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Juni 2004
Das Kinderzimmer
von Andrea Hinkelbein

Am Abend von Vickys Hochzeit kam der Abschied. Marlen und Alexander Blantfort standen vor ihrem Haus und drückten ihre Tochter an sich, solange es noch ging. Danach rollte der Wagen in dem Vicky und Lars saßen, langsam die Straße hinunter. Marlen und Alexander winkten ihm nach bis er nur noch als kleiner Punkt zu erkennen war.
Morgen, dachte Marlen, würden die beiden ihre neue Heimat in Schweden erreichen, wo Vicky ihr eigenes Leben beginnen sollte.

„So!“, stieß Alexander erleichtert aus, zog Marlen an sich und legte den Arm um ihre Schultern,„ das wäre geschafft. Gut, dass wir nur eine Tochter haben, dieses Gefühl könnte ich nicht jeden Tag ertragen.“
Marlen wandte sich zu ihrem Mann um. Er hatte ihre Gedanken ausgesprochen. Sie nickte.
„Was machen wir jetzt, so ganz ohne Vicky?“ wollte Marlen wissen, die sich fühlte, als hätte man ihr den rechten Arm abgenommen. Alexander ergriff ihre Hand und zog sie mit sich.
„Lass uns mal überlegen“, sagte er, während er das Gartentor schloss,„ich hab’s,... vielleicht sollten wir uns einen Hund anschaffen.“
„Einen Hund?“ Marlens Ton verriet tiefes Erstaunen.
„Ja, wir könnten ihn Viktor nennen.“
„Sehr witzig“, konterte Marlen, “Es beruhigt mich ungemein, dass du durch den Verlust deiner Tochter nicht auch noch den Humor verloren hast.“
„Nimm es nicht so tragisch“, versuchte er sie zu trösten, „sei froh, dass Vicky bei Lars in besten Händen ist, hast du gesehen, wie sie ihn anschaut oder wie liebevoll er sie berührt? Es ist zwar schwer für mich als Vater, sie aus den Händen zu geben, aber bei Lars habe ich ein gutes Gefühl“,
eindringlich schaute er Marlen an, „Vicky geht dir nicht verloren. Sie braucht ihre Mutter, immer.“
Alexanders Worte taten ihr gut, aber sie nahmen Marlen keineswegs die Angst und das scheußliche Gefühl der Leere. Einen Hund der Viktor hieß, dachte sie und schüttelte den Kopf. Das Leben beginnt, wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Hund begraben. Irgendwo hatte sie das gelesen.

Die Wochen verstrichen. Alexander versank in Arbeit und Marlen in Melancholie. Jedes Mal wenn sie an Vicky Zimmertür vorbeikam, musste sie den Raum betreten. Sie setzte sich an den Schreibtisch und blätterte in den Büchern die ihre Tochter zurückgelassen hatte, öffnete die Schranktüren und betrachtete die abgelegten Kleider, an denen Reste ihres Parfums hingen, das nach Magnolien und Vanille duftete. Sie nahm die Spieluhr, die in ein blau lackiertes Holzkästchen eingelassen war, stellte sich ans Fenster, blickte hinunter auf das Elfenblattbeet. Als Kind hatte Vicky immer geglaubt, unter den samtigen, herzförmigen Blättern würden gute Feen wohnen. Marlen lächelte und begann langsam an der filigranen Kurbel der Spieluhr zu drehen, bis Vickys Lieblingslied La vie en Rose erklang. Dabei glitt ihr Blick über die gelbweiß gestreifte Tapete, das weiße Metallbett, die Bilder von Keith Haring in ihren orangefarbenen Rahmen. Vieles ging ihr durch den Kopf. Ihre kleine Viktoria, die niemals Kleider tragen wollte, immer schlüpfte sie in bunte Latzhosen, hängte sich Kirschen an die Ohren und spielte an Sommerabende draußen im Garten Melodien auf ihrer Blockflöte. Womit sollte sie dieses Zimmer füllen? Es gab augenblicklich nichts in ihrem Leben, das es wert war, hier Platz zu finden. Und doch hatte Marlen in den letzten Wochen darüber nachgedacht, was aus dem Zimmer werden könnte. In zwei Tagen, sobald Alexander sich auf seinem einwöchigen Lehrgang befände, würde sie beginnen. Egal was dabei heraus kam, es war besser als gar nichts zu tun. Alexander ahnte nichts und sie hatte auch ein wenig Angst davor gehabt, ihm von ihrer Idee zu erzählen. In den letzten Wochen hatte sich eine Distanz zwischen ihnen entwickelt, die Marlen Sorgen bereitete. Sie wusste nicht, ob sie sich zurückgezogen hatte, um ihren Abschied von Vicky zu verarbeiten oder ob Alexander sie mied, weil er ihre gedrückte Stimmung nicht mehr ertragen konnte.

Als Alexanders Wagen am Montagmorgen vom Hof fuhr, lief alles wie am Schnürchen. Die Handwerker waren eingeweiht, dass alles schnell gehen musste und arbeiteten zuverlässig. Vickys Sachen wurden in Umzugskarton verpackt, die Möbel abmontiert und auf den Dachboden verfrachtet. Marlen bestand darauf, dass die fast neuwertige Tapete von den Wänden entfernt wurde. Sie wünschte sich einen Anstrich in orangefarbenen und sonnengelben Pastelltönen. Den Fußboden ließ sie mit hellen Birkendielen auslegen. Ein Schwedenofen wurde an den alten Kamin angeschlossen, der Schreibtisch kam vor die Verandatür, ein bambusgrünes Sofa mit vielen Kissen stand mitten im Raum, Bücherregale durften auf keinen Fall fehlen. Das einzige, was Marlen im Zimmer behielt, war Vickys Avocadobaum, der in einer hohen Bodenvase aus Terrakotta gepflanzt war und den sie seit sechsundzwanzig Jahren besaß. Er war genau so alt wie Vicky. Sie konnte sich noch an den Tag erinnern als sie ihn gepflanzt hatte. Drei Monate später streckte er seinen ersten Keim durch die lockere Erde. Es war zu dem Zeitpunkt, als Marlen erfuhr, dass sich ihr Kinderwunsch nach neun langen Jahren endlich erfüllte. Sie pflegte ihn bis zum heutigen Tag mit viel Liebe. Solange er gedieh, würde auch Vicky nichts geschehen, davon war Marlen überzeugt.

Die Tage vergingen schnell. Inzwischen war Freitagabend. Marlen war zufrieden mit sich. In den letzten Tagen hatte sie keine Zeit gehabt zum grübeln. Marlen hoffte nun auf einen neuen Anfang und hatte Pläne geschmiedet, die sie beflügelten. Sie hatte sich bereits zu einem Sprachkurs angemeldet, um die Zeit bis zu ihrem nächsten Treffen mit Vicky in Schweden sinnvoll zu gestalten. Es war kurz nach halb acht. Alexander hatte jeden Abend angerufen. Dies war ein gutes Zeichen, dachte Marlen, er vermisste sie. Der Gedanke, ihre Ehe würde auseinander brechen, nur weil Vicky auf einmal fehlte, machte ihr Angst. Sie hatte sich auf das bambusgrüne Sofa gekuschelt. Das Telefon lag neben ihr. Marlen ließ es dreimal läuten, bevor sie den Hörer abnahm.
„Hallo Alexander“, meldete sie sich freudig.
„Mama?“, hörte sie eine weinerliche Stimme.
„Vicky? Bist du es?“, fragte Marlen verblüfft.
„Mama, es ist alles so furchtbar.“
Sie hörte Vicky schluchzen.
„Aber was ist denn passiert?“ Marlen versuchte die Ruhe zu bewahren.
„Lars und ich haben uns gestritten, wir reden kaum noch miteinander. Ich glaube, das mit der Hochzeit war ein Fehler.“ Vickys Stimme zitterte.
„Langsam, Vicky, du darfst nichts überstürzen.“
„Mama, ich sehne mich so nach daheim und ich bin schon auf dem Weg zu euch. Ich brauche Abstand von Lars, das verstehst Du doch?“
Marlen erschrak. Heim kommen? Sie schaute sich in Vickys Zimmer um, das sich so verändert hatte. Marlens Träume zerplatzten wie eine Seifenblase.
Was hatte sie angerichtet, wie sollte sie Vicky beibringen, dass es gar keinen Platz mehr für sie gab?
„Mama?“, rief Vicky aufgelöst.
„Ja Vicky, ich bin noch da, ich habe nur einen Moment überlegt. Wo bist du denn jetzt?“
„Ich bin schon in der Stadt, ich nehme mir ein Taxi, in zehn Minuten bin ich daheim.“


Sie legte auf. Marlen holte tief Luft und versuchte, ihre Gefühle zu ordnen. Im nächsten Moment hörte sie ein Auto kommen. Sie lauschte. Nein, das konnte doch nicht wahr sein. Sie trat hinaus auf die Terrasse, von dort aus sah sie, wie Alexanders Wagen in die Einfahrt rollte. Er wollte doch erst morgen zurückkommen.
„Hier scheint jeder zu machen was er will, einschließlich mir“, seufzte Marlen, „nun gut, es ist, wie es ist.“
Vickys Taxi fuhr vor und während Marlen noch über die richtigen Worte nachdachte, lagen sie sich schon alle drei in den Armen.
„Komm wir setzen uns in den Garten und du erzählst uns alles.“
Marlen und Alexander nahmen ihre Tochter in die Mitte.
„Wir haben über Kinder gesprochen“, erklärte Vicky, „Lars will mich einfach nicht verstehen. Ich wünsche mir jetzt ein Kind, nicht erst in fünf Jahren. Ich bin sechsundzwanzig Jahre alt und ich finde nicht, dass ich zu jung bin. Ich gehöre nicht zu den Frauen, denen der Beruf alles bedeutet. Ich wünsche mir eine Familie und zwei, vielleicht sogar drei Kinder.“
Marlen und Alexander tauschten Blicke aus. Vickys Enttäuschung, über die Reaktion von Lars, war verständlich und sie hätte keine besseren Verbündeten finden können, dachte Marlen. Alexander würde in diesem Moment auch an die neun langen Jahre denken, in denen sie auf ihr Kind gewartet hatten.
„Wir verstehen dich.“
Obwohl Vicky sie mit fragenden Augen ansah, verzichtete Marlen darauf, ihr den Grund zu nennen.
„Rede noch mal mit Lars, er liebt dich und wenn er weiß wie wichtig es für dich ist, wird er anders darüber denken“, riet ihr Vater.
Sie zögerte. Dann bereute sie, Lars nur einen Zettel hinterlassen zu haben auf dem stand, dass sie zu ihren Eltern fuhr. Allmählich legte sich die Aufregung und Vicky war bereit ihren Mann anzurufen. Lange sprachen sie miteinander und sie einigten sich darauf, ein paar Monate mit dem Kind zu warten.

Kurz vor Mitternacht saßen alle drei, zwar erschöpft, aber erleichtert unter dem alten Nussbaum im Garten und blickten durch die Äste und Blätter, in den sternenklaren Himmel.
„Ich bin völlig fertig.“ Gähnte Vicky. „Seid mir nicht böse,
ich will nur noch ins Bett.“
Marlen zuckte zusammen.
„Ich komme mit nach oben“, stieß sie hervor und erhob sich, „ Alexander, am besten du kommst auch mit, du kannst mir mit dem Bett behilflich sein.“
„Mit dem Bett? Mit welchem Bett?“, hakte er nach.
„Vickys Bett natürlich.“
„Natürlich.“
„Was ist denn mit meinem Bett?“
„Ich musste es abschlagen“, erklärte Marlen.
„Abschlagen?“, fragte Alexander.
„Ja, sonst hätte es nicht durch die Öffnung zum Dachboden gepasst.“
„Nein, dass hätte es sicher nicht.“ bestätigte Alexander verblüfft.
„Soll das heißen, mein Bett steht auf dem Dachboden?“
Jetzt, da der Zukunft in Schweden nichts mehr im Weg stand, dachte Marlen, war es Zeit Vicky und Alexander zu beichten, was sie sich während ihrer Abwesenheit geleistet hatte.
„So könnte man es ausdrücken“, bestätigte Marlen kleinlaut,
„kommt mit, ich muss euch was zeigen.“
Alexander und Vicky folgten ihr nach oben. Marlen stieß die Tür zu Vickys Zimmer auf und knipste das Licht an.
„Was ist denn hier passiert?“, wollte Alexander als Erster wissen und betrachtete seine Frau. Marlen schwieg und zuckte mit den Schultern. Vicky sah sich lange um. Marlen ließ sie nicht aus den Augen. Als sie Tränen schimmern sah, fühlte sie sich sehr elend.
„Verzeih mir, Vicky, aber du hast mir so gefehlt und alles hier in diesem Zimmer hat mich an dich erinnert. Ich habe alles für dich aufgehoben, es ist nichts verloren.“
Vicky schluckte und wischte die Tränen weg.
„Ich bin dir deshalb nicht böse. Das was uns verbindet, hast du ganz nah bei dir.“ Sie ging zum Avocadobaum und strich über seine Blätter.



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