Honigfalter
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Juni 2004
Mutterliebe ist grenzenlos
von Sigrid Wohlgemuth

Im Jahre 1895 zog ein langer Winter übers Land. Noch nie hatte ein Dorfbewohner eine derartig harte, eisige Jahreszeit erlebt. Die Lebensmittel wurden knapp und das Brennholz reichte nicht aus, um die Häuser vor der Kälte zu schützen.
Am Waldesrand wohnten Auguste und ihr fünfzehnjähriger Sohn Wilhelm. Sie hatten für den Winter vorgesorgt, doch durch die anhaltende Kälte gingen auch ihre Vorräte zur Neige. Auguste, eingehüllt in Decken, entfachte das Feuer in dem offenen Kamin nur dann, wenn sie eine Mahlzeit zubereitete. Die Nahrung bestand aus Kohlsuppe, in der Mehlklöße schwammen. Auguste erkrankte in jenem Winter. Vor ihrem Sohn zeigte sie keinerlei Gebrechen. Der Vater war, vor sieben Jahren beim Holzfällen ums Leben gekommen und Auguste versuchte Wilhelm Mutter und Vater zu sein. Früh erlernte Wilhelm das Bestellen der Felder. Auguste legte einen kleinen Obstgarten hinter dem Haus an. Durch die Ernte und das Einkochen von Marmelade hatten sie somit einen ausreichenden Broterwerb.

An einem besonders frostigen Tag, ein Schneesturm fegte über die Äcker und blies die eisige Luft unter der Holztüre hindurch ins Innere des Hauses, gab Auguste ihrer Krankheit und Schwäche nach. Sie legte sich im Bett nieder.
Wilhelm hatte sich durch die Schneemassen gekämpft, um im Dorf Mehl, Zucker und Honig zu besorgen. Das Einzige, was er im Laden vorfand, waren Kräuter, um Tee aufzubrühen. Als Wilhelm zurückkam, stieß er die Haustüre auf und stampfte die schneebedeckten Stiefel auf der Fußmatte ab.
„Mutter, bist du krank? Du hast noch nie am frühen Nachmittag im Bett gelegen.“
Er stieg aus den Stiefeln und schlüpfte in die Filzpantoffeln.
„Mir ist kalt. Ich lege mich kurz zum Aufwärmen unter die Decken. Später brühe ich uns eine Suppe auf.“ Auguste hustete.
Wilhelm trat ans Bett und fühlte der Mutter die Stirn.
„Mutter, du glühst! Ich werde sofort den Doktor holen.“
Wilhelm drehte sich um, zog die Stiefel an und riss die gerade aufgehängte Winterjacke vom Haken, als die Mutter ihn zurückrief.
„Nein! Bleib hier. Wir können ihn nicht bezahlen. Unsere Ersparnisse sind so gut wie aufgebraucht.“
„Im Sommer geben wir ihm Gemüse für seine Hilfe. Du musst wieder gesund werden!“
Wilhelm ging zurück ans Bett, setzte sich und streichelte über die Hand der Mutter. Auguste hustete und hielt sich ein Tuch vor den Mund.
„Seit wann spuckst du Blut?“ Ängstlich sah er die Mutter an.
„Seit zwei Tagen.“
„Ich laufe so schnell ich kann ...!“
Er stand auf und rannte aus dem Haus. Die Mutter ließ ihn gehen. Es dauerte seine Zeit, bis er gemeinsam mit dem Arzt ins Haus trat. Seine Mutter lag bewegungslos im Bett. Ihre Hände waren wie zum Gebet gefaltet und ein Lächeln weilte auf den schmalen Lippen.
„Mutter, schläfst du?“, fragte Wilhelm leise.
Er erhielt keine Antwort. Der Doktor bückte sich über Auguste und fühlte ihren Puls. Einen Moment später richtete er sich auf, sah Wilhelm in die Augen und schüttelte den Kopf.
„Mutter, wach auf! Du darfst mich nicht alleine lassen. Bitte! Was soll ich ohne dich machen?“, schrie Wilhelm und rüttelte die Mutter an ihrer leblosen Schulter.

Auguste wurde neben ihrem Ehemann auf dem Dorffriedhof zur Ruhe gebettet. Wilhelm stand vor dem offenen Grab, um Abschied zu nehmen. Er weinte keine Träne. Bitterkeit erfüllte sein einsames Herz. Der Notgroschen war durch Begleichung der Schreinerarbeiten für den Sarg aufgebraucht. Es tat Wilhelm weh, dass er kein Holzkreuz für das Grab der Mutter anfertigen lassen konnte. Nach langem Überlegen ging er in den Garten hinter dem Haus und suchte nach etwas Geeignetem. Aus dem schneebedeckten Boden rankten kleine Äste empor.
„Mutter, dein Lieblingsstrauch. Ich werde daraus etwas fertigen!“, rief er aus und kniete sich nieder, um das Geäst vom Schnee zu befreiten.
Er nahm zwei gleich lange, dünne Holzstöckchen und bastelte ein Kreuz. Wilhelm brachte es, sowie einen mit Sand und Torf gefüllten Eimer zum Friedhof. Da die Erde gefroren war, hob Wilhelm unter Anstrengung ein schmales, tiefes Loch aus. Dort steckte er die gekreuzten Äste hinein und füllte es mit dem Sandgemisch auf, damit sie gerade stehen konnten.
„Ich verspreche dir, Mutter, ich werde in diesem Jahr hart arbeiten, um ein edles Kreuz zu erwerben.“
Wilhelm entfernte sich in gebückter Haltung von der Begräbnisstätte. Er ließ seinen Tränen, den ersten nach dem Hinscheiden der Mutter freien Lauf und legte die Hand auf sein Herz, als könne er damit den Schmerz mildern, der ihn ihm war.
Wilhelm bemerkte nicht, dass ein junges Mädchen, namens Erna jeden Moment seiner Bewegungen mit ihrem Blick verfolgte.

Das Frühjahr hielt Einzug. Täglich führten Wilhelms Schritte zur Ruhestätte der Mutter. Er kniete sich nieder und erzählte ihr, wie sein Tag verlaufen war. Hin und wieder sah er Erna auf dem Friedhof, die am Grabe seiner Mutter stand und das Kreuz mit Brunnenwasser begoss. Sie ging schnell ihres Weges, wenn sie entdeckte, dass Wilhelm sich auf dem Friedhof befand. Eines Tages wartete er versteckt hinter einer Mauer auf Erna.
„Warum bewässerst du das Kreuz?“ Er ging einen Schritt näher auf Erna zu und hörte wie sie einen erschrockenen Laut von sich gab. Sie atmete tief durch.
„Ich dachte es könnte nicht schaden, hin und wieder den Staub abzugießen.“
Wilhelm sah, dass sich ein roter Schimmer auf Ernas Wangen ausbreitete.
„Danke Erna. Das ist sehr nett von dir.“ Wilhelm strich sich mit der Hand durch sein lockiges Haar.
„Wir könnten es gemeinsam abwaschen, wenn wir uns das nächste Mal auf dem Friedhof treffen.“ Sie drehte sich um und schaute ihm tief in die grünen Augen.
„Ja.“ Wilhelm lächelte und spürte seinen Herzschlag der Dumpf in den Adern pochte.
„Kannst du Hilfe gebrauchen, jetzt wo deine Mutter ...? Meine Eltern haben mich gelehrt, wie Felder bestellt werden und ich suche eine Arbeit“, sprach sie.
Wilhelm senkte den Kopf.
„Ich könnte dich für deine Hilfe nicht entlohnen.“
Erna ging einen Schritt auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen.
„Es reicht, wenn du mir den Lohn im Sommer nach der Ernte gibst. Abgemacht?“
„Abgemacht.“ Er griff ihre Hand. „Kannst du schon morgen anfangen?“
Erna nickte und ihr brauner Pferdeschwanz hüpfte munter auf und nieder.
„Ich werde auf dich warten.“
Nur langsam ließ er ihre Hand wieder los, winkte ihr zu und begab sich auf den Weg nach Hause. Unterwegs gingen seine Gedanken immer wieder zurück zu Ernas bezaubernden Lächeln.

Erna ging Wilhelm bei der Feldarbeit zur Hand. Alle drei Tage führte sie der Weg zu Augustes Grab. An einem sonnigen Nachmittag suchte Wilhelm die Ruhestätte der Mutter alleine auf. Er war verzweifelt.
„Mutter, wir haben hart gearbeitet, doch wir werden keinen Ertrag haben. Der Boden war zu feucht und ein stürmisches Unwetter hat die letzten Samen vernichtet. Wie soll ich überleben? Ich habe die Aussaat durch eine Anleihe auf die Ernte erworben. Hin und wieder helfe ich im Dorfladen aus, die schweren Säcke zu stapeln und die Bank hat den Bauern einen Aufschub für die Rückzahlung bewilligt. Doch es reicht hinten und vorne nicht. Du wusstest immer, wie es weitergehen soll. Bitte, bitte Mutter hilf mir. Gib mir ein Zeichen, ich weiß mir keinen Rat.“ Er faltete die Hände zum Gebet.

Wilhelm verbrachte den ganzen Tag bis in den späten Abend hinein am Grab der Mutter. Als seine Tränen versiegten, stand er auf, nahm die Schale und holte Wasser am nahegelegenen Brunnen, um wie allezeit den Staub vom Kreuz zu entfernen. Da entdeckte er, dass sich kleine grüne Blätter an den Holzstöckchen befanden. Er kniete nieder und schaute erstaunt.
„Mutter. Am Kreuz sind Triebe von grünen Blättern!“
Er ließ die Schale fallen, und so schnell ihn die Beine trugen eilte er zu Erna und bat sie, mit ihm auf den Friedhof zu gehen.

„Kannst du mir das erklären?“ Wilhelm zeigte auf das Kreuz.
Erna kniete neben ihm nieder und betrachtete das Wunder.
„Lass mich nachdenken, Wilhelm. Ich habe das irgendwo schon einmal gesehen ... .“
Sie blickte ihn kurz an.
Wilhelm sprang auf und schritt ungeduldig auf und ab.
„Es ist ein Zeichen von meiner Mutter, die Antwort auf mein Gebet“, murmelte er vor sich hin.
„Bitte?“, fragte Erna.
„Nichts, ich habe nur laut gedacht.“ Nervös rieb er sich die Hände.
„Setz dich zu mir.“
Erna zog Wilhelm zu sich herunter. Nach Minuten der Stille rief sie: „Ich weiß ... “, und sprang auf.
„Sprich!“
„Meine Mutter hat mir vor ein paar Jahren davon erzählt. Sie war im Jahre 1867 in einer großen Stadt. Eines Tages wurde eine Neuheit im Handel vorgestellt. Eine Blume, genannt Rose. Das ist ein strauchartiges Blütengehölz. Später erscheinen wunderschöne, intensiv duftende Blüten. Damals waren sie schon am ersten Handelstag vergriffen.“ Sie hüpfte von einem Bein auf das andere.
„Eine Rose! Du hast Recht!“ Wilhelm schlug sich mit der Hand vor die Stirn. „Mein Vater hatte diese Blume kurz vor seinem Tod meiner Mutter geschenkt. Sie pflanzte sie in eine Ecke unseres Gartens. Ich kann mich noch erinnern: , Nach einem Ungezieferbefall, oder was immer es auch war, auf jeden Fall blieb nur ein Strauch übrig, von dem hatte ich die Äste genommen.“
„Du könntest Rosen züchten und verkaufen, indem du wieder ein Stück Rosenholz in die Erde steckst und es bewässerst. Dann schlagen sie Wurzeln, wie diese hier."
Erna drehte sich vor lauter Begeisterung im Kreis.
„Erna, wir sind auf dem Friedhof.“ Abrupt hielt sie inne, und verlor dabei fast ihr Gleichgewicht. Wilhelm fing sie gerade noch auf.
„O, vor lauter Freude habe ich das ganz vergessen.“ Verlegen hielt sie sich die Hand vor den Mund und unterdrückte ein aufkommendes Kichern. Sie setzen sich auf eine Bank und redeten über die Rose. Bei Dunkelheit verließen sie die Grabstätte.

Eine arbeitsame Zeit verging, die sie voller Hoffnung verbrachten, ehe die ersten fünf kleinen Knospen an den kelchartigen Blättern entdeckten. Rosaweiß schimmerte es durch die erst halbgeöffneten Blumenknospen. Der Strauch war in der Zwischenzeit einen halben Meter hoch gewachsen und setzte unterschiedlich geformte Hagebutten an.
„Schau wie schön sie ist!“, rief Erna begeistert aus.
„Gib du ihr einen Namen“, entschied Wilhelm.
„Ich habe meine Mutter gefragt, sie heißt Hagebuttenrose.“
Erna bückte sich um den Duft der Rose zu genießen.

Im Jahre 1897 legten sie gemeinsam den Grundstein für einen Rosengarten. Um die Anleihe zurückzahlen zu können und einen Notgroschen zu sparen, bestellten sie weiterhin die Felder und Wilhelm half im Dorfladen aus. Wie die Rose gedieh Erna und Wilhelms Liebe. Sie vermählten sich im Jahre 1901. Das Brautgebinde bestand aus verschiedenartigen Rosen. In den folgenden Jahren erweiterten sie den Garten und legten kleine Teiche mit Fischen an. 1903, als ihre Tochter Edith das Licht der Erde erblickte, öffneten sie die Pforten zum Rosengarten für die Dorfbewohner.

Heute, nach einhunderteins Jahren, erfreuen sich viele Besucher an diesem herrlich blühenden Anblick des Rosariums. Im Mittelpunkt des Rosengartens befindet sich die Hagebuttenrose, mit einer Gedenktafel, auf der folgende Widmung eingraviert wurde:
’Für Auguste - Deine Mutterliebe kannte keine Grenzen und ist zum Symbol der Liebenden geworden. In ewiger Dankbarkeit.
Dein Sohn Wilhelm. 1903’



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