Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Juni 2004
M U T T E R L I E B E
von Susanne Schubarsky

‚ÄěBitte, lieber Gott, lass meine Mutter noch nicht sterben.‚Äú Wie jeden Abend bete ich an ihrem Bett. Sie wirkt klein und hilflos, wenn sie so regungslos daliegt. Seit der letzten Embolie kann sie nur noch ihre Augen bewegen. Diese Augen. So voller Schmerz. Sie scheinen mich anzuflehen. Nein, sie darf noch nicht sterben.
Ich kontrolliere den Tropf mit der N√§hrl√∂sung, ihren Katheter. Ihre Augen folgen jeder meiner Bewegungen. Ihr flacher Atem wird pl√∂tzlich rascher, unregelm√§√üig, stoppt. Ich beginne mit der Herzmassage. Die Bewegungen sind mit den Jahren zur Routine geworden, doch diesmal stellt sich der gew√ľnschte Erfolg nicht ein, sie beginnt nicht wieder zu atmen. Raschere Bewegungen. Mund-zu-Mund-Beatmung. Immer noch nichts. Der Notfall-Knopf befindet sich direkt √ľber ihrem Bett. W√§hrend ich auf das Notarzt-Team warte, bete ich wieder.

Ich sitze vor der Notaufnahme und warte. Eine der Schwestern bringt mir Kaffee. Ich h√∂re, wie sie ihrer Kollegin etwas zufl√ľstert. ‚ÄěDas arme Ding. Erst stirbt der Vater bei diesem schrecklichen Unfall, und kurz darauf passiert die Sache mit ihrer Mutter. Seit zehn Jahren pflegt sie sie schon, tut alles f√ľr sie. Manchmal w√ľrde ich ihr wirklich w√ľnschen, dass es bald vorbei ist. Sie hat ja gar kein eigenes Leben.‚Äú
Ich sch√ľttle langsam den Kopf. Nein. Ich habe kein eigenes Leben, aber das hatte ich nie. Jetzt habe ich wenigstens eine Aufgabe, die meine leeren Stunden ausf√ľllt und die schwarzen Gedanken fern h√§lt. Meistens.
Ein Arzt kommt durch die gro√üe Doppelt√ľr auf mich zu. Er blickt mich ernst an. ‚ÄěWir konnten Ihre Mutter vorerst stabilisieren, aber sie ist sehr schwach und ihr k√∂rperlicher Zustand ist sehr schlecht.‚Äú
Er legt mir seine Hand auf die Schulter.
Ich öffne meinen Mund, möchte etwas sagen, doch er unterbricht mich.
‚ÄěNein, verstehen Sie mich nicht falsch. Ihre Pflege ist bestimmt ausgezeichnet, doch manchmal, wenn ein Patient nicht mehr will, k√∂nnen wir nichts dagegen tun.‚Äú
Ich f√ľhle hilflose Wut hei√ü in mir aufsteigen.
‚ÄěNein! Sie darf noch nicht sterben. Es ist doch noch viel zu fr√ľh. Das ist nicht gerecht!‚Äú
Der Arzt sieht mich seltsam an.
‚ÄěBeruhigen Sie sich. Wir tun selbstverst√§ndlich alles Menschenm√∂gliche f√ľr Ihre Mutter. Aber in ihrem Zustand ist es nicht sicher, dass wir erfolgreich sind. Jetzt braucht sie unbedingt Ruhe und wir k√∂nnen nur abwarten, bis es ihr wieder besser geht.‚Äú
Er dr√ľckt noch mal beruhigend meine Schulter. ‚ÄěSie k√∂nnen gerne hier warten, ich informiere Sie so schnell wie m√∂glich.‚Äú

Die Wartezeit ist endlos, und immer wieder versuchen die schwarzen Gedanken durchzudringen. Nein. Ich will mich nicht erinnern. Ich muss mich auf mein Ziel konzentrieren.
Endlich der Arzt.
‚ÄěIhrer Mutter geht es gut. Wir werden sie noch einige Tage hier behalten, aber dann k√∂nnen wir sie wieder in Ihre Pflege nach Hause entlassen. Sie m√ľssen die Morphium-Dosis erh√∂hen, sie scheint besonders von den Schmerzen sehr geschw√§cht. Das k√∂nnen wir ihr auf jeden Fall erleichtern. Und auf die wund gelegenen Stellen m√ľssen Sie Acht geben, die k√∂nnen sich leicht entz√ľnden.‚Äú

Sie wirkt erholt, sieht √ľberhaupt besser aus, als sie eine Woche sp√§ter von der Ambulanz wieder nach Hause gebracht wird. Gut.
Die Sanit√§ter sind nett und sprechen mir Mut zu. Ich l√§chle f√ľr sie. Erst lange nachdem sie weg sind, denke ich daran, das L√§cheln wieder von meinem Gesicht zu nehmen. Ich brauche es nicht mehr.
Ruhig liegt sie da, die Augen weit offen. Ich setze mich neben ihr Bett. ‚ÄěHast du Schmerzen?‚Äú
Sie blinzelt einmal. Ja.
Ich hole das Morphium, zeige ihr das kleine Fläschchen. Ihre Augen flehen mich an. So wie ich jahrelang gefleht habe, dass sie mir hilft, mich befreit aus der Hölle. Doch sie hat nur zugesehen, nichts gesagt, nichts getan, während ich gelitten habe. Bis ich mir selbst helfen konnte. Vater ist viel zu schnell gestorben. Diesen Fehler werde ich nicht noch einmal begehen.
Ich √∂ffne das Fl√§schchen, drehe es um, leere den Inhalt √ľber ihr Bett. Tr√§nen rinnen langsam √ľber ihre vertrockneten Wangen. Ich habe schon lange keine Tr√§nen mehr.

‚ÄěBitte, lieber Gott, lass meine Mutter noch nicht sterben.‚Äú



Kontakt: Susanne@Schubarsky.at

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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