Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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April 2004
Der goldgelbe Stein
von Anna Jordan

Ein alter König, abgeschieden von allen Menschen, herrschte allein und mit harter Hand über sein Reich. Er traf nie jemanden und sprach nie mit jemandem. Nur der Teufel kam gelegentlich vorbei auf eine Partie Schach. Der König war griesgrämig und unfreundlich, außer dem Teufel duldete er niemanden längere Zeit in seiner Nähe und auch der Teufel durfte nur bleiben, weil der König es nach vielen Jahren endlich schaffen wollte ihn im Schach matt zu setzen. Aber der Teufel war schlau und der König verlor jedes Spiel, worüber sich der Teufel jedes Mal freute und sich hohnlachend zurückzog. Noch draußen vor dem Schloss hörte er den König fluchen und schimpfen und lachte darüber, dass der König ihm drohte. Wenn er ihn erst einmal im Schachspiel geschlagen haben würde, schrie der König, solle der Teufel schlimme Folterqualen erleiden. Dann sollten die Wachen des Königs ihn ergreifen und in das tiefste und dunkelste Verließ werfen, dass der König hatte.
Der alte König lebte einsam in seinem Schloss. Dort gab es goldene Möbel und prächtige Teppiche, Gemälde an den Wänden und in jedem Zimmer einen Vogelkäfig. Die Vögel in den Käfigen sangen die schönsten Melodien, indem sie einander riefen, sich aber nie gegenseitig sehen konnten. Nur in einigen wenigen Zimmern am Ende eines langen Flures waren keine Vögel. Dort standen leere Käfige.
Der griesgrämige König hatte keine Kinder. Er hasste alle anderen Könige, und deren Töchter konnte er noch weniger leiden als ihre verhassten Väter. Mit niemandem wollte er etwas zu tun haben. Keiner von ihnen durfte sein Reich betreten.
Eines Tages fragte der Teufel den König, als seine Dame durch Springer, Läufer und Turm bedroht war, was eigentlich werden solle, wenn der König plötzlich sterben und es keinen neuen Regenten geben würde. Mit dieser listigen Frage hatte er den König so in seinen Gedanken gestört, dass es ein leichtes für den Teufel war, die Schachpartie auch diesmal wieder zu gewinnen.
Der Teufel zog sich zurück, diesmal leise mit spöttischen Grinsen, dafür tobte der König um so lauter. Er rannte fluchend und spuckend durch seine prachtvollen Gemächer und überlegte tagelang, wie er zu einem Thronfolger kommen sollte. Er grübelte und wurde immer böser, weil ihm keine Lösung einfiel.
Dann, eines Tages stand der Teufel plötzlich wieder vor ihm und sie setzten sich nieder zu einer Partie Schach. Gleich nach der Eröffnung fragte der König den Teufel, ob er eine Lösung wisse für das Problem, dass es keinen Thronfolger gab. Oh ja, er wisse schon etwas, sagte der Teufel, tat aber sehr geheimnisvoll und rückte nicht mit der Sprache heraus. Der König spielte noch schlechter als sonst, und nachdem er verloren hatte, erzählte ihm der Teufel von der Hexe Mira. Das sei eine kluge Frau, sagte er und riet, der König solle ihr befehlen Kinder herbeizuschaffen. Am besten gleich eine ganze Handvoll, dann könne der König sich das beste aussuchen und die übrigen könne die Hexe gleich in Vögel verwandeln, denn hinten ganz am Ende der Ahnengalerie gebe es ja noch die leeren Käfige und kein Vogelzwitschern. Die Idee gefiel dem König. Er schickte sofort einen Boten los, um der Hexe zu befehlen Kinder ins Schloss zu schaffen. Die Hexe wohnte am Rand einer kleinen Stadt. Ihr Haus war schon etwas älter und hatte grüne Fensterläden. Im Garten stand ein Zauberbaum, der im Frühling voll weißer Blüten stand und im Sommer rote Früchte trug. Aus diesen Früchten bereitete die Hexe Saft, ließ ihn gären und tat ein paar Zauberkräuter hinzu, so dass der Wein, der köstlich schmeckte, jeden willenlos machte.
Mit einer Flasche dieses Weines machte sie sich auf den Weg. Sie ging in die Stadt zu den Spielplätzen, aber es ergab sich keine Gelegenheit. Die Eltern passten gut auf ihre Kinder auf und Mira konnte mit keinem Kind lange sprechen. Am nächsten Tag ging sie vor der Schule auf und ab, aber als die Kinder nach Hause gingen, hatten sie es alle eilig und keins blieb stehen, um mit ihr zu sprechen oder gar von dem Wein zu probieren. Am dritten Tag ging die Hexe in den stillgelegten Steinbruch vor der Stadt am Waldrand. Dort wurde schon lange nicht mehr gearbeitet und überall wucherte Gestrüpp. Hier spielten Kinder oft Räuber und Gendarm oder Cowboy und Indianer.
Mira hatte Glück. Fünf Kinder spielten zwischen den Felsbrocken und in den Büschen, als sie kam mit ihrem Rucksack, in dem Zauberwein, leckere Würste und Brötchen waren. Sie setzte sich neben einen tischgroßen Stein und breitete ein Tuch darüber aus. Darauf legte sie die Würste und Brötchen, stellte zwei Becher dazu und die Flasche mit dem Zauberwein. Es dauerte nicht lange, da setzte sich das erste Kind neben sie. Es war ein kleiner dicker Junge, der gierig auf die Würste starrte. Ein zierliches Mädchen rief ihn: „Max komm her. Du musst hier stehen bleiben. Du bist doch der Wächter.“ Aber Max blieb bei den Würsten sitzen. Dann setzten sich zwei Mädchen dazu, die völlig gleich aussahen. Sie hatten rote Haare, trugen schwarz-blau geringelte Pullis und Jeans. „Wie heißt ihr denn?“, fragte Mira. „Ich bin Rita“, sagte die eine, die anders als ihre Schwester einen schwarzen Gürtel trug. „Und ich bin Zita“, sagte die andere.
Das zierliche Mädchen spielte weiter zwischen den Steinen und rief nach Max, der der Wächter war, aber seinen Platz verlassen hatte. So konnte der Räuber das zierliche Mädchen leicht überfallen und wegschleppen. Der Räuber war Marwin, das größte und stärkste Kind von den Fünfen. Er trug Philomena fort in den Wald, doch sie schrie und zappelte nach Leibeskräften. Aber Marwin war stark und trug sie mühelos mit beiden Armen. Nach einem kurzen Stück mitten durch den Wald stießen sie auf den Hauptweg, der sich breit durch den Wald zog. Hier blieb Marwin stehen und setzte Philomena ab. Sie rannte ein Stück, aber Marwin holte sie sofort wieder ein. „Du entkommst mir nicht“, rief er mit wilder Räuberstimme. Philomena grinste ihn verschmitzt an und duckte sich. Als sie mit den Händen den Boden berührte, stießen ihre Finger an einen Stein. Es war ein besonders schöner Stein, glatt und von goldgelber Farbe. Sie nahm ihn in die Hand uns steckte ihn dann in die Tasche. „Ich will zurück zu den anderen,“ sagte sie und zu ihrer Überraschung war Marwin sofort einverstanden. Sie kamen zurück zu den drei Freunden, die immer noch mit der Hexe vor der Höhle saßen, Würste und Brötchen aßen, redeten und lachten. Sie freuten sich, dass Philomena und Marwin endlich kamen. Als sich die Beiden zu ihnen setzten, öffnete Mira die Flasche mit dem Wein und füllte die beiden Becher. Die Kinder reichten die Becher herum und tranken daraus. Der Wein war köstlich. Als alles verzehrt und der Wein ausgetrunken war, folgten sie der Hexe willig zu ihrem Haus mit Garten, als hätten sie vergessen, dass sie ganz woanders wohnten. Bevor die Wirkung des Zauberweins nachließ, holte ein Bote des Königs die Kinder und brachte sie ins Schloss. Die Hexe musste sie begleiten, denn sie sollte die vier Kinder, die der König verwarf, in Vögel verwandeln.
Der König musterte die Kinder. Die Zwillinge mit den roten Haaren gefielen ihm überhaupt nicht. Er schrie sie an, sie sollten sich in die Ecke stellen neben den leeren Vogelkäfig und keinen Mucks machen. Dann musterte er Max, befühlte seine dicken Hände, kniff ihn in die Wangen und schrie: „Weg mit dir, Fettkloß. Zu den Karotten.“ Max stellte sich zu Rita und Zita und alle drei verfolgten gebannt, was weiter geschah. Der König befahl einem Diener Marwin zu messen und zu wiegen. Der Diener maß Marwin von Kopf bis Fuß, wie lang seine Arme und Beine waren und wie dick, er ließ ihn Liegestütze machen und Kniebeugen, dann stellte er ihm Rechenaufgaben und fragte, wo der Guadalquivir ist und der Pidurutalagala. Der König war mit dem Ergebnis der Untersuchung zufrieden. Die Wirkung des Zauberweins ließ langsam nach und die drei Kinder in der Ecke wurden unruhig, so dass der König sie barsch anfuhr und sie vor Schreck erstarrten.
„Du bleibst hier,“ sagte der König zu Marwin. „Das da“, und er zeigte auf Philomena, die wie vergessen neben Marwin stand, „zu den andern.“ Er drehte sich zur Hexe um und befahl: „Mach sie jetzt zu Vögeln und verschwinde. Ich will dich nie wieder sehen.“
Die Kinder bebten vor Angst und drängten sich zusammen. Die Hexe begann mit beschwörender Stimme unverständliche Worte zu sagen, wobei sie die Hände in geheimnisvollen Kreisen und Bögen durch die Luft bewegte. Philomena fühlte den goldenen Stein in ihrer Tasche. Sie nahm ihn in die Hand und umschloss ihn fest mit den Fingern, so dass er ganz warm wurde. Dann schloss sie die Augen und wünschte ganz fest den einzigen Wunsch, den sie hatte. Sie wünschte, dass sie und ihre Freunde wieder zurück wären im Steinbruch, wo sie in der Sonne spielten bis sie abends nach Hause gingen.
Und so geschah es.
Die Kinder gingen nach Hause, der König verfluchte die Hexe und verlor seine Schachpartien gegen den Teufel bis an sein Lebensende. Ein Thronfolger wurde nie gefunden und das prächtige Schloss verfiel. Die Vögel wurden von einem untreuen Diener befreit und flogen in den Wald, wo sie Nester bauten.

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