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Juni 2004
Aaron
von Renate Hupfeld

„Bei Papa wohnen?“, wiederholte Hella, als könnte sie nicht glauben, was ihr Sohn da gerade gesagt hatte. Nach zwei Wochen Aufenthalt bei seinem Vater schien ihr der Junge völlig verändert zu sein.
„Wie soll ich das verstehen?“, fragte sie irritiert.
„Mein Entschluss steht fest.“
„Entschluss? Du hattest doch entschieden. Nach der Trennung wolltest du bei mir bleiben. Wir alle drei hielten es für die beste Lösung, das ist noch gar nicht lange her, gerade mal einen Monat.“
„Stimmt, aber jetzt ...“
„Ich begreife das nicht. Was ist denn mit unseren gemeinsamen Plänen? Hier in der Wohnung wollten wir alles schöner machen.“
Keine Antwort von Aaron.
„Ja, wir mussten kürzer treten in der letzten Zeit. Dein Vater nicht. Ist das der Grund?“
„Nein.“
„Aber ... das kommt mir doch zu plötzlich.“
„Mama, lass uns mit dem Thema aufhören.“
Meinte er, das ginge so einfach? Ohne plausible Erklärung sollte sie das schlucken? Nach sechzehn Jahren? Der Junge saß ihr gegenüber und starrte in die flackernde Kerzenflamme. Er vermied den Blickkontakt zu seiner Mutter und schwieg. So unzugänglich hatte sie ihn noch nie erlebt. Irgendwas stimmte da nicht. Worüber hatten Michael und er geredet in den vergangenen Tagen? Vielleicht … über sie? Ja, sie hatte sich verändert, sah sich jetzt nach neuen Kontakten um. Oft genug hatte sie erlebt, dass sie allein zurück geblieben war, wenn die beiden am Wochenende unterwegs waren, Michael mit seiner Neuen und Aaron mit Freunden. Sie hatte immer noch gehofft, alles würde wieder wie früher werden, als sie noch eine richtige Familie waren. Nachdem sie diese Hoffnung aufgegeben hatte, sah sie auch für sich neue Perspektiven. War es das? War es ihr Freund, mit dem sie manchmal zum Tanzen ging? Ja, das musste der Grund sein.
„Ist es wegen Paul?“, platzte es aus ihr heraus.
Bei dieser Frage horchte Aaron auf.
„Nein, nein“, winkte er ab, „Paul ist schon in Ordnung.“ Wie er sie dabei ansah, fast kalt! Sie glaubte ihm nicht. In diesem Augenblick war er unehrlich.
„Mama, ich gehe, selbst wenn du es mir verbieten willst“, sagte er trotzig.
Was für Töne! Hatte er jemals so zu ihr gesprochen? Nein, das war nicht das Kind, das sie kannte, der kleine Aaron, liebenswert und intelligent. Kam das so unvorhergesehen, wenn aus einem Jungen ein Mann wurde? Das passierte doch nicht mit einem Schlag. Wie verstockt er da saß! Ihre Argumente würden nichts bewirken, er ließe sich nicht umstimmen. Schweren Herzens musste sie seine Entscheidung akzeptieren.
„Mama, mach es mir nicht so schwer, lass uns nicht streiten.“
Streiten wollte sie nicht, aber was erwartete er denn? Sollte sie sich einfach so mit der neuen Situation zufrieden geben? Wie würde es weiter gehen, wenn er dann zweihundert Kilometer entfernt wohnte?
„Ich besuche dich in den Herbstferien“, sagte Aaron, als könnte er Gedanken lesen.
„Das ist in drei Monaten. Wann willst du denn ausziehen?“
„Morgen holt Papa mich ab.“
Von heute auf morgen? Nach so vielen Jahren? Ihr war, als würde der Boden unter ihren Füßen weggezogen. Konnte sie das überhaupt verantworten? Er war noch nicht volljährig. Michael kam immer sehr spät nach Hause, der Junge würde nachmittags alleine sein. Und die vielen Geschäftsreisen. Würde er sich genügend um seinen Sohn kümmern? Alles war doch ganz klar gewesen, lange Gespräche hatten sie geführt, zusammen mit der Frau vom Jugendamt. So oft er wollte, konnte er seinen Vater besuchen. Das sollte alles nicht mehr gelten? Wie würde die Besuchsregelung jetzt aussehen?

Sie hatte noch viele Fragen, aber Aaron ging in sein Zimmer und hörte Cat Stevens, immer wieder die Stelle im Refrain: „... I know, I have to go ...“

Das Kinderfoto an der Wand. Sie konnte den Blick nicht abwenden. Ihr Augenstern, Der süßeste Blondschopf auf dem ganzen Spielplatz. Wofür war eigentlich das Ganze gewesen? Erstes zaghaftes Klopfen an ihrer Bauchdecke, Babylächeln, Fiebernächte? Warten, wenn er mittags aus der Schule kam, gemeinsames Frühstück in den Ferien. Kein böses Wort hatte es gegeben zwischen Mutter und Sohn. Solange er lebte, gehörte Aaron zu ihr, nie hatte sie einen Menschen so geliebt wie ihn. Und jetzt sollte er plötzlich nicht mehr da sein? Abgeschnitten, ein Stück von ihr? Nein, das ertrug sie nicht. Sie holte das Telefon und wählte Michaels Nummer.

Hallo Michael, ich ...Aaron will ... Wir ...Wie ... nichts zu besprechen?

Tränen liefen über ihr Gesicht.
Wie einig sie sich waren, Vater und Sohn.
Mit ihr gab es nichts zu besprechen.

Ein Falter flog von draußen herein und umkreiste taumelnd das Kerzenlicht. Sie saß immer noch am Tisch und beobachtete eine Weile, wie er ganz nah an die Flamme heran kam und wegflog, immer wieder, bis er sich die Flügel verbrannte und langsam im heißen Wachs versank. Durch das weit geöffnete Fenster sah Hella hinaus in die laue Sommernacht.

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