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Die Furie erwachte. Elaine schlug ihre FangzĂ€hne in den Hals des jungen Mannes und begann ausgehungert ihr Mahl. Blut spritzte. Gierig saugte sie. Den gurgelnden Schrei ihres Opfers unterdrĂŒckte Elaine mit ihren zarten HĂ€nden, die sich mit der Kraft einer Untoten auf seinen Mund pressten. Elaine kĂŒmmerte sich nicht um das Blut, das seitlich von ihren Mundwinkeln herunter tropfte. Sie leckte sich nur kurz ĂŒber die Lippen, um sogleich wieder ihre ZĂ€hne in seinen Hals zu graben. Als ihr Durst gestillt war, schleuderte Elaine den JĂŒngling vom Bett. Mit einem Knacken brach seine WirbelsĂ€ule, als er gegen die Wand prallte. Ein Grinsen ĂŒberzog Elaines makelloses Gesicht, dem das Alter eines halben Jahrtausends nicht anzusehen war. Ottokar, ihr Butler, klopfte an die TĂŒr des Gemaches.
âHinfort!â Die Welt um Elaine versank in Dunkelheit.
Der erste Hahnenschrei lieĂ Elaine aus ihrem tiefen Schlaf auffahren. Kein Licht drang durch die dicken VorhĂ€nge, dennoch konnte sie den frischen Tau riechen. Elaine erhob sich aus ihrem Bett. Die Laken strahlten weiĂ und unbenutzt. Fast schien alles ein Traum gewesen zu sein. Fast. Ottokar hatte die Tapete noch nicht erneuert. Die Laken zu wechseln war wĂ€hrend ihres Todes Ă€hnlichem Schlaf kein Problem fĂŒr ihn.
Sie fĂŒhlte sich jung und frisch, voller Tatendrang. Rasch rief sie ihren Diener herbei.
âHerrin?â
âWohin hast du den JĂŒngling gebracht?â
âZu den anderenâŠ.â
Im Keller befand sich hinter einem Weinregal eine Kammer, wohin er ihre Opfer brachte. Die Ratten erledigten den Rest.
âWann ist es wieder soweit?â Ottokar blickte Elaine besorgt an.
âFrĂŒhestens in einem Monat, genug Zeit, um die Forschung voranzutreiben.â
Ottokar lieĂ Elaine mit ihren Gedanken zurĂŒck, die wieder einmal um die Sonne kreisten. Wie lange war es her, seit ihr Anblick Elaine das letzte Mal vergönnt war? Auch der immer stĂ€rker werdenden Drang nach Blut lastete schwer auf ihr. Sie musste töten, um ihr Leben zu erhalten. Ein Leben ohne Glanz, verborgen in der Nacht, unfĂ€hig zu lieben. Sie wĂŒnschte sich, dass die VorhĂ€nge in Flammen aufgehen und der Raum von Sonnenlicht geflutet wĂŒrde.
Um auf andere Gedanken zu kommen, stĂŒrzte sich Elaine in ihre Arbeit. Wenn es ihr gelĂ€nge, ein Mittel zu entwickeln, das den Durst linderte, wĂŒrde es vielleicht möglich sein, einen Mann zu finden, der die erste Nacht ĂŒberlebte. Bis jetzt war es ihr lediglich gelungen ein Parfum zu entwickeln, gebraut aus tierischen Pheromonen machte es ihr MĂ€nner gefĂŒgig.
Alsbald war aus ihrem Labor nur noch das Brodeln verschiedenster Reagenzien zu vernehmen, gelegentlich unterbrochen von kleinen Explosionen.
Auch heute hatte Elaine nichts erreicht. Als die Sonne unterging, machte sie sich auf den Weg durch die kleine Stadt. Sie liebte die Zeit zwischen DĂ€mmerung und totaler Finsternis. LieĂ sie Elaine erahnen, wie es wĂ€re, eine Sterbliche zu sein. GeschĂ€ftige Bedienstete tĂ€tigten die letzten Besorgungen fĂŒr ihre Herren, MĂ€gde brachten das Abendessen heim. Kinder schrieen, da sie noch nicht nach Hause wollten. Doch die allgemeine Ausgangssperre lieĂ den Bewohnern keine Wahl, auch wenn der Abend noch so lau war und zum gemĂŒtlichen Zusammensitzen einlud.
Polizisten patrouillierten in Zweiergruppen durch die StraĂen und bedachten Elaine mit misstrauischen Blicken. Sie war in der Stadt gut bekannt und ob ihrer groĂzĂŒgigen Spenden auch nicht Ziel des Argwohns. Doch solange man Elaine in der DĂ€mmerung noch nicht erkannt hatte, lagen die HĂ€nde der Gendarmen auf ihren KnĂŒppeln. So war es Befehl, erteilt von Inspektor Duncan, dem Chef der örtlichen Polizei.
Neben dem Rathaus betrachtete sie im Licht einer Laterne einen Moment die Liste der vermissten Personen. Alles JĂŒnglinge zwischen zwanzig und dreiĂig Jahren, schlank, allesamt verschwunden innerhalb der letzten vier Jahre â 17 an der Zahl.
Die Glocke schlug neun und Elaine beschloss, dem Park im Osten der Stadt einen Besuch abzustatten.
âZu so spĂ€ter Stunde noch unterwegs?â Duncan lehnte lĂ€ssig an einem Baum und musterte sie durch seine dicken BrillenglĂ€ser.
âIch liebe die frische Luft.â Elaine bedachte ihn mit einem sĂŒĂen LĂ€cheln, normalerweise half ihr das, MĂ€nner zu beeinflussen. Doch auf Duncan erzielte es nicht die gewĂŒnschte Wirkung.
âEs herrscht Ausgangssperre, ich könnte Sie verhaften.â Um seine Drohung zu bekrĂ€ftigen, strich Duncan ĂŒber seine Pistole, die er offen zur Schau trug.
âMonsieur, mich, eine hilflose Frau?â Lasziv trat Elaine an ihn heran. Da bemerkte sie ein kleines Holzkreuz, das um Duncans Hals hing. Elaine schrak zurĂŒck. Als sie seinen verwunderten Blick bemerkte, wandte Elaine sich wortlos ab und eilte davon. WĂ€hrend Duncan den leiser werdenden GerĂ€uschen ihrer AbsĂ€tze lauschte, kam ihm ein absurder Gedanke. Doch ehe er diesen fassen konnte, entzog er sich ihm, wie Elaine zuvor.
Kreuze. Sie verfluchte sich selbst. Warum war sie so leichtsinnig? Duncan war eine lĂ€cherliche Erscheinung, doch ein gefĂ€hrlicher Mann. Sie wollte die Stadt nicht verlassen, noch nicht. Elaine hoffte, dass sie bald einen Durchbruch in ihren Forschungen erzielen konnte. Bei einem raschen Aufbruch musste sie alles zurĂŒcklassen.
*
Immer wieder wanderten seine Gedanken zu Elaine. Duncan fĂŒhlte, dass sie die Lösung seines Problemes war. Es gab den ersten Vermissten kurz nachdem sie hierher gezogen war.
Irgendetwas stimmte mit Elaine nicht. Es war nicht nur das Getratsche der alten Weiber. Manche munkelten sie seie eine Hexe, Duncan war nicht aberglĂ€ubisch und tat solche GerĂŒchte immer als GeschwĂ€tz ab. Es waren ihre Augen, sie passten nicht zu Elaines perfekter Erscheinung. Sie wirkten uralt und tief traurig. Ausserdem war Duncan ihr wĂ€hrend des Tages noch niemals begegnet.
Auch an den Stammtischen war sie das Thema Nummer eins. Wenngleich es hier darum ging, was so ein fesches Ding mit ihrem Butler in ihrer Villa am HĂŒgel trieb. Ihrem Diener war er schon öfter am Markt begegnet, wenngleich nie mit seiner Herrin.
Elaine. Duncan schrieb den Namen nieder, schon den ganzen Tag quÀlte ihn jener Gedanke, der sich ihm in der Nacht entzogen hatte. Elaine. Zettel um Zettel reihten sich an der Wand hinter seinem Schreibtisch. Daneben starrte ihn der gekreuzigte Jesus von seinem Platz an. Nachdenklich spielte Duncan mit der Miniaturversion seines Kreuzes. Konnte es einen Gott geben, der Mord und Totschlag billigte? Nachdenklich legte er seinen AnhÀnger in die oberste Schublade. In letzter Zeit hatte Duncan es sogar versÀumt, den Gottesdienst zu besuchen.
*
Traurig lauschte Elaine hinter ihren VorhÀngen dem Hahnenschrei. Zwei Monate ohne nennenswerte Forschungsergebnisse waren vergangen und der Durst war wieder da. Ihre Bewegungen waren trÀger geworden, ihr Kopf schmerzte und ihr Körper bebte bei dem Gedanken an frisches Blut. Diese Nacht musste sie wieder auf Jagd gehen. Zu lange hatte Elaine den Schutz ihres Hauses dem Nachtleben vorgezogen. Sie versuchte es so lange hinauszuzögern wie sie konnte, doch der Tag kam immer, da der Durst sie halb wahnsinnig machte. Ihr ganzes Gehabe Ànderte sich dann und sie wollte am liebsten in den Stall rennen und ihren Pferden das Blut aussaugen.
Als der letzte Strahl der Sonne verschwunden war, war es ihre Geduld ebenso. Bewaffnet mit dem Duft der VerfĂŒhrung machte Elaine sich auf den Weg ins Hafenviertel, dort gab es die meisten Kneipen und Reisenden. Das abendlichen Treiben war ihr diesmal egal. Betört von den unterschiedlichen AusdĂŒnstungen der Menschen und dem Gedanken an frisches Blut strebte sie dem Hafen zu. Die Bar âblessed Mariaâ gefiel Elaine. Der Besitzer hatte es versĂ€umt, das Lokal mit den verhassten Kirchenutensilien zu schmĂŒcken.
Schwungvoll betrat sie das Lokal, in dem Elaine die Aufmerksamkeit einiger versoffener Gestalten erweckte. Der Wirt nickte ihr zu, denn Prostituierte waren erwĂŒnscht.
âSchĂ€tzchen, was machtâs?â Ein betrunkener MittfĂŒnfziger konnte seiner Geilheit nicht mehr Einhalt gebieten.
Elaine stieĂ ihn in Richtung Ausgang, torkelnd fand er seinen Weg ins Freie. Er war ihr zu alt, das Blut verlor mit der Zeit an Geschmack, auĂerdem besaĂ er nicht die richtige Gesinnung. Er war nur ein alter Mann, dem die Frau davon gelaufen war.
Ein Blick auf die Versammelten genĂŒgte ihr, um das ideale Opfer zu entdecken. Unter dem Abschaum stach einer hervor. Ein schlanker Mann, das Haar voller Pomade, mit einem einnehmenden LĂ€cheln. Mit diesem könnte er jedes MĂŒtterchen ĂŒberzeugen, ihr HĂ€uschen fĂŒr einen Spottpreis an ihn zu verhökern. Und Elaine spĂŒrte, das er einen Teil des Geldes, das fĂŒr die teure Uhr draufgegangen war, auf diese Weise verdient hatte. Er war fĂŒr ihre Zwecke ideal, böses Blut belastete ihr Gewissen weniger.
âNa SĂŒĂer, wie wĂ€râs mit uns zwei?â Elaine klimperte einmal kurz mit ihren Augenlidern und er folgte ihr aus der Bar.
âWieviel?!â
âFĂŒr dich, SĂŒĂerâ, Elaine musterte ihn noch einmal, âumsonst.â
âIch bin Steve,â den Rest seines Wortschwalles verschluckte er. Steve war viel zu beschĂ€ftigt damit, ihr wie ein HĂŒndchen zu folgen. Hechelnd, ganz auf sie konzentriert. Elaine lief mit groĂen Schritten voran. Sie konnte es kaum erwarten. Der Durst wollte sie zwingen, ihm hier und jetzt die Kehle aufzureiĂen. Doch ihr Verstand riet ihr, sich zuerst in Sicherheit zu begeben. In Gedanken versunken ĂŒbersah sie die abgemagerte Gestalt, die zusammengekauert auf einer Bank saĂ. Duncan entgingen ihr Gehabe und vor allem der Mann nicht. Zu lange hatte er erfolglos im Hafen gewartet. Die vielen NĂ€chte hatten sein Antlitz geprĂ€gt, tiefe Ringe zeichneten sich unter seinen Augen ab, er schlief und aĂ kaum noch. Duncans Verstand arbeitete auf Hochtouren: Der Mann und ihre aufreizende Kleidung passten ins Bild, ebenso der Zeitpunkt. Alle zwei bis vier Monate geschah ein Mord. Sie war seine einzige Spur und von höchster Stelle drohte man bereits mit seiner Entlassung. Duncan folgte ihnen, immer darauf bedacht, nicht entdeckt zu werden. Doch seine Sorgen waren unbegrĂŒndet. Weder Elaine noch Steve hatten fĂŒr ihre Umgebung Aufmerksamkeit ĂŒbrig.
Ottokar hielt ihnen bereits die TĂŒr auf. Er wĂŒrdigte den Gast seiner Herrin keines Blickes. Er wollte mit dem Gesindel nichts zu tun haben. âEurer Gemach ist bereit.â
Elaine nickte ihm nur kurz zu, nahm Steve bei der Hand und zog ihn nach oben. Sie zerrte an seinem Arm, wie wenn sie ihn abreiĂen wollte.
Steve hatte nur Augen fĂŒr sie, sonst hĂ€tte er sicher Fragen gestellt: Warum bewohnte eine Prostituierte eine riesige Villa? Wieso verriegelte der Butler die EingangstĂŒr und warum war das gesamte GebĂ€ude schwarz gestrichen? Doch ihr perfekt gerundetes GesÀà nahm sein Denken ein. Auf halbem Wege die Treppe hinauf riss er sich die Jacke vom Leib. Im Gemach angekommen, erwartete ihn Elaine bereits kniend im Doppelbett. Mit einem Griff lieĂ Steve seine Hose zu Boden gleiten. Das Blut war bereits in den Lendenbereich gewandert. Mit einem Lustschrei sprang er ins Bett.
Elaine hatte ihn unterschÀtzt, es steckte mehr Kraft in Steve, als es den Anschein gehabt hatte. Als sie nach seinem Hals schnappen wollte, entzog er sich ihr in der Vermutung, es handle sich bloà um eine Form von Perversion. Als Elaine ihre NÀgel in seinen Unterleib rammte, gelang es Steve sich durch ein AufbÀumen von ihr zu befreien. Fassungslos starrte er auf das Blut, das aus mehreren Wunden austrat.
Elaine verlor die Kontrolle ĂŒber sich. Kreischend stĂŒrzte sie sich auf ihr Opfer. Dieses flĂŒchtete aus dem Raum. Ottokar wollte die TĂŒre noch zudrĂŒcken, doch ihr Butler kam zu spĂ€t. Elaine folgte Steve, schnappte nach seiner Kehle. Steve stolperte und fiel ĂŒber das GelĂ€nder. Seinen Sturz quittierte sie mit einem Fauchen, ihre Nahrung ging dahin. Ottokar sperrte sich in seinem Zimmer ein. Er wusste, wenn Steve tot war, kam er an die Reihe.
Hastig sprang Elaine in die Tiefe. Doch es war zu spĂ€t, der Druck war weg, das Blut zirkulierte nicht mehr. Steve war fĂŒr sie uninteressant. âMerde!â Ihre ganze Wut entleerte sich in einem blasphemischen Wortschwall. Da klopfte es an der EingangstĂŒr. Elaine riss sie auf und schrak sie zurĂŒck. Vieles hĂ€tte sie erwartet, doch nicht Inspektor Duncan, der mit seiner Pistole auf sie zielte.
Das Tier in ihr gierte nach Blut. Die Differenzierung zwischen Gut und Böse gab es nicht mehr, somit war auch ihr Regeln verschwunden, sich nur das Blut böser Menschen anzueignen. Die Furie sprang vor und schlug dem ĂŒberraschten Duncan die Waffe aus der Hand. Einen Moment spĂ€ter gruben sich ihre ZĂ€hne in seinen Hals und Elaine begann ihr Mahl. Ihr HeiĂhunger lieĂ sie das Blut innerhalb von Minuten aus Duncans Körper saugen. Als er nur mehr schlaff in ihren Armen lag, wandte Elaine sich von ihm ab und wankte ihrem Gemach zu. Doch auf halbem Wege lieĂ sie sich am TreppengelĂ€nder nieder. Elaine musste schlucken, ein fahler Geschmack machte sich in ihrem Mund breit. Tief im Inneren fĂŒhlte sie, dass sie Duncan Unrecht getan hatte. Es war nie ihre Absicht, einen rechtschaffenen Menschen zu töten. Doch die Bestie hielt sich zufrieden den Bauch, bereit fĂŒr ein SchlĂ€fchen. âWir mĂŒssen fort,â stammelte Elaine noch, bevor sie auf der Treppe einschlief.
Pferdewiehern lieĂ Elaine erwachen. Sie lag in ihrer Kutsche und Ottokar spannte gerade die beiden Percheronhengste an. Als er damit fertig war, sah er kurz nach seiner Herrin.
âWas ist mit Duncan geschehen?â
âIch habe ihn vors Rathaus gelegt. Er wird von unserer Abreise ablenken.â
Elaine verspĂŒrte Ekel gegen sich selbst. Der Geschmack von Duncans Blut lag ihr noch auf der Zunge. Es lieĂ ihren Magen rebellieren. Hoffentlich erwischte sie das nĂ€chste Mal den Richtigen.
Ottokar kontrollierte schnell die VorhĂ€nge, bevor er den Kutscherstand erklomm und die Pferden antrieb. Die Hengste schienen durch die Gassen zu fliegen, wie wenn der Teufel persönlich ihr Kutscher wĂ€re. Als sie am Hauptplatz vorbeikamen, nahm Elaine die Wehklagen der versammelten Menge wahr. Ihr Hand fuhr ruckartig zu den VorhĂ€ngen. Ein schmaler Lichtstreifen fand seinen Weg ins Innere. Als er ihren Unterschenkel traf, stieg Rauch auf. Elaine wollte die Menschenmenge sehen, der sie soviel Leid gebracht hatte. Doch der Vampir in ihr war stĂ€rker. Er verhöhnte ihre menschlichen SchuldgefĂŒhle und beschwichtigte Elaine: Duncan hatte es verdient! Was kam er ihr in die Quere? Er war nur ein Mensch. Nahrung.