Der Tod aus der Teekiste
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April 2004
Witta
von Eva Markert

Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die zu den oberen
Zehntausend gehörten und hohes Ansehen in der Gesellschaft genossen. Der Mann besaß eine gut gehende Firma, und seine Frau war eine bekannte Malerin. Gemeinsam lebten sie in einer wunderschönen Villa inmitten eines herrlichen Parks und hatten alles, was man mit Geld kaufen kann. Die Frau liebte ihren Mann von Herzen, und doch war sie nicht glücklich.
Es war ein heißer Sommertag, als sie wieder einmal an ihrem Lieblingsplatz am Teich saß und malte. Von ferne hörte sie ein leises, gleichmäßiges Brummen. Der Gärtner mähte gerade den Rasen und überall roch es warm und würzig nach sterbendem Gras. Die Haushälterin hatte ihr gerade ein kühles Erfrischungsgetränk gebracht. Während sie so dasaß, an ihrem Glas nippte und die weißen, roten und schwarzen Linien auf der Staffelei betrachtete, geriet sie ins Träumen.
„Ach, hätt’ ich ein Kind“, dachte sie, „ein liebes kleines Mädchen und hübsch anzuschauen. Dann wäre mein Glück vollkommen!“
Doch die Erfüllung dieses Wunsches war ihr bisher verwehrt geblieben. Eines Tages hörte sie von einem berühmten Magier, der viele Fruchtbarkeitsriten kannte und schon vielen Frauen geholfen hatte. Sie suchte ihn auf, und nachdem sie ihm viel Geld geboten hatte, war er bereit, auch ihr zu helfen.
Und das Wunder geschah. Übers Jahr brachte die Frau ein gesundes Mädchen zur Welt, und sie nannten das Kind Witta. Es war ein niedliches kleines Ding, zierlich und mit einer Haut so rein und weiß wie Milch. Die zarte Blässe des Gesichtchens wurde umrahmt von Locken so schwarz wie Ebenholz, aber auf den Wangen des Kindes lag immer der rosige Schimmer lachender Fröhlichkeit.
Der Vater hatte nur wenig Zeit für seine Tochter, aber die Mutter vergötterte Witta. Sie las ihr jeden Wunsch von den Augen ab und das Kind hing mit zärtlicher Liebe an ihr. Bei gutem Wetter spielten sie zusammen im Garten, und wenn es nass und kalt war, hielten sie sich in Wittas geräumigen Spielzimmer auf. So verbrachte das Mädchen glückliche Jahre in der Villa ihrer Eltern.
Als Witta sieben Jahre alt war, starb ihre Mutter. Das Kind war untröstlich. Der Vater aber brauchte eine Gattin, die ihm sein großes Haus führen konnte. Deshalb heiratete er schon bald eine schöne, aber stolze und kaltherzige Frau, die ihre Aufgaben als Hausherrin zu seiner vollsten Zufriedenheit erfüllte.
Witta war sehr unglücklich, denn sie trauerte noch immer um ihre Mutter. Obwohl es ihr streng verboten wurde, seufzte sie oft: „Ach, wäre meine richtige Mutter noch bei mir! Ach, wenn sie doch nicht gestorben wäre! Wie glücklich wollten Vater und ich dann sein!“
Die neue Frau wurde dann immer sehr böse und beklagte sich bei ihrem Gatten. Dabei nahm sie es aber mit der Wahrheit nicht genau und erzählte dem Vater auch viele Lügengeschichten. Obgleich Witta immer tat, was sie verlangte, behauptete sie, die Stieftochter verweigere ihr ständig den Gehorsam. Dies tat sie, weil sie von Eifersucht zerfressen war. Nur ihr eigenes Bild sollte sich in den Augen des Gemahls widerspiegeln. Ihr allein sollten seine Blicke gelten.
Der Vater aber wollte vor allem seine Ruhe haben und so störte ihn Wittas Anwesenheit von Tag zu Tag mehr. In das einst friedliche Haus inmitten des Parks waren Zank und Streit eingezogen. Eines schönen Tages hatte der Vater endgültig genug. Als Witta in die Schule kam, setzte er sie kurzerhand in eine Limousine und ließ sie von seinem Chauffeur in ein Eliteinternat bringen.
Witta fand sich im Dickicht dieser verwirrenden neuen Umgebung zunächst gar nicht zurecht, denn sie hatte noch nie unter so vielen Menschen gelebt. Und wer weiß, was aus ihr geworden wäre, hätten sich nicht sieben kleine Mädchen ihrer angenommen. Witta aß und trank mit ihnen an einem Tisch und ihr Bettchen stand neben den Bettchen ihrer sieben Freundinnen. Obwohl sie nun sehr viel lernen musste, lebte sie sich bald im Internat ein. So manches Mal weinte sie zwar noch um ihre Mutter, doch den Vater vermisste sie kaum. Von Zeit zu Zeit erhielt sie einen kurzen Gruß von ihm in einem Päckchen mit Süßigkeiten, das die Stiefmutter gepackt hatte.
So vergingen die Jahre. Die neue Frau war endlich zufrieden, denn ihr Gatte dachte kaum noch an seine Tochter und hatte nur Augen für sie.
Allerdings quälte den Vater ab und zu doch sein schlechtes Gewissen. Und so bat er einmal seine Gemahlin, auf der Durchreise zu einer Schönheitsfarm im Internat vorbeizuschauen, um Witta Grüße von ihm auszurichten.
Fast hätte die Frau ihre Stieftochter nicht wieder erkannt. Wittas seidige lange Locken waren streichholzkurz geschnitten. Ihr Haar triefte nur so von Fett und roch ranzig. Dicke Eiterpusteln verunstalteten das ehemals zarte Gesicht. Aus dem zierlichen Kind war ein stämmiges Mädchen mit einem unförmigen Körper geworden.
Die Stiefmutter sagte ihrem Gatten nichts davon, denn sie verfolgte einen üblen Plan. Ahnungslos sollte er sein, damit sein Entsetzen umso größer wäre. So tiefe Abscheu sollte er empfinden, dass er ein für allemal den Blick von seiner unansehnlichen Tochter abwenden würde. Erst dann könnte sie wirklich Frieden finden und ganz sicher sein, dass sich in seinen Augen nie wieder etwas anderes spiegeln würde als nur ihre eigene Schönheit.
Bald darauf wurde Witta dreizehn. Der Vater und die Stiefmutter machten sich auf, um das Mädchen zu besuchen. Ein kleines Lächeln umspielte die schmalen, grellrot geschminkten Lippen der zweiten Frau, als sie an den Ekel dachte, der ihren Gatten bei Wittas Anblick überkommen musste – ihn, den Ästheten, dem Schönheit über alles ging.
Wittas Geburtstagsgeschenke hatte sie mit Bedacht gewählt. Das wertvolle Kamm- und Bürstenset waren nun überflüssig. Und die vielen hübschen Kleider und Gürtel, die sie für ihre Stieftochter ausgesucht hatte, würden ihr viel zu eng sein.
Und es kam sogar noch besser, als sie gehofft hatte. Der Vater schloss angewidert die Augen, als er seiner Tochter ansichtig wurde. Während des ganzen Besuchs sprach er von nichts anderem als von ihrer Hässlichkeit. Er warf ihr vor, sie hätte sich gehen lassen, und trieb ihr die Tränen in die Augen, indem er sie beschimpfte und verspottete. In seinem Blick spiegelte sich deutlich, wie abstoßend er seine Tochter fand. „Deine Mutter würde sich für dich schämen!“, war das Letzte, was er zu ihr sagte, bevor er sie verließ. Die Stiefmutter aber wandte sich ab, verzog heimlich den Mund und lachte in sich hinein.
Danach verfiel Witta in abgrundtiefe Verzweiflung. Bisher hatte sie deutlich gefühlt, dass die Mutter noch bei ihr war und über sie wachte, doch nun schien es ihr, als hätte sie auch deren Liebe verloren. Sie war hässlich und verdiente keine Zuneigung mehr.
Jede Nacht saß sie auf dem Bett und weinte leise. Dabei umklammerte sie das Kopfkissen und presste ihr Gesicht hinein, damit niemand sie hören konnte. Oft spielte sie auch mit ihrem neuen Stielkamm, stach sich die Innenseite der Handgelenke wund, ritzte die Haut an und überzog ihre Arme und Beine mit blutigen Striemen. Am Tag versteckte sie die Wunden unter langen Ärmeln und Hosenbeinen. Niemand bemerkte etwas, noch nicht einmal ihre sieben Freundinnen.
Manchmal fühlte sie sich ein wenig besser, wenn die Wunden bluteten und schmerzten. Wenn sich diese Erleichterung jedoch nicht einstellte, holte sie einen der neuen Gürtel, legte ihn sich um den Hals und zog zu, immer fester, bis sie beinahe das Bewusstsein verlor.
Seit dem letzten Besuch des Vaters und seiner Gattin erhielt Witta keine Päckchen mit Süßigkeiten mehr. Stattdessen wurde eine große Kiste für sie abgegeben. Sie enthielt nichts weiter als Äpfel. Diesmal hatte der Vater seinem Gruß eine kurze Aufforderung hinzugefügt: „Nimm sofort ab!“
Witta griff nach einem der Äpfel und biss hinein. Er war sehr schön anzuschauen, rotwangig und saftig, doch das Fruchtfleisch schmeckte sauer. Dennoch aß Witta tagelang nichts anderes als diese Äpfel. Sie musste unbedingt schlank werden, um die Liebe ihrer Mutter zurückzugewinnen. Auch sollte der Vater nicht allzu schlecht über sie denken. Nach jeder Mahlzeit, die sie gemeinsam mit ihren sieben Freundinnen einnahm, suchte sie heimlich die Toilette auf. Schon bald zeigten sich erste Erfolge, und es dauerte nicht lange, bis die hübschen Kleider und Gürtel passten, die ihr die Stiefmutter gekauft hatte.
Dann kam die Zeit, als ihr diese Kleider viel zu weit geworden waren und sie nicht einmal mehr Äpfel essen konnte. Jeder Bissen blieb ihr im Halse stecken. Schließlich war sie so schwach, dass sie in ein Krankenhaus eingeliefert werden musste und erst im allerletzten Augenblick gerettet werden konnte.
Danach wurde Witta in einer anderen Klinik untergebracht. Oft stand sie in ihrem Zimmer an einem der großen Fenster und sah durch das vergitterte Glas auf den Park hinunter. Dabei dachte sie wehmütig an den sonnigen Garten ihrer Kindheit. Oft beobachtete sie auch einen schönen junger Mann, der unter ihrem Fenster vorbeiging und immer nach oben schaute und ihr fröhlich zuwinkte. Er fand sie wohl nicht hässlich. Deshalb winkte sie nach einiger Zeit zurück.
Wieder ging einige Zeit ins Land. Die jugendliche Schönheit der bösen Stiefmutter wich nach und nach der Hässlichkeit des Alters, und als sie sich eines Morgens wieder in den Augen ihres Gatten spiegeln wollte, erkannte sie, dass sie ihn verloren hatte. Er ging fort von ihr, ließ seine Blicke schweifen und heiratete eine blutjunge Frau, die ihn schon bald schamlos betrog und ihn sehr unglücklich machte.
Witta aber fand Hilfe bei einem Magier, der viel von den Seelen der Menschen verstand. Er erklärte ihr, dass Kaltherzigkeit niemals schön sein kann, weil wahre Schönheit nur dort zu finden ist, wo die Augen Spiegel einer schönen Seele sind.
Es dauerte eine Weile, bis Witta ihm glaubte. Aber als es so weit war, konnte sie ihr gläsernes Gefängnis verlassen und zu dem schönen jungen Mann gehen, den sie so oft von ihrem Fenster aus gesehen hatte. Sie war liebreizender als je zuvor und schon bald hielt der junge Mann um ihre Hand an.
Sie heirateten und bekamen viele fröhliche Kinder. Wittas Märchenprinz aber hatte ein wahrhaft gutes Herz und sie lebte glücklich mit ihm bis ans Ende ihrer Tage.

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