Ganz schön bissig ...
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April 2004
Der wunde Punkt des Koschtschej
von Jan Müller

Unter dicken weißen Pelzmützen streuten die Straßenlaternen ihr gelbes Licht in die Winternacht. “Wenn du das Reich erbst”, sprach der Zar zu Iwan Swetowitsch, “lass stets die Lichter leuchten. Und solltest du jemals im Wald auf einen Ort stoßen, wo grüner Rauch aufsteigt, kehr auf dem Absatz um und meide den Fleck wie die Pest!” “Warum?” wollte Iwan wissen, doch bevor der Zar antworten konnte, verstummte er für immer, und Iwan erbte das Reich.
Eines Tages, als Iwan Schneehasen jagte, lief ein Hase ins Unterholz, tiefer und tiefer hinein, Iwan folgte ihm, da scheute sein Schimmel und blähte die Nüstern. Hinterm Gestrüpp sah Iwan dünnen, grünlichen Rauch zum Himmel steigen. Neugierig lenkte er sein Pferd ins Gebüsch und fand einen halb verfallenen Schuppen aus morschen Stämmen, bedeckt mit Moder und Eis. Zwölf Fuß vor dem Schuppen schnaubte sein Pferd und blieb wie versteinert stehen. Iwan stieg ab, band den Schimmel an einen Baum und trat in die Hütte.
Beißender Rauch schlug ihm entgegen und versperrte die Sicht. Als sich sein Auge ans Dunkel gewöhnt hatte, sah er nichts als graue Lumpen in der Ecke liegen. Er wollte gerade die Hütte verlassen, da hörte er aus der Lumpenecke leises Ächzen. Mit einem Ast schob er die Lumpen beiseite. Süßlicher Todesgeruch stieg ihm entgegen, und ein graugrünes, ausgemergeltes Greisengesicht kam zum Vorschein, aus dem zwei trostlose Augen blitzten.
“Was tust du hier?” fragte Iwan.
“Ich harre des Todes.”
“Des Todes? Warum?”
“Weil ich das Leben hasse wie die Pest.”
“Oho! Dann bist du in meinem Reiche verkehrt. Recht hast du, wenn du sterben willst.”
“Aber ich kann nicht.”
“Warum nicht?”
“Elenderweise bin ich unsterblich und nur in einem einzigen Punkt verwundbar. Nur das Schwert eines Gerechten kann mich von diesem Übel erlösen.”
“Wenn’s weiter nichts ist”, sprach Iwan. “Hier ist mein Schwert, und ich bin der Gerechte.”
“Wäre es nur so einfach!” wimmerte das Männchen. “Die Hütte ist grau, die Lumpen sind grau, dein Auge ist das Dunkel nicht gewohnt. Wie willst du genau in meinen wunden Punkt stechen? Stichst du aber daneben, lässt sich dein Schwert nicht mehr lösen, weder von dir noch von mir, wir sind für ewig verkettet und können nicht leben, nicht sterben. Sei nicht leichtsinnig mit deinem Schwert. Stoße erst zu, wenn du den wunden Punkt genau erkennen kannst.”
“Wo ist er?”
“Hier! Genau in diese Stelle musst du stechen.”
Iwan zückte sein Schwert und beugte sich tiefer, aber er sah außer Lumpen nichts als die blitzenden Augen. “Warte, ich mache Licht.” Er sah sich nach Feuerholz um.
“Um Himmels Willen! Bloß nicht! Siehst du den grünen Rauch? Eine Stichflamme würde uns beide zu Asche versengen.”
“Verzwickt.” Iwan kratzte sich am Kopf. “Wärst du bloß nicht in meinem Reich. Als Zar bin ich verantwortlich für das Wohl meiner Untertanen. Wie kann ich dir helfen?”
“Gewöhne dein Auge ans Dunkel, bis du mich klar erkennen und töten kannst.”
“Also gut. Ich warte, bis ich dich deutlicher sehe, dann erlöse und töte ich dich.”
“Ach”, jammerte das Männchen. “Solange hältst du nicht durch. Drei Tage und Nächte dürfte dein Auge kein Licht, keine Sonne sehen, dann erst könntest du mich klar erkennen. Aber das geht ja leider nicht in deinem Reich.”
“Warum nicht?”
“Weil tags die Sonne scheint und nachts die Lampen brennen. Du wirst die ganze Zeit vom Licht geblendet.”
“Ich könnte mir drei Tage die Augen verbinden und mich dann wieder herbringen lassen.”
“Wer soll die Moderhütte finden außer dir? Nur dein scharfes Zarenauge konnte sie erblicken. Andere sehen sie erst, wenn sie sieben Tage keine Sonne sehen.”
“Es wird immer verzwackter. Was schlägst du vor?”
“Kehre in deinen Palast zurück, lass die Lichter die Nacht über brennen und vergiss den armen, alten Koschtschej! Mir ist in meinem Elend nicht zu helfen.”
Das war eine Antwort! Iwan verließ die Hütte, band seinen Schimmel los und ritt ins Schloss, aus dessen Fenstern hell die Lichter strahlten. Bei Kerzen und Kuchen feierte er mit seinem Volk, lachte und trank, lauschte dem abendlichen Märchen, das Wassilissa, seine wunderschöne Zarin, erzählte, aber sein Geiste schweifte zur Moderhütte, in der auf nasskaltem Lehm einer lag, dem fröstelte, weil er Licht und Leben hasste wie die Pest.
“Iwanuschka, mein Täuberich, was bereitet dir Kummer?”, fragte Wassilissa vor dem Schlafengehen. “Eine Wolke verdüstert deine Stirn.” Iwan schilderte den grünen Rauch, die Hütte, die Lumpen und den graugrünen Greis, der im Dunkeln des Todes harrte.
“Der unsterbliche Koschtschej! Er lebt in unserem Reich! Was machen wir bloß?”
Am Hofe gab es einen Minister, der schon den alten Zaren gut beraten hatte, diesen suchte sie auf und fragte um Rat. “Vergesst ihn”, riet er. “Den unsterblichen Koschtschej schafft ihr nicht aus der Welt. Je mehr ihr euch um ihn kümmert, desto schlimmer werden die Zeiten.”
Wassilissa kehrte in ihre Gemächer zurück und vertrieb den Koschtschej aus ihrem Geist. Aber je mehr sie ihn zu vergessen suchte, desto lebendiger stand er ihr vor Augen. In ihren Träumen erhob er sich aus den Lumpen, brandschatzte Häuser, rodete Wälder, verwüstete das ganze Reich. Nein! Solange der Koschtschej lebte, schwebte das Reich in Gefahr!
Nach drei Tagen sprach sie zum Zaren: “Iwanuschka, mein Täuberich, selbst wenn der Koschtschej nur im Schuppen unter Lumpen darbt, solange er lebt, finde ich keine Ruhe.”
Iwan Swetowitsch nickte. “Mir geht es genau so.” Er ließ sich die Augen verbinden und nach drei Tagen zum Waldrand führen. Dort nahm er die Binde ab, ging zur Hütte mit dem grünen Rauch und schob das Lumpenbündel mit dem Schwert beiseite. “Koschtschej, hier bin ich. Wohin mit dem Schwert?”
Iwan sah den Koschtschej schon viel deutlicher. Sein Gesicht war fester geworden, seine Stimme kräftiger, seine Augen glühten wie brennende Kohlen. “Danke, Iwan, dass du mich töten willst. Aber sei vorsichtig! Stoße erst zu, wenn du todsicher bist, meinen wunden Punkt nicht zu verfehlen. Berührt mich dein Schwert an einer anderen Stelle, sind wir für ewig verkettet und können nicht leben, nicht sterben.”
“Schon gut. Wohin mit dem Schwert?”
“Hier”, sagte der Koschtschej. “Genau durch diese Stelle musst du stechen.”
Iwan blinzelte, aber er sah keine Hand. “Zeig mir die Stelle genau, dann bist du erlöst.”
“Kannst du etwa meine Hand nicht sehen?” Der Koschtschej erschauerte, seine Augen glühten weiß. “Dann verzichte auf den Todesstoß. Lass mich liegen, kehre in deinen Palast zurück, trink und lache mit deinem Volk und vergiss meinen Jammer ... Ich wüsste zwar eine Lösung, doch sie überstiege deine Macht.”
“Ich bin der Zar.” Iwan hob Kopf und Schwert. “Was überstiege meine Macht?”
“Dein Auge wäre scharf genug, meine Hand zu sehen, blieben nur drei Nächte lang im ganzen Zarenreich die Lichter aus.”
“Kein Licht bei Nacht? Das wäre gegen das Gesetz.”
“Das sag ich doch: es überstiege deine Macht.”
Iwan sah den Koschtschej mürrisch an. Eine Weile stand er reglos da, dann verließ er die Hütte, zog sich ins Schloss zurück und schlich wortlos ins Schlafgemach. Abends fragte Wassilissa: “Iwanuschka, mein Täuberich. Die Wolke um deine Stirn ist dunkler geworden. Konntest du den Koschtschej nicht erlösen?”
“Ich sah die Hand nicht, die mir zeigte, wo sein wunder Punkt ist. Was er mir riet, ist gegen das Gesetz.”
“Was riet er denn?”
“Drei Nächte lang im Reich kein Licht zu zünden, bis ich seine Hand erkennen kann.”
Wassilissa hielt den Atem an. Es galt als Zeichen für den Anbruch einer dunklen Zeit, wenn die Lichter auch nur eine Nacht erloschen. Aber was half es? Nach einer Woche schlafloser Nächte ordnete Iwan an, ihm für weitere drei Tage die Augen zu verbinden und in dieser Zeit im ganzen Reich kein Licht zu zünden. Dann ließ er sich zum Waldrand führen und schlich zur Hütte mit dem grünen Rauch, der jetzt kräftig aus der Hütte quoll. Drinnen brannte ein Feuer, an dem der Koschtschej saß und gelbe Scheite nachlegte.
“Willkommen!” rief er freudig, als Iwan die Hütte betrat, und seine Augen sprühten rote Funken. “Wie ich sehe, hat die Dunkelheit dir gut getan. Heute gibst du mir den Todesstoß.”
“Wo soll ich dich erstechen?”
“Hier!”
Iwan trat so nahe an den Koschtschej, dass ihm vom Gestank der Fäulnis übel wurde, aber der Rauch war so beißend und dicht, dass er außer den funkelnden Augen nichts erkennen konnte. “Ich sehe nichts. Nimm die Schwertspitze in die Hand und halte sie auf den Punkt. Dann stoße ich zu.”
“Um Himmels willen! Nur an meinem wunden Punkt darf mich dein Schwert berühren. Kommt das Zarenschwert in meine Hand, sind wir für ewig verkettet und können nicht leben, nicht sterben. Deswegen schlage ich vor ...”
Jeder, der mir aufmerksam gelauscht hat, kann sich denken, was der Koschtschej vorschlug: Aus drei Tagen Dunkelheit wurde eine Woche, aus einer Woche ein Monat. Immer neue Gründe gab es, den Todesstoß zu verzögern. Immer dunkler wurde es im Zarenreich. Der beißende Rauch schwelte zum Waldesrand, Iwan fand kaum noch die Hütte. Bald zogen Banden nachts durch die Gassen, kein ehrbarer Bürger wagte sich mehr auf die Straße. Lichtscheues Gesindel belagerte Straßen und Wege, drang in den Zarenpalast, unterwanderte die Minister. Schon legte sich grüner Rauch auf den Samtvorhang im Schlafgemach des Zaren.
“Iwanuschka, mein Täuberich”, fragte Wassilissa. “Woher kommt nur dieser grüne Rauch, der täglich stärker in den Augen brennt?”
“Aus der Hütte des Koschtschej.”
“Aus einer einzigen Hütte? Er zieht schon durchs ganze Reich.”
“Seit der Koschtschej die Festungen und Wachtürme besetzt und uns eingekesselt hat, lässt er überall die gelben Scheite brennen, die den beißend grünen Rauch verbreiten.”
“Der Rauch vergällt mir das Leben. Was können wir dagegen tun?”
“Das weiß nur der alte Minister. Ich traue mich gar nicht mehr unter seine Augen.”
“Ich gehe ihn fragen.”
“Kümmert euch nicht um den Herrscher der Dunkelheit”, riet der Minister, “zündet das Licht. Nur im Dunkeln hat der Koschtschej Macht..”
“Aber solange er lebt, bedroht er den Frieden im Land!”
Der Minister schüttelte den Kopf. “Habt ihr euch beim alten Zar nicht wohl gefühlt? Wusstet ihr überhaupt, dass der Koschtschej noch lebt? Väterchen Zar ließ die Lichter brennen, und das Volk war glücklich und zufrieden. Aber es musste wohl kommen. Alles hat seine Zeit, der Zar, der Koschtschej. Längst sieht jeder deutlich seine Hand. Höchste Zeit, den wunden Punkt zu treffen: zündet das Licht an.”
Wassilissa ging zu Iwan Swetowitsch, und Iwan ordnete an, die Laternen wieder zu zünden. Aber es war zu spät. Die Schergen des Koschtschej hatten soeben den Palast gestürmt, die Macht ergriffen und bei Todesstrafe verboten, im Reiche Laternen zu zünden. Als der Zar seine Anordnung gab, ergriffen ihn Wachen und schleppten ihn ins Gefängnis.
Wassilissa war außer sich und lief zum alten Minister. Der schüttelte traurig den Kopf. “Der Koschtschej hat sein Ziel erreicht. Er hat das Schwert des Zaren in der Hand. Jetzt ist das ganze Reich mit ihm verkettet und kann weder leben noch sterben. Sein einzig wunder Punkt war die Missachtung. Es gibt nur eine Rettung: Wenn draußen kein Licht mehr brennen darf, zünde das Licht im Herzen wieder an. Lade die Schergen des Koschtschej zu deiner abendlichen Märchenstunde ein. Als Märchen getarnt verbreitest du das Licht.”
So kommt es, dass die alten Märchen aus dem Zarenreich bis in unsre Zeit erhalten blieben. Ob das Lied der Nachtigall die Wand der Finsternis durchbrechen kann? Wie das Zarenreich zu Grunde ging, ist ja bekannt. Der Zar wurde meuchlings ermordet, zerstückelt, verscharrt. Aber ich bange und bete täglich, Wassilissa möge noch leben, um den Koschtschej wieder in seine Schranken zu weisen.

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