'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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April 2004
Die Wölfin vom Wolfsbrunnen
von Birgit Erwin

Nicht viele Touristen, die nach Heidelberg kommen, verirren sich an den Wolfsbrunnen. Seine großen Tage sind vorbei. Heute ist er eine halbvergessene Quelle mit einem Namen, der zu groß ist für sein schmales Bett. Mächtig sind nur noch seine Geschichten, und da der Wolfsbrunnen ein mitteilsamer kleiner Bach ist, gestattet er müden Wanderern gerne, diesen Geschichten lauschen, wenn die Mittagssonne funkelnd auf dem Wasser tanzt. Nur in der Johannisnacht schweigt seine Stimme, und das Heulen der weißen Wölfin klingt einsam durch die Sommernacht.

Es ist schon viele Jahre her, da trieb ein alter Schäfer seine Herde regelmäßig an den Bach, um sie zu tränken. Die Schafe folgten ihm gerne, denn das Wasser klar und frisch und das Gras grün und saftig. Lämmer tollten am Ufer, und die Alten sahen ihnen zu, weideten und blökten zufrieden. Nur ein Schaf, schöner und weißer als seine Gefährten, stand abseits und blickte mit traurigen Augen ins Wasser.
„Was fehlt dir, kleines Schaf? Es ist ein herrlicher Tag. Warum siehst du so betrübt aus?“
Das Schaf hob den Kopf und erblickte über sich im Baum ein Amselpärchen.
„Ach“, sagte es bekümmert, „meine Brüder und Schwestern sind dumm und vergessen rasch. Aber ich muss immer daran denken, dass an diesem Bach ein Wolf meine Mutter gerissen hat. Für mich schmeckt das Wasser nach ihrem Blut, und darum kann ich hier nicht fröhlich sein.“
„Armes kleines Schaf“, zwitscherte das Amselweibchen mitleidig. „Es ist schon ein Jammer mit den Wölfen, aber wer weiß, vielleicht kann ich dir helfen. Heute ist Johannisnacht, da kommt die Fürstin der Quelle selbst aus den Wassern. Erzähl ihr von dem Unrecht, das dir angetan wurde. Ich bin sicher, sie schenkt dir Gehör.“
Mit diesen Worten flatterten die beiden Vögel davon, und das kleine Schaf hörte gerade noch, wie das Männchen schalt: „Dumme Frau, was hast du wieder angestellt? Weißt du nicht, dass noch nie etwas Gutes aus den Taten der Wasserhexe entstanden ist?“
Doch die Warnung verhallte ungehört. Ein Gefühl, dem es keinen Namen geben konnte, hatte von dem sanften kleinen Schaf Besitz ergriffen. Als der Schäfer die Herde am Abend in den Stall trieb, schlüpfte es unbemerkt hinter einen Stein und wartete auf den Sonnenuntergang und das Erscheinen der Wasserfee.

Das kleine Schaf musste eingeschlafen sein, denn als es die Augen aufschlug, spiegelte sich der Mond silbern in der Quelle. Musik erklang, die Wellen teilten sich gurgelnd, und eine wunderschöne Frau stieg ans Ufer. Hell perlte das Wasser auf ihrem weißen Leib. Einen Augenblick blieb sie vor dem Stein stehen, hinter dem das Schaf kauerte, dann sagte sie mit einem ruhigen Lächeln: „Willst du nicht zu mir kommen, kleines Schaf, und mir sagen, was dich bedrückt?“
Ihre Augen waren silbern wie die Quelle und ebenso kalt, aber ihre Stimme war freundlich und betörend schön. Mit zitternden Knien kam das kleine Schaf aus seinem Versteck.
„Mächtige Fürstin“, begann es, „ich bin gekommen, dir ein großes Unrecht vorzutragen. An dieser deiner Quelle hat ein Wolf meine Mutter getötet. Die Tat ist ungesühnt. Es ist nicht gerecht, dass die Wölfe uns Schafe ungestraft morden. Ich bitte dich, hilf mir, hohe Frau.“
„Wie kann ich dir helfen, kleines Schaf? Ich habe keine Macht über die Wölfe. Sie unterstehen meinem Bruder, dem Herrn der Wälder.“
Das Schaf ließ den Kopf hängen. Eine Träne löste sich aus seinen sanften Augen und tropfte in das Wasser. Die Fürstin der Quelle blickte ihr nach, und ihre silbernen Augen wurden dunkel wie das Meer. Endlich sagte sie: „Ich selber kann den Wolf nicht töten, doch dir werde ich die Möglichkeit geben, deine Mutter zu rächen.“
„Aber ich bin viel zu schwach dafür!“, protestierte das kleine Schaf.
„Ich bin die Herrin des Wassers“, sagte die Hexe kalt. „Mit einem einzigen Wink kann ich deiner Träne befehlen, der Quelle Zauberkraft zu verleihen. Trink aus ihr, ehe der erste Sonnenstrahl hervorbricht, und du wirst die Macht haben, die du dir wünschst.“
Mit diesen Worten sank die Wasserfee auf den Grund der Quelle, und nur ihr Lachen perlte noch einen Augenblick über den Wellen. Das Schaf zitterte am ganzen Körper, und als es in das Wasser blickte, glaubte es, auf dem Grund der Quelle ein Gesicht zu sehen, und eine lockende Stimme raunte:
„Wer aus mir trinkt, wird ein Wolf.“
Einen Augenblick zögerte das kleine Schaf, dann beugte es sich tiefer und ließ ein paar Tropfen des Wassers seine Lippen benetzen. Im selben Augenblick ging ein Ziehen und Reißen durch seinen Körper. Vor Angst wollte es laut blöken, doch alles, was aus seinem Maul kam, war ein dumpfes Grollen.
Aus dem kleinen Schaf war eine prächtige, schneeweiße Wölfin geworden.

Die ganze Nacht und den ganzen folgenden Tag lief das kleine Schaf, das jetzt eine Wölfin war, bis es den Wald gefunden hatte, in dem die Wölfe hausten. Er war düster, und das Schaf zitterte. Aber die Wölfin fürchtete sich nicht. In ihr erwachte das seltsame Gefühl, heimgekehrt zu sein. Mit der Nase am Boden nahm sie eine Witterung auf, die ihr fremd und vertraut zugleich vorkam. Noch ehe sie entscheiden konnte, ob sie bleiben oder fliehen sollte, trat ein mächtiger schwarzer Wolf aus dem Unterholz. Ihre Blicke trafen sich. Einen Augenblick lang war die Wölfin sicher, dass er ihren Zauber durchschaute, doch dann wurden seine durchbohrenden gelben Augen mit einem Mal ganz sanft. Er trat näher und rieb seine Flanke an ihrem Leib.
„Du bist schön, fremde Schwester. Woher kommst du?“
„Von weit“, schnurrte die weiße Wölfin heiser, während ihr heiße und kalte Schauer über den Körper rieselten. Sie fühlte sich wild und frei.
„Bleib bei mir“, raunte der Wolf und leckte ihr mit der Zunge sacht über die Schnauze.
Und die weiße Wölfin blieb.

Einen Sommer lang streiften sie gemeinsam durch die Wälder. Erst als die Ränder der Blätter sich verfärbten und die Jäger über den Wald hereinbrachen, trennten sich ihre Wege. Die weiße Wölfin verbarg sich im Unterholz und wartete auf die Rückkehr ihres Gefährten. Die Sonne schien warm auf ihren Pelz. Sie lauschte auf den fernen Klang der Jagdhörner und die Stimmen des Waldes. Plötzlich spitzte sie die Ohren, das aufgeregte Zwitschern über ihrem Kopf klang vertraut.
„Endlich haben wir sie gefunden. Weiß denn das dumme kleine Schaf nicht, dass es mit dem Wolf lebt, der ihre Mutter zerrissen hat?“, piepste das Amselweibchen. Und das Männchen schalt: „Still, sei doch still, Frau!“
Der Wölfin wurde kalt. In diesem Augenblick trat der schwarze Wolf aus dem Gehölz. Er hinkte, und über seine Flanke lief Blut. Sie sah ihm tief in die Augen.
„Du bist es wirklich“, flüsterte sie und trat langsam auf ihn zu. Sie leckte seine Wunde. Dann grub sie ihre Zähne tief in seine Kehle. Als das Blut nicht mehr floss und der Glanz seiner gelben Augen erloschen war, hockte sie sich neben ihn und erhob ihre Stimme zu einem langgezogenen klagenden Heulen. So kam die Nacht, und mit der Nacht kam der Fürst des Waldes. Mitleidig legte er seine Hand auf den weißen Nacken der Wölfin, und in seinen grünen Augen schimmerten die Tränen wie Tau.
„Nun hast du Rache geübt, kleine Schwester. Du hast meinen stolzesten Sohn ermordet.“
Die Wölfin entblößte ihre Kehle und flüsterte: „Töte mich dafür. Es wäre eine Gnade, denn ich habe ihn geliebt.“
„Ich weiß“, entgegnete der Fürst der Wälder traurig. „Und darum wirst du leben.“

Viele haben seither Jagd auf die weiße Wölfin gemacht, doch es liegt ein Zauber über ihr, der sie unverwundbar für Kugeln und Fallen macht. Doch in warmen Johnnisnächten, wenn der Mond sich in der Quelle spiegelt, kehrt sie an den Wolfsbrunnen zurück, und wenn eine Frau ihr Heulen hört, dann weint sie, denn sie weiß, dass sie ihren Liebsten verlieren wird, noch ehe der Herbst die Wälder färbt.



Anschrift:

Birgit Erwin
Lindenweg 15
69126 Heidelberg

birgiterwin@web.de

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