Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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April 2004
Die Unsichtbarcreme
von Lars Blumenroth

Ein leises Scharren weckte Flo. Zuerst dachte er, das Geräusch gehöre noch zu seinem Traum. Ein großes Kaninchen hatte da nach einem Schatz gegraben. Jetzt aber war er sich sicher, wach zu sein. Das Riesenkaninchen war fort, aber das Scharren verschwand trotzdem nicht.
Flink setzte er sich auf und nahm die Taschenlampe von seinem Nachttisch. Als er das Licht anknipste, war es plötzlich still im Zimmer. Mit zitternden Händen schwenkte er den Lichtkegel. Er sah aber niemanden. Und das Geräusch kam auch nicht wieder.
»Dann habe ich doch geträumt«, dachte Flo und gähnte.
Gerade als er die Taschenlampe wieder ausschalten wollte, fiel das Licht in die Ecke zwischen Schreibtisch und Kleiderschrank. Da war etwas! Flos Haare standen plötzlich hoch und nur mit Mühe konnte er einen Schrei unterdrücken.
Jetzt raschelte es auch wieder.
Flo sah mit Entsetzen eine durchsichtige Gestalt, die hektisch in ihrer Tasche herumsuchte. Ganz leise hörte er nun auch ein Fluchen und Schimpfen.
»Graupelsumpf und Eberborst! Es war hier! Ich weiß es …«
Das Rascheln hörte wieder auf. Jetzt konnte Flo schon mehr erkennen. Das Wesen verlor allmählich seine Durchsichtigkeit. Und je besser Flo sehen konnte, desto weniger Angst hatte er. Im Strahl seiner Taschenlampe stand ein kleines Männchen, kugelrund und offensichtlich so beschäftigt, dass es von Flo gar keine Notiz nahm.
»Verdrolligtes Grasbuff! Es muss hier irgendwo sein! Aber wo? Aber wo nur?«
Das Männchen drehte sich um sich selbst und suchte dabei den Boden ab.
»Was ist ein Grasbuff?«, fragte Flo, der von diesem Wort so fasziniert war, dass er alle Vorsicht fallen ließ.
Der Gnom hielt inne. Mit runzliger Stirn sah er Flo in die Augen.
»Hat das knubbernde Menschenkind etwas gesagt?«
Flo sah mit großen Augen, wie das Männchen näher kam und dabei winkte. Mittlerweile war es vollständig sichtbar.
»Nein, nein, es kann mich doch nicht sehen«, sagte das Gnomwesen schließlich und drehte sich ab.
Flo hatte sich nicht getraut, seine Frage zu wiederholen. Aber er wollte dieses seltsame Männchen auch nicht unbeobachtet lassen. Schnell folgte er dem kleinen Kerl mit dem Lichtstrahl bis in die Ecke zurück.
Verwundert sah sich der Gnom um, als er bemerkte, dass die Taschenlampe noch immer auf ihn gerichtet war.
»Was soll das? Warum knubbert das Menschenkind nicht weiter? Drämmliges Boppapup!«
Das war zu viel für Flo. Er wollte wissen, was all diese seltsamen Worte bedeuteten.
»Was ist ein Boppapup?«
Der Gnom erstarrte. Flo wich mit seiner Taschenlampe nicht vom Fleck.
»Was ist denn jetzt ein Boppapup? Und was ein Grasbuff ist, will ich auch wissen! Und wie soll ich knubbern, wenn ich nicht mal weiß, wie das gehen soll?«, fragte Flo.
Die Augen des Männchens wurden kugelrund, der Mund klappte auf und dann ertönte ein Aufschrei.
Entsetzt sprang Flo aus dem Bett.
»Bist du denn verrückt? Du machst meine Eltern wach! Hör auf!«, rief Flo und lief hinter dem Gnom her.
Aber der Winzling ließ sich nicht einfangen und mit dem Gebrüll hörte er schon gar nicht auf. Wie ein Kugelblitz hüpfte das merkwürdige Wesen davon, duckte sich unter Flos greifenden Armen hinweg und quiekte und jaulte dabei ohrenbetäubend.
Gerade als die Tür zu Flos Zimmer aufging, verschätzte sich der Gnom. Mit einem kräftigen Rumms sprang er unter das Regalbrett, das über Flos Bett hing. Augenblicklich hörte das Getöse auf und das Wesen fiel bewusstlos auf die Bettdecke.
Dann knipste Flos Vater das Licht an.
»Was ist hier los?«, fragte er verwirrt.
Flos sah sofort die Sorgenfalte auf dem Gesicht seines Vaters. Das bedeutete nichts Gutes. Was sollte er jetzt sagen? Dass ein kleines, seltsames Männchen wild geworden durch sein Zimmer gesprungen war? Nein, das würde sein Vater niemals glauben. Allerdings lag der Beweis ohnmächtig in seinem Bett…
»Ich habe schlecht geträumt«, sagte Flo nach einer Weile.
»Es hat sich eher angehört, als wolltest Du das Haus einreißen!« Sein Vater sah ihn nun böse an. »Vielleicht schläfst du besser, wenn du weniger fern guckst.«
Flo hatte schon mit dieser Strafe gerechnet. Fernsehverbot war Lösung für alles. Aber auch wenn Flo nun einige tolle Sendungen verpassen würde, im Moment interessierte ihn nur dieser Gnom auf seinem Bett.
»Und was ist das denn für eine grässliche Puppe?« Flos Vater deutet auf den Gnom. »Kein Wunder, dass du nicht schlafen kannst.«
Kaum war die Tür wieder geschlossen, setzte sich der Winzling auf und schnaufte leise.
»Grässlich! Grässlich! Wer ist hier grässlich?«
Hastig deutete Flo ihm, dass er ruhig sein solle. »Beim nächsten Mal verpetze ich dich«, flüsterte er.
Der Winzling verdrehte die Augen und brummte.
»Wer bist denn du überhaupt?«, fragte Flo.
»Knatterbomm Knödelkniepsch«, antworte das kleine Kerlchen nach einigem Überlegen. »Eigentlich darfst du mich gar nicht sehen. Aber ich habe meinen Job ja nun gründlich verbrömpft.«
»Was ist denn dein Job?« Flo war begeistert, etwas über dieses fremde Wesen zu erfahren.
Der Gnom druckste herum. »Na ja, ähm, ich soll dich bewachen.«
»Bewachen? Warum denn? Ich habe doch gar nichts verbrochen.«
»Häm häm, das meinen alle Menschenkinder. Aber das stimmt nicht. Wenn ihr knubbert, dann bringt ihr unsere Welt ganz schön durcheinander.«
»Was ist denn jetzt dieses Knubbern?« Flo war völlig verwirrt.
Der Gnom seufzte. »Ist doch ganz klar: Immer wenn ein Menschenkind von einem großen Riesenkaninchen träumt, dann fängt der Traumpalast unserer Königlichkeit an zu wackeln, dass die Mauern rumpeln. Und unsere Königlichkeit hat schon seit dreihundert Jahren furchtbare Kopfschmerzen. Da ist jedes Geräusch eine Qual.« Der Winzling tippte mit einem kleinen Wurstfingerchen auf seine Hand. »Und deshalb bin ich jetzt hier, um dir andere Träume zu bringen. Aber es ist ja alles schief gegangen.«
»Was ist den passiert?«
»Du bist ein neugieriges Menschenkind, drömmelknatsch!«, sagte der Gnom empört. »Wahrscheinlich verliere ich meinen Job, weil du mich gesehen hast, und du stellst eine Frage nach der anderen!«
Das runde Männchen sprang vom Bett runter und wuselte flink zu seiner Tasche.
»Vielleicht kann ich dir ja helfen«, versuchte Flo noch einmal, den Gnom zum Sprechen zu bewegen.
»Vergrunzigtes Gruschbrumm! Wie willst du mir denn helfen?« Der Winzling schnaubte. »Du hättest mir sehr geholfen, wenn du mich gar nicht bemerkt hättest. Oh Graupelsumpf und Eberborst, die Königlichkeit wird mit den Zähnen knirschen, wenn sie das erfährt ...«
»Aber es muss doch niemand erfahren!« Flo hüpfte nun ebenfalls aus dem Bett. »Wir tun einfach so, als wäre nichts geschehen. Und ich schlafe ja nicht mehr, also kann ich auch nicht von großen Riesenkaninchen träumen.«
Der Gnom ließ die Schultern hängen. »Nein, nein, nein. So einfach ist das nicht. Wenn du einmal von einem großen Riesenkaninchen geknubbert hast, wirst du das immer wieder tun. Und irgendwann hast du den ganzen Palast der Königlichkeit zerrumpelt.«
»Ich werde mir einfach vornehmen, nicht mehr zu träumen«, sagte Flo und verschränkte die Arme vor seiner Brust.
»Menschenkind, du verstehst das nicht, wammerpfroppopf. Ihr Menschen könnt euer Geknubber nicht ein und ausschalten wie eure Lichtmaschinen«, seufzte Knatterbomm und kramte wieder in seiner Tasche. »Irgendwo muss es doch sein, muss es doch, muss es ...«, murmelte er zu sich selbst.
»Was denn?«, fragte Flo. Jetzt schon etwas lauter. Die Geheimniskrämerei des Männchens nervte ihn ganz schön.
»Traumsalbe«, brummte es aus der Tasche. »Und meine Unsichtbarcreme. Wenn ich mich nur ordentlich eingeschmiert hätte, wäre das alles gar nicht passiert!«
Jetzt strampelten nur noch die feisten Beinchen aus der Taschenöffnung heraus. Flo musste kichern.
»Was lachst du denn so?«, maulte der Gnom und tauchte eilig wieder auf. »Es geht um Traum und Sichtbarkeit, damit ist nicht zu Spaßen! Brackalüffel!«
»Selber Brackalüffel!«
»Nein, du bist ein Brackalüffel!«
»Nein du selbst!«
»Nein, du!«
»Du!«
»Nein, nein, nein!«
»Doch, doch, doch!«
»Schluss jetzt! Vergrummstes Grasbuff! Für solche Spielchen ist keine Zeit!« Der Gnom steckte seinen Kugelkopf wieder in die Tasche und grub mit beiden Armen darin herum.
Gerade als Flo noch eine weitere Frage stellen wollte, fiel der Winzling plötzlich ganz in seine Tasche hinein. Zupp, zupp, waren die kleinen Beinchen weg und Flo hörte nur einen spitzen Gnomenschrei: »Qualladallaaa!« Dann war es still.
»Herr Knattergnom?«, fragte Flo zögerlich. Unsicher trat er an die Tasche heran. Niemand antwortete. Vorsichtig lugte er über den hohen Rand in das Innere. Da war nichts zu sehen. Doch dann griffen plötzlich zwei dicke Patschhände nach ihm und zogen ihn, wusch, wusch, in die Tasche hinein.
Flo hatte nicht mal Zeit zu schreien, so schnell war er auch schon in einer ganz anderen Welt. Vor ihm stand ein großer Thron, mit einem ganz furchtbar böse guckenden Gnom darauf. Alles war rosa, hellblau, mintgrün, sonnengelb und leuchtete grell. Fast augenblicklich bekam Flo Kopfschmerzen.
»Jetzt habe ich dich. Sehr gut, sehr gut.« Das Männchen hatte sich von seinem Thron erhoben und rieb sich die Stirne.
»Du bist für all die Schmerzen verantwortlich!«, sagte der Gnom böse. »Du hast meinen Palast zum Rumpeln gebracht!«
Flo verstand langsam, dass er durch den Sturz in die Tasche geradewegs in die königlichen Hallen der Gnomenköniglichkeit gefallen sein musste.
»Aber ich wusste doch gar nicht, dass es verboten ist, von großen Riesenkaninchen ...«
Die Königlichkeit schrie entsetzt auf. »Niemand nennt in meinen Palast den Namen des Ungetüms!« Völlig außer sich raste der Königsgnom auf Flo zu. »Schweige, schweige, schweige! Hast du das verstanden?«, kreischte er und hüpfte dabei wild vor Flo auf und ab.
»Schon gut, ich werde nichts mehr von großen Riesenkaninchen ...«
»Aaah!« Die Königlichkeit heulte los und hüpfte fast bis zur Decke des Thronzimmers.
»Entschuldigung«, sagte Flo kleinlaut, als der Gnom wieder vor ihm stand und noch böser guckte, als zuvor.
»Wenn du noch einmal großes Riesenkaninchen sagst, dann werfe ich dich dem großen Riesenkaninchen zum Fressfress vor!«
»Aber du hast doch selbst großes ...«
»Pscht! Ruhe jetzt!«
»Aber ...«
»Nichts aber!«, schnaubte die Königlichkeit. »Von viel ›aber‹ bekomme ich schlimmere Kopfschmerzen. Genauso wie von großen Riesenkaninchen.«
Flo schnappte nach Luft, aber der Königsgnom zeigte drohend mit seinem dicken Zeigefinger auf. Es war wohl besser, nichts mehr zu sagen. Erst jetzt spürte Flo, dass auch seine Kopfschmerzen schlimmer geworden waren. Die leuchtenden Farben des Thronzimmers brannten ihm in den Augen.
Und dann fiel ihm plötzlich wieder der Gnom Knatterbomm ein, der dem Königsgnom zum verwechseln ähnlich sah.
»Wo ist eigentlich der Herr Knatterbomm?«, fragte Flo.
»Oh, du meinst den Taugenichts Knödelkniepsch?«
Flo nickte.
»Der ist ... der ist ... weg. Genau, weg ist der!«
Die Königlichkeit rieb sich wieder den Kopf.
»Aber wie komme ich denn jetzt wieder nach Hause?«
»Nach Hause?« Die Königlichkeit lachte. »Natürlich gar nicht! Du bist in den Palast der Königlichkeit Knäckeknurps eingebrochen, und jetzt musst du als mein Gast für immer hier bleiben. So sind die Regeln.«
»Die Regeln?«
»Verdrolligtes Grasbuff! Natürlich die Regeln!«
Flo war verblüfft. Die Königlichkeit hatte sich gerade genauso angehört, wie der Gnom Knatterbomm.
»Wer macht denn die Regeln?«, fragte Flo vorsichtig.
»Natürlich ich! Ich bin schließlich die Königlichkeit! Oder siehst du sonst noch jemanden hier? Graupelsumpf und Eberborst!«
Bei diesen Worten kam Flo auf einmal eine Idee.
»Für wen machst du denn die Regeln, wenn sonst keiner hier ist, liebe Königlichkeit?«
»Damit es Regeln gibt, ist doch klar!«, sagte der Königsgnom. »Denn ohne Regeln gibt es ... gibt es ... gibt es keine Regeln! Jawohl!«
»Aber du kannst doch die Regeln einfach umändern, Königlichkeit.«
»Ach so? Wie soll das denn bitte gehen?«
»Na, du bestimmst einfach, dass es Regeln gibt, die man nicht befolgen muss«, schlug Flo vor. »Stell dir vor, es kommen plötzlich so viele Gäste in deinen Palast, dass es keinen Platz mehr gibt. Wenn alle die Regeln befolgen müssten, dürfte keiner mehr nach Hause und dann wäre es hier viel zu eng.«
Die Königlichkeit massierte hektisch ihren Kopf. »Ja, ja, das stimmt. Da habe ich noch gar nicht drüber nachgedacht!«
»Also werden die Regeln geändert?«
Der Gnom kletterte wieder auf seinen Thron.
»Ich weiß nicht. Ich weiß nicht. Man darf nicht eilig sein, mit seinen Entscheidungen. Wenn ich die Regeln ändere, kannst du ja ungestraft fort und ich bin wieder allein hier und muss es ertragen, wenn du von großen Riesenkaninchen knubberst.«
»Aber der Herr Knatterbomm hat doch eine Traumsalbe.«
»Knabberlapupp! So was gibt es gar nicht!«, maulte die Königlichkeit. »Wenn es eine solche Salbe gäbe, würde schon bald niemand mehr von großen Riesenkaninchen knubbern.«
»Aber der Herr Knatterbomm ...«
»Der Herr Knatterbomm, der Herr Knatterbomm«, äffte die Königlichkeit Flo nach. »Es gibt gar keinen Herr Knatterbomm!«
»Aber doch!«, rief Flo. »Er war in meinem Zimmer und wir sind beide in seine Tasche gefallen!«
»Ja natürlich, schon klar. Und ich bin die Königlichkeit Knäckeknurps! Hast du noch andere Geschichten auf Lager?«
»Aber du bist doch die Königlichkeit Knäckeknurps!«
»Ach ja?«
Der Königsgnom stand auf und verschwand hinter seinem Thron. Als der Winzling wieder hervor kam, hatte er eine Rüstung an.
»Auf Befehl der Königlichkeit werfe ich Sie nun dem großen Riesenkaninchen zum Fressfress vor!«, tönte der neue Gnom. Eilig stürmte er auf Flo zu und zerrte ihn aus dem Thronzimmer. Eine endlos lange Treppe ging es hinunter und bald waren der Gnom und auch Flo außer Atem.
Dann standen sie endlich vor einer großen Tür. Der rosa Anstrich brachte die Augen zum Tränen.
»Was habe ich denn getan?«, fragte Flo endlich, als er wieder Luft bekam.
»Die Regeln gebrochen, ganz einfach«, antwortete der Gnom in Rüstung, während er einen hellgrünen Schlüssel in das Schloss schob.
Flo hatte plötzlich Angst. Vielleicht sah ja das große Riesenkaninchen gar nicht so nett aus, wie in seinem Traum. Ganz bestimmt hatte es große Zähne, um besser sein Fressfress machen zu können.
Als dann aber die rosa Tür aufschwang, sah Flo nur ein harmloses, großes Riesenkaninchen. Es war sein Traumriesenkaninchen, und es schnupperte mit seiner großen Kaninchennase nach ihm.
»Los, Sie müssen jetzt für das Fressfress da rein!«, befahl der Gnom und zeigte auf die Türöffnung.
»Aber Kaninchen fressen doch gar keine Menschen!«
Der Gnom sah verwundert aus. »Nein? Und was ist mit großen Riesenkaninchen?«
»Die auch nicht.« Zumindest hoffte Flo das.
»Was fressen Kaninchen denn?« Der Gnom sah nun völlig hilflos aus.
»Möhren«, antwortete Flo. »Und große Riesenkaninchen fressen dann wohl große Riesenmöhren.«
»Aber hier im Palast wachsen keine Möhren.«
»Na, dann muss das große Riesenkaninchen aus dem Palast raus. Dann würde es auch nicht mehr an den Mauern wackeln.«
»Aber das große Riesenkaninchen will hier nicht weg. Es sitzt schon in dieser Grube, bevor der Palast darauf gebaut wurde.« Der Gnom kratzte an seinem Helm.
»Der Palast wurde auf des Kaninchen gebaut?«, fragte Flo fassungslos. »Warum hat man denn nicht einfach daneben gebaut?«
»Also, das weiß ich nicht«, sagte der Winzling. »Es hätte bestimmt eine Menge Gewackel erspart.«
»Und auch die Kopfschmerzen der Königlichkeit!«, sagte Flo.
»Vielleicht auch die«, stimmte der Rüstungsgnom zu und zog plötzlich eine saftige Möhre aus seinem Wams. Das große Riesenkaninchen nahm die Witterung sofort auf und hüpfte auf den Gnom zu.
»Oh Knatterbuff, nicht wenn es aus Versehen doch mich frisst!« Eilig lief der Gnom auf ein gigantisches Tor zu. Dicht gefolgt vom großen Riesenkaninchen. Mit einem lauten Ächzen schwang das Tor, ganz in grellem Babyblau, auf und ließ den Gnom und das Tier ins Freie.
Flo blieb allein im Palast zurück.
»Jetzt weiß ich aber immer noch nicht, wie ich nach Hause komme«, murmelte er.
»Du willst nach Hause?«, fragte da der Gnom Knatterbomm, als er durch das große Tor den Palast betrat.
»Oh, Herr Knatterbomm!«, jubelte Flo. »Ich habe dich gesucht. Du musst mir den Weg zurück in mein Zimmer zeigen.«
»Beim vergrunzigtem Gruschbrumm! Das darf ich nur mit der Erlaubnis der Königlichkeit.«
Hastig eilten sie die lange Treppe wieder hoch. Flo immer einige Füße schneller, als der Winzling Knatterbomm.
Als sie endlich oben im Thronzimmer angekommen waren, fanden sie den Thron selbst verlassen.
»Nanu, wo ist denn die Königlichkeit?«, fragte Flo.
»Wammerpfroppopf! Die Königlichkeit wird wohl gleich da sein«, antwortete Knatterbomm und verschwand hinter dem Thron. Auf der anderen Seite erschien kurz darauf die Königlichkeit.
»Man hat mir von deinen Heldentaten berichtet«, begann der Königsgnom sofort. »Ich muss sagen, dass ich sehr beeindruckt bin.« Umständlich erklomm der Winzling seinen Herrschersitz. Dann rieb er sich den Kopf und jammerte: »Aber meine Kopfschmerzen sind noch immer nicht weg.«
Auch Flo hatte noch immer Kopfschmerzen. Seine Augen brannten fürchterlich und er wollte am liebsten pausenlos seine Stirn massieren. Woran konnte das bloß liegen?
Und dann fiel es Flo auf: »Die Wände! Die Farben!«, rief er aufgebracht.
»Was ist damit?«, fragte die Königlichkeit unwirsch.
»Das ist der Grund für die Kopfschmerzen. Die Farben sind zu grell.«
»Meinst du wirklich?« Der Königsgnom schien noch nicht überzeugt.
Aber Flo nickte heftig. »Ja, hier muss unbedingt gestrichen werden.«
Der Gnom seufzte. »Das kann doch Jahre dauern, bis ich damit fertig bin.«
»Aber der Gnomenritter und der Herr Knatterbomm werden doch sicherlich helfen, oder?«
Die Königlichkeit senkte den Kopf. Eine dicke Träne kullerte an den runden Wangen hinab.
Zum dritten Mal erkannte Flo ein Geheimnis dieser seltsamen Welt: Es gab nur diesen einen Gnom.
»Wenn die anderen allerdings nicht können, werde ich helfen«, sagte Flo schließlich.
Das Gesicht der Königlichkeit strahlte mit einem Mal heller als das Sonnengelb der Wände. »Das würdest du tun?«
»Na ja, du musst mir natürlich sagen, wie du wirklich heißt«, sagte Flo.
»Oh! Ich bin Knörreknapp Knäckeknurps«, antwortete der Gnom und wurde rot. »Aber schon seit meiner Kindheit wollte ich Knatterbomm Knödelkniepsch heißen.«
Flo reichte der Königlichkeit die Hand. »Ich bin Flo.« Dann gähnte er lang. »Und ich bin unglaublich müde. Wenn du also nichts dagegen hast, würde ich jetzt gern nach Hause in mein Bett.«
Der Gnom sah plötzlich wieder traurig aus.
»Du darfst mich selbstverständlich besuchen, wann immer du Lust hast«, fügte Flo schnell hinzu.
Da lachte der Winzling fröhlich auf.
Als Flo in seinem Bett erwachte, wusste er, dass alles nur ein Traum gewesen sein konnte. Gnome gab es gar nicht. Und solch lustige Dinge wie verdrolligte Grasbüffe erst recht nicht. Als er aber das Licht anknipste, sah er auf dem Fußboden vor seinem Schreibtisch eine kleine Tube. Sofort war er hellwach, sprang aus dem Bett und hob sie auf. In grellem Rosa stand darauf: ›Unsichtbarcreme‹
Was man damit wohl alles anstellen konnte?

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