Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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März 2004
Der Böse-Menschen-Zähler
von Andreas Schröter

Vielleicht fing ja schon alles mit dem Böse-Menschen-Zähler an. Eigentlich wäre „Menschen“ der falsche Ausdruck, flüsterte der Händler, dem wir ihn abkauften, meinem Vater damals zu. Wahrscheinlich glaubte der Mann, ich hätte das nicht gehört. Aber ich habe gute Ohren. Eigentlich wäre „Böse-Kreaturen-Zähler“ ein besserer Ausdruck, meinte er. Aber für einen gerade Neunjährigen wäre sicher „Böse-Menschen-Zähler“ besser, geeignet, um ihn nicht zu beunruhigen.
„Egal, wie Sie den Humbug nennen wollen“, antwortete mein Vater griesgrämig, „es ist nichts weiter als Müll. Und das wissen Sie genau. Sie haben Glück, dass mein Sohn aus irgendeinem mir nicht nachvollziehbaren Grund Gefallen an diesem ... diesem ... Objekt gefunden hat. Geben Sie es her.“ Mein Vater bezahlte die zehn Euro und kaufte mir den Bösen-Menschen-Zähler, weil der mir so gut gefiel. Er bestand im Wesentlichen aus einer kreisrunden Scheibe mit Ziffern von 0 bis 10 und einem Zeiger. Beides wurde locker und ziemlich wackelig von einer Art Ständer zusammengehalten. Der Zeiger zeigte auf die 0.
Bevor wir gingen, winkte mich der Händler noch einmal zu sich. Er kam mit seinem Gesicht ganz nah an meins und flüsterte leise: „Dieses Gerät wird dir immer zeigen, ob sich ein böser ... äh ... Mensch in deiner Nähe aufhält. Aber nur in einer Entfernung von 100 Metern. Pass gut darauf auf. Es ist viel wertvoller als die 10 Euro. Es ist beinahe 1000 Jahre alt.“ – „Woher wissen Sie, dass es schon beinahe 1000 Jahre alt ist?“, wollte ich wissen. „Weil ich es selbst vor 996 Jahren angefertigt habe.“ Mein Vater zog mich fort. Er wollte offenbar nicht, dass ich mich weiter mit dem Händler unterhielt, der ihm wohl nicht ganz geheuer war.
Die Szene trug sich auf einem Trödelmarkt im Keller des Heimatmuseums unserer Stadt zu. Wir hatten ihn nur zufällig entdeckt. Mein Vater wollte mir zeigen, welche Barone und Fürsten früher in unserer Stadt gehaust hatten. Und nur weil ich aufs Klo musste und wir es erst nicht fanden, stießen wir zufällig auf den Markt im Untergeschoss des Museums. „Warum kündigen die denn sowas nicht an?“, schimpfte mein Vater, „ist doch mal interessant, so ein altertümlicher Markt, auch wenn dieser Händler etwas sonderbar war.“
Übrigens fällt mir gerade ein, dass ich in diesem Museum auch gelernt habe, was Alzheimer ist. Als wir zwei Wochen später noch mal dort waren, um auch meiner Mutter das schöne Museum zu zeigen, fragte mein Vater die Frau an der Kasse: „Und wann haben Sie mal wieder den Altertumsmarkt im Keller?“ Die Frau guckte meinen Vater ganz verständnislos, aber freundlich an: „Wir hatten noch nie einen Altertumsmarkt im Keller. Aber vielleicht wäre das mal eine ganz gute Idee für die Zukunft ...“ Mein Vater meinte später, dass die Frau wohl Alzheimer habe und schüttelte dabei den Kopf, wie er es immer tut, wenn ihm etwas nicht gefällt.
Den Böse-Menschen-Zähler hatte ich allerdings bald danach völlig vergessen. Er war langweilig und unbrauchbar, weil sein Zeiger immer auf der 0 stand, egal wohin ich ihn schleppte. Einmal nahm ich ihn sogar mit in die Schule. Ich war garantiert viel weniger als 100 Meter von Frau Grünbein entfernt. Und die hatte sogar mal einem Schüler eine Ohrfeige gegeben – hinterher wollte sie es natürlich nicht gewesen sein, aber ich habe es ganz deutlich gesehen. Sie war ganz eindeutig ein böser Mensch. Aber der Zeiger stand nach wie vor auf der 0. Ihm war Frau Grünbeins Gegenwart offenbar völlig egal. Mein Vater hatte Recht. Der Böse-Menschen-Zähler war Müll. Er wanderte in einen Karton und fristete fortan sein Dasein auf dem Dachboden unserer Wohnung. Und wenn wir nicht in dieses 300 Jahre alte Fachwerkhaus gezogen wären, von dem meine Eltern so schwärmten, dann hätte ich ihn wohl für immer vergessen. Aber so tauchte er bei den Umzugsarbeiten wieder auf.
Das neue Haus war Spitze. Ein riesiger Garten mit uralten Bäumen und viel mehr Platz als in der alten Wohnung. Auch mein Zimmer war viel größer als das alte. Jetzt konnte ich all meine Sachen aufstellen, die vorher auf dem Dachboden gestanden hatten, auch den Böse-Menschen-Zähler. Zwar hatte ich kein sonderliches Interesse mehr an ihm, aber ich wollte auch nicht, dass mein neues Regal so leer aussah. Also nahm ich ihn aus dem Karton und stellte ihn aufs oberste Brett. Dabei fiel mir auf, dass der Zeiger auf der 1 stand. Komisch. Ich nahm den Zähler in die Hand, schüttelte ihn etwas, versuchte den Zeiger von Hand wieder auf die 0 zu schieben, aber es ging nicht. Er blieb unverrückbar auf der 1.
Ich wollte meinen Eltern das Phänomen zeigen, aber sie hatten andere Dinge zu tun. Das Haus einräumen, putzen, Lampen anbringen ... Obwohl sie so viel zu tun hatten, wirkten sie viel fröhlicher als früher. Sie hatten lange davon geträumt, ein solches Haus zu besitzen. Ich würde ihnen später von der Veränderung beim Böse-Menschen-Zähler erzählen.
Am nächsten Morgen beendeten meine Eltern abrupt ihr Gespräch, als ich zum Frühstückstisch kam. „Was habt Ihr denn?“ – „Ach, Deine Mutter ...“ – „Nicht vor dem Jungen!“ – „Ach, warum denn nicht, Marlies, es ist doch nichts Schlimmes.“ Meine Mutter drehte sich zur Seite und guckte demonstrativ aus dem Fenster. „Deine Mutter hat in der Nacht Geräusche gehört. Sie meint, sie kämen von unten aus dem Keller. Aber natürlich ist es normal, dass so ein Haus arbeitet. Es ist ein Fachwerkhaus, das heißt, es besteht zumindest teilweise aus Holz. Holz arbeitet eben und das macht Geräusche“ – „Es waren aber keine Geräusche von knackendem Holz. Es war eher ein Klopfen. Manchmal sogar in einer Art Rhythmus, wie Morsezeichen oder so.“ – „Marlies“, mein Vater legte seinen Arm um meine Mutter, die ihn aber sofort mit einer resoluten Bewegung abschüttelte, „es ist klar, dass du nach den ganzen Umzugstrapazen etwas gestresst bist. Vielleicht ist ein Tier im Keller. Ich werde nach dem Frühstück mal nachsehen. „Da ist ein böser Mensch im Keller“, sagte ich. „Was?“ Meine Eltern schauten mich überrascht an. „Ja, seht hier.“. Und ich zeigte ihnen meinen Böse-Menschen-Zähler, dessen Zeiger auf der 1 stand. Ich glaubte zu sehen, wie sich die Pupillen meiner Mutter weiteten und ein Zittern über ihren Arm lief. Mein Vater dagegen sagte verärgert: „Pack dieses Ding weg. Es ist absoluter Unsinn. Hier ist niemand außer uns. Basta!“ Und damit stand er auf und begann mit seiner Inspektion des gesamtes Hauses, mit der er erst nach etwas vier Stunden fertig war, weil er jeden Winkel absuchte und sogar abklopfte, damit ihm keine geheimen Räume oder Kammern entgingen, hinter denen vielleicht eine Ratte oder irgendein anderes Getier hauste. Beim Mittagessen verkündete er stolz: „In diesem Haus befinden sich genau drei Menschen und das sind wir. Und böse ist keiner von uns“, womit er natürlich auf meinen Böse-Menschen-Zähler ansprach.
Das alles nutzte meiner Mutter nichts. Sie hörte auch in den folgenden Tagen und Wochen jede Nacht Klopf-Geräusche, und auch mein Böse-Menschen-Zähler stand weiterhin auf der 1. Interessant war, dass sein Zeiger auf die 0 sprang, wenn ich mit ihm etwa 100 Meter vom Haus wegging. Die ganze Situation begann, an den Nerven meiner Eltern zu zehren. Manchmal redeten sie tagelang kein Wort miteinander, dann wieder schrieen sie sich an, so dass ich nachts kein Auge zutun konnte. Ich selbst hörte übrigens keine Geräusche. Aber das kann damit zusammenhängen, dass mein Zimmer im zweiten Stock lag und damit ziemlich weit vom Keller entfernt.
„Ich habe Nachforschungen über dieses Haus angestellt“, eröffnete meine Mutter eines Morgens das Gespräch. „vor 500 Jahren stand an dieser Stelle eine Kapelle. Aber irgendwie muss sie später entweiht worden sein. Dann war es ein ,unheiliger Ort’. So heißt es jedenfalls in der alten Chronik, die ich in der Leihbücherei gefunden habe. Mehr ließ sich nicht herausbekommen.“ Mein Vater schüttelte wieder stumm seinen Kopf. „Aber allgemein heißt es noch“, so redete meine Mutter weiter, dass es in dieser Gegend einen verbreiteten Aberglauben gab. Die Menschen - besonders die einfachen Bauern natürlich - glaubten an Vampire. In einem anderen Buch habe ich gelesen, dass sie nicht wussten, wie sie die Blutsauger töten sollten. Da haben sie sie einfach bei lebendigem Leib eingemauert. „So ein Unsinn“, entgegnete mein Vater scharf. „Es gibt keine Vampire. Und wenn da jemand eingemauert wurde, so errinnert mich das stark an die Hexenverbrennungen.“
Doch meine Mutter ließ sich diesmal nicht von meinem Vater mundtot machen: „Ich möchte, dass Du den Boden im Keller aufhackst, um zu sehen, ob sich darunter noch irgendwelche Räume befinden. Wenn Du das nicht tust, werde ich Dich verlassen. Es tut mir Leid, Jürgen.“ Sie senkte den Blick und ich sah Tränen in ihren Augen. In diesen Tagen interessierte sie sich plötzlich auch sehr für meinen Böse-Menschen-Zähler. Es ist möglich, dass sie auch darüber etwas in einem Buch gelesen hatte. Ich bilde mir ein, dass die folgenden Ereignisse vielleicht gar nicht passiert wären, wenn wir ihn damals nicht auf dem Trödelmarkt gekauft hätten. Vielleicht hätte sie sich dann doch eines Tages von meinem Vater beschwichtigen lassen und gelernt, das Klopfen aus dem Keller zu ignorieren – so wie die vielen Menschen, die vor uns das Haus bewohnt hatten.
Mein Vater jedenfalls stand wortlos auf und holte die Sitzhacke aus dem Schuppen neben dem Haus. Daran, dass er alle Türen sehr laut öffnete und hinter sich wieder zuknallte, merkte ich, wie wütend er war. Er arbeitete den ganzen Tag, und das Loch, dass er in den steinigen Keller-Boden hackte, wurde immer tiefer. Mein Mutter schickte mich immer wieder zu ihm, um ihm Plätzchen oder ein Glas Mineralwasser zu bringen. Ich glaube, sie hatte ein schlechtes Gewissen, dass sie ihm eine solche Arbeit aufbürdete.
Ohne ein Ergebnis beendete mein Vater am Abend schlechtgelaunt seine Arbeit. Er hatte zwar ein etwa anderthalb Meter tiefes Loch in den Boden gehackt, aber darunter war nichts weiter als immer noch mehr Steine. „Das sollte wohl reichen“, herrschte er beim Abendessen meine Mutter an. „Wenn Du meinst, dass darunter noch irgendwelche Geheimkammern liegen, in denen irgendwelche Vampire vor sich hin klopfen, dann musst Du selbst weiterhacken. Ich habe etwas anderes zu tun, als damit meine Zeit zu verplempern.“
In der Nacht bekam ich Durst, musste aber feststellen, dass alle Flaschen im Vorratsraum leer waren. Aber ich erinnerte mich daran, dass mein Vater noch eine halbvolle Flasche im Keller stehen gelassen hatte. Zwar hatte ich nicht unbedingt große Lust, mitten in der Nacht in den Keller zu gehen, aber dann siegte der Durst. Was sollte da unten schon groß passieren? Der Keller bestand nur aus einem großen, kahlen Raum, der durch das helle Neonlicht wenig unheimlich war. Also stieg ich die Kellertreppe hinab. Die Flasche Sprudel stand direkt neben dem Loch, das mein Vater gehackt hatte. Ich bewunderte ihn. Das muss eine Heidenarbeit gewesen sein, ein so tiefes Loch zu hacken. Und dann nur mit einer einfachen Spitzhacke. Ich hob die Hacke auf, um zu prüfen, wie schwer sie war – sie war sehr schwer – und hackte zur Probe einmal auf den Stein am Grund des Loches. Der Stein gab nach und fiel unter lautem Gepolter in die Tiefe. Wo er eben noch gelegen hatte, klaffte jetzt ein großes schwarzes Loch, aus dem ein modriger Gestank emporstieg. Was war das? In Panik kletterte ich aus der Grube und flüchtete zur Kellertreppe. Dort blickte ich mich noch einmal um. Es war nicht zu erkennen, wie tief das Loch oder wie groß der Raum war, der sich offenbar unter unserem Keller befand. Trotz des Neonlichts war nur eine tiefe Schwärze am Grund von Vaters Grube zu erkennen. Ich schaltete das Licht aus und rannte in mein Zimmer, wo ich mir die Bettdecke über den Kopf zog. Das würde eine Überraschung für Mama und Papa werden.
Am nächsten Morgen konnte ich die beiden nicht finden. Ich suchte sie im ganzen Haus und im Garten, entdeckte aber keine Spur von ihnen. Wie konnte das sein? Sie ließen mich sonst nie allein. Ich war doch noch ein Kind. Man darf doch seine Kinder nicht allein lassen. Ich spürte, wie die Panik und Tränen in mir hochkrochen. Immer wieder rief ich nach meinen Eltern, bis sich meine Stimme überschlug und ich nur noch eine Mischung aus Schreien und Krächzen hervorbringen konnte. Ich lief auf mein Zimmer und weinte leise vor mich hin. Was sollte ich bloß tun? Ich musste meine Großeltern anrufen. Sie mussten kommen und mich holen. Erst dann sah ich den Böse-Menschen-Zähler. Der Zeiger stand auf der 3.
Ich rief meine Großeltern schließlich am Abend an. Sie versprachen, sofort loszufahren, würden aber erst am nächsten Morgen da sein. Ich solle mich ins Bett legen, die Tür abschließen und niemanden hineinlassen. Was ich auch tat. In der Nacht hatte ich böse Alpträume. Ich träumte von meinen Eltern, aber sie hatten sich verändert, streckten ihre Hände nach mir aus und riefen immer wieder „Komm!“ - Und da war noch jemand bei ihnen, den ich nicht kannte. Er trug seltsame Kleidung. Irgendwie altmodisch.
Am Morgen erwachte ich unausgeschlafen. Ich fühlte mich schlapp und konnte mich kaum auf den Beinen halten, als ich versuchte aufzustehen. Das Licht störte mich und ich zog die Vorhänge zu. Richtig, meine Eltern waren nicht mehr da. Komischerweise bedrückte mich das nicht mehr so sehr wie noch am Abend zuvor. Außerdem spürte ich, dass ich sie bald wiedersehen würde. Zunächst hatte ich ganz andere Bedürfnisse: Ich hatte Hunger. Allerdings drehte sich mir beim bloßen Gedanken an ein normales Frühstück mit Kakao und einem Salamibrot beinahe der Magen um. Es war etwas anderes, auf das ich Hunger hatte. Dann fiel mir ein, dass meine Großeltern gleich da sein mussten und plötzlich wusste ich, dass mein Hunger bald gestillt sein würde ...
Der Zeiger des Böse-Menschen-Zählers stand jetzt auf der 4.

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