Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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März 2004
Zelt am See
von Renate Hupfeld

Als wir das Waldstück verließen, war der Blick frei auf das gewaltige Bergmassiv. Sie blieb stehen. Ihre Augen hingen an der schneebedeckten Felsspitze. Lisa mit Wanderschuhen und Rucksack. Eine ganz andere Frau als beim Skifahren. Sie wirkte ängstlich.
„Was ist mir dir?“, fragte ich.
„Martin, für mich ist hier alles fremd.“
„Du wolltest doch diese Rundtour unbedingt mit mir machen. Macht es dir überhaupt Spaß?“
„Ja, aber es geht halt nicht so schnell. Wie weit ist es denn noch?“
Ich faltete die Wanderkarte auseinander.
„Diesen Anstieg zum See müssen wir nehmen, bis auf 2800 Meter. Wir sind jetzt auf einer Höhe von 2200 Metern, Baumgrenze. Ein paar schwierige Passagen, die dürften aber kein Problem für dich sein.“
„Wie lange brauchen wir bis zum See?“
„Drei bis vier Stunden. Wäre gut, wenn wir vor Sonnenuntergang das Zelt aufbauen. Im Dunkeln ist das nicht so prickelnd.“
„Heute ist Vollmond.“
„Gehen wir weiter“, drängte ich.
Lisa stolperte unsicher zwischen Felsbrocken und Geröll herum. Am Rande eines Abgrundes verlor sie fast die Nerven. Sie war bleich und zitterte. Wovor hatte sie Angst?

„Du bist doch sonst immer so fit, beim Skifahren ist dir kein Hang zu steil. Hast du Probleme mit der Höhe?“, fragte ich.
„Die karge Landschaft macht mir zu schaffen. Schroffe Felsen und das ewige Eis.“
„Das kennst du aber doch.“
Irgendwie war bei ihr der Wurm drin. Sie hörte nicht auf zu jammern. Ob es vielleicht doch besser wäre die Tour abzubrechen? Aber den größten Teil der Strecke hatten wir geschafft. Also weiter, entschied ich.
Lisas Blick klebte immer wieder an der Spitze der Felszacke. Der Koloss schien mächtig Eindruck auf sie zu machen. Sie redete von Eishöhlen und Ungeheuern aus dem Eis. Durch die globale Erwärmung kämen sie frei und machten die Gegend unsicher.
Seit wann war sie abergläubisch?
Sie musste sich auf den Weg konzentrieren und ich war ihr meistens ein Stück voraus. Sollte sie diesen Mumpitz doch den Steinadlern und Murmeltieren erzählen.

Endlich erreichten wir den See. Lisa sollte Recht behalten. Es war Vollmond. So groß hatte ich ihn noch nie gesehen. Bizarre Felsformen in unwirkliches Licht getaucht, seltsam klar, heller als ich es jemals bei Vollmond erlebt hatte. Der schroffe Riese lag bläulich leuchtend über uns, seine Schneehaube nicht weit entfernt. Niemand außer uns hatte auf der Hochalm sein Nachtlager aufgeschlagen, das wunderte mich. Es hatte uns auch niemand überholt, ein Wunder bei unserem Tempo.
Ich war jedenfalls erleichtert, dass wir mit heilen Knochen am See angelangt waren. Lisas Laune hatte sich erstaunlich gebessert. Sie half mir sogar das Zelt aufzubauen.
„Du bist erschöpft“, sagte ich. „Mach es dir schon mal drinnen bequem und ruhe dich aus. In der Nähe fließt eine Quelle in den See, hab ich im Wanderführer gelesen. Ich hole Wasser und koche uns einen Tee.“

Das Felsmassiv fiel steil ab in den See. Ich musste über dicke Steine klettern. Nach oben hin waren sie mit Schnee bedeckt. War hier schon der Gletscher? Die Quelle jedenfalls nicht. Dafür machte ich eine Entdeckung, die mich beunruhigte. Der Eingang zu einer Höhle. Ich ging ein wenig näher. Mächtige Eiszapfen hingen von der Decke herunter. Mir war, als zöge ein eisiger Sog mich hinein.
Also gab es tatsächlich Eishöhlen hier in der Gegend. Was hatten sie in der Kneipe unten im Dorf von der jungen Frau erzählt? Auf mysteriöse Weise zu Tode gekommen. Schnell weg von hier.
Nach der Quelle suchte ich nicht mehr. Ich füllte die Feldflaschen mit Wasser aus dem See.

„Bist du es, Martin?“
„Ja.“
„Hast du die Quelle gefunden?“
„War weiter entfernt, als ich dachte“, log ich.
Auf dem kleinen Campingkocher erhitzte ich das Wasser und bereitete zwei Becher Tee. Ein Wolkenband hatte sich vor den Mond geschoben, er war nur noch als milchiger runder Fleck zu erahnen, die Felsspitze im Dunst eingehüllt. Es begann sogar zu schneien. In kurzer Zeit legte sich ein weißer Schleier auf Zelt und Umgebung. Mir wurde kalt. So nahm ich den Tee mit hinein.

Wir saßen nebeneinander im Zelt, schlürften unseren Tee und sahen dicke Schneeflocken in den See schweben.
„Martin“, schrie Lisa auf, „hast du es gesehen?“
„Was denn?“
„Den weißen Schatten“, kreischte sie, „schneeweiß, ganz dicht an unserem Zelt.“
Ich meinte sogar ein Flattern gehört zu haben.
„Es wird eine Fledermaus gewesen sein. Du weißt doch, sie jagen nachts.“
Ich nahm sie in den Arm.
„Weiße Fledermäuse jagen nur tagsüber, das habe ich gelesen.“
„Was du immer liest.“
„Martin, ich halte das nicht aus.“
„Reg dich nicht auf, es war nichts.“
„Ich kann hier auf keinen Fall bleiben.“
„Und wo sollen wir jetzt noch hin? Willst du mitten in der Nacht durch das Gebirge tappen?“
„Guck wenigstens mal draußen nach, ob alles in Ordnung ist.“
Große Lust hatte ich dazu nicht, aber so gab es ja auch keine Ruhe. Die junge Frau unten im Dorf ging mir wieder durch den Kopf. Hatte nach einer Vollmondnacht morgens tot im Bett gelegen, eiskalt wäre sie gewesen, wie eingefroren. Jemand hatte ein weißes Flugwesen in Richtung Gletscher fliegen sehen, in jeder Nacht. Meinen Hammer steckte ich noch ein, für alle Fälle. Lisa blieb im Zelt zurück.

Es schneite nicht mehr. Der Riesenmond beleuchtete von seinem Platz über dem Felsmassiv die schneebedeckte Alm. Ich ging um das Zelt herum. Überpuderte Fußspuren. Beim näheren Hinsehen erkannte ich das Profil meiner Wanderschuhe. Also nichts Verdächtiges.
Ich schaute zur Höhle hinauf, dachte an den eisigen Sog. Woher kam der? Ha! Da hatten sie sich eingenistet. Ungeheuer aus dem Eis. Trieben ihr Unwesen hier im Gebirge. Einer von denen hatte der jungen Frau im Dorf das Leben ausgesaugt und wollte jetzt ...
Zögernd ging ich zum Felsen. Sollte ich wirklich ...? In dem Moment wurde ich auch schon von einem heftigen Luftzug fast von den Beinen gerissen. Erschrocken fuhr ich herum. Fangzähne blitzten im Mondlicht. Schneeweiße Mähne. Ein Eisvampir. Die blauen Augen bohrten sich in meinen Hals. Mit seiner eisigen Klaue schlug er nach mir. Ich taumelte gegen den Felsen. Verzweifelt griff ich in meine Hosentasche. Als ich den Hammer erhob, wich mein Gegner zurück. Jetzt würde ich ihn erledigen. Aber meine Waffe fiel mir aus der Hand. Als ich sie aufheben wollte, rutschte ich aus und stürzte.
Ein lang anhaltender schriller Schrei brachte mir das Bewusstsein zurück. Ich musste mich am Felsen abstützen, um auf die Beine zu kommen. Wo war das Eismonster? Ich konnte es nirgends entdecken. Das Zelt stand friedlich am See.
Doch was war das da? Eine Gestalt mit weißem Gewand. Wunderschön sah sie aus in dem stillen Schneeland. Mit federnden Schritten kam sie langsam näher, die Arme mir zugewandt.
„Lisa!“ Ich lief ihr entgegen, fasste ihre Hände. So kalt. Ihre Lippen. Waren sie schon immer so rot?
„Martin.“
„Lisa, ich wollte ihn töten. Er hat dich doch nicht ...?“
Blauer Eisblick.
„Komm mit, es ist nach Mitternacht.“ Ihr blutroter Mund lächelte mich an. Silbrig glänzten ihre Fangzähne im Schein des Mondes.

©Renate Hupfeld 03/2004








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