Tischausleger meines Abteils liegen Prüfungsbögen des Telekollegs. Ich werde sie gewissenhaft ausfüllen ... und zuende bringen, was mich seit zwei Jahrzehnten quält.
Anschließend werde ich mich bei all jenen entschuldigen, die sich von der mutmaßlichen Hochstapelei eines Felix Krulls betrogen fühlen ... und ich werde den Unterschied zwischen freiem und unfreiem Willen erkennen.

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