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Februar 2004
Gartenfreunde
von Klaus Eylmann

Motorengebrumm. Dann war es so still wie vorher, und ich schreckte aus meinem Halbschlaf hoch.
“Marta.” Ich versuchte meine Stimme zu dĂ€mpfen. “Neue Nachbarn.”
Meine Frau setzte sich zu mir auf die Terrasse.
“Gerade noch rechtzeitig zum Wettbewerb.” Eine Fliege schwamm in meinem Bier.
“Ich werde nachher etwas von meinem Selbstgebackenem vorbeibringen.” Vergeblich versuchten unsere Blicke das ungeordnete Laubwerk der Hecke zu durchdringen, die auf der Nachbarparzelle außer Kontrolle geraten war.

Marta besaß die Gabe, Neuankömmlinge sofort heimisch werden zu lassen. Sie hatte auch mich verzaubert, vor vierzig Jahren, mit ihrem Gesicht, das einem offenen Fenster glich, in das jeder hineinsehen konnte. Selten war es verschlossen, so wie an diesem Nachmittag, als sie mit dem leeren Kuchenteller zurĂŒck kam.
“Ich hab ein ungutes GefĂŒhl”, sagte sie und verschwand in der Laube.

Erich Strenger war ein vierschrötiger Enddreißiger mit rosigem Gesicht und fahlblauen Augen. Eisig, wie ein nicht gestreuter Gemeinschaftsweg. Sein LĂ€cheln konnte nicht darĂŒber hinweg tĂ€uschen, dass Hilde, seine zarte Frau, unter ihm litt. Oft hörten wir ihn hinter der Hecke brĂŒllen, auch zwischen ein und drei Uhr, wo laut Vereinssatzung absolute Stille zu herrschen hat.

Der Wettbewerb der KleingĂ€rtner rĂŒckte nĂ€her. Ulrich, unser Vorsitzender, bat den Erich, seine Hecke zu verkĂŒrzen.
“Ich scheiß auf den Wettbewerb!”. Ein Gartenfreund? Marta und ich sahen uns erschrocken an. Wie sollten wir dann den ‘Goldenen Spaten’ nach Wandsbek holen?

Der April öffnete seine Schleusen. Marta und ich nutzten jede trockene Stunde. Pflanzten Kohl, sĂ€ten GewĂŒrzkrĂ€uter und setzten Kartoffeln. Der Wettbewerb ging vorĂŒber. Die Erkenntnis blieb: Wir haben es nicht geschafft. Erich hatte sich nicht umstimmen lassen. Er verlĂ€ngerte das Laubendach ĂŒber der Terrasse und rief damit Ulrich auf den Plan.
“Erich, das ist eine Typenlaube. Die darfst du nicht verĂ€ndern.” Die Antwort Strengers ging im GehĂ€mmer unter. Marta schĂŒttelte den Kopf. Ich verstand sie nur zu gut. Jeder Gartenfreund sollte die Fachliche Weisung BOA 5/75 verinnerlicht haben, in der die Vorschriften des Bauordnungs- sowie des Garten- und Friedhofsamtes niedergelegt sind. - Dann kam der Tanz in den Mai.

Marta und ich waren mit den Gartenfreunden Urban und Lichtwark im Gemeinschaftshaus und hÀngten Lampions unter die Decke.
“Gerd”, frotzelte Marta. “Hast du dir schon eine ausgeguckt?”
Die dunklen Augen im hageren Gesicht des langen Kassierers glichen denen eines Kalbs, als ihm die Röte bis in die Haarwurzeln schoss. Ich ahnte den Grund. Gerd hatte seine Parzelle schrĂ€g gegenĂŒber. In letzter Zeit brachte er seinen MĂŒll mehrere Male am Tag zum Ascheimerplatz, wobei er an Strengers Hecke vorbei kam.
Seine Frau war unerwartet vor einem Jahr gestorben. Gartenfreund Dr. Petersen, konnte nur noch den Totenschein ausstellen und Hans LĂŒttke, als Bestattungsunternehmer unserem Verein verbunden, trug Gerd die Urne mit den sterblichen Überresten seiner Frau in die Laube. Etwas außerhalb der LegalitĂ€t. Aber wozu sind Gartenfreunde da? – Nun sah es so aus, als hĂ€tte unser Kassierer erneut Feuer gefangen. Seine Verstorbene, eine Xanthippe, hatte sich nicht in unsere Gemeinschaft einfĂŒgen wollen.
Es hĂ€tte so harmonisch sein können. WĂ€hrend die ‘Blue Boys’ fĂŒr Stimmung sorgten, wir die Lieder Roy Blacks, Howard Carpendales und Peter Orloffs mitsangen, randalierte Erich Strenger an der Bar. Mir war es peinlich zu beobachten, wie seine Frau mit hochrotem Kopf zu uns herĂŒbersah. Gerd Urban rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Er traut sich nicht, dachte ich.
“Ich forder Frau Strenger auf”, sagte ich zu Marta. “Tanz du mit dem Gerd.” Auf der TanzflĂ€che klatschte ich Marta ab, wĂ€hrend Gerd mit Frau Strenger weitertanzte, die sich Ă€ngstlich nach ihrem Mann umblickte.

Im Garten hört die Arbeit nie auf. Im Mai sÀten Marta und ich Bartnelken, Tausendschön, Marienglockenblumen. Von Strengers Parzelle kam kein Laut, und wir hörten, er sei auf GeschÀftsreise.
Hilde besuchte jeden unserer Vortragsabende und trug, wann immer wir sie sahen, unser Vereins-T-Shirt. Sie sah bezaubernd darin aus. Die dunkle Schrift ‘Der Gartenfreund’ hob sich vorteilhaft vom Weiß des Hemdes ab, das mit der BlĂ€sse ihres Gesichtes harmonierte. Wenn es nur nicht so traurig wĂ€re...

Der Juni belohnte uns mit Erbsen, Möhren, Kopfsalat und der Jahreshauptversammlung. Zu unserer Überraschung war auch Erich Strenger mit seiner Frau Hilde gekommen und setzten sich in die letzte Reihe.
Bei der Eröffnung der Versammlung, Verlesung und Genehmigung der Niederschriften der Jahreshauptversammlung des Vorjahres fiel Strenger der Kopf auf die Brust, wĂ€hrend sich seine Frau Notizen machte. Als Vorstand und Gartenobmann ihre Berichte vortrugen, schreckte Strenger aus seinem Schlaf. Dann kam die Aussprache, und er nickte wieder ein. Hilde legte ihren Schreibblock zur Seite. Ihr Blick hing an den Lippen unseres Kassierers, der seinen Bericht vorlegte. Es folgten der Bericht der Revisoren und die Aussprache ĂŒber Kassen- und Revisionsbericht, die Entlastung des Kassierers. Der Obmann vom Lichtausschuss, sowie unser Jugendgruppenleiter mussten ihren Vortrag durch Strengers Schnarchen hindurch bringen. Und als es um die Neuwahl des Gesamtvorstandes ging, ließen wir Hildes Mann schlafen.

Im Juli war Haupterntezeit. Nach ein paar Tagen tat mir der RĂŒcken weh. Das Vereinsfest war eine willkommene Abwechslung. Wir hatten Gartenfreunde der Nachbarvereine zu Gast. Die Kleinen fuhren mit Feuerwehr und Straßenbahn des Karussells, wĂ€hrend wir Erwachsenen auf der Wiese hinter unseren GĂ€rten standen und der Liedertafel ‘Eintracht Bramfeld v. 1813’ sowie dem Kinderorchester der Musikschule ‘Kaiser’ zuhörten. Dann trat der Spielmannszug ‘Diekmoor’ zum Platzkonzert an. Gerd Urban lief nervös zwischen den StĂ€nden umher.
“Was ist?,” fragte Marta ihn, als er bei uns vorbei kam.
“Ich sehe den Strenger nicht.” ‘Strenger’ sagte er und meinte dessen Frau. Ich löffelte eine Terrine Erbsensuppe aus der Gulaschkanone des THW. Dann sahen wir ihn. Strenger zog seine Frau hinter sich her. Ihr Gesicht war geschwollen. Veilchen.
FĂŒr uns alle war es demĂŒtigend anzusehen, wie Strenger den Gerd Urban packte und in die Gulaschkanone setzte, wĂ€hrend Gartenfreunde um Nachschlag anstanden.
“Sieh du noch mal ĂŒber die Hecke zu meiner Frau rĂŒber!”, brĂŒllte er und zog wieder ab.

Im August topften wir Alpenveilchen um. Tomaten und Gurken mussten geerntet werden. Dann dĂŒngten wir den Rhabarber, damit er KrĂ€fte fĂŒr die nĂ€chste Ernte sammelte. Ich öffnete den Schrank, aus dem mir die Helfer der Gartenfreunde Nitrophosphat, Metasystox, Unden, E605 Forte entgegensahen.

September: WĂ€hrend Marta und ich Zwiebeln ausgruben, kam klagendes Geschrei von nebenan. Hilde, dachte ich und lief hinĂŒber. Dann stĂŒrzten Ulrich, Gerd und Dr. Petersen herbei.
“Mein Mann!”, schrie die Frau. “So helft mir doch!” Erich Strenger wand sich in KrĂ€mpfen auf der Terrasse. BlĂ€ulichfahl sein Gesicht, Schaum hing vor seinem Mund, und dann schrie auch er. So wie Gerd Urbans Frau geschrien hatte. Ich sah auf die Uhr. Dreizehn Uhr dreißig. Mittagsruhe. Ich steckte Strenger ein Taschentuch in den Mund. So starb er. ‘Herzversagen’ stand spĂ€ter auf dem Totenschein. Hans LĂŒttke kam einige Tage danach mit der Urne vorbei. Es sei etwas außer der LegalitĂ€t, meinte er zu uns, aber das sei das Mindeste, was er tun könne.

Die Tage wurden kĂŒrzer. Oktober, November, Dezember kamen, regelmĂ€ĂŸig wie eine Jahreshauptversammlung. In unserem Verein war Ruhe eingekehrt, Strengers Hecke auf ein Meter sechzig gestutzt, die Anbauten von seiner Laube entfernt, und Hilde erholte sich von ihrem Schock.
Ich machte mich daran, den Garten umzugraben. Gerd Urban ging Hilde zur Hand, half ihr, den Garten fĂŒr den Winter herzurichten und Sellerie, Rettiche in Kisten einzuschlagen. Dann schneite, taute und fror es im Wechsel.
Die Luft war klar, der Mond warf sein silbernes Netz ĂŒber unsere GĂ€rten, als Marta und ich unseren Abendspaziergang durch die Anlage machten. Hilde stand vor ihrer Parzelle und grĂŒĂŸte mit einem stummen LĂ€cheln. Sie hielt etwas in ihrem Arm, tauchte ihre Hand hinein, zog sie wieder heraus und machte eine weit ausholende Bewegung. Erichs Asche, dachte ich. Dann sahen wir, wie Gerd Urban in seine Laube lief, mit der Urne seiner Frau hervorkam, um sich ebenfalls von der Vergangenheit zu lösen.
Ich legte meinen Arm um Martas Taille, gab ihr einen Kuss und dachte, dass wir nicht auf den nĂ€chsten Tanz in den Mai zu warten brauchten, bis die Gartenfreunde Hilde und Gerd zueinander finden wĂŒrden.




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