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Juni 2004
Drei Mütter und fünf Tage für Isabel
von R. Funke

Erster Tag, Polen 1945

Fahles Gaslicht schien durch die dünnen, schmutzigen Stofffetzen und der Schatten einer Streife tanzte an den Wänden. Der Scheinwerfer durchschnitt den nächtlichen Dunst und Hundegebell drang aus der Ferne.
„Nein, nein!“, schrie Isabel und wälzte sich auf dem Lager. Der Schatten erstarrte und schien in die Dunkelheit zu lauschen.
„Ruhig“, flüsterte Sarah, „du träumst nur.“
„Tsch!“, sagte jemand von der anderen Seite der Baracke, „bring die Kleine zum Schweigen, sonst sind wir verloren.“
„Ich habe doch gleich gesagt, dass es nicht gut gehen kann“, wimmerte eine dritte Stimme.
„Wenn ihr noch weiter zetert, dann glaube ich es auch“, zischte Sarah in die Dunkelheit.

Der Schatten setzte sich wieder in Bewegung – ohne Hast – er hatte nichts bemerkt. Der Scheinwerfer erlosch und das Hundegebell verstummte.
„Von hier bis zum Zaun sind es vierhundert Meter“, bemerkte Irina, „das schaffen wir nie.“
„Wir haben schon ganz andere Dinge geschafft“, erwiderte Svetlana harsch, „aber wenn du Angst hast, dann kannst du auch hier bleiben und auf den Tod warten. Ich werde jedenfalls nicht bleiben. Nebel liegt über dem Lager – jetzt oder nie.“
Sarah wickelte Isabel in eine Decke, hob das Kind in ihre Arme und flüsterte: „Niemand bleibt zurück, hört ihr? So, und nun reiß dich zusammen, Irina, und hör auf deine Schwester.“
Sarah dachte an den Tag zurück, als sie Isabel gefunden hatten. Die Kleine kauerte seinerzeit ängstlich und verstört hinter den Latrinen. Die Wachen hatten sie übersehen, während sie ihre Familie in die Erschießungsgrube trieben. Isabel war damals vier Jahre alt gewesen – das war vor zehn Monaten.
Für die drei Frauen stand fest, dass sie Isabel beschützen mussten. Vielleicht war es Mutterinstinkt gewesen, vielleicht auch nur Barmherzigkeit an einem Ort, an dem es nichts Menschliches mehr zu geben schien. Sie hatten Isabel im Fußbodenverschlag der Baracke versteckt und Nahrungsrationen und Decken gestohlen, um das Kind am Leben zu erhalten.
Metall blitzte im Gaslicht auf.
„Bist du verrückt, Svetlana? Was hast du mit der Gabel vor?“, fragte die besonnene Sarah.
Svetlana grinste bösartig. „Na was wohl? Ich werde mir den Kapo schnappen und ihm dieses Abschiedsgeschenk in den Hals rammen. Für seine Streicheleinheiten.“
„Nein, das wirst du nicht tun!“, fauchte Sarah, „dann unterscheiden wir uns nicht mehr von ihnen.“
„Oh, nein“, klagte Irina, „das kann nicht gut gehen.“
„Schon gut Schwesterlein, mach dir nicht ins Hemd. Isabel zu Liebe werde ich mich zurückhalten.“
Sarah strich Irina mir der freien Hand über die Wange. „Sie meint es nicht so ... nun kommt.“
„Sei ihr nicht böse“, piepste Isabel und rang Svetlana ein ungewohnt gütiges Lächeln ab.
„Nein, das ist nur Spaß, meine Kleine – in Wirklichkeit liebe ich meine Schwester.“
Die drei Gestalten schlichen mit ihrem Mündel über den Barackenhof bis zum ersten Stacheldrahtzaun. Hinter einer Holzkiste nahmen sie Deckung vor dem schweifenden Scheinwerfer. Die erste Etappe war überstanden.
„Hast du die Zange, Svetti?“
„Natürlich.“
„Warte die nächste Phase ab. Dann los.“
Der Lichtkegel strich über die Holzkiste. Svetlana sprang auf, lief zum Zaun und zerschnitt einige Drähte, rannte wieder zurück und wartete auf die nächste Phase. Wenn der Scheinwerfer erlosch, führte der Zaun keinen Strom. So wiederholte es sich zwanzigmal. Die Zeit wurde knapp. Bald würde die Wache ihre nächste Runde machen. Svetlana keuchte: „So, nun ist das Loch groß genug. Sarah und Isabel gehen als erste, dann Irina und ich.“

Sarah nahm das Kind auf den Arm und rannte los. Zwanzig Meter hinter dem ersten Zaun befand sich eine Senke, die knöcheltief mit Schlamm und Fäkalien gefüllt war. Der Scheinwerfer strich über sie hinweg. Kurz darauf sprangen Irina und Svetlana in den Graben.
„Scheiße!“, fluchte Svetlana.
„Du sagst es“, flüsterte Sarah, „aber besser ein Graben voll Scheiße, als ...“
„Ruhig! Die Wache macht ihre Runde!“
Die Vier hielten den Atem an. „Bei Fuß, Harras!“, rief der Kapo.
„Er hat den Köter dabei ...“, winselte Irina.
„Seht ihr? Ich hätte ihn doch abstechen sollen.“
„Was hast du vor, Svetti?“
„Schau Irina, du musst jetzt stark sein. Zeig uns die Partisanin in dir – deshalb haben sie dich doch verhaftet.“
„Ich bin unschuldig.“
„Denkst du, die interessiert das, Schwesterherz? Wenn du Glück hast, dann gehst du in die Grube – wenn du Pech hast, durch den Schornstein. Doch da vorne, keine fünfzig Meter entfernt, beginnt das Leben.“
Svetlana drückte die Schwester an sich und küsste sie. „Ich liebe dich, Irina. Tu es für unsere Tochter Isabel ...“. Dann übergab sie Irina die Zange und sagte: „Los, lauft!“
Der Außenzaun führte keinen Strom und der Stacheldraht war schnell zerschnitten. Sarah lief mit Isabel in den angrenzenden Wald. Irina schaute sich noch einmal um, konnte Svetlana jedoch nicht mehr sehen. Von fern ertönte Hundegebell. „Hier ist ein Loch im Zaun“, rief die Wache. Ein durchdringender Schrei erklang und der Hund begann zu jaulen. Der Scheinwerfer zog seine übliche Bahn.
Totenstille lag über dem Lager.

Zwei bis vier

Sarah und Irina stapften mit dem Mädchen durch den Morast. Isabel reichte das Sumpfwasser bis zur Hüfte und sie war müde. Die beiden Frauen wechselten sich die mit dem Tragen des Kindes ab.
„Ob sie Svetti erwischt haben?“, keuchte Irina.
„Ach was. Unsere Svetti doch nicht“, erwiderte Sarah und verbarg die Tränen.
„Tante Svetti darf nicht tot sein!”, jammerte Isabel.
„Nein, nein, sie musste nur noch mal zurück, um etwas zu holen. Sie kommt sicherlich bald nach.“
Nach zwei Tagen erreichten sie einen Birkenwald. Ihre Beine waren vom Sumpf aufgequollen und Hände und Gesicht von Mücken zerstochen. Sie teilten das letzte Stück steinharten Brotes.
„Wir müssen uns andere Kleidung besorgen“, sagte Sarah und riss den gelben Stern von ihrer Jacke, „und auch etwas zu essen.“
Isabel schlief tief und fest und auch Irina war vor Erschöpfung eingenickt.
Am nächsten Abend lichtete sich der Wald und hinter einem Hügel lag ein kleines Bauerndorf.
Malerisch und friedlich, dachte Sarah, und doch keine vier Tagesmärsche von der Hölle entfernt.
„Ihr wartet hier. Ich versuche, uns etwas zu organisieren. Wenn ich bis zur Morgendämmerung nicht zurück bin, dann musst du dich mit Isabel allein durchschlagen.“
Sarah schlich in das Dorf. Vor der Schenke parkte ein Kübelwagen und aus dem Lokal erschallte laute Marschmusik. Sie durchsuchte den Wagen. Eine Wolldecke und Landkarte war alles, was sie fand. Nichts Essbares.
„Ei verbübsche, was haben wir denn hier?“, erklang eine Stimme hinter ihr. Sarah wirbelte herum und sah dem Schwarzuniformierten direkt in die Augen. Er stand breitbeinig mit in die Hüften gestemmten Händen vor ihr und grinste herablassend. Von der Schirmmütze starrte ein Totenkopf.
„Polski, nix verstehen“, sagte Sarah.
Irina wartete vergeblich auf Sarahs Rückkehr und machte mit Isabel einen weiten Bogen um das Dorf.


Fünfter Tag

Ein Heuwagen kam des Weges. Der Bauer zog die Zügel an und schaute sich vorsichtig um. Dann winkte er Irina und Isabel zu und zeigte auf die Ladung. „Schnell, schnell!“
„Das ist lustig“, gluckste das Mädchen, als sich die Beiden im Heu versteckten.
„Ja, nicht? Das Spiel heißt: Versteck dich, kleine Maus, bevor der Kater kommt. Und was macht die kleine Maus dann?“
„Keinen Piep!“
Dieses Spiel hatten sie zehn Monate im Lager gespielt und Isabel war richtig gut gewesen - als Maus.
„Genau, Isabel, keinen Piep ...“
Geschützdonner rollte über das Land, sodass der Bauer Mühe hatte, das Pferd im Zaum zu halten.
„Wer schießt da?“, wollte Isabel wissen.
„Vielleicht ist es nur ein Unwetter“, sprach die erste Mutter beruhigend.
„Es ist die Rote Armee“, sagte der Bauer, „sie haben vor drei Tagen Karelna¹ eingenommen. Seid ihr Juden?“
„Warum?“
„Wegen eurer Lagerkleidung.“
„Nein, Partisanen.“
„Nicht Mäuse?“, fragte Isabel erstaunt.
„Partisanenmäuse“, korrigierte Irina lächelnd.
Gegen Mittag erreichten sie ein Gestüt. Der Bauer tischte Brot und Käse auf. Isabel schaute sich den Käse an und fragte: „Das riecht komisch, kann man das essen?“
„Man kann damit auch Mäuse fangen“, brummte der Mann.
Isabel erstarrte.
Ihr Gastgeber lachte. Dann verstummte er, als Irina den Kopf schüttelte und flüsterte: „Sie kennt keinen Käse. Das gab es im KZ nicht.“
„Armes Kind. Komm, du hast sicherlich großen Hunger und Durscht. Eier, Käse, Milch und Wurscht – heute gehört alles dir, Prinzessin. Iß, sonst holen’s die Ruskis.“
Draußen dröhnten Dieselmotoren über den Hof. Die Fensterscheiben zitterten. „Seht ihr? Wenn man vom Teufel spricht ...“
In die Motorengeräusche und das Kettenrasseln mischte sich eine Stimme: „Die glorreiche Rote Armee ist euer Freund. Wir kommen, um euch vom Joch des Faschismus zu befreien, Genossen!“
Die Stimme kam Irina bekannt vor.
„Ha, Ruski Soldat, nix Kultura“, scherzte der Bauer.
Irina lief in den Hof. Von einem der Panzer ertönten Parolen aus großen Lautsprechern, und auf dem Kanonenrohr saß eine Politkommissarin, die den Text verlas.
„Svetlana!“, schrie Irina gegen den Lärm an und fiel der Schwester in die Arme.

Svetlana erzählte ihr von der Befreiung des Lagers. Als politischer Häftling und überzeugte Kommunistin hatte man ihr angeboten, als Übersetzerin der Sonderbrigade zu arbeiten. Am Tag nach ihrer Flucht verließen die Aufseher das KZ Hals über Kopf und Svetlanas Einheit wurde mit ihrer Jagd befehligt.
„Sie hängen in Reih und Glied – die ganze Straße entlang, von hier bis Karelna¹. Aufgeknüpft und eingeschissen. Das solltest du dir mal anschauen. Herrenrasse. Pah!“
„Und der Kapo vom Block C?“
„Dem habe ich noch in der ersten Nacht die Augen mit meiner Gabel entfernt. Auge um Auge ...“
„Steht das in der Bibel oder in deinem Parteihandbuch?“
„Ach Irina, du weißt doch selbst, dass er kein Mensch war ...“
Zwei Infanteristen der Sondereinheit zerrten den Bauern ins Freie, warfen ihn in den Dreck und zielten auf seinen Kopf. Der Bauer fluchte. „Russenpack, verdammtes!“
„Er hat Karelna¹ mit faulen Kartoffeln beliefert.“
„Nicht. Er hat uns geholfen“, warf Irina ein.
„Uns?“
Isabel rannte auf den Hof. „Tante Svetti! Tante Svetti!“, rief sie, lachte und weinte gleichzeitig.
Svetlana gab den Soldaten ein Zeichen, mit der Erschießung des Bauern zu warten, hob das Mädchen hoch und wirbelte es herum. „Unsere Tochter, unsere kleine Maus“, rief sie begeistert, „du lebst, wie schön! Dann hat sich das Risiko gelohnt.“
„Der Onkel ist gut – er darf nicht tot sein“, forderte Isabel, rannte zu den beiden Soldaten und versuchte sie, vom Bauern wegzudrängen. Die Männer ließen es sich gefallen, nahmen Haltung an und scherzten: „Jawohl, Genosse Kommissarin!“
Das Mädchen zog am Arm des Delinquenten und half ihm aufzustehen. „Komm, Onkel, ich möchte noch mehr Käse. Keine Angst , die Soldaten tun dir nichts.“ Der Bauer legte seine Hand auf Isabels Schulter und küsste das Mädchen. „Du bist ein gutes Kind.“
Svetlana lächelte. „Na, wenn du das befiehlst, Isabel, dann soll er mit seiner Schuld halt leben.“
Doch dann verfinsterte sich ihr Ausdruck: „Und was ist mit Sarah?“

Am Tag danach

Das Dorf wirkte aus der Ferne noch immer malerisch und verträumt. Svetlana schaute durch den Feldstecher und reichte das Glas an die Schwester weiter. „Dort hast du Sarah das letzte Mal gesehen?“
Irina nickte.
„Scheint verlassen zu sein.“ Sie klopfte auf die Panzerung und gab dem Fahrer zu verstehen, sich vorsichtig dem Ort zu nähern. Der Diesel sprang widerwillig an und hüllte die beiden Frauen und Isabel in schwarze Rußwolken.
Auf der Hauptstraße standen schwelende Fahrzeuge und gefallene Soldaten säumten die Ränder.
„Luftangriff“, erklärte Svetlana, als ihr Panzer den Dorfkern erreichte.
„Genosse Kommissarin“, wandte der Fahrer ein , „wir sollten vielleicht abwarten, bis die regulären Truppen eintreffen. Es könnten sich hier noch Heckenschützen und Panzerabwehrstellungen befinden.“
„Motor abstellen! Es könnten sich hier auch noch ganz andere Dinge befinden.“ Die Maschine röhrte und blies einen schwarzen Rauchring aus den Abgasschlitzen.
Svetlana sprang vom Tank, löste die Pistole aus dem Halfter und lief in Richtung der Dorfschenke. Der Ort war verwaist. Ein widerwärtiger, süßlicher Geruch lag in der Luft. Sie betrat mit einem Tuch vor dem Mund die Schankstube und hielt den Atem an.
Leises Wimmern drang die Treppe vom oberen Stockwerk herunter und wurde von rhythmischem Klopfen begleitet. Die Kommissarin schlich die Stufen empor. Die Dielen quietschten unter den Füßen, das Klopfen hörte auf und Svetlana verharrte bewegungslos.
Dann begannen die Geräusche von Neuem. Vorsichtig lugte sie durch einen Türspalt. Ein Sturmbandführer lag auf dem Boden, seine Hose stand offen, Blut sickerte aus dem Schritt und bildete eine große Lache auf dem Holzboden. Leise öffnete sie die Tür.
Sarah saß nackt mit erschlafften Beinen auf dem Bett und stieß mit dem Hinterkopf hospitalistisch gegen die Wand. Mund und Gesicht waren blut- und tränenverschmiert und der Körper war mit Hämatomen übersät. Sie schaute mit ausdruckslosen Augen und erkannte Svetti nicht.
„Teufel!“, stieß Svetlana heraus.
Sie entsicherte die Waffe und schoss das gesamte Magazin leer, bis von dem Gesicht des Toten nichts mehr übrig war und Sarah hysterisch aufschrie. Svetti nahm die Freundin beruhigend in die Arme, wickelte Sarah in das Bettlaken und trug sie die Treppe herunter, über den Platz zu dem Panzer.
Die Kommissarin war eine starke Frau, die Stärkste der drei Mütter, doch in diesem Dorf wurde sie mit der Grenze ihrer Kraft und des Erträglichen konfrontiert.
„Feuer eröffnen!“, rief sie dem Kanonier entgegen.
„Auf was, Genossin?“, fragte er verblüfft.
„Auf alles! Bis kein Stein mehr auf dem anderen steht ...“
Sie drückte Sarahs Wange an die ihre und flüsterte der zweiten Mutter ins Ohr: „Dieser Ort hat nie existiert. Verstehst du mich?“
Der Kanonier zögerte. „Ich denke, es macht keinen Sinn ...“
Svetlana zog Sarahs Arm aus dem Bettlaken, riss den Ärmel ihrer Uniform auf und zeigte auf die beiden eintätowierten Zahlen. „Das, Genosse Kanonier, ergab auch keinen Sinn. Feuer frei!“
Irina hielt Isabel die Ohren zu und sagte: „Es gibt keine Liebe mehr ...“
Die Schwester sah Irina durchdringend an. Die weichen Gesichtzüge versteinerten. „Ich habe den Satan nicht aus der Hölle gelockt – aber ich werde ihn dorthin zurückschicken! Dies ist mein Krieg, Schwesterherz, und wenn es keine Liebe mehr gibt, dann ist es nicht meine Schuld.“


Irgendwo - 1960/61

Die Kirschblüte setzte in jenem Jahr sehr früh ein. Der Wind war von schwüler Hitze erfüllt und strich über ein Meer von Butterblumen. Isabel war eine schöne junge Frau geworden und schaukelte im Obstgarten. Sie besaß das Feuer, die Lebensfreude und den Anmut einer wahrhaftigen Zigeunerprinzessin. Ihre Sippe wäre stolz auf sie gewesen. Irina schob Sarah im Rollstuhl auf die Terrasse und nahm ihr die Decke vom Schoß. „Schau, Sarah, unsere Tochter. Sie schaukelt.“
Sarah nickte und starrte mit leerem Blick in den Garten. „Sie schaukelt“, wiederholte sie tonlos. Speichel floss aus den Mundwinkeln herunter.
Isabel holte Schwung und sprang in hohem Bogen ab. Dann ging sie auf die Terrasse, kniete sich vor Sarah nieder und ergriff Irinas Hand. Isabels schwarzen Augen blitzten wild und entschlossen. „Ich muss jetzt gehen. Vielleicht ist es ein Abschied für immer. Aber Svetlana braucht mich. Dort, wo sie jetzt ist, gibt es niemanden, der sie liebt.“
Irina nickte und Sarah wiederholte: „... niemanden, der sie liebt.“

***

Die Transsibirische Eisenbahn brachte Isabel an den entlegensten, einsamsten Ort der Welt. Als sie den Zug verließ und über den menschenleeren Bahnsteig ging, stand das Thermometer auf minus vierzig Grad. Irgendwo heulte ein Wolf und die Kälte schnitt ihr ins Gesicht. Niemand war gekommen, um sie abzuholen und so lief sie zu Fuß durch die Eiswüste - endlos scheinende Kilometer. Aus dem weißen Nichts erschienen ausgemergelte Gestalten in gestreifter Lagerkleidung, Isabels leibliche Eltern und Verwandte, die mit unzähligen anderen in Karelna¹ einst den Tod gefunden hatten. Sie kamen und gingen als verblasste Erinnerungen der Überlebenden. Ohne ein Wort - nur die Blicke der leblosen Augen sprachen anklagende Verse, die sich mit dem Eiswind vermischten. Isabels Tränen gefroren, noch bevor sie die Mundwinkel erreichten. Sie war dem Ziel der Reise nun ganz nah.
Die Baracken waren von Schneewehen umsäumt – von fern bellten Hunde und Scheinwerfer leuchteten in die Dunkelheit. Der Lagerkommandant begrüßte sie mit argwöhnischem Blick und fragte, was sie hier wolle. Isabel kramte in der Tasche, legte einen gelben Stofffetzen, ein Stück Käse und eine Gabel auf den Tisch. Sie erzählte ihm die Geschichte der fünf Tage – von einer Jüdin, einer unschuldigen Partisanin und einer Kommunistin – dem Willen, der Liebe und der Kraft - die bereit gewesen waren, ihr Leben für ein kleines, hilfloses Zigeunermädchen zu riskieren. Isabel hatte nicht vor, ohne ihre dritte Mutter heimzureisen ... eher wollte sie sich in Sibirien begraben lassen.
Der Lagerleiter des Gullags stellte zwei Gläser und eine Flasche Wodka auf den Tisch. Vor dem Fenster tobte ein frostklirrender Sturm und das Kaminfeuer warf bizarre Schatten an die Wände. Die Seelen hauchten an die Scheiben. Ihr Atem zauberte Eisblumen auf das Glas. Das Kratzen der blutigen Fingernägel klang wie abgebrochene Kreide auf Schiefer – es waren jene, die noch lebten, als sich die Grube in Karelna¹ mit Erde gefüllt hatte. Am Kuvert des Kommandanten steckte ein Parteiabzeichen. Er zog es ab und warf es auf den Tisch zu den anderen Gegenständen. „Meine Mamuschka starb in Stalingrad und hieß Olga Petrowa ... Ihr Leben endete mit einer Kalaschnikow in den Händen. Sie war eine mutige Frau – bist du auch eine mutige Frau?“ Er griff nach seinem Revolver, entlud die Trommel bis auf eine Patrone und legte die Waffe auf den Tisch. „Leben um Leben“, flüsterte er. Isabel griff nach dem Revolver und setzte sich den Lauf an die Schläfe. „Leben um Leben“, wiederholte sie und krümmte den Zeigefinger, „drei wertvolle für ein verlorenes, ein geschenktes für ein wertvolles.“ Der Kommandant starrte sie an, sah, wie sich der Fingerknöchel weiß färbte, sprang auf und schlug ihr die Waffe aus der Hand. Ein Schuss löste sich und zerbrach die Fensterscheibe. Die Seelen entflohen durch das geborstenen Glas.
„Du bist noch viel zu jung, um zu sterben und hättest meiner Mamuschka gefallen ... nun sage mir: Wie heißt deine dritte Mutter? Wie heißen all die Mütter dieser Welt?“, sprach er sichtlich erleichtert und setzte die Wodkaflasche an.
In dieser Nacht geschah ein Zwischenfall, der über Jahrzehnte geheimgehalten wurde: Die Deportierte 3455, Svetlana Bascowitsch, überwand den Zaun. Der Kommandant schaute nicht hin und strich sie von der Liste der lebenden Häftlinge. „Die Führer und Züge kommen und gehen. Mal bläst der Wind aus Ost und mal von West, doch die Menschen werden niemals frei sein. Werdet glücklich“, flüsterte er in den Polarwind und sein Atem kristallisierte knisternd, als das Thermometer den absoluten Nullpunkt erreichte. Vor ihm knieten jene Untergebenen, denen die Moskauer Führung den Verstand und die Menschlichkeit geraubt hatte. Ihr heißes Blut goss Krater in das ewige Eis. Er brauchte nur fünf Patronen, um diese Gestalten von ihrem Irrglauben zu erlösen. Die sechste Kugel bewahrte er für sich selbst auf.
„Der Onkel ist gut“, sagte Isabel auf dem Rückweg zum Bahnhof, als aus der Ferne Schüsse ertönten.
„Ja“, erwiderte die dritte Mutter, „jener Onkel war gut.“
„Schau nicht zurück, Svetti. Dieser Ort hat nie existiert. Verstehst du mich?“
Der Lagerleiter Juri Petrowa, Held der Sowjetrepublik, starb Ende 1960. Sein offenes Grab steht gleich neben dem Holzkreuz der Dissidentin 3455. Als die neue Wachmannschaft den Gullag erreichte, war niemand mehr da, den sie hätten bewachen können – doch es dauerte nicht lange, bis neue Arbeit eintraf.

***

Sarah schlief im Rollstuhl auf der Veranda. Die Zweige begannen zu knospen und frisches Grün aus dem Zentralgestirn zu tanken. Die ersten Frühlingsboten sprossen aus der Wiese hinter dem Haus. Irina häkelte an einer Sommerdecke für die Freundin und summte das Lied der Moorsoldaten. Von fern dröhnten die Motorgeräusche der Planierraupen – der Beginn einer neuen Zeit. Die Sonne stand tief. Irina hob die Hand über die Stirn und blinzelte dem Abendstern entgegen. Plötzlich ließ sie das Häkelwerk fallen und sprang auf. „Sarah, wach auf! Isabel ist zurückgekommen!“
„Isabel?“, fragte Sarah schlaftrunken.
Isabel strahlte über das ganze Gesicht und ging einen Schritt zur Seite, um den Blick auf eine weitere Person freizugeben.
„Svetti!“, rief Sarah, stemmte sich im Rollstuhl auf, setzte zögerlich einen Fuß vor den anderen und wankte ihr entgegen. „War es gestern, Svetlana, oder vor fünfzehn Jahren?“, stieß sie freudig heraus. Es war der erster zusammenhängender Satz seit Ewigkeiten. Ihr Blick klarte auf und das Glück schenkte Körper und Geist neue Kraft.
„Nie wieder Faschismus!“, schrie sie mit befreitem Willen.
„Nie wieder Kommunismus“, erwiderte Svetlana mit bittersüßem Lächeln.
„Nie wieder Maus“, stimmte Isabel mit ein.
„Nie wieder getrennt ... in einer Welt ohne Liebe“, ergänzte Irina.
Im Flüstern des abendlichen Frühlingswindes erklang ein Satz aus vergessener Zeit, welcher für immer hinfort getragen wurde: Von hier bis zum Zaun sind es vierhundert Meter - das schaffen wir nie.

Heute, an einem anderen Ort

Hinter dem Zaun stehen erbärmliche Gestalten mit Hand- und Fußfesseln in der glühenden Mittagssonne. Die Aufseher reißen Witze über die Inhaftierten. Fernab der Genfer Konventionen fühlen sie sich unbeobachtet ohne Reue und Gewissen, denkt die alte Dame, die in einiger Entfernung den Klappstuhl aufgebaut hat und die Szenen fotografiert.
„Madam“, sagt ihr Begleiter, „wir sollten uns hier nicht zu lange aufhalten.“
Er ist ein junger Mensch und weiß nicht, worauf es ankommt.
Sie schaut zu ihm hoch und erwidert: „Wir müssen uns solange aufhalten, bis auch der Letzte begriffen hat, was hier vor sich geht.“
Isabel hustet – das Klima macht ihr zu schaffen – doch sie drückt weiterhin auf den Auslöser und dokumentiert die Lagerzustände. Ihr Begleiter öffnet einen Schirm, um die Fotografin vor der stechenden Sonne zu schützen.
„Haben jene Menschen einen Schirm? Dann will ich auch keinen.“
Ihre Haut war von Geburt an dunkel; und sie war stolz, nicht in das Raster des selbsternannten Herrenmenschen zu passen.
„Jetzt“, flüstert sie, „ist der Zeitpunkt, das Gewissen zu reaktivieren und an die Menschlichkeit zu appellieren. Nicht später, wenn die Realität nur noch Geschichte ist; wenn der Wind die Richtung ändert und aus Verantwortlichen Unwissende erschafft, deren geheuchelte Betroffenheit keinem der Opfer etwas einbringt.“
Ihr Körper scheint alt und schwach, doch ihre schwarzen Augen blitzen wild entschlossen mit der Konzentration auf das Wesendliche.

*Ende*

[Isabel kämpfte an vielen Fronten – gegen Welthandelsorganisationen, Atomkraftbetreiber und Menschenrechtsverbrechen. Gegen Tierversuche, Pharmakonzerne und Neofaschisten. Sie war die Tochter ihrer Mütter – der Wille, die Liebe und die Kraft. Die einst ängstliche, zurückhaltende Irina schrieb in ihrem Nachlass über die Maus: Drei verlorengeglaubte Leben für ein wertvolles, unersetzbares, welches die Zukunft mitgestaltet, auf dass sich die Vergangenheit nie wiederholen möge.]

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¹ Ortsname vom Autor geändert.

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