Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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März 2004
Hoffnungslos romantische Geschöpfe
von Franktireur

"Sie sagt kein Wort, lächelt nur mit leicht geöffnetem Mund. Mein Widerstand schwindet. Fast versinke ich in ihren Augen. Langsam geht sie rückwärts. Ich folge ihr, wie von einem unsichtbaren Band gezogen. Für einen Augenblick schließt sie die Lider. Der Bann entschwindet, doch ich nutze diese Chance zum Entkommen nicht; mein Blick wandert über Hals, Schultern, Brüste, gleitet weiter an ihrem zarten, seltsam bleichen und fragilen Leib hinab. Sowie mein Blick an ihm hinuntergleitet, rutscht auch der leichte Stoff hinunter, den verlockenden Körper mehr und mehr entblößend. Ich ziehe sie wirklich mit den Augen aus.
Ein flacher Bauch, der Schoß, schwarze Löckchen. Ich kann den Blick nicht lösen und komme näher. Sie lässt sich auf das Bett sinken, nun vollkommen nackt, und räkelt sich lasziv auf ihrem Lager. Ich sinke neben sie. Meine Lippen kosen kühle Haut, während ihre Lippen über meinen Hals gleiten und sich dort festsaugen. Ich spüre einen sanften Biss, er entzieht mir Wärme, doch ich wehre mich nicht. Ich weiß, wenn sie schließlich von mir ablässt, wird ihr Körper nicht mehr kalt sein, sondern warm und weich, mit pulsierendem Blut gefüllt ..."
Ich schaue sie abschätzend an. Ihre Augen sind geschlossen, sie seufzt wohlig. Meine kosende, kühle Hand zwischen ihren warmen Schenkeln lässt sie erzittern.
"Weiter, erzähle weiter... es ist so schaurig schön... und sehr erotisch..."
"Es gibt nichts weiter zu erzählen", antworte ich leise.
Sie seufzt erneut und lächelt ein wenig enttäuscht:
"Schade... so schade..."
Sie öffnet die Augen. Ihre Finger legen sich auf meinen




Unterarm, sanft zieht sie meine Hand zurück und setzt sich auf, ohne ihren Rock zu glätten.
"Liebster", flüstert sie, "ich glaube dir kein Wort. Aber du hast Phantasie."
Sie streicht mir durchs Haar, während meine Hand auf ihrem Schenkel liegt und meine Fingerspitzen am Saum ihrer Nylons entlangfahren. Ich mag den Duft, den sie verströmen.
"Liebster", flüstert sie erneut, "die anderen vor dir hatten weitaus weniger Phantasie. Ich wünschte mir beinahe, ich hätte dich nicht mit zu mir genommen."
"Warum sagst du das?" Ich beuge mich vor und lasse meine Lippen über ihren Nacken gleiten. Sie neigt sanft den Kopf und gibt sich meinen Küssen hin. Ich spüre das Pochen ihrer Halsschlagader. Doch ich habe es nicht eilig. Ich werde mich nicht von Gier und Hunger überwältigen lassen.
"Weil du etwas Besonderes bist", raunt sie nach einer Weile des Genießens, derweil meine Hand bereits wieder die Innenseiten ihrer Schenkel streichelt. Doch dieses Mal hält sie mich mit festerem Griff zurück, löst sich endgültig von mir und steht auf.
"Möchtest du etwas trinken?", fragt sie unvermittelt.
"Von dir möchte ich trinken", antworte ich.
"Charmeur", kokettiert sie. Dann streicht sie mir über die Wange und raunt mir ins Ohr: "Gib mir ein bisschen Zeit, mein Liebster. Du wirst es nicht bereuen. Eine einmalige Erfahrung wartet auf dich."
Sie schlüpft durch eine Tür, die sie hinter sich ins Schloss drückt. Vermutlich ihr Schlafzimmer.
Es ist immer dasselbe, wenn ich ihnen von dem Abend erzähle,
an dem ich zum Vampir gemacht wurde. Natürlich glauben sie




mir kein Wort, doch erregt sie die Geschichte.
Frauen, diese hoffnungslos romantischen Geschöpfe.
Tatsächlich bin ich keineswegs darauf angewiesen, sie umgarnen zu müssen, um mich ihrer zu bedienen; aber ich genieße dieses erotisierende Spiel. Ihr Blut schmeckt besser, wenn sie sinnlich und erregt sind.
Ich werde mit ihr noch ein wenig geduldig sein. Sicher macht sie sich für mich zurecht; so verhielten sich die Frauen schon, als ich noch ein Mensch war, am Ende des 20. Jahrhunderts. Gut 100 Jahre sind seitdem vergangen, und wir stehen an der Schwelle zum 22. Jahrhundert. Trotz der Emanzipation haben die Damen in all den Jahren ihre feminine Rolle nie abgelegt. Nur vorsichtiger sind sie nun, da die Zahl der Vergewaltigungen und Lustmorde stark angestiegen ist. Dadurch ist es für mich aufwändiger geworden, meine Opfer zu finden. Doch ich beherrsche meine Strategie, und so musste ich meine Vorgehensweise beim Beutezug bislang nicht ändern.
Die Tür öffnet sich.
"Mein Liebster. Ich bin bereit für dich. Bist du bereit für mich? Für eine Liebesnacht, wie du sie nie zuvor erlebt hast?" Ich wende mich ihr zu und lächele süffisant. Sie steht auf der Schwelle zu ihrem Heiligtum, in Strapsen, engtailliertem Lederbody und schenkelhohen Lederstiefeln.
"Warum glaubst du, dass ich das noch nie erlebt habe?"
"Du bist nicht der Typ Mann dafür. Aber ich hoffe, du hast
nichts gegen neue Erfahrungen." Sie zieht sich ins Zimmer zurück, ich sage leise: "Ganz und gar nicht. Ich hoffe, du auch nicht, meine Schöne." Ich folge ihr.




Schon räkelt sie sich in ihrem Liebesnest, auf schwarzen Satin gebettet. "Komm her zu mir, mein Liebster", gurrt sie. Sie spielt ihre Rolle gut. Ich drücke hinter mir die Tür zu und komme ihrer Bitte nach. Sie schlingt mir die Arme um den Hals und zieht mich zu sich nieder. Ihre Beine kreuzen sich auf meinem Rücken und umschliessen mich mit erstaunlicher Kraft.
"Bist du bereit für ein erotisches Fesselspiel?"
Ich küsse sie sanft auf ihre dunkelrot geschminkten Lippen. "Gleich, meine Schöne, gleich. Ich möchte noch ein letztes Mal deine wundervolle Haut liebkosen", raune ich und meine Lippen gleiten über ihren Hals. Etwas ist anders als vorher. Ich spüre es. Trotzdem schlage ich ihr meine Zähne in den Hals.
Und dann geht alles rasend schnell. Sie zuckt, ich trinke kaltes Blut, es zischt, Funken sprühen, es riecht nach verbranntem Gummi. Konvulsivisch zuckend umklammert sie mich fester. Ein schriller, ersterbender Schrei gellt in meinen Ohren, ich höre meine Knochen knacken, und wir wälzen uns wie wild im Bett umher, ohne dass es mir gelingen will, mich aus ihrer Umklammerung zu lösen. Ich spucke angewidert aus, und eine dünne, bläuliche Flüssigkeit schießt aus ihrem Hals direkt in mein Gesicht. Ein letztes Zucken, dann ist sie still.
Ich höre ein leises Lachen aus dem Kleiderschrank. Mühsam rolle ich mich auf die Seite, dieses mich umklammernde Ding mitziehend.
Sie tritt aus ihrem Versteck und trägt nach wie vor ihre Abendgarderobe. "Tssss, kaum zu glauben, Liebster. Eigentlich müsstest du tot sein."




Neugierig schaut sie mich an. Ihr Blick fällt auf die Bisswunde am Hals ihres synthetischen Ebenbildes. Der bläuliche Strom ist mittlerweile versiegt.
"Du bist tatsächlich ein Vampir", sagt sie schließlich.
"Natürlich bin ich das!", erwidere ich ärgerlich.
Sie betrachtet mich nachdenklich. "Ich hätte es besser wissen müssen, du warst so anders als die anderen." Dann seufzt sie leise: "Beinahe wäre ich schwach geworden."
"Und nun?", frage ich sie, "Willst du mich so liegen lassen?" Noch einmal versuche ich, mich aus der Umklammerung zu winden. Ungerührt schaut sie zu, wie ich mich abmühe.
"Befreie mich von diesem Ding!"
"Bitte! Liebster, sei doch nicht so unsensibel." Sie legt die Finger auf die Lippen. "Sie war sehr teuer, und sie war mir lieb. Über zwanzig Männer hat sie für mich getötet."
"Und warum?", frage ich sie.
Sie scheint in sich hineinzuhorchen.
"Sie sind alle gleich. So unwichtig, so durchschaubar. Ich hätte wissen müssen, dass du keiner der Ihren bist. Noch keiner von ihnen hat es geschafft, mich schwach werden zu lassen."
Ihr Blick sieht durch mich hindurch, als wäre sie weit, weit entrückt in eine andere Welt. Leise spricht sie weiter: "Eros. Thanatos. Weißt du, was eine Gottesanbeterin ist, Vampir?"
"Sie verschlingt das Männchen während der Vereinigung. Und?"
"Sie tötet es und nimmt es in sich auf. Träumen nicht alle Männer davon, wieder in den Mutterleib zurückzukehren? Ist
es nicht der Wunsch der Männer, während des Liebesakts zu
sterben? Ist das nicht der schönste Tod, den sie sich




vorstellen können? Ist es in gewisser Weise nicht auch dir widerfahren, als du noch ein Mann warst?"
Eine interessante Frage, besonders delikat erscheint sie mir in dieser Lage. Ich muss zwangsläufig lächeln.
"Bleibst du mir die Antwort schuldig?", fragt sie leise.
"Keineswegs. Doch ich sehe keinen Sinn darin, als Vampir daran noch einen Gedanken zu verschwenden. Schließlich werde ich erneut in den Armen einer Frau sterben, wenn auch einer künstlichen. Und es wird ganz gewiss nicht angenehm sein."
Sie lacht leise: "Siehst du? Jeder denkt in erster Linie an sich, mein Lieber. Selbst als Vampir tust du das. Obwohl du doch längst tot bist, möchtest du nicht sterben. Nicht einmal in den Armen einer Frau. Männer. Im Grunde sind sie alle Feiglinge. Sie hegen und pflegen ihre Ideale, sie intellektualisieren ihren Tod, betrachten ihn als Gegner. Doch da sie wissen, dass sie ihn nicht besiegen können, macht er ihnen Angst. So wie die Frau ihnen Angst macht. Sie ist ihre Göttin – um ihr die Macht zu nehmen, um sie zu profanieren, wollen sie die Göttin ficken, immer und immer wieder. Ist es da nicht konsequent, wenn die Männer dieses Sakrileg mit ihrem Leben bezahlen?"
"Und warum tust du es dann nicht selbst?"
"Ich sehe ihnen gerne bei ihrem Todeskampf zu. Ihre Überraschung, die Erstauntheit, dieses Unfassbare. Bisher starb noch jeder von ihnen in Angst. Männer, sie sind so lächerlich, und so erbärmlich in ihrer Todesqual. Sie haben es nicht verdient, in den Armen einer Frau zu sterben."
Sie schreitet durchs Zimmer, drückt auf einen Knopf an der Wand. Leise summend gleiten Jalousien hoch, geben den Blick
frei auf eine verglaste Fensterfront.




"Was tust du da?", rufe ich ihr zu.
"Ich bin ihr etwas schuldig," sagt sie und seufzt leise, "schade... sehr schade." Sie schaut auf ihre Armbanduhr: "Etwa vier Stunden noch, bis die Sonne aufgeht."
Sie meint es ernst. Ein letztes Mal versuche ich, mich zu befreien. Doch es ist zwecklos. Die Beine umklammern meine Lenden wie Schraubstöcke. Immerhin gelingt es mir, mich auf dem Bett in eine bequemere Lage zu bringen, so dass mir die aufgehende Sonne direkt ins Gesicht scheinen wird. Das wird mir hoffentlich die Todesqualen verkürzen.
Sie geht zur Tür, öffnet sie.
"Wohin gehst du?"
"Ich hole mir Champagner. Keine Angst, ich lasse dich nicht allein in deinen letzten Stunden".

Gemeinsam warten wir auf den Sonnenaufgang. Ich liege auf dem Bett. Sie sitzt auf einem Stuhl am Fenster, trinkt Champagner und betrachtet mich versonnen.
Die Beine hat sie übereinander geschlagen, ich sehe den Saum
ihrer Nylons, doch ich rieche ihren Duft nicht mehr.
"Es ist das erste Mal, dass ich einen Vampir sterben sehe", sagt sie mit einem Lächeln.
Ich bemühe mich, dieses Lächeln zu erwidern.
Sie wird einen Vampir sterben sehen – keinen Mann.
Sie wird keinen Laut der Klage hören, keinen Versuch mehr sehen, mich zu befreien, um der Sonne zu entkommen.
Ich schaue sie nur an. Und ich versinke in ihren Augen.
Frauen, diese hoffnungslos romantischen Geschöpfe.
Der Rest ist Schweigen.


© Franktireur 2003

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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