Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Juni 2004
Auf Wiedersehen, Mami
von Eva Markert

Leise ging die Tür auf und der Vater schlich auf Zehenspitzen in den Flur. Kein Laut drang aus dem finsteren Schlafzimmer. Das kleine Mädchen im Nachthemd sah ängstlich zu, wie der Vater die Tür ganz langsam und geräuschlos wieder hinter sich schloss.
Anneke wagte kaum zu atmen. „Ist Mami tot?“, wisperte sie.
Der Vater stockte kurz. Dann schüttelte er den Kopf. „Nein, Anneke. Sie schläft endlich – Gott sei Dank!“
„Hat sie keine Schmerzen?“
„Im Augenblick nicht.“
„Und wenn die Schmerzen wiederkommen?“
„Die Schwester wird bald da sein. Sie gibt Mami ihre Spritze.“
„Aber Spritzen tun doch auch weh!“
„Nicht sehr. Spritzen sind nicht so schlimm!“
„Ich finde Spritzen aber schlimm. Ganz schrecklich finde ich die!“
„Mami nicht. Und jetzt komm schnell in die Küche frühstücken. Aber zieh dir vorher noch deinen Bademantel über. Du zitterst ja.“
„Darf ich nicht erst noch zu Mami gehen?“
„Jetzt nicht.“
„Aber ich will Mami sehen. Ich sage ihr doch immer guten Morgen!“
„Später vielleicht.“
„Mami wartet sicher schon auf mich!“
„Du hast doch gehört: sie schläft. Tu jetzt, was ich dir sage!“
Anneke sprang die Stufen hinauf. Mitten auf der Treppe blieb sie erschrocken stehen. Sie hatte es schon wieder vergessen. Sie durfte doch nicht poltern! Hoffentlich war Mami jetzt nicht wach geworden! Sie lauschte. Zum Glück hatte Papa sie nicht gehört. Er war schon in die Küche gegangen und klapperte mit Geschirr. Papa war auch nicht immer leise.
Anneke schlich nach oben ins Kinderzimmer und setzte sich auf das Bett. Ihr war kalt. Sie hatte eine richtige Gänsehaut. Gedankenverloren sah sie zu, wie die kleinen Erhebungen nach und nach in der Haut verschwanden. Aber sie brachen immer wieder hervor und überzogen ihre Arme und Beine.
Anneke ließ sich nach hinten fallen und starrte an die Decke. Auch ihre Füße waren eisig kalt. Die Zehen wurden schon ganz steif. Fühlte es sich so an, wenn man tot war? Nein, wenn man tot war, fühlte man gar nichts mehr. Keine Kälte. Und auch keine Schmerzen.
Anneke schloss die Augen. Wenn man starb, das wusste sie, hörte man auf zu atmen. Und das Herz schlug nicht mehr. Sie hielt den Atem an. Vielleicht war es ja ganz leicht zu sterben. Aber es war nicht leicht. Ihr Herz schlug immer weiter, und ob sie wollte oder nicht, sie musste atmen.
„Beeil dich! Es ist schon sieben.“
Anneke fuhr zusammen. Der Vater stand vor ihr. Schnell setzte sie sich auf.
„Zieh dich an. Dein Frühstück ist fertig.“
Anneke sprang aus dem Bett. Gleich würde Lara kommen, um sie abzuholen. Sie gingen immer zusammen zur Schule.
Während Anneke sich die Zähne putzte, musste sie wieder an Linus denken, Laras kleinen Bruder. Der hatte es gut! Er war nämlich schon tot. Ein Auto hatte ihn überfahren. Anneke erinnerte sich noch genau an die Beerdigung. Alle weinten. Auch Mami. Sie hatte Linus sehr gemocht. Damals war sie noch gesund gewesen. Das heißt, eigentlich nicht. Sie hatte nur geglaubt, sie wäre gesund. Dass sie krank war, wusste an Linus Beerdigung noch niemand.
Anneke griff nach ihren Anziehsachen, die über dem Stuhl hingen.
Und nun würde Mami auch bald tot sein. Wenn es stimmte, dass man in den Himmel kam, dann würden Linus und Mami sich bald wieder sehen. Anneke seufzte. Linus hatte wirklich Glück.
Papa saß am Küchentisch und trank seinen Tee. Er war ganz weiß im Gesicht, nur nicht unter den Augen. Da hatte er dunkle Ringe. Er starrte vor sich hin, aber als sie hereinkam, blickte er auf.
„Wenn ich mich beeile mit dem Frühstück, darf ich dann noch zu Mami gehen und ihr einen Kuss geben?“
Papa setzte seine Tasse ab, an der er sich die Hände gewärmt hatte. „Na gut! Aber wirklich nur ganz kurz.“
Anneke hatte eigentlich keinen Hunger, und Papas Teller war auch noch unbenutzt.
„Papa, du isst ja gar nichts!“
„Doch, Anneke, später.“
Eine Weile war es still in der Küche.
„Was sollen wir bloß machen, Papa?“, sagte Anneke schließlich zaghaft. Fragend sah der Vater sie an.
„Wenn Mami tot ist, meine ich.“
Der Vater blickte in seine Teetasse und räusperte sich mehrmals.
„Ohne Mami, das geht doch gar nicht. Findest du nicht auch?“
Jetzt wandte der Vater sich ab. „Wir reden ein anderes Mal darüber.“ Seine Stimme klang heiser, wie die Stimme eines fremden Mannes. Er stand auf und trat ans Fenster. Deshalb merkte er nicht, dass Anneke schnell zum Schlafzimmer hinüberlief.
Vorsichtig öffnete sie die Tür. Ein merkwürdiger Geruch schlug ihr entgegen. Anneke hielt sich die Hand vor die Nase und trat in das düstere Zimmer.
„Mami? Mami? Bist du wach?“
Vom Bett her kamen merkwürdig ziehende und brodelnde Geräusche. Das war Mamis Atem. Je näher Anneke dem Bett kam, desto schlimmer wurde der Geruch. Ein Schreck durchzuckte sie. Das war auch Mami. Mami stank.
Anneke wurde übel. Unschlüssig blieb sie einen Augenblick stehen, doch dann ging sie mutig weiter. Ihre Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt. Als sie neben dem Bett kniete, konnte sie Mami ein bisschen sehen. Ihr Kopf war so klein geworden und die Nase ganz spitz. Vorsichtig streckte Anneke die Hand aus. Ihre Finger berührten etwas Hartes. Da war früher Mamis Schulter gewesen. Annekes Finger strichen den knochigen Arm hinunter. Sie legte ihren Kopf auf die Bettdecke und hielt ganz leicht Mamis Hand. Das hatte sie immer gern getan. Nur dass sich die Hand früher nicht so schlaff anfühlte.
An der Haustür klingelte es. Das war Lara.
„Ich muss jetzt gehen, Mami“, flüsterte Anneke.
„Anneke!“, hörte sie den Vater leise rufen. Schnell küsste sie Mamis Hand.
„Bis bald, Mami.“
Auf dem Schulweg war Anneke sehr schweigsam. Lara wurde schließlich böse, weil ihr die Freundin überhaupt nicht zuhörte. Aber Anneke musste wieder die ganze Zeit an Linus denken. Ob es sehr wehtat, von einem Auto überfahren zu werden? Sie beobachtete die Straße. Ein Auto nach dem anderen sauste vorbei. Linus war nicht sofort tot. Er musste noch einige Tage im Krankenhaus liegen, bevor er starb. Das war sicher schlimm für ihn gewesen.
„Anneke! Pass auf!“, schrie Lara und riss sie am Ärmel. Anneke war ganz in Gedanken auf die Straße getreten und wäre beinahe in einen Bus hineingelaufen. Erschrocken sprang sie zurück auf den Bürgersteig. Ihr Herz klopfte heftig.
In der großen Pause hatte sie heute keine rechte Lust, mit den anderen zu spielen. Sie stand lieber am Zaun und sah zu. Frau Hammes kam und stellte sich neben sie.
„Na, Anneke, wie geht’s bei euch zu Hause?“
Anneke antwortete nicht, denn sie dachte gerade angestrengt nach. „Ist es wirklich wahr, was Sie neulich im Reli-Unterricht gesagt haben?“, fragte sie schließlich.
„Was meinst du?“
„Dass nur der Körper stirbt, aber die Seele weiterlebt und in den Himmel geht zum lieben Gott?“
„Ja, das hast du richtig verstanden.“
„Und da sind alle, die schon gestorben sind?“
„So ist es.“
Anneke schluckte.
„Auch Mami? Wenn sie tot ist, kommt sie dann auch in den Himmel?“
„Aber sicher!“
Annekes Stimme wurde noch leiser. „Und wenn ich tot bin, treffe ich sie dort wieder?“
„Ja. Denk immer daran: Wenn deine Mami stirbt, ist es kein Abschied für immer. Du wirst sie ganz bestimmt eines Tages wiedersehen.“

An dieses Gespräch musste Anneke denken, als sie mit Papa beim Mittagessen saß. Sie waren beide sehr still und traurig, denn Mami war nicht mehr zu Hause. Der Arzt hatte gesagt, Mami wäre im Krankenhaus besser aufgehoben. Ein Krankenwagen hatte sie abgeholt.
Anneke legte ihr Besteck hin.
„Darf ich mitkommen, wenn du Mami heute Nachmittag besuchst?“
„Besser nicht.“
„Bitte, bitte, Papa, bitte!“
Der Vater griff nach seinem Glas. „Ein anderes Mal vielleicht, wenn es Mami wieder etwas besser geht.“
„Ich will sie aber heute sehen!“ Annekes Stimme klang weinerlich.
Hart setzte der Vater sein Glas auf dem Tisch ab. „Hör sofort auf zu quengeln!“
Anneke zuckte zusammen und versuchte weiterzuessen. Eine Weile hörte man nur das Klirren ihres Bestecks, denn Papa hatte seinen Teller weit von sich weggeschoben.
Schließlich nahm Anneke all ihren Mut zusammen. „Papa!“, sagte sie.
Der Vater sah zu ihr herüber.
„Mami wird doch bald im Himmel sein?“
Der Vater wandte sich wieder von ihr ab. Anneke hörte so etwas wie „Mmh!“.
„Warum gehst du nicht mit?“
„Wie meinst du das?“
„Warum stirbst du nicht auch?“
„Wie stellst du dir das vor?“
„Du brauchst dich doch nur überfahren zu lassen, und schon bist du wieder bei Mami.“
„Du hast vielleicht merkwürdige Ideen! Ich kann mich nicht einfach umbringen! Was sollte dann aus dir werden? Schließlich muss ich mich doch um dich kümmern!“
Anneke dachte kurz nach. So war das also. „Ich komme mit!“, rief sie. „Wir sterben alle zusammen.“
Papa sah sie ärgerlich an. „Hör sofort auf mit diesem Unsinn! Ich will nichts mehr davon hören! Ich fahre jetzt ins Krankenhaus. Und du machst deine Hausaufgaben!“

Anneke verstand Papa nicht. Warum hatte er mit ihr geschimpft? Sie saß an ihrem Schreibtisch im Kinderzimmer. Vor ihr lag ein aufgeschlagenes Heft und sie hielt einen Stift in der Hand. Aber sie schrieb nicht, sondern sah zum geöffneten Fenster hinaus mitten in den sonnigen Himmel hinein. Es war ganz still draußen. Nur das Kreischen eines Schnellzuges auf den nahe gelegenen Gleisen war zu hören.
Die Wolken sahen aus wie riesige Wattebäusche, so weich, so warm, als ob man sich richtig gemütlich in sie hineinkuscheln könnte. Frau Hammes hatte sicher Recht. Im Himmel musste es wunderbar sein. Linus war wirklich zu beneiden.
Anneke hörte, wie ein Zug vorbeidonnerte. Kurz darauf kam schon der nächste.
Plötzlich legte sie ihren Stift nieder und stand auf. Ja, so wollte sie es machen. Ein Zug war doch viel größer und viel schneller als ein Auto!
Sie fühlte sich ganz merkwürdig: ängstlich und leicht zugleich. Sie dachte an Mami. Wie sehr würde sie sich freuen, wenn sie im Himmel ankam, und ihr Kind war schon da! Und Papa würde sicher froh sein, wenn er sich nicht um sie kümmern musste. Dann konnte er auch sterben, und sie waren alle wieder zusammen, genauso wie früher.
Ihre warme Jacke ließ Anneke an der Garderobe hängen. Wenn man tot war, fror man ja nicht mehr. Kurz bevor sie die Wohnungstür erreichte, hörte sie ein merkwürdiges Geräusch. Es kam aus dem Schlafzimmer. Anneke lauschte. Da war es wieder. Leise öffnete sie die Tür einen Spalt.
Papa machte das Geräusch. Sie hatte gar nicht gehört, dass er aus dem Krankenhaus zurückgekommen war. Er saß auf Mamis Bett und weinte.
Schnell lief Anneke zu ihm hin und setzte sich neben ihn. Er legte seinen Arm um sie und sie weinten gemeinsam.

E-Mail: evamarkert@arcor.de


Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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