Ganz schön bissig ...
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März 2004
Der Gemeine Vampir
von Matthias Meyeul

Die Furie erwachte. Elaine schlug ihre Fangzähne in den Hals des jungen Mannes und begann ausgehungert ihr Mahl. Blut spritzte. Gierig saugte sie. Den gurgelnden Schrei ihres Opfers unterdrückte Elaine mit ihren zarten Händen, die sich mit der Kraft einer Untoten auf seinen Mund pressten. Elaine kümmerte sich nicht um das Blut, das seitlich von ihren Mundwinkeln herunter tropfte. Sie leckte sich nur kurz über die Lippen, um sogleich wieder ihre Zähne in seinen Hals zu graben. Als ihr Durst gestillt war, schleuderte Elaine den Jüngling vom Bett. Mit einem Knacken brach seine Wirbelsäule, als er gegen die Wand prallte. Ein Grinsen überzog Elaines makelloses Gesicht, dem das Alter eines halben Jahrtausends nicht anzusehen war. Ottokar, ihr Butler, klopfte an die Tür des Gemaches.
„Hinfort!“ Die Welt um Elaine versank in Dunkelheit.

Der erste Hahnenschrei ließ Elaine aus ihrem tiefen Schlaf auffahren. Kein Licht drang durch die dicken Vorhänge, dennoch konnte sie den frischen Tau riechen. Elaine erhob sich aus ihrem Bett. Die Laken strahlten weiß und unbenutzt. Fast schien alles ein Traum gewesen zu sein. Fast. Ottokar hatte die Tapete noch nicht erneuert. Die Laken zu wechseln war während ihres Todes ähnlichem Schlaf kein Problem für ihn.
Sie fühlte sich jung und frisch, voller Tatendrang. Rasch rief sie ihren Diener herbei.
„Herrin?“
„Wohin hast du den Jüngling gebracht?“
„Zu den anderen….“
Im Keller befand sich hinter einem Weinregal eine Kammer, wohin er ihre Opfer brachte. Die Ratten erledigten den Rest.
„Wann ist es wieder soweit?“ Ottokar blickte Elaine besorgt an.
„Frühestens in einem Monat, genug Zeit, um die Forschung voranzutreiben.“
Ottokar ließ Elaine mit ihren Gedanken zurück, die wieder einmal um die Sonne kreisten. Wie lange war es her, seit ihr Anblick Elaine das letzte Mal vergönnt war? Auch der immer stärker werdenden Drang nach Blut lastete schwer auf ihr. Sie musste töten, um ihr Leben zu erhalten. Ein Leben ohne Glanz, verborgen in der Nacht, unfähig zu lieben. Sie wünschte sich, dass die Vorhänge in Flammen aufgehen und der Raum von Sonnenlicht geflutet würde.
Um auf andere Gedanken zu kommen, stürzte sich Elaine in ihre Arbeit. Wenn es ihr gelänge, ein Mittel zu entwickeln, das den Durst linderte, würde es vielleicht möglich sein, einen Mann zu finden, der die erste Nacht überlebte. Bis jetzt war es ihr lediglich gelungen ein Parfum zu entwickeln, gebraut aus tierischen Pheromonen machte es ihr Männer gefügig.
Alsbald war aus ihrem Labor nur noch das Brodeln verschiedenster Reagenzien zu vernehmen, gelegentlich unterbrochen von kleinen Explosionen.

Auch heute hatte Elaine nichts erreicht. Als die Sonne unterging, machte sie sich auf den Weg durch die kleine Stadt. Sie liebte die Zeit zwischen Dämmerung und totaler Finsternis. Ließ sie Elaine erahnen, wie es wäre, eine Sterbliche zu sein. Geschäftige Bedienstete tätigten die letzten Besorgungen für ihre Herren, Mägde brachten das Abendessen heim. Kinder schrieen, da sie noch nicht nach Hause wollten. Doch die allgemeine Ausgangssperre ließ den Bewohnern keine Wahl, auch wenn der Abend noch so lau war und zum gemütlichen Zusammensitzen einlud.
Polizisten patrouillierten in Zweiergruppen durch die Straßen und bedachten Elaine mit misstrauischen Blicken. Sie war in der Stadt gut bekannt und ob ihrer großzügigen Spenden auch nicht Ziel des Argwohns. Doch solange man Elaine in der Dämmerung noch nicht erkannt hatte, lagen die Hände der Gendarmen auf ihren Knüppeln. So war es Befehl, erteilt von Inspektor Duncan, dem Chef der örtlichen Polizei.
Neben dem Rathaus betrachtete sie im Licht einer Laterne einen Moment die Liste der vermissten Personen. Alles Jünglinge zwischen zwanzig und dreißig Jahren, schlank, allesamt verschwunden innerhalb der letzten vier Jahre – 17 an der Zahl.
Die Glocke schlug neun und Elaine beschloss, dem Park im Osten der Stadt einen Besuch abzustatten.

„Zu so später Stunde noch unterwegs?“ Duncan lehnte lässig an einem Baum und musterte sie durch seine dicken Brillengläser.
„Ich liebe die frische Luft.“ Elaine bedachte ihn mit einem süßen Lächeln, normalerweise half ihr das, Männer zu beeinflussen. Doch auf Duncan erzielte es nicht die gewünschte Wirkung.
„Es herrscht Ausgangssperre, ich könnte Sie verhaften.“ Um seine Drohung zu bekräftigen, strich Duncan über seine Pistole, die er offen zur Schau trug.
„Monsieur, mich, eine hilflose Frau?“ Lasziv trat Elaine an ihn heran. Da bemerkte sie ein kleines Holzkreuz, das um Duncans Hals hing. Elaine schrak zurück. Als sie seinen verwunderten Blick bemerkte, wandte Elaine sich wortlos ab und eilte davon. Während Duncan den leiser werdenden Geräuschen ihrer Absätze lauschte, kam ihm ein absurder Gedanke. Doch ehe er diesen fassen konnte, entzog er sich ihm, wie Elaine zuvor.

Kreuze. Sie verfluchte sich selbst. Warum war sie so leichtsinnig? Duncan war eine lächerliche Erscheinung, doch ein gefährlicher Mann. Sie wollte die Stadt nicht verlassen, noch nicht. Elaine hoffte, dass sie bald einen Durchbruch in ihren Forschungen erzielen konnte. Bei einem raschen Aufbruch musste sie alles zurücklassen.
*

Immer wieder wanderten seine Gedanken zu Elaine. Duncan fühlte, dass sie die Lösung seines Problemes war. Es gab den ersten Vermissten kurz nachdem sie hierher gezogen war.
Irgendetwas stimmte mit Elaine nicht. Es war nicht nur das Getratsche der alten Weiber. Manche munkelten sie seie eine Hexe, Duncan war nicht abergläubisch und tat solche Gerüchte immer als Geschwätz ab. Es waren ihre Augen, sie passten nicht zu Elaines perfekter Erscheinung. Sie wirkten uralt und tief traurig. Ausserdem war Duncan ihr während des Tages noch niemals begegnet.
Auch an den Stammtischen war sie das Thema Nummer eins. Wenngleich es hier darum ging, was so ein fesches Ding mit ihrem Butler in ihrer Villa am Hügel trieb. Ihrem Diener war er schon öfter am Markt begegnet, wenngleich nie mit seiner Herrin.
Elaine. Duncan schrieb den Namen nieder, schon den ganzen Tag quälte ihn jener Gedanke, der sich ihm in der Nacht entzogen hatte. Elaine. Zettel um Zettel reihten sich an der Wand hinter seinem Schreibtisch. Daneben starrte ihn der gekreuzigte Jesus von seinem Platz an. Nachdenklich spielte Duncan mit der Miniaturversion seines Kreuzes. Konnte es einen Gott geben, der Mord und Totschlag billigte? Nachdenklich legte er seinen Anhänger in die oberste Schublade. In letzter Zeit hatte Duncan es sogar versäumt, den Gottesdienst zu besuchen.

*

Traurig lauschte Elaine hinter ihren Vorhängen dem Hahnenschrei. Zwei Monate ohne nennenswerte Forschungsergebnisse waren vergangen und der Durst war wieder da. Ihre Bewegungen waren träger geworden, ihr Kopf schmerzte und ihr Körper bebte bei dem Gedanken an frisches Blut. Diese Nacht musste sie wieder auf Jagd gehen. Zu lange hatte Elaine den Schutz ihres Hauses dem Nachtleben vorgezogen. Sie versuchte es so lange hinauszuzögern wie sie konnte, doch der Tag kam immer, da der Durst sie halb wahnsinnig machte. Ihr ganzes Gehabe änderte sich dann und sie wollte am liebsten in den Stall rennen und ihren Pferden das Blut aussaugen.

Als der letzte Strahl der Sonne verschwunden war, war es ihre Geduld ebenso. Bewaffnet mit dem Duft der Verführung machte Elaine sich auf den Weg ins Hafenviertel, dort gab es die meisten Kneipen und Reisenden. Das abendlichen Treiben war ihr diesmal egal. Betört von den unterschiedlichen Ausdünstungen der Menschen und dem Gedanken an frisches Blut strebte sie dem Hafen zu. Die Bar „blessed Maria“ gefiel Elaine. Der Besitzer hatte es versäumt, das Lokal mit den verhassten Kirchenutensilien zu schmücken.
Schwungvoll betrat sie das Lokal, in dem Elaine die Aufmerksamkeit einiger versoffener Gestalten erweckte. Der Wirt nickte ihr zu, denn Prostituierte waren erwünscht.
„Schätzchen, was macht’s?“ Ein betrunkener Mittfünfziger konnte seiner Geilheit nicht mehr Einhalt gebieten.
Elaine stieß ihn in Richtung Ausgang, torkelnd fand er seinen Weg ins Freie. Er war ihr zu alt, das Blut verlor mit der Zeit an Geschmack, außerdem besaß er nicht die richtige Gesinnung. Er war nur ein alter Mann, dem die Frau davon gelaufen war.
Ein Blick auf die Versammelten genügte ihr, um das ideale Opfer zu entdecken. Unter dem Abschaum stach einer hervor. Ein schlanker Mann, das Haar voller Pomade, mit einem einnehmenden Lächeln. Mit diesem könnte er jedes Mütterchen überzeugen, ihr Häuschen für einen Spottpreis an ihn zu verhökern. Und Elaine spürte, das er einen Teil des Geldes, das für die teure Uhr draufgegangen war, auf diese Weise verdient hatte. Er war für ihre Zwecke ideal, böses Blut belastete ihr Gewissen weniger.
„Na Süßer, wie wär’s mit uns zwei?“ Elaine klimperte einmal kurz mit ihren Augenlidern und er folgte ihr aus der Bar.
„Wieviel?!“
„Für dich, Süßer“, Elaine musterte ihn noch einmal, „umsonst.“
„Ich bin Steve,“ den Rest seines Wortschwalles verschluckte er. Steve war viel zu beschäftigt damit, ihr wie ein Hündchen zu folgen. Hechelnd, ganz auf sie konzentriert. Elaine lief mit großen Schritten voran. Sie konnte es kaum erwarten. Der Durst wollte sie zwingen, ihm hier und jetzt die Kehle aufzureißen. Doch ihr Verstand riet ihr, sich zuerst in Sicherheit zu begeben. In Gedanken versunken übersah sie die abgemagerte Gestalt, die zusammengekauert auf einer Bank saß. Duncan entgingen ihr Gehabe und vor allem der Mann nicht. Zu lange hatte er erfolglos im Hafen gewartet. Die vielen Nächte hatten sein Antlitz geprägt, tiefe Ringe zeichneten sich unter seinen Augen ab, er schlief und aß kaum noch. Duncans Verstand arbeitete auf Hochtouren: Der Mann und ihre aufreizende Kleidung passten ins Bild, ebenso der Zeitpunkt. Alle zwei bis vier Monate geschah ein Mord. Sie war seine einzige Spur und von höchster Stelle drohte man bereits mit seiner Entlassung. Duncan folgte ihnen, immer darauf bedacht, nicht entdeckt zu werden. Doch seine Sorgen waren unbegründet. Weder Elaine noch Steve hatten für ihre Umgebung Aufmerksamkeit übrig.

Ottokar hielt ihnen bereits die Tür auf. Er würdigte den Gast seiner Herrin keines Blickes. Er wollte mit dem Gesindel nichts zu tun haben. „Eurer Gemach ist bereit.“
Elaine nickte ihm nur kurz zu, nahm Steve bei der Hand und zog ihn nach oben. Sie zerrte an seinem Arm, wie wenn sie ihn abreißen wollte.
Steve hatte nur Augen für sie, sonst hätte er sicher Fragen gestellt: Warum bewohnte eine Prostituierte eine riesige Villa? Wieso verriegelte der Butler die Eingangstür und warum war das gesamte Gebäude schwarz gestrichen? Doch ihr perfekt gerundetes Gesäß nahm sein Denken ein. Auf halbem Wege die Treppe hinauf riss er sich die Jacke vom Leib. Im Gemach angekommen, erwartete ihn Elaine bereits kniend im Doppelbett. Mit einem Griff ließ Steve seine Hose zu Boden gleiten. Das Blut war bereits in den Lendenbereich gewandert. Mit einem Lustschrei sprang er ins Bett.
Elaine hatte ihn unterschätzt, es steckte mehr Kraft in Steve, als es den Anschein gehabt hatte. Als sie nach seinem Hals schnappen wollte, entzog er sich ihr in der Vermutung, es handle sich bloß um eine Form von Perversion. Als Elaine ihre Nägel in seinen Unterleib rammte, gelang es Steve sich durch ein Aufbäumen von ihr zu befreien. Fassungslos starrte er auf das Blut, das aus mehreren Wunden austrat.
Elaine verlor die Kontrolle über sich. Kreischend stürzte sie sich auf ihr Opfer. Dieses flüchtete aus dem Raum. Ottokar wollte die Türe noch zudrücken, doch ihr Butler kam zu spät. Elaine folgte Steve, schnappte nach seiner Kehle. Steve stolperte und fiel über das Geländer. Seinen Sturz quittierte sie mit einem Fauchen, ihre Nahrung ging dahin. Ottokar sperrte sich in seinem Zimmer ein. Er wusste, wenn Steve tot war, kam er an die Reihe.
Hastig sprang Elaine in die Tiefe. Doch es war zu spät, der Druck war weg, das Blut zirkulierte nicht mehr. Steve war für sie uninteressant. „Merde!“ Ihre ganze Wut entleerte sich in einem blasphemischen Wortschwall. Da klopfte es an der Eingangstür. Elaine riss sie auf und schrak sie zurück. Vieles hätte sie erwartet, doch nicht Inspektor Duncan, der mit seiner Pistole auf sie zielte.
Das Tier in ihr gierte nach Blut. Die Differenzierung zwischen Gut und Böse gab es nicht mehr, somit war auch ihr Regeln verschwunden, sich nur das Blut böser Menschen anzueignen. Die Furie sprang vor und schlug dem überraschten Duncan die Waffe aus der Hand. Einen Moment später gruben sich ihre Zähne in seinen Hals und Elaine begann ihr Mahl. Ihr Heißhunger ließ sie das Blut innerhalb von Minuten aus Duncans Körper saugen. Als er nur mehr schlaff in ihren Armen lag, wandte Elaine sich von ihm ab und wankte ihrem Gemach zu. Doch auf halbem Wege ließ sie sich am Treppengeländer nieder. Elaine musste schlucken, ein fahler Geschmack machte sich in ihrem Mund breit. Tief im Inneren fühlte sie, dass sie Duncan Unrecht getan hatte. Es war nie ihre Absicht, einen rechtschaffenen Menschen zu töten. Doch die Bestie hielt sich zufrieden den Bauch, bereit für ein Schläfchen. „Wir müssen fort,“ stammelte Elaine noch, bevor sie auf der Treppe einschlief.

Pferdewiehern ließ Elaine erwachen. Sie lag in ihrer Kutsche und Ottokar spannte gerade die beiden Percheronhengste an. Als er damit fertig war, sah er kurz nach seiner Herrin.
„Was ist mit Duncan geschehen?“
„Ich habe ihn vors Rathaus gelegt. Er wird von unserer Abreise ablenken.“
Elaine verspürte Ekel gegen sich selbst. Der Geschmack von Duncans Blut lag ihr noch auf der Zunge. Es ließ ihren Magen rebellieren. Hoffentlich erwischte sie das nächste Mal den Richtigen.
Ottokar kontrollierte schnell die Vorhänge, bevor er den Kutscherstand erklomm und die Pferden antrieb. Die Hengste schienen durch die Gassen zu fliegen, wie wenn der Teufel persönlich ihr Kutscher wäre. Als sie am Hauptplatz vorbeikamen, nahm Elaine die Wehklagen der versammelten Menge wahr. Ihr Hand fuhr ruckartig zu den Vorhängen. Ein schmaler Lichtstreifen fand seinen Weg ins Innere. Als er ihren Unterschenkel traf, stieg Rauch auf. Elaine wollte die Menschenmenge sehen, der sie soviel Leid gebracht hatte. Doch der Vampir in ihr war stärker. Er verhöhnte ihre menschlichen Schuldgefühle und beschwichtigte Elaine: Duncan hatte es verdient! Was kam er ihr in die Quere? Er war nur ein Mensch. Nahrung.

© Meyeul 2004

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