Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Juni 2004
Sehnsucht einer Tochter
von Dagmar Hospes

Mutterliebe und Mutterhass sind sehr oft stark miteinander verbunden.
So schrieb ich in meiner Verzweiflung eines Tages einen Brief an meine Mutter.
Was bis hierher verdr├Ąngt wurde, alle Sehnsucht einer Tochter nach ihrer Mutter, spricht daraus, aber auch der Wunsch, endlich von der Mutter als erwachsene Tochter anerkannt zu werden.
Diesen Brief musste ich schreiben, weil sich in den vergangenen Jahren so viel angestaut hatte, was unausgesprochen blieb.

Hallo Mama
Heute muss ich eine Entscheidung treffen, sie f├Ąllt mir nicht leid, aber es ist mir leider nicht m├Âglich mich bei dir auf normalem Wege verst├Ąndlich zu machen. Wir w├╝rden sowieso wieder nur im Streit auseinander gehen. Au├čerdem w├╝rdest du mir wohl kaum die M├Âglichkeit geben, einen Satz zu Ende zu sprechen. Deinen Haust├╝rschl├╝ssel gebe ich dir deshalb heute zur├╝ck.
Lass deine Blumen ab jetzt von deiner Nachbarin gie├čen. Und wenn du ein Medikament aus der Apotheke brauchst, wird der Apotheker es dir schon bringen, aber bitte mich nicht mehr darum. Du solltest versuchen in der n├Ąchsten Zeit alleine zurecht zu kommen. Bitte erwarte nicht mehr, dass ich st├Ąndig deine Kritik ├╝ber mich ergehen lasse. Au├čerdem m├╝sstest du doch endlich bemerkt haben, dass ich erwachsen bin. Meine Spaghetti koche ich seit meinem achtzehntem Lebensjahr alleine. Auf deine klugen Ratschl├Ąge kann ich verzichten. Die Liste w├Ąre einfach zu lang, wenn ich alles aufz├Ąhlen w├╝rde, also belassen wir es dabei. Es gibt ein altes Sprichwort das lautet: Ratschl├Ąge sind Schl├Ąge.
Wenn du glaubst, dass du jedes Wort von mir hinterfragen musst, so brauchst du das ab jetzt nicht mehr.
Du akzeptierst sowieso nur deine eigene Meinung, und deshalb werden wir auch kaum eine gemeinsame Basis f├╝r ein vern├╝nftiges Gespr├Ąch finden. Jedes Telefongespr├Ąch das ich mit dir f├╝hre endet schlie├člich doch immer nur im Streit.
Deine rechthaberische Art raubt mir den letzten Nerv.
Heute habe ich wieder nicht zu Mittag gegessen, und dass ist nicht das erste Mal seitdem du hier zu uns in den Ort gezogen bist. Wenn ich zusammen mit dir und einigen Freunden in ein Lokal gehe, wei├č ich schon vorher, dass du mich wieder blamieren wirst.
Entweder das Essen ist dir zu salzig, oder dass Eis ist einfach zu teuer. Was du dann nat├╝rlich auch immer gleich lautstark verk├╝ndest.
Meinen Lebensunterhalt verdiene ich mir nicht gerade mit einer Arbeit, die deinen Vorstellungen entspricht. Es kann doch nicht angehen, dass ausgerechnet deine Tochter in einer Nachtbar sauber macht. Du sagst es ja nicht einmal deinen Nachbarn, du sch├Ąmst dich f├╝r mich. Aber das brauchst du nicht, all meine Freunde k├Ânnen wunderbar damit umgehen, dass bewei├čt ja wohl das es nicht so schlimm sein kann.
Vor einem Jahr war ich sehr gl├╝cklich dar├╝ber, als du mir gesagt das du kommst. Endlich habe ich gedacht, k├Ânnten wir eine sch├Âne Zeit miteinander verbringen. Gemeinsam etwas unternehmen. Vers├Ąumtes nachhohlen, und unsere Mutter-Tochterbeziehung verbessern. Gut war sie ja sowieso noch nie.
Nun bin ich seit Jahren gesund. Vielleicht kommst du aber auch gerade deshalb erst jetzt hierher, weil ich gesund bin. Jetzt ist es ja einfacher mit mir. Damals als ich so krank war warst hast du dich davor gedr├╝ckt. Du hast es vorgezogen zu den Schwestern zu ziehen. F├╝nf Jahre hast du bei ihnen gelebt, aber sie sind mit dir nicht klar gekommen.
Ich konnte meine Schwestern damals nicht verstehen, wenn sie mir etwas vorjammerten, aber heute wei├č ich es besser.
Denk doch bitte dar├╝ber nach, dass du nicht nur mich verletzt hast.
Aber M├╝tter haben ja immer recht. Warum solltest du dir auch die M├╝he machen.
Das Wort ÔÇ×MutterÔÇť alleine berechtigt dich schon zu sagen:
ÔÇ×Kind, sieh doch, ich habe sowieso mal wieder Recht gehabt.ÔÇť
Mutterliebe von dir bekommen? Nicht so wie ich mir das vorgestellt habe.
Es gibt genug Menschen die das genau so gut k├Ânnen wie eine Mutter.
Wenn auch die Sehnsucht im Herzen immer bleiben wird. Denn die wahre Mutterliebe muss doch von der Mutter kommen, oder?
Ich habe nur einen Wunsch: endlich von dir verstanden, akzeptiert und mit allen Fehlern geliebt zu werden. Wir alle deine vier T├Âchter, m├╝ssen dich schon seit Jahren so ertragen.
Schuldzuweisungen n├╝tzen eigentlich niemandem. Aber ich gebe dir f├╝r alles die Schuld. Warum eigentlich? Bist du vielleicht selber hilflos, dann lass uns doch dar├╝ber reden. Schon lange frage ich mich, was uns noch verbindet. Willst du schon wieder davon laufen, so wie du es in den vergangenen Jahren immer wieder getan hast?
Erst hast du deinen Mann verlassen. Dann deine Enkelkinder. Und mich, die ich deine Unterst├╝tzung w├Ąhrend der vielen Krankheitsjahre, wirklich h├Ątte gut brauchen k├Ânnen.
Ja, ich wei├č Epilepsie ist schrecklich anzusehen. Aber das sich die eigene Mutter vor ihrer Tochter ekelt, und sich auch noch f├╝r sie sch├Ąmt, das ist kaum zu ertragen.
Ich habe es immer verdr├Ąngt, als Kind will man es einfach nicht war haben das die Mutter so denkt. Wir haben auch viele sch├Âne Dinge miteinander erlebt, und gerade deshalb, finde ich das alles so furchtbar traurig.
Du hast dich um die Verantwortung gegen├╝ber all deiner Kinder gedr├╝ckt.
Meine Schwester wurde von ihrem Vater geschlagen, ohne dass du etwas unternommen hast. Du bist davon gelaufen. Ist das Mutterliebe?
Du hast es dir ziemlich einfach gemacht, oder?

Auch deinen Enkelsohn hast du einfach vergessen. Gut seitdem du hier bist hast du ihn auch verw├Âhnt, aber dass ist nicht das Entscheidende.
Er hat mich damals als du zu den Schwestern gezogen bist gefragt: ÔÇ×Mama warum kommt denn die Oma nicht zu uns?ÔÇť
Schlie├člich warst du ja immer da, aber nun sollte das alles anders werden. Er hat es nicht verstanden, und ich war damals unendlich traurig.
Wo warst du als Thilo gerade erst f├╝nf Jahre wurde?
Ich konnte mir wegen der schweren Krankheit ja kaum selber helfen. Kinder h├Ątte ich mir wohl besser nicht anschaffen sollen, aber dass sich die Krankheit dadurch verschlimmern w├╝rde, wusste ich ja nicht.
Als Thilo dann auch noch zum Bettn├Ąsser wurde, hast du dich nat├╝rlich nicht zur├╝ckgenommen. Wieder einmal warst du sofort mit klugen Ratschl├Ągen zur Stelle, anstatt einmal nur schweigend zu helfen.
Verzweifelt hat sein Vater versucht die Mutter zu ersetzen, was ihm nat├╝rlich nicht gelang. Aber wir haben es geschafft.
Trotz allem ist die Sehnsucht in mir geblieben. Wenn wir vielleicht nach langer Zeit des Schweigens wieder miteinander sprechen k├Ânnen, so w├Ąre das sch├Ân.
Vielleicht hast du dann ja den Mut mir einmal alles zu erkl├Ąren. Du hast es vers├Ąumt Mutter zu sein. Als Mutter h├Ąttest du nicht die Augen davor verschlie├čen d├╝rfen. Sag doch einfach mal, dass auch du Fehler begangen hast, vielleicht k├Ânnte ich dich dann wieder lieb haben. Aber du machst ja keine Fehler, und gerade deshalb wird sich auch nichts ├Ąndern. Diesen Vorwurf werde ich dir immer machen, aber bitte gib uns eine Chance, wenn du diesen Brief gelesen hast, dann hoffe ich dass du mich endlich verstehst.

Da ich seit Jahren selber Mutter von zwei Kindern bin, stelle auch ich mir die Frage, ob ich dieser Aufgabe gerecht geworden bin, vielleicht gerade, weil ich diese Krankheit habe.
Ich wei├č inzwischen, Muttersein muss man lernen. Aber ich wei├č auch bereits, dass ich es geschafft habe. Ich brauche ja nur das zu tun, was du nie getan hast.
Also nehme ich meine Tochter in den Arm, und h├Âre ihr einfach nur zu.
Seit fast f├╝nf Jahren bin ich jetzt anfallsfrei, und ich habe in dieser Zeit versucht alles vers├Ąumte nach zu hohlen. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich es geschafft habe, und das zu recht.
Warum hast du es nicht geschafft Mutter zu sein?
Aber ich habe dich immer noch unendlich lieb, verdammt noch mal rede mit mir!

Deine Tochter


Damals als ich meiner Mutter diesen Brief in den Briefkasten gesteckt hatte, habe ich so naiv wie ich nun einmal bin, doch wirklich geglaubt, dass meine Mutter ihn gelesen hat.
Endlich dachte ich , w├╝rde sie mir einmal zuh├Âren m├╝ssen, und mich vielleicht auch in meinem Kummer verstehen. Am kommendem Tag hat sie mir dann gesagt, dass sie den Brief zerrissen und weggeworfen hat. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Wieder einmal hat meine Mutter nicht bemerkt, dass sie mir unendlich damit weh tat. Das was mir doch so wichtig war, hatte sie einfach zerrissen und weggeworfen, in den M├╝ll.

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