Schreib-Lust Print
Schreib-Lust Print
Unsere Literaturzeitschrift Schreib-Lust Print bietet die neun besten Geschichten eines jeden Quartals aus unserem Mitmachprojekt. Dazu Kolumnen, Infos, Reportagen und ...
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Pia Schweizer IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
März 2004
Vampir
von Pia Schweizer

‚Gieriges Vieh, du. Kriegst wohl nie genug. Zuerst hast du nur die Luft zum atmen genommen, und dann Kraft und jetzt noch die Zeit’ meinte Silvia, wie zu sich selbst. Sie spürte, wie sie innerlich zu kochen begann.

Sie seufzte vor sich hin, sass auf ihrem Bürostuhl und stützte das Gesicht in ihre Hände. Da klingelte das Telefon. ‚Hallooo? Sind Sie zuhause? Wieso sind sie nicht zur Arbeit erschienen?’ flötete die Stimme ins Telefon, mit zunehmender Schärfe im Ton.
Silvia zuckte mit ihren Schultern, es war ihr fast egal, was der Telefonhörer ihr ins Ohr brabbelte. ‚Weiss nicht, wieso, wissen Sie es?’ antwortete Silvia der quäkenden Stimme.
‚Sie haben ihre Pflicht zu erfüllen, dafür werden Sie bezahlt’, zischte die Stimme jetzt ins Telefon.
‚Und die Überstunden, die ich nie bezahlt erhalten habe, was ist mit denen?’ antwortete mit monoton gleichgültiger Stimme Silvia, die sich im Moment im Gleichgültigkeits-Nebel befand, wo ab und zu lodernde rote Feuer durch die graue Decke durchschlugen.
Einen Moment lang schwieg die Stimme. ‚Sie haben ihre Pflicht zu erfüllen, das steht im Gesetz! Sie haben schliesslich einen Arbeitsplatz, das muss Ihnen genügen’.
‚Nein, es genügt mir nicht mehr’ sagte Silvia trotzig ins Telefon.

Ha, der Stimme habe ich es gegeben! strahlte Silvia und gleichzeitig fühlte sie, wie ihr Herz heftig zu pochen begann, vor Aufregung. Frevel, Auflehnung, Unordnung im System, Auflehnung – Sie? Die Silvia. Wie hatte das kommen können?

Gefangene ihrer Arbeitsstunden, wartend auf imaginäre Belohnungen, sassen die Bürovampire Tag für Tag über ihren Angestellten und herrschten über das Reich der Arbeit.
Sie wollte fliehen vor den Vampiren.

Genug hatte sie gesehen, wie ausgelaugte, gelb und graugewordene Geschöpfe sich angstvoll immer mehr durch den alltag quälten, und beobachtet, wie oben das Geld himmelhochjubelnd in Empfang genommen wurde, immer wieder, jedes Jahr, der Ertrag der Herrschenden.

Ausgesaugt fast bis auf den letzten Tropfen, wollte die Vampirklasse jetzt noch mehr an den Speck der Wesen. Mehr Blut, mehr, mehr von allem. Mmeeeehr. Wohin sie schaute, überall traf sie immer wieder auf sie. Als Ärzte verkleidet, saugten diese das Geld der Patienten ab, ohne richtige Gegenleistung zu liefern. Als Verkäufer verkauften sie wertlose Dinge, um für einen kurzen Moment das Gefühl zu geben, der Kunde sei ein Star. Der Kunde, vorher ein in seiner Welt verlorenes Wesen, wird glückselig gefangen in einer Glücksblase, die so schnell wieder zerplatzen wird.
Der Angestellte, gefangen in seinem Arbeitshamsterrad, der, wie so oft einem Lob hinterherrennt aber nie erhält und krampfhaft versucht, in seinem Kopf das Bild ‚Held der Arbeit’ aufrechtzuerhalten, um sich selbst zu belohnen, um vor sich selbst bestehen zu können.

Mehr Zeit sollte es geben. Zeit war kostbares Gut geworden so wie Gesundheit auch. So wie es kostbar geworden war, wieder zu versuchen, eigene Gedanken zu denken zu beginnen und den Vampiren nicht in die Fernsehfalle zu laufen, wo sie die Zeit der Menschen stahlen, Tag für Tag, und sie für Stunden, Tage, Wochen und Jahre gehirntot zu stellen.

Am nächsten tag holte Silvia ihre Kündigung aus ihrem Briefkasten. Sie war frei.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
Dieser Text enthält 3182 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2019 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.