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April 2004
Der Wanderer
von Sigrid Wohlgemuth

Es war einmal ein junger Mann, der hieß Alexandrus. Eines Tages begab er sich auf die Wanderschaft. Müde vom langen Marsch suchte er einen geeigneten Platz zum Rasten und ließ sich auf einem gelbblühenden Teppich aus Löwenzahn nieder. Einen Laib Brot, Butter und Speck wickelte er aus dem bunten Tuch, in dem er seine Mahlzeit aufbewahrte, und biss genüsslich in den Kanten. Mit dem Hemdsärmel wischte er den Mund ab, streckte sich aus, verfolgte das Spiel der Wolken am Himmel und fiel in einen friedlichen Schlaf.

„Herr, Ihr könnt hier nicht ruhen!“
Alexandrus öffnete die Augen und erkannte einen Jungen, der über ihn gebeugt stand. Er setzte sich auf.
„Steht auf, Herr, und begebt Euch schnell hinfort“, sagte der Junge.
„Ich habe es nicht eilig.“ Alexandrus reckte sich.
„Sag, Junge, ist es noch weit bis zum Schloss?“
„Zum Schloss?“, fragte der Junge mit erschrockenem Blick, drehte sich um und rannte geschwind davon.
„Bleib stehen!“, rief Alexandrus ihm hinterher und schüttelte verwundert den Kopf.
Er stand auf und begab sich auf den Weg zum Anwesen von König Wilhelm. Zu später Stunde, am Rande des Flusses, erfreute er sich einer weiteren Brotzeit und legte danach die müden Glieder zur Nachtruhe auf ein Bett aus Moos.

Am frühen Morgen erwachte Alexandrus durch lieblichen Gesang. Er horchte, aus welcher Richtung die Stimme erklang. Nicht weit von ihm entfernt kniete ein Mädchen auf dem Gras und pflückte Löwenzahn.
„Sei gegrüßt“, rief er ihr zu.
Das Mädchen erschrak und sprang auf um fortzulaufen.
„Bleib stehen, ich tue dir nichts!“
Sie drehte sich um. Ihre langen blonden Haare fielen sanft auf die Schultern.
„Herr, Ihr habt mich erschreckt.“ Sie machte ein paar Schritte auf ihn zu.
„Komm, setz dich zu mir. Ich würde dich gerne etwas fragen“, sprach Alexandrus.
Sie ließ sich in einigem Abstand von ihm nieder.
„Befinde ich mich auf dem richtigen Pfad zum Schloss?“
Das Mädchen sprang auf. Er beugte sich nach vorne und konnte sie im letzten Moment an ihrem Rocksaum festhalten. Fast wäre sie gefallen.
„Bitte, bleib. Warum läuft jeder davon, wenn ich nach dem königlichen Anwesen frage?“
„Lasst mich los, Herr!“ In ihren Augen schimmerten Tränen.
„Hab keine Angst. Bitte, erzähl mir, was euch erschreckt“, bat Alexandrus.
„Gehört Ihr zu denen?“ Ihre Stimme zitterte.
„Denen?“
„Die auf dem Schloss leben.“
„Ich bin ein fahrender Geselle und befinde mich auf der Wanderschaft. Meine Taler neigen sich dem Ende zu. Ich suche eine Arbeit, um später weiterziehen zu können.“
„Begebt Euch nicht in des Herrschers Nähe!“ Sie wischte sich mit dem Kleidersaum die Tränen vom Gesicht.
„Ich heiße Alexandrus. Verrätst du mir deinen Namen?“
„Arabella.“
„Arabella, sprich, warum soll ich mich vom Palast fernhalten?“
Sie sah ihm in die Augen, holte tief Luft und sprach:
„Der König hat einen Handel mit dem Teufel gemacht. Bei Nacht kann er sich die Kinder des Landes holen.“ Herzzerreißend fing sie zu weinen an. Alexandrus stand auf und schloss sie tröstend in die Arme.
„Wer verbreitet solch einen Aberglauben?“, fragte er.
„Es ist die Wahrheit!“ Sie schnäuzte sich und befreite sich aus der Umarmung.
„Erzähl mir die Geschichte.“
Geduldig wartete er, bis Arabella sich gefasst hatte.
„Vor einem Jahr fing es an. Die Kinder trauten sich damals bis vor die Stadtmauer zum Spielen. Hin und wieder vergaßen sie die Zeit beim Herumtollen und begaben sich erst bei Dämmerung zurück. Mädchen und Jungen, die sich nicht sputeten, verschwanden in der Dunkelheit. Die Eltern suchten die Gegend ab, doch niemals wurden sie gefunden.“ Sie zerpflückte unruhig eine Butterblume mit den Fingern.
„Bitte, sprich weiter“, bat Alexandrus.
„Vor drei Monaten beobachtete ein Späher, der sich am Abend auf die Lauer gelegt hatte, heraus, dass die Kinder von einer dunklen Gestalt verschleppt wurden. Er folgte ihren Schatten, die ihn zum Schloss führten. Ganz nah schlich er an eine Öffnung im Mauerwerk des Königlichen Gemachs und lauschte den Worten, die gesprochen wurden.“
Sie griff eine weitere Blüte. Alexandrus sah, wie ihre Hände zitterten.
„Sprich.“
„Er vernahm die folgenden Worte: ‚König, seht, ein strammer Bursche, er wird mir gute Dienste leisten.’ Seine Majestät antwortete: ‚Was habe ich bloß getan, dass ich Euch Teufel die Kinder meines Landes versprach!’ ‚Nur Gutes’, sprach die böse Gestalt. ‚Der Thron ist Euch geblieben. Habt Ihr vergessen, ich habe Eure beiden Brüder und Widersacher aus dem Weg geschafft. Der Lohn dafür waren die Kinder’.“
Arabella verstummte.
„Das sind Hirngespinste!“ Alexandrus lächelte.
„Glaubt Ihr mir nicht? So kann ich weiter Kräuter sammeln, damit die Kinder ein Mahl bereiten können.“ Sie stand auf.
„Warte. Du sammelst Kräuter?“, fragte er.
„Wir leben davon, was die Natur uns gibt.“
Erst jetzt fiel Alexandrus auf, wie ausgeprägt ihre Gesichtszüge waren und sie nicht nur wie eine junge, reife Frau, die er auf neunzehn Jahre schätzte, sprach, sondern auch aussah. Sein Herz schlug schneller.
Sollte sie ihm die Wahrheit erzählt haben?
„Wo befinden sich die Kinder?“, fragte er.
„Verzeiht, das kann ich Euch nicht verraten. Nicht einmal die Eltern wissen, wo sie sich aufhalten, sondern nur, dass sie in Sicherheit sind.“
„Vielleicht kann ich euch helfen.“
„Die Hexe hat sich mit uns verbündet, doch ihre Kräfte reichen nicht aus, um den Teufel zu vernichten.“
„Es gibt keine Hexen!“
„Ihr seid zu ungläubig. Lebt wohl!“, sprach sie und lief davon.
„Warte!“ Alexandrus versuchte, mit ihr Schritt zu halten.
„Bitte, folgt mir nicht!“
„Lass mich mit dir gehen.“
„Wollt Ihr herausfinden, ob ich die Wahrheit sprach?“, rief sie, ohne sich umzudrehen.
„Ich glaube dir!“
Arabella blieb stehen, wandte sich um und wartete, bis Alexandrus sie eingeholt hatte.
„Glaubt Ihr mir in der Tiefe Eures Herzen?“
„Ja!“
„Ihr werdet niemandem unser Versteck verraten? Wie kann ich Euch vertrauen?“
„Eure Hexe kann mich verwünschen, wenn ich mich eures Vertrauens nicht würdig erweise.“ Alexandrus legte drei Finger zum Schwur auf sein Herz.
„Folgt mir, es ist ein weiter Weg.“
Auf dem Pfad sammelte Arabella Wildgemüse und legte es in ihre geraffte Schürze. Alexandrus half ihr und füllte sein Tuch mit frischen Kräutern.

Am späten Nachmittag erreichten sie den Fuß eines Berges. Erschöpft ließen sie sich auf dem Gestein nieder und kauten auf Grashalmen, um Hunger und Durst zu vergessen.
„Seht Ihr den Baum? Dort liegt unser Versteck“, sprach Arabella und erhob sich.
Schon bald hatten sie den Ort erreicht.
„Sei gegrüßt, Arabella.“
Sie streichelte über das Astwerk.
„Er spricht?“ Alexandrus wich ein paar Schritte zurück.
„Wer ist der Herr?“, fragte der Baum.
„Ein Wanderer. Er will uns helfen!“, antwortete Arabella und versuchte an ihm vorbei zum Höhleneingang zu gelangen.
„Ich gebe den Weg nicht frei!“, sprach der Baum.
„Warum nicht?“
„Sprich erst mit der Hexe.“ Einer seiner Äste schlängelte sich durch eine schmale Spalte in den Boden. Kurz darauf zog Nebel auf, es zischte, und eine weibliche Gestalt erschien. Sie war eingehüllt in seidige, fließend fallende, bunte Gewänder.
„Arabella, du kommst spät zurück!“
„Hexe, das ist Alexandrus, der Wanderer. Er wollte aufs Schloss, um seine Dienste anzubieten. Ich erzählte ihm unsere Geschichte“, sprach Arabella.
Alexandrus stand wie erstarrt vor der Hexe. Aus Erzählungen kannte er in schwarzes Tuch gehüllte Hexen, hässliche, grausame Gestalten, mit großen Warzen auf der krummen Nase, einem Buckel und knochigen Fingern mit langen, messerscharfen Nägeln. Vor ihm stand eine Schönheit, die einer Fee glich.
„Können wir Euch vertrauen?“, fragte die Hexe.
„Er hat einen Schwur geleistet und Ihr könnt ihn verwünschen, wenn er ihn bricht“, antwortete Arabella.
„Öffne den Eingang!“, befahl die Hexe.
Der Baum beugte sich auf die Seite, indem er seine Wurzeln aus der Erde zog, unter denen sich die Höhle befand. In Gestein gehauene Stufen führten in die Tiefe des Erdreiches. Vorsichtig folgte Alexandrus Arabella die Stiegen hinunter. Ein dumpfes Krachen war zu hören, und der Eingang verschloss sich hinter ihnen. Aus allen Richtungen kamen Kinder angelaufen und versammelten sich in einem Halbkreis um die Hexe.
„Der Herr heißt Alexandrus“, sprach sie.
„Was will er hier?“, fragte ein Junge und runzelte die Stirn.
„Arabella begegnete ihm, als er sich auf dem Weg zum König befand. Er will uns helfen.“
Ein Raunen ging durch die Reihen.
„Verfügt er über stärkere Kräfte als Ihr?“, fragte der Junge.
„Ruhig, Kinder! Wir werden gemeinsam beraten. Erst bereiten wir unser Mahl. Arabella hat Wildgemüse und Kräuter gesammelt. Macht Wasser heiß“, sprach die Hexe.
Die warme Mahlzeit füllte seinen Magen, und Alexandrus legte sich in einer Ecke der Höhle auf Strohballen zum Schlaf nieder. Bis in die späte Nacht schwatzten die Kinder, bevor sie vor Müdigkeit erschöpft einschliefen.

Alexandrus erwachte am Morgen durch geschäftiges Treiben. Er rieb sich den Schlaf aus seinen Augen.
„Ich hoffe, Ihr hattet eine geruhsame Nacht“, sprach die Hexe.
„Ja, Gnädigste.“
„Nennt mich Marianna. Kommt, setzt Euch zum Mahl an den Tisch.“
„Ich danke Euch.“
Marianna reichte Alexandrus Getränke und Speisen. Er griff mit großem Appetit zu.
„Erzählt mir über des Königs Pakt mit dem Teufel“, sprach Alexandrus.
Marianna berichtete über das Geschehene.
„Was mag der Teufel mit den Kindern vorhaben?“ Alexandrus erhielt keine Antwort.
„Es gibt nur einen Menschen, der uns helfen kann ... .“ Marianna hielt im Satz inne.
„Wer ist es?“
„Der Mönch!“
„Ein Mönch?“ Alexandrus sah sie erstaunt an.
„Mit seinem Glauben und meinen Kräften könnten wir den Teufel unschädlich machen.“ Die Hexe lächelte.
„Wie sollte das vonstatten gehen?“
„Der Herrscher war ein sehr gläubiger Mensch, bevor der Teufel im Königlichen Palast Einzug hielt. Danach verbannte der Teufel sogleich den Mönch in den Kerker, denn er ist ein Diener Gottes. Wenn dieser Geistliche mit seinem Glauben dem Teufel gegenüberstünde, könnte er ihn zermürben und ihm die Kraft nehmen, und ich könnte ihn sodann verwünschen.“
„Zeigt mir den Weg in den Kerker!“, sprach Alexandrus.
„Ein unterirdischer Gang führt dorthin. Nur der König und seine engsten Vertrauten kennen ihn.“
„Ich mache mich auf zum Schloss.“
„Um uns zu verraten?“ Marianna stand auf und erhob ihre magischen Hände als Schutz gegen ihn.
„Ihr habt mich missverstanden. Ich werde mich als Knecht in den Dienst des Königs stellen, um herauszufinden, wo sich der Geheimgang befindet.“
„Das ist zu gefährlich!“
„Nichts ist zu gewagt, wenn es um das Wohl der Kinder geht!“ Alexandrus sah Marianna tief in ihre schwarzen Augen.
„Ja, Herr!“
Das Bündnis wurde mit einem Handschlag besiegelt.

Alexandrus wurde in den Dienst des Hofes aufgenommen. Wochenlang versuchte er vergeblich, den verborgenen Kerker zu finden. Eines Nachts vernahm er laute Stimmen aus dem Königlichen Gemach. Er stellte sich auf einen Mauervorsprung und zog sich zur Öffnung hoch, um zu sehen, wer dort sprach.
„Wo sind die Kinder?“, wütete der Teufel.
„Mit Verlaub, welche?“, fragte der König.
„Bei Dunkelheit traut sich kein Junge oder Mädchen mehr aus dem Haus. Gebt mir Euer Einverständnis, sie auch am Tage zu holen.“
„Nein! Wir haben ein Abkommen“, sprach der König.
„Ich brauche die Kinder!“, zischte der Satan.
„Gebt Euch zufrieden!“
„Alle Kinder des Landes müssen es sein, um meine Kräfte zu steigern und die alleinige Macht über die Erde und Unterwelt zu erlagen!“
„Nur bei Nacht!“, sprach der König.
Der Teufel sprang auf den Herrscher zu, packte ihn am Kragen und stemmte den König in die Luft.
„Wollt Ihr leben oder sterben?“
„Leben!“, keuchte der König.
Der Bösewicht ließ ihn los, und er fiel nieder auf den steinigen Boden. Nach Luft ringend richtete sich der König auf und sank erschöpft auf das Bett.
„Geht!“, bittet er mit letzter Kraft, und der Teufel entschwand in die Nacht.
Alexandrus kletterte von seinem Aussichtsplatz herunter. Am ganzen Körper zitternd, lehnte er sich gegen die kühle Schlossmauer und atmete tief durch.
Ich muss die Kinder warnen, dachte er und machte sich auf den Weg zur Höhle. Dort berichtete er, was sich zugetragenen hatte.
„Wovon sollen wir leben, wenn wir nichts auf dem Felde sammeln können?“, fragte ein Mädchen.
„Hexe, Ihr habt die Macht. Zaubert uns unser Mahl“, sprach ein Junge.
„Das ist nicht möglich“, antwortete sie.
„Warum nicht?“
„Meine Kräfte reichen nicht aus. Erst wenn der Teufel vernichtet ist, dann ... . “ Die Hexe drehte sich mit einem seltsamen Lächeln auf den Lippen um.
Alexandrus sah ihr Strahlen und fragte sich insgeheim, was das zu bedeuten hätte. Er blieb über Nacht, erst im Morgengrauen verließ er das Versteck und wanderte zurück zum Schloss.
„Ich muss den Gang finden“, murmelte er vor sich hin.

Wochen zogen ins Land. An manchem Abend schlich Alexandrus zur Öffnung am Königlichen Gemach, um die Gespräche zwischen Seiner Hoheit und dem Teufel zu belauschen.
„Ein Mädchen habe ich heute beim Kräutersammeln ertappt. Eine Schönheit!“, hörte er die Stimme des Satan. Alexandrus zog sich am Mauerwerk hoch. Vor Schreck wäre er beinahe abgerutscht. Das hätte sein Verderben sein können. Der Bösewicht hielt Arabella im Griff. Sie weinte.
„Verschwindet! Bringt mir nie mehr eines der Kinder hierher!“, schrie der König außer sich.
Unter lautem Lachen verließ der Teufel den Raum. Der König zog ein goldenes Kreuz aus dem Gewand, kniete sich vor das Bett und weinte.
„Gott! Ich flehe dich an, schicke einen deiner Diener, um die Kinder zu befreien!“, sandte er sein Gebet gen Himmel.
Es ist an der Zeit, ich muss endlich handeln, dachte Alexandrus.

Seit ein paar Tagen war er als Hufschmied in den Pferdestall beordert worden. Von dort aus konnte er die Rückseite des Schlosses beobachten. Täglich, zu später Stunde, trat ein Küchenjunge auf den Hof. Er trug zwei Eimer, gefüllt mit Gekochtem, ein paar Schritte an der Mauer entlang und stieg dann Treppen zu einem Kellerloch hinab. Nach einer Weile kam er mit leeren Behältern zurück, begab sich in die Kochstube, um nach kurzer Zeit den gleichen Weg zu nehmen. Fünf Mal ging er zwischen Küche und Keller hin und her. In jener Nacht wollte er dem Burschen folgen. Er nahm das Brecheisen, legte sich auf die Lauer und musste nicht lange warten, da erschien der Junge, geschützt im Dunkel der Nacht. In einigem Abstand schlich Alexandrus ihm hinterher und ohne ein Geräusch zu verursachen, die Stiegen in den Keller hinunter. Er drückte sich ans Mauerwerk, um im Schatten der wenigen Fackeln unbemerkt zu bleiben. Der Knabe öffnete mit einem großen Schlüssel, der an einer Kette hing, eine Eisentüre. Er trat hindurch, und sie schloss sich langsam, ächzend hinter ihm. Schnell huschte Alexandrus durch die schmale Öffnung, bevor die Tür mit einem lauten Knall in ihre Verankerung fiel.
Der Gang war düster und seine Augen benötigten einen Moment, bis sie sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten.
Aus der Ferne erklangen Laute. Es hörte sich wie ein Wasserfall an. Einen Moment später verstummte es und eine Art Schmatzen war zu vernehmen.
Unheimlich, dache Alexandrus.
Es blieb ihm nicht viel Zeit darüber nachzudenken. Schlurfende Schritte kamen in seine Richtung. Schnell drückte er sich in eine Mauerspalte, die im Dunklen lag. Schon ging der Küchenjunge an ihm vorbei. Als er außer Sicht war, schlich Alexandrus tiefer in das Verließ. Sein Herz erstarrte. Unzählige Kinder waren in kleinen Kerkerzellen zusammengepfercht. Sie hingen über Schweinetrögen und aßen mit den Händen die Mahlzeit, die ihnen der Küchenjunge gebracht hatte. Noch vier Mal würde der Bube den Weg gehen. Es begann ein Wettlauf mit der Zeit.
„Ruhig, Kinder!“
„Alexandrus?“
„Arabella!“
„Er ist ein Freund!“, rief Arabella.
Sie vernahmen den Knall der Eisentüre.
„Verhaltet euch ruhig! Ich komme wieder!“, flüsterte Alexandrus und versteckte sich in einer Nische der Mauer.
Als der Junge wegging, um weitere Nahrung zu holen, lief er zurück zu den Kindern.
„Wo ist der Mönch?“
„In der nächsten Zelle!“, antwortete Arabella.
Er fand den Klosterbruder, der gekrümmt auf der Erde lag.
„Geistlicher! Hört Ihr mich?“
Der Mönch öffnete die Augen und kroch zum Gitter.
„Ja, Herr!“
„Das nächste Mal, wenn der Küchenjunge Essen holt, werde ich Euch befreien.“
Wieder entschwand Alexandrus in der Nische. Als der Knabe pfeifend an ihm vorbei ging, rannte er zurück, zog das Brecheisen hervor und zerbrach ohne große Anstrengung den rostigen Verschluss der Zelle.
„Macht Euch bereit. Beim letzten Essensgang hole ich Euch heraus!“
„Und die Kinder?“
„Wir sind auf Eure Hilfe angewiesen, danach werden wir die Kinder befreien!“
Er musste sich beeilen, um vor dem Zuschlagen der Eisentüre den Kerker zu verlassen. Der Geistliche war zu schwach für die Stufen, so lud Alexandrus sich ihn auf den Rücken. In letzter Sekunde erreichten sie den Ausgang. Mit einem dröhnenden Krachen schlug die Türe hinter ihnen zu. Sie warteten einen Augenblick, bevor Alexandrus ihn die Treppen hinauf in die kühle Nacht trug. Im Schatten der Stadtmauer schlichen sie, der Mönch gestützt von Alexandrus an den Wachen vorbei in den angrenzenden Wald. Dort ruhten sie eine Weile, und Alexandrus erzählte dem Geistlichen von ihrem Befreiungsplan.

Als sie die Höhle betraten, erklang lauter Jubel. Alexandrus erzählte, dass alle Kinder lebten. Wieder brach Freudengeschrei aus. Alexandrus beobachtete, dass die Augen der Hexe funkelten, sie sich mit der Zunge über ihre Lippe fuhr und freudig die Hände rieb.
„Ruhe! Noch heute Nacht werden wir handeln!“, sprach sie im Befehlston.
„Der Mönch ist zu schwach, lasst ihn eine Nacht rasten! Am Morgen bringe ich ihn zum König“, sprach Alexandrus und legte den Geistlichen auf einen Strohballen zum Ausruhen.
„Habt Dank!“, sprach dieser und fiel sofort in einen tiefen Schlaf.
„Ich gebe hier die Befehle!“, schrie die Hexe.
„Seht Ihr nicht, dass dieser Mann am Ende seiner Kräfte ist? Schlaft wohl!“, sprach Alexandrus und ließ sich auf sein Nachtlager nieder.

In den frühen Morgenstunden, als der Nebel über die Felder hinwegzog, begaben sich Alexandrus, die Hexe und der Mönch, als Bauer gekleidet, zum Schloss. Alexandrus versteckte seine Begleiter im Pferdestall und ging zu der Öffnung im königlichen Schlafgemach.
„Mein König!“, rief er.
„Wer ruft nach mir?“
„Kommt zu der Öffnung im Mauerwerk!“
„Seid Ihr gekommen um zu betteln?“
„Königliche Hoheit. Ich bringe Euch den Mönch, er wird Eure Majestät vom Teufel befreien und Euch Seelenfrieden geben“, sprach Alexandrus.
„Ich bin in Gottes Ungnade gefallen. Meine Brüder habe ich auf dem Gewissen.“ Der König kniete nieder und weinte.
„Der Geistliche berichtete mir, Eure Brüder würden im Kerker gefangen gehalten!“
„Ihr lügt! Der Teufel hat sie getötet!“
„Vertraut mir! Sie leben. Würdet Ihr sterben, hätte der Teufel einen Eurer Brüder für das Volk auf den Thron gesetzt und er selbst hätte weiter seine Macht ausüben können. Wir müssen schnell handeln!“, flehte Alexandrus, ließ den König zurück und lief zum Stall, um seine Helfer zu holen.

„König, lasst uns ein!“, rief Alexandrus.
Der Herrscher öffnete die hintere Türe. Sie traten ein. Einen Atemzug später vernahmen sie ein Poltern vor dem Gemach.
„Feinde aus der Unterwelt befinden sich im Schloss! Ich kann sie riechen!“, schrie der Teufel und stieß mit einem Ruck die schwere Holztüre zum Gemach des Königs auf.
„Ihr?“
Nebelwolken zogen auf und unter Donner und Blitz verwandelte sich Marianna in eine alte, runzlige Hexe. Eine Warze thronte auf der krummen Nase. Auf ihrem Buckel kauerte eine schwarze Katze und leckte ihre Pfoten. Erschrocken wichen der König, Alexandrus und der Mönch zurück.
„Du wirst deine Macht verlieren, du Scheusal! König und Mönch haben gemeinsam einen starken Glauben zu Gott, der dich zermürben wird. Ein Kinderspiel für mich, dich zu vernichten!“, sprach die Hexe mit kratzender Stimme und lachte.
„Betet!“, befahl sie.
„Nein!“, schrie der Teufel, wandte seinen Blick vom Geistlichen ab und versuchte sich die Ohren zuzuhalten. Die Hexe hielt ihn mit ihren Zauberkräften davon ab. Er sank zu Boden und flehte um Erbarmen. Die Hexe erhob die Hände, ließ das Schwert des Königs über ihren Köpfen schweben und enthauptete den Teufel. Totenstille herrschte im Raum.
„Ha! Jetzt gehören die Kinder mir! Ich werde sie in der Höhle gefangen halten. Nun besitze ich die Macht über die Erde und die Unterwelt!“, kreischte sie.
Alexandrus löste sich langsam aus seiner Versteinerung. Er stürzte sich auf die Hexe und stieß sie zu Boden. Beim Fall sank sie in das aufgerichtete Schwert, das ihr Herz durchbohrte.
„Aaa!“, schrie die Hexe, bevor sie mit einem Blitzschlag und unter Donnergedröhn dahin schmolz. Eine Goldkette, mehr blieb von ihr nicht zurück. Der König, der Mönch und Alexandrus fielen in einen Freudentaumel. Sie bemerkten nicht, dass das Haupt des Teufels den Rumpf fand, und er, einem Luftzug gleich, in der Morgendämmerung entschwand.

In der Zwischenzeit waren die Höhlenkinder auf dem Schloss angekommen, und gemeinsam befreiten sie die Jungen und Mädchen aus dem Kerker. Der König, glücklich, dass seine Brüder lebten, flehte sie um Vergebung an und fand Gnade in ihren Augen. Alexandrus hielt Ausschau nach Arabella. Sie fiel ihm freudestrahlend um den Hals und ihre Lippen verschmolzen in einem innigen Kuss. Tagelang wurde im Schloss gefeiert und freudiger Gesang erschall im ganzen Land. Die Kinder gingen wieder ihrem Spiel vor der Stadtmauer nach und achteten darauf vor der Dämmerung nach Hause zu kommen. Arabella begleitete Alexandrus auf der Wanderschaft. Sie erlebten viele Abenteuer und erzählten die Geschichten in den Dörfern, die ihren Weg kreuzten. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

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