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Juni 2004
Schau nach vorn und nicht zurück
von Monique Lhoir

Bei Danzig im Mai 1920

“Clara, du lenkst den hinteren Karren. Und bleib immer dicht bei meinem Wagen, damit wir uns nicht verlieren! Ich fahre vor.”
“Wohin fahren wir denn?” Der fünfjährige Josef lutschte an seinem Daumen. Er saß auf der Ladefläche des ersten Fuhrwerks zwischen Stühlen, einem alten Holztisch, Körben mit Geschirr und Bettwäsche. Einen ausgefransten Strohbären presste er fest an sich.
“Wir fahren dahin, wo es uns besser geht.” Maria warf einen Beutel mit Lebensmitteln, den ihr der bärtige Borek überreichte, auf die Ladefläche. Dann nahm sie dem Dorfältesten das Baby ab, das er unbeholfen im Arm hielt.
“Dank dir, Borek. Für alles.”
Verstohlen wischte sich der Greis mit dem Ärmel über die runzeligen Wangen. “Maria, wirst du den weiten Weg allein schaffen? Mit all den Kindern?”
“Ja, gerade wegen der Kinder.” Energisch drückte sie einer etwa Zehnjährigen das Baby in den Arm. “Martha, du passt auf Bernhardt auf. Du bist jetzt ein großes Mädchen.”
“Ich will aber kein großes Mädchen sein, er schreit immer.” Martha rutschte tiefer in die Ecke des Wagens, lehnte sich an einen Kartoffelsack und betrachtete missmutig den Knaben auf ihrem Schoß.
“Dann beruhige ihn. Ich kann nicht gleichzeitig kutschieren und das Baby festhalten.” Maria ging um die beiden Wagen herum und prüfte, ob die in Eile aufgeladenen Habseligkeiten ausreichend befestigt waren. Ihre viel zu großen Gummistiefel gaben bei jedem Schritt ein quatschendes Geräusch ab. Es hatte seit Tagen geregnet und der Boden war aufgeweicht.
“Hoffentlich kommt ihr mit euren Karren durch.” Borek schaute zum Himmel, der immer noch mit dunklen Wolken verhangen war.
“Es kann ja nicht ewig regnen. Irgendwann kommt auch der Sommer.” Maria grinste und stieg auf den Kutschbock. “Nun noch einmal durchzählen. Sitzt ihr alle richtig?” Sie blickte über die zwei Wagen hinweg. “Clara, Mia, Martha, Kathi, Sofie, Anna, Ernst, Albert, Franz, Otto, Josef, Karl und Klein-Bernhardt. Also - alle dreizehn da. Dann kann es ja losgehen.”
Maria nahm die Zügel und schnalzte mit der Zunge. “Hü, Lotte.” Langsam setzten sich die beiden Fuhrwerke in Bewegung. Das Kochgeschirr, das Maria an den Seiten der Karren befestigt hatte, begann zu klappern.
Borek lief ein Stück neben ihr her. “Und schick uns sofort eine Postkarte, wenn ihr angekommen seid!”
“Ja!” Maria lachte. “Und ich werde dir bestimmt etwas über unser zukünftiges glückliches Leben berichten, da kannst du gewiss sein.”
Maria winkte und fuhr vom Hof. Borek blieb mit starr erhobener Hand in der Einfahrt stehen. Die Kinder schauten zurück und Joseph begann zu weinen.
“Nicht nach hinten schauen, Kinder!”, rief Maria munter. “Immer nur nach vorne. Dort liegt unsere Zukunft. Und es wird ein schönes Leben, besser als wir es hier je hatten. Das verspreche ich euch.”
“Und was ist mit Vater?” Martha wiegte Bernhardt, der von alldem nichts mitbekommen hatte und in ihren Armen schlief.
“Vater hat eine Wohnung für uns alle gefunden. Eine riesengroße Wohnung. Und er hat Arbeit. Eine Arbeit, die uns alle ernähren wird. Wir werden uns neue Tiere kaufen, wunderschöne Kleider und das köstlichste Essen, das ihr euch nur vorstellen könnt.” Maria warf heimlich einen Blick nach hinten und konnte aus den Augenwinkeln noch den alten Hof erkennen, auf dem sie aufgewachsen war. Sie unterdrückte ein Seufzen. Sie musste jetzt stark sein, der Kinder zuliebe. Nur die waren wichtig. Nicht sie. Sie hatte mit fünfunddreißig ihr Leben schon fast hinter sich.

Die Wagen entfernten sich immer mehr von Marias Heimatdorf Klucken. Die alte Lotte zog den Karren über den Waldweg nach Giesebitz, den Maria oft mit der leichten Kutsche gefahren war, wenn sie ihren Großvater besucht hatte. Nun wurden die großen Räder der Wagen durch den aufgeweichten Sandboden gebremst. Sie schaute sich um.
“Clara, wirst du mit allem fertig?”
“Alles in Ordnung, Mutter.”
Clara war Marias älteste Tochter. Mit fünfzehn war sie schon fast im heiratsfähigen Alter. Aber Clara würde nicht hier heiraten, im Kaschubenland, sondern in Westdeutschland, im Ruhrgebiet, ihrer neuen Heimat. Sie betrachtete das Mädchen, das ihr so ähnlich sah, mit einem liebenvollen Blick und begann von ihrer Jugend zu träumen, von ihrem ersten Verliebtsein mit Friedrich, ihrem jetzigen Mann. Maria war auch fünfzehn gewesen, als sie ihn kennen gelernt hatte. Bereits mit siebzehn wurde sie verheiratet und als sie gerade achtzehn war, kam Clara auf die Welt.
Maria schüttelte ihre Gedanken ab. “Nur nicht zurückdenken”, sagte sie laut. “Immer nach vorne schauen. Vor uns liegt die Zukunft.” Das hatte Friedrich vor einer Woche auf der Postkarte an sie geschrieben und die Adresse der neuen Wohnung mitgeteilt. Seine Worte klangen glücklich und voller Hoffnung. Maria verkaufte in Windeseile alles, was sie nicht mitnehmen konnten, die Kühe, die Hühner und ihre wuchtigen Schränke. Der Hof gehörte ihnen nach dem ersten Weltkrieg schon längst nicht mehr. Sie hatten dort nur noch Wohnrecht.
Friedrich war kurz vor der Geburt Bernhardts in den Westen gegangen. Hatte Maria hochschwanger auf dem Hof zurückgelassen. “Ich muss Arbeit suchen”, hatte er gesagt. “Das Land wirft nichts ab. Es ist karg und trocken. Es gibt keine Industrie hier, keine Arbeit, nichts. Unser Haus ist alt, das Dach kaputt und die neuen Besitzer lassen es nicht reparieren. Die Winter sind hart und kalt. Wovon sollen wir die Kinder ernähren und wie die Steuer zahlen? Meine Kinder sollen es einmal besser haben als wir. Eine gute Schule besuchen, eine Ausbildung erhalten und vor allem Arbeit finden. In diesem Land haben sie keine Chance mehr.” Maria war voller Angst. Sie wollte ihre Heimat nicht verlassen. Aber sie wusste in ihrem Innern, dass Friedrich Recht hatte. Und so blieb sie mit den Kindern allein und wartete täglich auf eine Nachricht von ihm.

“Ich habe Hunger.” Josef maulte und lutschte nervös an seinem Daumen.
“Ich auch”, meldete sich die sechsjährige Mia.
“Wir werden erst am Abend halten und essen. Sonst kommen wir nicht vorwärts.” Maria wandte sich um und blickte die beiden Nörgler strafend an. “Wir haben das vorher so ausgemacht. Nehmt euch einen Apfel aus dem Sack dort hinten, das beruhigt den Magen.”
Maria zog ihr Kopftuch zurück, das ihr in die Stirn gerutscht war. Trotz ihrer jungen Jahre war ihre Haut faltig und von Wind und Sonne gegerbt. Die Geburt der vielen Kinder war nicht spurlos an ihr vorübergegangen und auch die harte Feldarbeit hatte ihr übriges getan.
Langsam versank die Sonne im Westen und die Regenwolken wurden dunkler.
“Halt! Halt!”, rief Clara von hinten.
Maria schaute sich um. “Was ist?”
“Ich stecke fest.” Ein Rad des Karrens hatte sich tief in den sandigen Boden eingegraben.
“Gut, wir machen hier Rast.” Maria sprang vom Kutschbock und führte Lotte an Claras Wagen heran. “Spann die alte Lena aus, sie ist schweißnass, binde sie an einen Baum und gib ihr Hafer.” Maria tat dasselbe mit der alten Lotte.
“Kinder, holt die Plane und legt sie über die beiden Karren, so, wie ich es euch zu Hause gezeigt habe. Dann haben wir ein Zelt. Wir können hier übernachten. Ich mache derweil ein Feuer und dann schauen wir nach, was uns der liebe, alte Borek Leckeres eingepackt hat.” Maria versuchte munter zu reden, doch die Falten auf ihrer Stirn zeugten vom Gegenteil.

Am Abend saß Maria in der Mitte ihrer Kinderschar, hatte die Bluse aufgeknöpft und stillte Bernhardt. Die Kleinen waren in ihren Decken eingeschlafen, nur noch Clara, Martha, Franz und Anna waren wach.
“Mutter, warum müssen wir fort?”, fragte Martha und nahm die Enden ihrer geflochtenen Zöpfe in den Mund.
“Weil wir jetzt Reichsdeutsche sind”, erwiderte Maria ruhig und blickte sie liebevoll an.
“Was sind Reichsdeutsche?” Anna knabberte noch an den Resten des Brotkantens.
“Tja, nachdem der Krieg zu Ende war, haben sie beschlossen, dass unser Kaschubenland nun polnisches Gebiet ist. Da euer Vater sich nun für Deutschland entschieden hat, müssen wir jetzt auswandern, denn die Sondersteuer, die die Polen für Reichsdeutsche eingeführt haben, können wir nicht zahlen. Versteht ihr das?”
“Wer sind SIE?”, fragte Clara.
“Die neue Regierung.”
“Aber was wissen die denn schon? Haben sie je in unserem Land gelebt? Mit uns gelebt? Wie können die so etwas beschließen? Müssen die denn auch alles zurücklassen? Ihr Haus, ihr Land, ihre Tiere und Freunde?” Clara warf ihrer Mutter einen trotzigen Blick zu.
“Und mein Kaninchen.” Martha begann zu weinen. “Was wird nun aus Max, wenn ich nicht mehr da bin? Wer wird ihn füttern und streicheln.”
Maria stand schnell auf, drückte Martha Klein-Bernhardt in den Arm und streichelte ihr über den Kopf.
“Nein, das müssen die wohl nicht. Aber wir können nichts daran ändern. Aber für Max wird Borek sorgen und ihn bestimmt streicheln. Und nun legt euch hin und schlaft.” Maria hockte sich zu Martha und Bernhardt und begann zu singen: “Wärst in Kaschubien du geboren, brauchtest keine Not zu leiden...”

- - -

Bei Dortmund im Mai 2004

Die fast fünfundneunzigjährige Martha schloss das Fotoalbum und überreichte es ihrer Urenkelin. “Ja, mein liebes Kind”, sagte sie und lächelte. “Das war unsere große, große Familie. Nun wirst du auch bald Mutter und ich möchte, dass du diese Geschichte an deine Kinder weitergibst.”
Nachdenklich nahm Anna-Maria das Buch entgegen. “Ich frage mich”, sagte sie leise, “wie deine Mutter das alles hat aushalten können. Tagelang fährt sie allein mit ihren vielen Kindern nach Deutschland, um dann für ein fremdes Land alle Jungen zu verlieren?”
“Ja, Mutter hat viel durchmachen müssen. Vater arbeitete hart in einer Zeche. Wir alle, bis auf Mia, wuchsen heran. Als wir im Ruhrgebiet ankamen, wurde Mia krank. Sie war schon immer etwas schwächlich und auf der Fahrt hatte es stark geregnet und gewittert. Sie starb an einer Lungenentzündung. Mia war das erste Kind, das Mutter in der neuen Heimat begraben musste. Als der zweite Weltkrieg ausbrach, wurden meine Brüder eingezogen, für die Verteidigung eines Landes, das nicht das unsrige war. Einer nach dem anderen fiel. Und ganz zum Schluss, als der Krieg schon längst verloren war, ließ der kleine Bernhardt sein Leben in Frankreich. Er war doch fast noch ein Kind.” Martha blinzelte, weil ihre Augen feucht wurden. - “Mutter war eine starke Frau und hat nie verzagt. Viel zu früh starben Anna und Sofie. Und dann auch noch Clara. Ich war zum Schluss die einzige, die übrig blieb - und ich trug meine Mutter zu Grabe. Sie wurde einhundertdrei Jahre alt.”
“Ich kann mich noch an sie erinnern. Und an Tante Clara auch.” Anna-Maria schlug das Album wieder auf und blätterte darin.
“Nun, die hat es gleich richtig gemacht. Sie war die Schönste von uns allen und hat sich den Edwin und seinen Friseurladen geschnappt. Sie war immer fein frisiert, wurde eine richtige Dame und führte ein großes Haus. Leider bekam sie keine Kinder. Anna und Sofie wollten keinen Nachwuchs und Kathie brannte gleich nach dem Krieg mit einem Amerikaner durch. Die hat sich nie wieder gemeldet. Nur ich gebar ein Mädchen, deine Großmutter Maria-Anna, und sie bekam auch nur ein Mädchen, nämlich Marianna, deine Mutter, und nun bist nur noch du übrig.”
“Aber mein Kind wird ein Junge.” Anna-Maria streichelte zärtlich über ihren gerundeten Bauch. “Und er soll den Namen deines kleinen Bruders tragen.”
Die Urenkelin schlug das Buch zu. Eine alte, vergilbte Postkarte fiel dabei heraus: “Maria, denk nicht zurück und schau nach vorn. Vor uns liegt die Zukunft.”
“Ja”, sagte Martha, “das ist die Karte, die Vater damals an Mutter geschrieben hatte. Und diese Zukunft ist nun bittere Vergangenheit.” Sie reichte sie ihrer Ur-Enkelin und lächelte: “Verwahr sie gut und nimm das Leben so, wie meine Mutter es genommen hat. Denk niemals zurück an eine bittere Vergangenheit, sondern schaue immer nach vorn und hoffe auf die Zukunft. Denn trotz aller Schicksalsschläge blieb sie bis zu ihrem Ende eine lebenslustige Frau.“

© Monique Lhoir/Juni 2004
mail@monique-lhoir.de








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