Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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März 2004
Jetzt und für alle Zeit
von Diana Krewald

Lautlos schritt sie über den mondbeschienen Hauptweg des Boston Common. Der süße Duft von Jasmin lag in der seidigen Luft. Das Blut des ersten nächtlichen Opfers wärmte ihr kaltes Fleisch und zauberte ein zartes Rosa auf ihre engelsgleichen Gesichtszüge. Saintinés Aufmerksamkeit wurde auf ein junges Pärchen gelenkt, was ihrer zügellosen Leidenschaft auf einer Bank freien Lauf ließ. Sie spürte die Begierde des jungen Mannes. Sie lächelte, dieser Anblick weckte Erinnerungen.
Von außen wirkte Saintiné rein und unschuldig. Ihr Gegenüber erblickte eine junge, attraktive Frau mit wallenden, rotbraunen Naturlocken und einer zarten, weißen Porzellanhaut. Und einem sinnlichen Körper, der die Männer um den Verstand brachte. Aber im Inneren dieser hübschen Verpackung schlummerte ein wildes Raubtier, das blitzschnell zuschlagen konnte.
Nicht einmal ihre wissenden, grünen Augen verrieten annähernd ihr wahres Alter. Sie war weit gereist, hatte viele Länder gesehen. Die Zeit war nicht ihr Feind. Saintiné lebte seit fast 2000 Jahren, und sie schien die älteste Unsterbliche auf Erden zu sein. Viele junge Vampire des
19. Jahrhunderts lebten nur kurz. Dafür gab es zahllose Gründe. Manche waren unvorsichtig und andere hielten sich für die alleinigen Herrscher der Welt. Was kümmerte sie, dass Schicksal dieser elenden Würmer? Sie waren so oder so, dem Untergang geweiht.

Ihre zierlichen Finger glitten gedankenverloren über den Verschluss, der ihren schwarzen Samtumhang zusammenhielt. Eine Goldschlange mit Smaragd-Augen. Ihre einzige Erinnerung an ihren alten Freund Hapuseneb, den Hohenpriester des Amun-Re Tempels in Karnak / Ägypten. Auch wenn er dem Sonnengott huldigte, hatte er sie, ein Wesen der Nacht, verehrt. In seiner Sichtweise der kosmischen Ordnung verkörperten die Vampire eine der vielen Seite von Chons, dem Mondgott. Ein Sohn des Amun-Re. Hapuseneb war bei einem Feuer umgekommen, kurz nachdem Saintiné Ägypten verlassen hatte. Die erschütternde Nachricht hatte sie in Lutetia, dem heutigen Paris, erreicht. Ihr Schmerz war übermächtig gewesen, damals hatten ihre menschlichen Opfer furchtbar gelitten. Saintiné hatte sie sehr langsam getötet, sich an ihren Qualen geweidet. Anders war sie mit ihrem eigener Schmerz nicht fertig geworden. Ja, es war besser jemand anderem weh zu tun! Unzählige Gewänder waren seit dem verschlissen. Die Zeit hatte dem Schmuckstück nichts anhaben können. Es war noch genauso makellos, wie in der Nacht, als er es ihr zum Geschenk machte.
In den Jahrhunderten hatten zahllose Liebhaber Saintinés Lager geteilt. Gefährten, die sie ein Stück auf ihrem Weg begleitet hatten. Aber niemals gab es einen ebenbürtigen Unsterblichen, den sie leidenschaftlich geliebt hatte. In letzter Zeit war dieser Wunsch immer stärker geworden. Sie hatte sich ausgemalt, wie ihr Leben mit ihm aussehen könnte. Ja, Saintiné wollte nicht länger allein sein.

Unbemerkt hatte sie ihr nächtlicher Streifzug ins North End von Boston geführt. Ein Stadtteil in dem die ärmere Bevölkerung ihr Leben fristete. Hier in dieser freudlosen Gegend reihte sich eine Taverne an die andere, denn es gab viele unglückliche Menschen, die ihren Kummer in billigem Alkohol ertränkten.
Wie es der Zufall wollte, flog gerade die Tür einer dieser billigen Spelunken auf. Ein junger, sturzbetrunkener Mann landete auf dem Gehsteig direkt vor ihren Füssen. Ein Wink des Schicksals? Saintiné musterte ihn belustigt. Mehrere Strähnen seines langen, honigblonden Haares hatten sich aus dem Band an seinem Hinterkopf gelöst, und hingen ihm nun wirr um den Kopf. Ein annehmbares Exemplar, wie sie mit einem Blick erkannte.
Eben bemerkte er, dass er nicht allein war. Der junge Mann sah sie an, und schenkte ihr ein warmes Lächeln. Sie blickte in ein gut geschnittenes Gesicht mit blauen Augen. „He Lady, haben Sie etwas Kleingeld? Nur für `nen Drink.“ – Er hatte eine angenehme Baritonstimme.
„Nein, ich glaube nicht, Sie hatten schon genug.“
Trotz seines umnebelten Zustandes erkannte Louis, dass er nie eine schönere Frau gesehen hatte. Nun, mit seinen 26 Jahren war er ein Frauenexperte. Was machte eine so feine Lady, ohne männliche Begleitung, in dieser finsteren Gegend?
Saintiné streckte ihre rechte Hand aus.
„Na kommen Sie, stehen Sie auf.“ Sie zog ihn hoch.
Louis wunderte sich über die enorme Kraft, die diese zierliche Frau besaß, als hätte sie einem gefallenen Kleinkind aufgeholfen. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten und schwankte, wie ein Schiff bei stürmischer See. Schließlich kam der junge Mann den dunklen Gaslaternenpfahl zu fassen, und klammerte sich daran, wie ein Ertrinkender. Saintiné hörte das scharfe Klappern von Pferdehufen auf dem dunklen, glänzenden Pflaster, eine Kutsche. Leichter Nieselregen hatte eingesetzt.
„He halt! Kutscher!“, rief sie mit gebieterischer Stimme. – Der Kutscher hörte den Ruf und hielt augenblicklich vor der Taverne. Bei diesem ungemütlichen Wetter hatte er seinen braunen Schlapphut tief ins Gesicht gezogen und den Kragen des dunklen Mantels hochgeschlagen.
Eben schob er den Hut etwas zurück, denn auf dem Gehsteig sah er eine gutgekleidete, junge Dame. Unweit davon ein junger, betrunkener Mann, der sich an den Laternenpfahl klammerte. Ein seltsames Paar. Was die zwei miteinander zuschaffen hatten?
„Wo soll es denn hingehen?“, fragte er freundlich. –
„Beacon Hill, Phillips Street 125.”, erwiderte sie.
Der Kutscher nickte.
„Diese weite Fahrt ins reiche Leute Viertel, wird ein hübsches Sümmchen abwerfen.“, dachte er und lachte leise in sich hinein.
Saintiné zögerte, überlegte einen Moment.
„Was, wenn dieser hübsche Bursche eine Niete war?“, fragte sie sich.
Ach, wen kümmert´s? In solchen Dingen dachte sie praktisch. Dann hatte sie gleich für morgen Nacht eine frische Blutkonserve im Haus. Sie ging zu ihm und hakte ihn unter. Er ließ es widerspruchslos geschehen. Beide stiegen ein. Schon donnerte die Kutsche durch die Nacht.

Louis erwachte am späten Abend. Er öffnete die Augen. Sofort hatte er das Gefühl, als würde sein Kopf in tausend Scherben zerspringen.
„Oh, verflucht, diese mörderischen Kopfschmerzen“, entfuhr es ihm. Er hatte letzte Nacht zuviel getrunken. Plötzlich war der junge Mann hellwach. Wo war er? - Er sah sich erstaunt um. Dies war nicht seine schäbige Kammer, die der er unter dem Dach der Witwe Finley bewohnte. Stattdessen fand sich Louis in einem großen, luxuriös eingerichteten Raum wieder. Er lag in einem kunstvollgeschnitzten Ebenholzbett und sein muskulöser Köper steckte unter einem warmen Federbett. Wenn dies ein schöner Traum war, wollte er nie wieder aufwachen.
Schwungvoll schwang Louis seine Beine über die Bettkante. Wer hatte ihn ausgezogen? Der junge Mann trug nur noch seine langen, weißen Unterhosen und das löchrige Unterhemd. Der Rest seiner abgetragenen Sachen hing über die Lehne des Stuhls, der vor dem dunklen Frisiertisch an der gegenüberliegenden Wand stand. Nur zwei Kerzen tauchten den Raum in gedämpftes Licht.
Louis stand auf. Seine nackten Füße gingen über einen weichen, roten Teppich. Fasziniert betrachtete er die Blumenornamente und die Darstellungen der bunten Vögel. Welch ein Luxus! Die dunkelgrünen Brokatvorhänge waren nicht ganz geschlossen. Durch diesen Spalt fiel silbriges Mondlicht, und bildete eine schmale, helle Gasse auf dem dunklen Boden. Der junge Mann ging ans Fenster und sah hinaus. Schemenhaft erkannte er die Umrisse großer Bäume. Schließlich wandte er den Blick ab. Schnell kleidete er sich an und warf zum Schluss noch einen kritischen Blick in den ovalen Frisiertisch-Spiegel. Louis fuhr mit dem Kamm, der auf dem Tisch lag, einige Male durch sein langes Haar. So, das musste reichen.
Entschloßen drehte er den goldenen Türknopf, und mit einem leisen Knarren öffnete sich die Tür. Der junge Mann betrat einen gut beleuchteten, schmalen Korridor. Interessiert betrachtete er die Ölgemälde, welche in kunstvollen Goldrahmen an den Wänden hingen. Am Ende des Gangs befand sich eine dunkle, geschlossene Holztür. Mit festen Schritten ging Louis darauf zu. Er zögerte einen Moment. Was wohl dahinter lag?
Schließlich öffnete er sie vorsichtig. Hier befand sich ein weiteres Schlafgemach, ebenso luxuriös eingerichtet. Das muntere Kaminfeuer verströmte wohlige Wärme. An der Stirnseite des Schlafgemachs stand ein großes Bett mit weißem Baldachin. Ihm stockte der Atem. Auf dem Bett räkelte sich lasziv die junge, attraktive Frau von letzter Nacht. Ihre rotbraunen Locken ergossen sich auf das weiße Kissen. Eben warf sie ihm einen heißen Blick zu, und ihre Hände glitten langsam über ihren begehrenswerten Körper. Sein Blick folgte ihren Händen. Ein cremefarbenes Negligé umschmeichelte ihren Körper, es war beinah durchsichtig, und Louis konnte die rosigen Knospen ihrer vollen, runden Brüste sehen. Die junge Frau sagte nichts, sah ihn nur an. Er fühlte Hitze in sich aufsteigen. Ja, er wollte sie.
Langsam trat er näher ans Bett, wie in Trance. Saintiné richtete sich auf. Abwartend stand sie nur da und ließ ihn auf sich zukommen. Seine starken Arme umfassten ihren zierlichen Leib, und ihre Lippen verschmolzen zu einem atemlosen, gierigen Kuss. - Unerwartet löste sich die junge Frau sanft aus seiner Umarmung. Ihre rechte Hand zitterte leicht, als sie eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht strich. Louis war verwirrt, wie konnte sie einfach aufhören, gerade jetzt.
„Ich kenne ja noch nicht einmal deinen Namen“, sagte Saintiné mit leiser, süßer Stimme.
Sie hatte recht, nun kam er wieder zur Besinnung. Das Feuer seiner Begierde erstarb.
„Ich bin Louis Calway“, erwiderte er in förmlichen Ton.
Sie bot ihm ihre rechte Hand zum Kuss. Der junge Mann küsste sie leidenschaftlich und fühlte ihre angenehm kühle, seidige Haut. Er sah sie wieder an.
„Saintiné Gaultier“, hauchte sie und fixierte seinen Blick.
Schließlich drehte Saintiné sich um und zog an einer dunklen Kordelschnur, die neben dem Bett hing. Wenige Sekunden später öffnete sich die Tür. Ein hagerer, gebeugter Mann mit weißer Halbglatze kam herein. Offenbar ein Diener. Er verbeugte sich und sah dann seine Herrin an.
„Gustav, der junge Herr möchte ein Bad nehmen. Und Elisabeth soll im Blauen Salon für das Abendessen decken.“
Der alte Mann nickte.
„Sehr wohl, wie Ihr wünscht. Bitte folgen Sie mir, junger Herr.“, sagte er an Louis gewandt.
Er ging voraus und der Diener schloss hinter ihm die Tür.
Saintiné lächelte zufrieden. Ja, sie war in all den Jahren eine Meisterin der Verführungskunst geworden. Wie gerne spielte sie mit ihren willigen Opfern. Ein letztes Mal überprüfte die junge Frau kritisch den Sitz ihres dunkelgrünen, tief dekolletierten Brokatkleides im Standspiegel. Zum Schluss befestigte sie ein passendes Seidenband in ihrem offenen Haar. Ja, sie sah atemberaubend aus.

Saintiné hatte nichts von dem köstlichen Mal auf dem Tisch angerührt, aber genüsslich hatte sie ein Glas Rotwein getrunken.
„Ich habe keinen Hunger“, erwiderte die junge Frau auf Louis verständnislosen Blick.
Während des Essens konnte sie die Augen nicht von ihm nehmen, der bordeauxrote Anzug stand ihm wirklich ausgezeichnet.
„Danke Gustav, das wäre alles.“, sagte Saintiné gleichgültig. Der alte Mann nickte und verließ den Raum. Sie waren allein.
Nach dem Essen ließen sich beide auf dem goldfarbenen Sofa am Kamin nieder. Der Duft ihres süßlichen Parfüms machte ihn trunken. Erneut fühlte er eine Hitzewelle in sich aufsteigen. Die junge Frau schwieg einen Moment und blickte in die Flammen. Schließlich sah sie ihn an.
„Louis, wie alt schätzt du mich?“ –
Sein ratloses Gesicht zauberte ein Lächeln auf ihre kirschroten Lippen.
„23 Jahre.“, gab sie selbst die Antwort.
„Nein, das ist nur ein billiger Taschenspielertrick, so was sieht man ständig auf dem Jahrmarkt. Alles fauler Zauber!“, gab der junge Mann skeptisch zurück.
„Los, frag mich etwas, was ich nicht wissen kann?“, fragte sie herausfordernd.
„Wie heißt meine Mutter?“, gespannt sah er sie an.
„Marie, und sie ist bei der Geburt deiner jüngeren Schwester Emilie gestorben.“, antwortet Saintiné augenblicklich.
Louis war verblüfft, konnte ihre Behauptung wirklich war sein?
„Gedankenlesen ist nur eins meiner vielen Talente.“ –
„Wer bist du?“, entfuhr es ihm.
Er sprang auf und wich ängstlich vor ihr zurück.
„Etwas Älteres, als du dir vorstellen kannst.“
Sie senkte den Blick und fuhr fort:
„Viele Generationen sind seitdem zu Staub zerfallen... doch, was ist Zeit, wenn man unsterblich ist!“
Saintiné sah ihn an und lachte. Im Schein des Feuers entblößte sie spitze Reißzähne, und ihre grünen Augen leuchteten. –
„Also gab es Vampire wirklich, sie waren nicht nur Hirngespinste.“, schoss es ihm durch den Kopf.
Louis war starr vor Entsetzen, seine Kehle war wie zugeschnürt.
Langsam stand sie auf und kam geschmeidig, wie eine Katze, auf ihn zu. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, er hatte Todesangst. Jetzt war die junge Frau direkt vor ihm, ihre rechte Hand strich spielerisch über seine muskulöse Brust. Er atmete hastig.
„Nein, ich werde dich nicht töten.“, hauchte Saintiné
und ihre Zunge strich sinnlich über ihre kirschroten Lippen.
„Was hast du sonst mit mir vor?“, fuhr er sie an. –
„Ich stelle dich vor eine Wahl, die ich nie hatte. Ich biete dir die Unsterblichkeit an. - Du wirst niemals krank werden oder altern. Wir würden zusammen fremde Länder bereisen, und ja, du könnest sogar fliegen. Nun, was sagst du dazu?“ -
Langsam begriff er, Saintiné wollte nicht länger allein sein. Wahrlich, ein verlockendes Angebot für jemanden, der nichts besaß.
Louis überlegte: Bis heute war er noch nie aus Boston herausgekommen. Aber zu welchem Preis?
„Ich müsste mein menschliches Leben aufgeben, ein Geschöpf der Nacht werden, so wie du es bist.“, stellte er sachlich fest. –
Sie nickte. „Das ist wahr, du würdest die Sonne nie wieder aufgehen sehen.“
Die junge Frau sah ihn abwartend an, spielte beinahe gleichgültig mit einer Strähne ihres Haares.
Louis hatte sich entschieden.
„Tue es, bevor ich es mir anders überlege.“ –
Sie lächelte. Gewonnen!

Blitzschnell packte Saintiné ihn mit einem eisigen Griff, zwang ihn auf die Knie. Gierig schlug sie ihre Reißzähne in seinen Hals. Sein süßes Blut füllte wunderbar warm ihren Mund und floss die Kehle hinunter. Eine wohlige Wärme durchströmte ihre kalten Glieder. Schließlich spürte die junge Frau, wie sein Körper in ihrem Armen erschlaffte. Sie hatte ihm den letzten Tropfen Blut ausgesaugt. Saintiné ritzte mit dem Zeigefinger ihrer rechten Hand, die Pulsader am linken Arm auf. Schließlich richtete sie Louis auf.
„Trink, mein Liebster.“, ermutigte sie ihn.
Augenblicklich umfasste er ihr Handgelenk und sog hungrig ihren Lebenssaft ein. Allmählich spürte Saintiné, wie sie schwächer wurde.
„Jetzt ist es genug.“, gebot sie ihm Einhalt.
Der junge Mann fiel auf den Boden zurück.
Sein sterbender Körper krümmte sich vor Schmerzen. Es war vorbei, er lag still. Louis war tot. Fasziniert beobachtete Saintiné seine Verwandlung. Das Gold seines langen Haares wurde intensiver, und die markanten Züge seines hübschen Gesichtes traten noch stärker hervor. Eben schlug er die Augen auf und lächelte sie an.
„Saintiné“, sagte Louis zärtlich und stand langsam auf.
Der junge Mann sah sich begeistert um.
Geradeso, als wäre er von Geburt an blind gewesen und könnte endlich sehen. Wie ein neugeborenes Kind betrachtete Louis seine Umgebung. Ja, seine Sinne waren schärfer. Der junge Mann trat ans Fenster und blickte in den Garten. Die Augen des Vampirs sahen in der Dunkelheit, als wäre es heller Tag.
Das Laub der majestätischen Ahornbäume hatte sich bereits rot und golden verfärbt, ein leichter Nachtwind ließ die Blätter leise flüstern. In den Rosenbeeten näher am Haus, standen zwei weiße Engelsstaturen, die geheimnisvoll im silbrigen Mondlicht schimmerten. Louis hörte sogar, wie die leise Glocke des Charles Street Meeting House eben Mitternacht schlug. Obwohl das Gebäude drei Straßen entfernt war. Kein Mensch war zu einer solchen Hörleistung fähig.
Schließlich drehte er sich um und zog Saintiné in sein Arme und sie küssten sich hemmungslos.
„Und wird es immer so sein?“, fragte er, als sie sich aus seiner Umarmung löste.
Saintiné lachte und sah ihn verliebt an.
„Jetzt und für alle Zeit, mein Liebster.“

©Diana Krewald, März 2004

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