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April 2004
Grimms Märchen
von Susanne Schubarsky

„Es war einmal ein unfähiger Polizist. Ja, du bist gemeint. Komm, spiel mit mir.“ Kommissar Grimm hielt das Blatt Papier in seiner Hand und starrte auf die kleine Holzkiste, die zusammen damit angeliefert worden war. Die Scanner hatten keine Sprengkörper entdeckt, und das Bombenteam meinte, er könnte sie unbesorgt öffnen. Dennoch zögerte er. Heute war zwar sein Geburtstag, aber gleichzeitig auch der 1. April. Und die Notiz klang eher nach Aprilscherz als nach Glückwünschen. Schließlich seufzte er resigniert und klappte den Deckel zurück. Ein Marmeladebrot. Und sieben tote Fliegen darauf. „Ekelhaft. Und ziemlich idiotisch“, sagte er laut, als er aufstand und die Kiste mit dem Zettel in den Abfalleimer beförderte. Der Tag fing ja großartig an. Er hasste Geburtstage, ganz besonders seinen eigenen. Wieder ein Jahr älter, wieder ein Jahr allein verbracht. Und dazu würde sein Alter bald mit einer überdimensionalen Vier beginnen.
Er hämmerte wütend auf die Tastatur seines Computers ein und hoffte, dass ihn die Kollegen mit den üblichen dummen Bemerkungen verschonten. Eine Stunde später atmete er etwas auf. Bisher kein Geburtstagsstreich. Als sein tägliches 10-Uhr-Sandwich geliefert wurde, lehnte er sich zurück, biss genussvoll hinein – und spuckte sofort wieder aus. Papier. Er hob die obere Hälfte des Brötchens ab und fand eine weitere Notiz: „Es war einmal ein langweiliger Geburtstag. Nein, nicht deiner. Spiel mit mir.“ Grimm nahm den Zettel vorsichtig heraus und fand darunter statt der Salami einen Frosch, fein säuberlich zerteilt. Irgendjemand hatte einen äußerst unappetitlichen Sinn für Humor. Kopfschüttelnd warf beides in den Mülleimer zum ersten Zettel und der Kiste. Der Appetit war ihm gründlich vergangen, und zum Berichte Schreiben hatte er nun erst recht keine rechte Lust. Er würde eine kleine Runde durch das Revier drehen, eine Pause, sozusagen als Geschenk an sich selbst.
Auf dem Parkplatz wurde er von lautem Gebell empfangen. Drei Hunde sprangen aufgeregt um seinen Dienstwagen herum. Vorsichtig näherte er sich. Da sah er das Blut. Viel Blut. Es stammte von drei grausam massakrierten Tieren in seinem Auto: einem Hahn, einem Hund und einer Katze, sowie von einem toten Esel hinter seinem Auto. Neben dessen eingeschlagenen Kopf fand sich ein gerade noch leserlicher Zettel. „Es war einmal ein dickköpfiger Polizist. Wenn du nicht mit mir spielen willst, werden sie alle sterben.“

Die Spurensicherung hatte nichts gefunden. Keine Fingerabdrücke, keine Fußspuren. Und natürlich hatte niemand etwas gesehen, so unwahrscheinlich das auch klang, am helllichten Tag auf einem Polizeiparkplatz. Grimm war nun auch die Lust auf einen Ausflug vergangen und er trottete in sein Büro zurück. Mitten auf seinem völlig leeren Schreibtisch, der gerade eben noch das reinste Chaos gewesen war, prangte ein bunt verzierter Lebkuchen. Und ein Zettel.
„Es war einmal ein Polizist, der musste ein Rätsel lösen. Spiel mit und rette sie, wenn du kannst.“
Grimm setzte sich hin und starrte beides an. Ein Rätsel. Langsam ging ihm die Sache auf die Nerven. Wer würde sterben, wenn er bei dem Unsinn einfach nicht mitmachte? Noch ein paar überflüssige Tiere? Sollte ihm recht sein. Was aber, wenn der Briefschreiber ein wahnsinniger Killer war, der sich bisher erst aufgewärmt hatte? Sein Gefühl sagte ihm, dass es hier um mehr ging als um ein paar abgemurkste Vierbeiner, und Sechsbeiner, um die Fliegen nicht zu vergessen. Die Fliegen. Die hatten ihn an etwas erinnert. Sieben auf einen Streich, war sein erster Gedanke gewesen. Woher kannte er das nur? War da nicht so ein Märchenfritze, der einen Haufen Fliegen zermatscht hatte?
„Jakobs“, brüllte er in das Vorzimmer hinaus zur Kommissariatssekretärin, „wie heißt der Typ im Märchen, der sieben Fliegen erschlagen hat?“
„Tapferes Schneiderlein.“ Gabriele Jakobs hatte drei kleine Kinder.
„Gibt es auch ein Märchen mit einem Esel, einem Hund, einem Hahn und einer Katze?“
Sie nannte ihm die Bremer Stadtmusikanten und dann den Froschkönig als mögliche Erklärung für sein Sandwich. Die Frage nach dem Lebkuchen war besonders leicht zu beantworten. „Mensch Grimm, hast du keine Neffen und Nichten? Hast du nie Märchen gelesen? Im Lebkuchenhaus wohnt natürlich die böse Hexe, die Hänsel und Gretel fressen will.“
„Ja und, schafft sie es?“
„Was? Die Kinder zu fressen? Du hast echt keine Ahnung. Die Kinder stoßen die alte Frau in den Ofen, wo sie jämmerlich verbrennt.“
Grimm schüttelte den Kopf. Genau die Leute, die ihren Kindern solche Horrorstorys vorlasen, beschwerten sich dann am lautesten über die steigende Kriminalität. Nicht zu fassen. Und er musste sich jetzt mit einem Typen herumschlagen, der demnächst eine alte Frau in einen Ofen befördern würde. Da war er sich ziemlich sicher. Aber wie sollte er sie rechtzeitig finden? Er fixierte nochmals den Zettel. Vielleicht hatte er ja etwas übersehen. „Es war einmal“ deutete auf Märchen hin. Auch wenn er sich damit nicht auskannte, das wusste er. Also Hänsel und Gretel und die Hexe im Lebkuchenhaus. Wo aber befand sich dieses Haus? Gedankenverloren zeichnete er mit seinen Fingern das bizarre Muster auf dem Lebkuchen nach. Ein blauer, weiße und schwarze Striche, viele weiße Punkte, ein großer roter Punkt. Auf den ersten Blick wirr und planlos, wirkte es doch gewollt. Beinahe wie eine Landkarte. Das war’s! Der Fluss, die Straßen, und direkt am Fluss ein Haus. Auf der Landkarte an der Wand zählte er die Straßen, bis er die richtige gefunden hatte. „Willems!“, rief er laut nach seinem Assistenten und hastete aus dem Büro. Willems folgte ihm und erhielt auf der Fahrt zum Lebkuchenhaus eine kurze Zusammenfassung.
Am Hafen, inmitten der Lagerhallen und Werften, fanden sie ihr Ziel: eine knallbunt bemalte Bäckerei. Das Gebäude wirkte wie ein surrealer Fingerzeig, und die schwarzen Rauchschwaden aus dem Kamin ließen Grimm aufstöhnen. Er war zu spät gekommen.
Die Besitzerin war nirgends zu finden. Nur ein Bündel Kleider vor dem großen Backofen ließ ihr Schicksal erahnen. Die Spurensicherung würde später Grimms Befürchtungen bestätigen.
Auf dem Weg zurück ins Büro gab Grimm per Telefon Anweisungen, das Umfeld der Bäckerei genau zu untersuchen. Vermutlich hatte der Täter die Besitzerin gekannt, denn er schien freien Zugang zur Bäckerei gehabt zu haben. Und es musste eine Verbindung zu Grimm selbst geben.
Die bisherigen Briefe und Hinweise wiesen keinerlei Spuren auf, wie ihm der Leiter der Forensik mitteilte. Dennoch musste es einen Hinweis darauf geben, wen Grimm in diesem makaberen Spiel retten sollte, retten konnte.
Er war nicht besonders überrascht, als er auf seinem Schreibtisch eine weitere Nachricht fand. „Es war einmal die Schönste im ganzen Land, die wartete auf einen Prinzen, der ihr zu Hilfe kommen sollte. Spute dich, oder das Spiel ist vorbei.“ Drei getrocknete Apfelkerne fielen zu Boden, als er das Blatt Papier vorsichtig in die Hand nahm.
„Jakobs! Willems!“, rief er seinen Assistenten und die märchenbewanderte Sekretärin zu Hilfe. „Was fällt euch dazu ein?“
Ein kurzes Brainstorming ergab Schneewittchen – die Schönste, ein Apfel und das tote Mädchen, das doch nicht tot war, und vom Prinzen wieder zum Leben erweckt wurde.
„Und wo sollen wir sie finden?“ Grimm stöhnte verzweifelt und raufte sich die Haare. „Gibt es noch etwas Besonderes in diesem blöden Märchen?“
„Ich bin ja immer auf die Zwerge gestanden, die waren so cool“, meinte Gabriele Jakobs, „aber ich glaube, der Glassarg ist der heißeste Tipp hier.“
Grimm stimmte ihr zu, nachdem sie ihm von der Aufbahrung und Zurschaustellung der toten Schönheit erzählt hatte. „Pervers. Einfach pervers, diese Geschichten“, brummte er. „Aber wo steht so ein Glas...“
„Aber natürlich!“, unterbrach ihn Willems. Er schlug sich mit der flachen Hand an den Kopf. „Die Ägypten-Ausstellung. Die haben dort Mumien in Glaskästen.“
Grimm blickte skeptisch. Er hielt die Idee für sehr weit hergeholt. Da er aber keinen besseren Vorschlag machen konnte, saßen sie Minuten später im Auto, auf dem Weg zum Museum, das sich interessanterweise in der Siebenbergstraße befand, wie Willems mit leichter Genugtuung in der Stimme bemerkte.
Mit heulender Sirene und quietschenden Bremsen hielten sie vor dem Eingangsportal. Grimm schwenkte seinen Ausweis in der hoch erhobenen Hand und rief den Sicherheitsbeamten im Foyer nur zu: „Mumien. Wo?“ Die verblüfften Männer wiesen ihm die Richtung. Willems keuchte hinterher.
Im Mumiensaal schlug Grimm mit beiden Händen gegen den ersten Glaskasten. Die weiß bandagierte Gestalt darin bewegte sich keinen Millimeter. Auch bei den nächsten hatte er keinen Erfolg. Beim letzten holte ihn Willems ein. Gemeinsam klopften und riefen sie. Plötzlich bewegte sich das Bündel Stoff. Willems zückte seine Dienstwaffe und wollte das Schloss zerschießen. „Nein!“ Grimm stoppte ihn. „Damit könnten wir sie umbringen. Hol lieber Verstärkung. Den Bombendienst und jemanden mit gutem Werkzeug.“
Grimm drehte sich um und suchte weiter nach einer Möglichkeit, die Vitrine vielleicht doch zu öffnen.
Plötzlich spürte er kaltes Metall an seiner Schläfe.
„Sie hat noch für etwa zwei Minuten Sauerstoff“, flüsterte ihm Willems ins Ohr. „Und ich habe den Schlüssel. Na, Mister Superpolizist, was willst du jetzt tun?“
Grimm schloss seine Augen. Feine Schweißtropfen rannen ihm von der Stirn auf die Nase. „Auf diese Weise wirst du bestimmt nicht Kommissar“, sagte er ruhig zu seinem Assistenten.
„Aber natürlich. Wenn du aus dem Weg bist, müssen sie mich befördern.“ Willems’ Stimme kippte beim letzten Wort. „Und ich löse den Fall, und ich bin dann berühmt, und du bist niemand.“ Der Wahnsinn in seiner Stimme war nun unüberhörbar.
Grimm verlagerte vorsichtig sein Gewicht.
„Keine Tricks“, kreischte Willems. Grimm ließ sich zu Boden fallen und spürte, wie die Kugel seine Schulter streifte. Über ihm zersplitterte Glas. Willems schrie.
Stöhnend richtete sich Grimm auf. Willems lag inmitten einer großen Lache seines eigenen Blutes. Ein sternförmiges Stück Glas hatte sich tief in seinen Hals gebohrt.
Von der weiß bandagierten Frauengestalt in der nun offenen Vitrine ertönte ein leises Wimmern. Sie war von Splittern übersät, doch wie durch ein Wunder unversehrt geblieben. Die dicken Bandagen hatten ihr Leben gerettet. Grimm zerrte an den Bändern über ihrem Gesicht. Feine Glassplitter zerschnitten seine Finger. Er bemerkte es nicht. Seine Konzentration galt der Frau. Viel zu langsam entfernte er ein Band nach dem anderen und verfluchte seine ungeschickten Finger. Gerne hätte er wild daran gezerrt, sie einfach zerschnitten, doch er musste so behutsam vorgehen, um die Frau nicht noch jetzt zu verletzen. Eine Ewigkeit später konnte er sie schließlich befreien. Sie lächelte ihm entgegen, das schönste Lächeln, das er je gesehen hatte. „Mein Retter“, hauchte sie glücklich, bevor sie in Grimms Armen in Ohnmacht fiel.


Susanne Schubarsky, April 2004

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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