Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Januar 2004
Telefonseelsorge im Jahre 2020
von Franktireur

Eine sanfte Frauenstimme:

„Herzlich willkommen beim Telefonseelsorgeservice.
Dieser Service wird Ihnen präsentiert von:“

(Einspielung Jingle: Beethoven – Ode an die Freude,
Synthesizersound, darüber eine sonore Herrenstimme:)

Haben Sie Sorgen? Fühlen Sie sich niedergeschlagen?
Das muß nicht sein. ENJOYYOURSOUL – OYYO – hilft auch
Ihnen. Das Antidepressivum. OYYO – läßt auch Sie wieder
glücklich sein. OYYO – aus dem Hause FLIP & RIP.

(Einspielung endet abrupt)

Die sanfte Frauenstimme:

„Um Ihnen die Kommunikation mit unserem Telefonseelsorgeservice zu erleichtern und so effizient und angenehm wie möglich zu machen, bitten wir Sie, nun zunächst zu wählen:
Wenn Sie ernsthafte erstmalige Suizidabsichten hegen, drücken Sie bitte die 1.
Haben Sie Drogen- oder Suchtprobleme?
Drücken Sie bitte die 2.
Bei Liebeskummer oder Eheproblemen bitte die Taste 3.
Bei allgemeinen Problemen und Streß bei der Bewältigung des Alltags wählen Sie die 4.
Bei sonstigen oder grundlosen Depressionen bitte Taste 5.
Und schließlich bei Wiederholungs-Selbstmordabsicht die 6.
Bitte wählen Sie: Jetzt!

(Warteschleifenmusik)

Bitte wiederholen Sie Ihre Wahl, um diese zu bestätigen.

(Warteschleifenmusik)

Gratulation! Sie haben die 6 gewählt. Haben Sie etwas Geduld, Sie werden gleich weitervermittelt.“

(Einspielung Jingle: Funeral March von Chopin, Synthesizersound, darüber eine andere sonore Herrenstimme:)

Sie sind beim ersten Mal gescheitert mit Ihrem Selbstmordversuch? Und jetzt überlegen Sie erneut, einen zu begehen? Das muß nicht sein. Das Leben geht weiter. Unser Antidepressiva LIFEINSTEADDEATH – ADDE – hilft auch Ihnen. Diese doppeltkonzentrierte Dosis läßt selbst aussichtslose Fälle wieder Lebensglück verspüren. ADDE – aus dem Hause FLIP & RIP.

(Einspielung endet abrupt)

Eine andere sanfte Frauenstimme:

„Wenn Sie schon Kunde bei uns sind, halten Sie nun Ihre Kunden-ID bereit. Sie werden in Kürze die Aufforderung erhalten, diese einzutippen.

(Warteschleifenmusik)

Geben Sie nun bitte Ihre Kunden-ID ein. Sollten Sie noch nicht über eine Kunden-ID verfügen, jedoch gerne eine beantragen für unseren kostenlosen Telefonseelsorgeservice, drücken Sie bitte die Rautentaste. Möchten Sie keine Kunden-ID beantragen, so betätigen Sie die Sternchentaste. Bitte wählen Sie jetzt!

(Warteschleifenmusik)

Bitte wiederholen Sie Ihre Wahl zur Bestätigung.

(Warteschleifenmusik)

Sie verfügen nicht über eine Kunden-ID und Sie haben sich entschieden, keine Kunden-ID zu beantragen. Bitte beachten Sie den nun folgenden wichtigen Hinweis:“

(Einspielung Jingle: In der Halle des Bergkönigs aus Peer Gynt von Grieg, Synthesizersound, darüber eine völlig andere, eindringliche Männerstimme:)

Beachten Sie: Ohne Ihre Mithilfe erschweren Sie uns unseren kostenfreien Service, der freundlicherweise von dem Hause FLIP & RIP gesponsort wird. Nur aufgrund von Kunden-IDs ist es uns möglich, die wertvollen und überlebenswichtigen Statistiken zu erstellen, die es uns ermöglichen, täglich tausende von Hilfesuchenden effizient und professionell zu beraten. Sie haben nun die Möglichkeit, Ihre Entscheidung noch einmal kurz zu überdenken.

(Einspielung endet abrupt)

(Einspielung Jingle: Don’t worry – be happy, Originalmusik)

(Einspielung endet abrupt)

Erneut die sanfte Frauenstimme:

„Sollten Sie nun aufgrund unseres wichtigen Hinweises doch an der Beantragung einer Kunden-ID interessiert sein, drücken Sie nun bitte die Rautentaste. Anderenfalls warten Sie bitte ab.

(Warteschleifenmusik)

Sie haben sich dazu entschieden, keine Kunden-ID zu beantragen. Um dies zu bestätigen, drücken Sie bitte jetzt die Sternchentaste.

(Warteschleifenmusik)

Bitte wiederholen Sie Ihre Wahl zur Bestätigung.

(Warteschleifenmusik)

Status: keine Kunden-ID – keine Beantragung einer Kunden-ID.
Bitte gedulden Sie sich einen Moment. Sie werden gleich weitergeleitet.“

(Einspielung Jingle: Franz Schubert – Ava Maria, Synthesizersound, darüber erneut die eindringliche Männerstimme:)

Bevor wir Sie nun mit Ihrer persönlichen Seelsorgerin unseres kostenfreien Telefonseelsorgeservice, unterstützt und cofinanziert von FLIP & RIP – dem führenden Pharma- und Kosmetikunternehmen in unserem Land – verbinden, müssen wir Sie darauf hinweisen, daß wir Sie ohne eine Kunden-ID nur für eine limitierte Dauer von 5 Minuten beraten dürfen. Dazu ist es allerdings erforderlich, eine Rufnummerunterdrückung zu deaktivieren. Dazu haben Sie, falls erforderlich, jetzt die Gelegenheit.

(Einspielung endet abrupt)

Eine sanfte Frauenstimme:

„Bitte haben Sie etwas Geduld. Es wird nun überprüft, ob Ihre Rufnummer verifiziert werden kann. Drücken Sie in keinem Fall in diesem Zeitraum eine Taste. Danke.

(Warteschleifenmusik)

Die Verifizierung wurde erfolgreich abgeschlossen. Sie werden nun weitergeleitet.“

(Warteschleifenmusik)

(Warteschleifenmusik endet abrupt – ein Tuten ist zu hören)

Eine junge, freundliche Frauenstimme:

„Hallo, Seien Sie herzlich gegrüßt bei der Hotline des kostenfreien Servicedienstes der Telefonseelsorge, Frau Bilsenmaier am Apparat. Was kann ich für Sie tun?“

Anrufer:

„Äh... ja, ich wollte...“

„Haben Sie bereits eine Kennziffer gewählt?“

„Äh, die 6. Ich möchte...“

„Wären Sie so nett – aus statistisch notwendigen Gründen, die Taste 6 noch einmal zu drücken? Jetzt, bitte!“

Tackatackatackatackatackatack

„Vielen Dank, Herr...“

„Äh, ich möchte... äh... nicht...Ma...“

„Sie möchten gerne anonym bleiben? Das geht natürlich in Ordnung. Ich bin allerdings gesetzlich dazu angehalten, Sie in diesem Fall darauf hinzuweisen, daß Ihre Rufnummer in den noch verbleibenden 4 Minuten mit dem 0190-Tarif belastet wird, die Minute für nur 1,99 Euro, da ich sie auf die kostenfreie 0800-Anbindung nur legen darf, falls Sie bereit sind, auf Ihr Recht auf Anonymität zu verzichten. Sind Sie damit einverstanden?“

„Ja... äh... also...“

„Das freut mich. Bitte haben Sie einen Moment Geduld, die Umstellung auf den 0190-Tarif erfolgt jetzt.“

Tackatackatackatackatacktuttuttuttackatack

„Herzlich willkommen beim kostenpflichtigen Service der Telefonseelsorge, Frau Bilsenmaier am Apparat. Womit kann ich Ihnen behilflich sein?“

„Äh... wir haben doch... gerade schon...“

„Um eventuellen Reklamationen vorzubeugen sind wir dazu angehalten, unsere Kunden und Gesprächspartner ausdrücklich darauf hinzuweisen, falls der kostenpflichtige Dienst über den 0190-Tarif gewünscht wurde.“

„Äh... ja... natürlich, das... verstehe ich...“

„Sie haben noch 3 Minuten. Sie haben die Taste 6 gedrückt und zählen somit zum Wiederholungs-Suizidgefährdungs-Personenkreis. Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Äh... ja, ich... ich... also: ich will einfach nicht mehr so weitermachen.“

„Womit möchten Sie nicht mehr weitermachen?“

„Dieses Leben... äh... ich... also, so kann das nicht mehr... weitergehen...“

„Sind Sie sozial und gesellschaftspolitisch eingebunden in Ihre Umgebung? Sind Sie zur Zeit ohne feste Beschäftigung?“

„Äh... ja, ich bin arbeitslos, ja... und ich...“

„Bekommen Sie Beihilfe zu Ihrem Lebensunterhalt? Mietzuschüsse? Sozialhilfe oder ergänzende Sozialhilfe? Wurden Sie von den Fernseh- und Radiogebühren freigestellt?“

„Ähem... ja..., äh nein, aber das ist nicht der Grund...“

„Sie haben noch 2 Minuten.“

„Ich... meine... also nee, diese Kälte...“

„Befinden Sie sich gerade an einem Öffentlichen Fernsprechapparat?“

„Äh... ja... äh ich meine, nein... nein, ich bin zuhause...“

„Möchten Sie es nicht unter fachkundiger Aufsicht noch mal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen, ob Sie nicht doch einen Hoffnungsschimmer am Horizont sehen?“

„Äh... das ist ja der Grund, äh... warum ich...“

„Sie haben noch etwas über 1 Minute, bevor der Servicedienst nach den gesetzlichen Bestimmungen für Sie beendet werden muß.“

„Ich... ich... so geht das irgendwie nicht...“

„Lassen Sie sich nicht entmutigen, unser psychologisch geschultes Personal ist bereits auf dem Weg zu Ihnen. Die mobile Einheit hat soeben aufgrund Ihrer Rufnummer ihren Namen und Ihre Anschrift ermittelt, wozu wir bei Wiederholungs-Suizidgefährdeten gesetzlich verpflichtet sind. Selbstverständlich werden mir jedoch diese Daten nicht angezeigt, um in der Beratung die Anonymität weiter zu gewährleisten – noch 35 Sekunden, bitte fassen Sie sich kurz.“

„Äh... Marlene? Ich bins, der Erwin... ich kann ohne Dich einfach... nicht...“

„Erwin? Du? Ich habe Dich gar nicht erkannt! Das ist jetzt aber nicht korrekt, mir solch einen Schreck einzujagen! Du hättest die 3 wählen müssen, weißt Du das?“

„Aber... Du hast doch Dienst bei... den... den... mit der 6. Und ich dachte...“

„Du, tut mir leid, Erwin, aber Deine Zeit ist abgelaufen. Außerdem kann ich nun wirklich nichts mehr für Dich tun, das Psychologische Einsatzteam steht mit Sicherheit bereits so gut wie vor Deiner Haustür.“

„Aber Marlene... ich dachte...“

Eine sanfte Frauenstimme:

„Ihre Zeit ist abgelaufen. Ich bedanke mich herzlich bei Ihnen für die Inanspruchnahme unserer kostenpflichtigen 0190-Tarif-Dienstleistung unseres Service der örtlichen Telefonseelsorge. Unser Team wünscht Ihnen alle Gute auf Ihrem weiteren Lebensweg. Am Apparat betreute sie Frau Bilsenmaier.“

„Aber Marlene... Du...“

Tackatackatackatut –tut –tut –tut – Stille

An der Wohnungstür des Anrufers wird laut und energisch geklopft.

Eine sonore Männerstimme ruft eindringlich:

„Aufmachen! Es hat doch keinen Sinn! Seien Sie doch vernünftig! Das Leben geht weiter! Öffen Sie, oder wir sehen uns gezwungen, die Tür gewaltsam zu öffnen. Wir werden Ihnen helfen – für solche Menschen, wie in Ihrem speziellen Fall, hat die Firma FLIP & RIP einen Fond eingerichtet, der es uns ermöglicht, Ihnen eine erste Dosis OYYO oder ADDE kostenfrei verabreichen zu können. Das hilft. Das hilft fast immer! So machen Sie doch endlich auf, Herr Bilsenmaier!“














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