Ganz schön bissig ...
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März 2004
Der Geheimgang und die bretonische Antwort
von Monique Lhoir

Die Rue Fontaine wurde nur von wenigen schummrigen Laternen beleuchtet, die lange Schatten warfen. Schnell öffnete Marie-Claire die schwere Haustür des alten Hauses und lief die breite, geschwungene Treppe zum ersten Stock hinauf. Sonia würde bestimmt schon ungeduldig auf sie warten. Sie hatte versprochen, ein bretonisches Menü zu kochen.
Auf der letzten Stufe stockte Marie-Claire, zog ihre Schuhe aus und schlich an dem ausladenden Eingangsportal der Wohnung der alten Schauspielerin vorbei. Als sie auf dem Treppenabsatz zum Atelier war, spürte sie wieder die Blicke im Rücken. Immer fühlte sie die Blicke und sie wusste genau, dass sie durch den Türspion beobachtet wurde. Jeden Tag – morgens, wenn sie hinunter-, und abends, wenn sie hinaufging. Sie presste fest die Lippen zusammen, hielt den Atem an und ihr Körper versteifte sich. Dann nahm sie zwei Stufen auf einmal. Vor ihrer Wohnung holte sie tief Luft und blies sie anschließend wieder aus. Erleichtert schloss sie auf.
Leise öffnete sie die Tür. Alles war dunkel. „Sonia! Sonia? Schläfst du schon?“ Sie stellte ihre Schuhe ab und ging auf Zehenspitzen bis zur Mitte des großen Ateliers. „Sonia?“
„Pssst. Nicht so laut.“
„Sonia, wo bist du? Warum machst du kein Licht an?“ Marie-Claire schaute sich um. Durch die große Glaskuppel des Daches fiel das Mondlicht herein.
„Hier hinten“, wisperte Sonia. „Hinter dem Klavier.“
Marie-Claire tastete sich vorwärts. Sonia hockte in der Ecke.
„Gehört das zum bretonischen Essen?“ Marie-Claire lachte leise und sah auf sie hinunter.
„Quatsch“, flüsterte Sonia. „Es gibt heute kein Essen. Ich hatte gar keine Zeit, etwas vorzubereiten. Wir müssen sie vernichten.“
„Wen vernichten?“ Marie-Claire zog ihre Stirn kraus. „Haben wir etwa Ungeziefer?“ Sie schüttelte sich.
„Nein, kein Ungeziefer. Die Vampirin selbstverständlich. Ich habe sie gesehen. Heute Morgen.“
„Hier?“ Marie-Claire blickte sich um.
„Natürlich nicht hier. Da unten.“ Sonia deutete mit ihrem Zeigefinger auf den Boden.
„In der anderen Wohnung?“ Sonia nickte und sah Marie-Claire beschwörend an.
„Sie liegt dort in einem abgedunkelten Zimmer – wie tot. Aber sie ist nicht tot. Ich weiß es genau.“
Marie-Claire hockte sich zu Sonia. „Sag mal, bist du krank?“ Sie strich ihrer Freundin durch den roten Wuschelkopf. Dann rümpfte sie die Nase. „Was riecht denn hier so ekelhaft?“
„Knoblauch natürlich“, zischte Sonia. „Hast du noch nichts davon gehört, dass es das wirksamste Mittel gegen Vampire ist? Den Saft musst du in den Achselhöhlen und auf der Kopfhaut verteilen. Ich habe dir etwas Knoblauch übrig gelassen - es steht in der Küche.“
„Aber Sonia, erstens gibt es keine Vampire und zweitens stinke ich dann tagelang nach diesem Zeug. Im Theater werden sie mich rauswerfen und meine Karriere ist dahin.“ Marie-Claire stand auf, ging durch das Atelier und öffnete die großen Flügeltüren zur Terrasse.
„Sonia, was hast du denn hier gemacht?“ Sie blickte sich um.
„Fischernetze aufgehängt!“ Sonia stand plötzlich hinter Marie-Claire. „Das ist wichtig, denn Vampire haben die fixe Idee, Knoten aufdröseln zu müssen, dadurch werden sie abgelenkt. Ich kann dir sagen, es war verdammt schwierig, hier in Paris Fischernetze zu bekommen. In Saint Malo wäre das kein Problem gewesen. Nach langem Suchen habe ich an der Seine einen alten Mann aufgetrieben, der noch welche auf seinem Hausboot hatte. Er war sogar so freundlich, sie mir hierher zu tragen. Und dann war ich auf dem Markt und habe Knoblauch besorgt. Jede Zehe, die ich kriegen konnte.“ Sonia ging zum Flügel zurück und zündete eine Kerze an. „Und einen Haufen Kerzen habe ich gekauft, denn Kerzenlicht schreckt die Vampire ab. Aber geweiht müssen sie sein.“
Marie-Claire schaute sich in dem nun spärlich beleuchteten Raum um. „Was hast du denn mit unserem Atelier gemacht?“ Sie lief von einer Flügeltür zur anderen und betrachtete die dort baumelenden Knoblauchgirlanden.
„Ich habe alles vorbereitet“, erwiderte Sonia und brannte erneut eine Kerze an. „Wenn die Vampirin heute Nacht wiederkommt, dann erledige ich sie. Hör mal!“ Sie betätigte einen Kassettenrecorder, und Glockengeläut ertönte. „Ich war heute Nachmittag in Notre Dame und habe es aufgenommen. Dort habe ich auch das Weihwasser geklaut und unsere Wohnung damit eingesprenkelt. Kirchliches Glockengeläut und Weihwasser vertreiben jeden Vampir.“
„Sonia, bist du verrückt geworden? Wie kommst du darauf, dass uns ein Vampir besucht?“ Marie-Claire betrachtete die Spiegel, die Sonia gleichmäßig im Atelier aufgestellt hatte.
„Die habe ich vom Flohmarkt. Die Spiegel dienen dazu, die Vampirin zu entlarven. Sonias Stimme vibrierte. „Und sie kommt wieder. In letzter Zeit ist sie jede Nacht gekommen. Erst habe ich gedacht, ich hätte nur geträumt, aber gestern Abend bin ich extra wach geblieben. Und dann habe ich sie gesehen. Sie kam aus dem Wandschrank in meinem Zimmer.“ Sonias Wangen färbten sich vor Aufregung rot und sie zeigte auf ihre Zimmertür. Ihre Hände zitterten.
Marie-Claire unterbrach sie. „Sonia, im Wandschrank ist nur altes Gerümpel. Unmöglich, dass darin noch eine Vampirin Platz hat. Erst letztens hab ich die Regale dort aufgeräumt.“
„Eben, das ist es ja.“ Sonias Wangen bekamen nun hektische rote Flecken. „Das Regal lässt sich leicht bewegen und dient als Tür.“
„Woher weißt du das denn?“
„Hör doch erst mal zu und unterbrich mich nicht ständig. Also, sie kam da heraus, blieb kurz vor meinem Bett stehen. Dann wandte sie sich ab und ging ins Atelier. Ich verhielt mich ganz ruhig und beobachtete sie aus den Augenwinkeln. Sie ging direkt zu den großen Flügeltüren, dann auf die Terrasse und schaute eine Weile auf die Straße hinunter. Anschließend lief sie zu deiner Tür und drückte die Klinke hinunter – aber sie öffnete nicht, sondern verschwand wieder im Wandschrank.“
„Bist du dir sicher?“ Marie-Claire verzog das Gesicht.
„Ganz sicher.“ Sonia ging zu einem Regal und kam mit einer Mappe zurück. „Nachdem du in die Oper gefahren warst, habe ich den Wandschrank untersucht und stellte fest, dass das Regal etwas von der Wand absteht. Und was glaubst du, was ich entdeckt habe?“ Sie machte eine Pause.
„Was?“, fragte Marie-Claire und schaute zu, wie Sonia einen Plan auseinanderfaltete.
„Einen Spalt. Einen Spalt ins Nichts - ins Dunkle. Ich zog vorsichtig an dem Regal und es ließ sich bewegen, wie eine Tür. Dann holte ich eine Taschenlampe und leuchtete hinein. Eine Treppe führt nach unten. Erst habe ich überlegt, ob ich es wirklich wagen sollte, da hinunterzugehen. Aber du weißt ja, wie neugierig ich bin. Also fasste ich mir ein Herz und stieg die Stufen hinab.“
„Und dann?“
Sonia strich den Plan glatt. „Der Gang endete an einer weiteren Tür. Ich öffnete sie vorsichtig und befand mich in einem abgedunkelten Zimmer. Und dann sah ich sie – die Vampirin. Sie lag in einem großen Himmelbett. Fahl und blass wie der Tod, umgeben von vielen weißen Satinkissen. Sie bewegte sich nicht. Aber, Marie-Claire – nachts steht sie auf, kommt uns besuchen und es nur eine Frage der Zeit, wann sie zuschlagen wird.“
„Aber es existieren doch gar keine Vampire. Das sind Märchen, erfunden von ängstlichen oder phantasievollen Menschen. Sicherlich gibt es eine ganz natürliche Erklärung für deine Beobachtung.“ Marie-Claire blickte auf den Plan und erkannte den Grundriss des Ateliers.
„Nein. Ganz bestimmt nicht. Die Seeleute in Saint Malo haben schon von solchen Phänomenen berichtet. Ich habe auch immer gezweifelt, aber jetzt glaube ich daran. Und vor allem erklärt das die Morde hier in diesem Atelier. Du weißt, dass die Polizei vor einem Rätsel stand, weil die Wohnungstür jeweils abgeschlossen war. Sie nahmen an, dass es sich im Selbstmorde handelte. Ganz und gar nicht, alles falsch! – Es war die Vampirin.“ Sonia schwieg nun, atmete tief durch und nickte bestätigend mit dem Kopf. „Und hier ist der Beweis.“ Sie zeigte auf den Plan. „In den Grundrissen der Wohnungen ist kein Geheimgang vermerkt.“
„Und nun?“ Marie-Claire nahm eine der Kerzen und studierte eingehend die Zeichnung. Dann sah sie auf: „Wir müssen die Polizei verständigen und von der Geheimtür berichten.“
„Die würden uns doch gar nicht glauben.“ Sonia ging in eine andere Ecke des Ateliers und kam mit einem Arm voller Holz zurück. „Ich habe auch hier alles vorbereitet und Pfähle aus Eschenholz besorgt. Wenn die Vampirin erscheint und wieder auf die Terrasse geht, dann ist sie erst einmal damit beschäftigt, die Knoten der Fischernetze aufzumachen. Wir können sie dann überrumpeln und ihr einen Pfahl direkt ins Herz stoßen. Aber vorher musst du dich noch reichlich mit Knoblauchsaft einreiben, damit sie dich nicht angreift.“
„Aber Sonia, dann werden wir doch zu Mörderinnen. Und was machen wir mit der Leiche?“ Marie-Claire hockte sich mit dem Plan auf den Boden.
„Claire!“, Sonia sah ihre Freundin mitleidig an. „Es wird gar keine Leiche geben. In dem Moment, wo wir sie erlöst haben, wird sie sich einfach zu Staub zerfallen ,und weg ist sie.“ Sonia legte die Pfähle neben Marie-Claire.
„Ich glaube, das kann ich nicht.“ Marie-Claire wollte aufstehen, doch Sonia drückte sie wieder nach unten.
„In Deckung, ich glaub sie kommt. Ich habe was gehört.“ Marie-Claire kauerte sich hinter das Klavier und hielt den Atem an. Gespannt schaute sie zu Sonias Zimmer. Sonia hockte sich zu ihrer Freundin und legte den Zeigefinger auf den Mund.
Und dann sahen sie es. Leise öffnete sich die Tür und eine Gestalt, in einem weißen, wallenden Gewand gehüllt, trat herein. Einen Moment blieb sie stehen, dann ging sie langsam in die Mitte des Ateliers. Das durch die Glaskuppel scheinende Mondlicht ließ die weiße Frau hell erstrahlen. Sie schaute sich noch einmal um und bewegte sich anschließend langsam in Richtung Terrasse. Die Schleppe des Gewandes verursachte ein schleifendes Geräusch. Das Wesen öffnete die Terrassentür und prallte zurück.
„Sie hat die Fischernetzte gesehen“, flüsterte Sonia und griff nach Marie-Claires Hand. „Warte noch einen Moment – und dann ...“ Sonia drückte langsam die Taste des Kassettenrecorders und das Glockengeläut von Notre Dame erfüllte das Atelier. „... jetzt los“, brüllte sie, schnappte sich einen Holzpfahl und sprang hinter dem Flügel hervor.
„Nein!“, schrie Marie-Claire. Sie erwischte gerade noch Sonias Fuß. Ihre Freundin stürzte zu Boden. Die Gestalt dreht sich abrupt um, sah die beiden Mädchen kurz an, eilte in Sonias Zimmer und verschwand. Marie-Claire begann zu zittern. Mit weit aufgerissenen Augen sah sie der Gestalt nach.
„Sag mal, spinnst du?“, fauchte Sonia und robbte über den Boden. „Wir hätten sie erledigen können. Jetzt ist sie gewarnt.“
„Sonia ...“, Marie-Claires Stimme war nur ein Hauch. „Sonia, es war keine Vampirin. Ich habe sie ganz deutlich in den Spiegeln gesehen. Es war die ...“
Kreidebleich und mit zitternden Fingern zeigte sie auf den Boden des Ateliers.

© Monique Lhoir






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