Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Marisa Santini IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Juni 2004
UND MEINE LEICHE VERSCHWAND IN IHREM INNEREN......
von Marisa Santini

Tief und eiskalt gefroren wanderte ihr Blick in meine Richtung. Diese Augen,
kühler als die Fleischtiefkühltruhe eines Supermarkts verrieten mir, dass gerade meine Leiche in ihrem Inneren versank. Mir war es sicher, Opa Adriano, Tante Genoveva, Onkel Rocco und anderen dort zu begegnen. Auf diese Weise wollte sie die verachtete Familie, die von der Insel Stromboli stammte, ausrotten.
„Mein ganzes Leben habe ich euch gehasst!“ Dies gestand sie am Tag ihrer Hochzeit. Bevor sie Hand in Hand mit dem Bäcker Gilio, meinem Vater, verschwand.
Kinder, brachte sie auf ihre heile Welt bis der Bäcker sich über alle Berge machte. Von dem Tag an, wurden die Bleibenden beschattet. Sobald ich meine Tasche aus den Augen verlor, entwickelte sie eine neue Eigenschaft: Das Wühlen.
„Um zehn, solltest du zu Hause sein! Um zehn! Bring mir kein Kind nach Hause oder ich schmeiß dich hier raus,“ spuckte sie den grünen Saft aus der Galle.
Mit der Zeit wurde Procida die „Rabenste“ aller Rabenmütter. Es war nicht so, dass sie ungern über sich selbst redete. Es war so, sie besaß nichts, worüber sie erzählen konnte. Ihr Leben war geisttötender - deshalb machte sie aus uns ihre kleine Oase.
„Heiraten? Nein, das will meine Tochter nicht! Nur studieren!“ schwärmte sie in der Nachbarschaft. Und breitete dabei ihre Flügel aus.
Wiederstand unnötig! Sie wusste schneller mit deinen eigenen Wörtern umzugehen als du dich verteidigen konntest.
„Ich habe eine Freundin! Keinen Freund!“
„Doch! Doch! Brauchst es mir nicht zu sagen! Ich weiß, wie du die Männer anschaust!“
Nichts konnte die hohe Mauer ihrer unzugänglichen Gefühle brechen. Geschweige denn sie noch zu erobern! Keinen Schlaf-gut-Kuss, keinen Abschiedskuss. Oft fand sie selbst den Notausgang nicht. Dann schlug sie uns mit den alten Hauspantoffeln.
„Eine Bande Lügner seid ihr! Gauner! Das Geld lag in der Suppenterrine!“ Und mit dem Geschirrtuch wischte sie ihre mit Rotwein gefärbten Lippen ab.
Ansonsten hatte Procida keine besonderen Merkmale. Kein Hobby, keine Freunde, weder Hund noch Katze, die mit ihr den dreihundert Quadratmeter Garten mit Waldanschluss in der Nachmittagssonne teilten. Sporadisch kamen die Verwandten, um nach ihr zu sehen. Ostersonntag! Dann ließ sie die Keksdose im Backofen verschwinden und servierte mit einer frühreif, starren Fassade schwarzen Kaffee. Schwarz, wie ihre Gedanken!
„Geht in eure Zimmer! Fiona und ich wollen reden!“ Wie anstoßend spröde klangen für mich ihre Wörter!
Liebe Fiona, gönnend sah ich dir zu, wie du deine mitgebrachte Gebäck-Auslese auspacktest und mir zuerst anbotst. Danke!
Keineswegs war Procida mein Vorbild. Daher könnte ich niemals werden wie sie, dachte ich. Bis irgendwann dieser Gedankenschleier sich auflöste.
„Schreck lass´nach! Ich bin wie sie!“ Das musste ich mit einem bitteren Geschmack auf der Zunge feststellen. Und verbrachte Tausend-und-eine-Nacht an der Seite eines Sherlock Holmes um dieses aus Stromboli stammende Familienüberbleibsel zu durchleuchten. Opa, Tante, Onkel und vor allem Mutter standen plötzlich vor mir. Zerbrechlich erschien sie, wie nie zuvor.
„Procida, Sie dachten nie daran glücklich zu sein!“ griff ich sie an. „Nie!“ Und wusste warum. Sie führte ein heruntergesetztes Leben im Dauerausverkauf. Voller Opfer und Einsamkeit. So unscheinbar, wie ihr Erdenweg verlief, wollte nicht mal eine Eidechse mitmachen. Bestimmt nicht! Ganz anders wollte sie sein. Aber wie sollte sie ihr Schicksal überwinden? Allein?
Als das Mitleid über meinen Verstand ragte, wurde mir ihre Mutterliebe bewusst. In diesem Augenblick spürte ich förmlich ihre Zwangsversklavung. Eine Mutterliebe, die unbemerkt fast eine Ewigkeit an uns vorbeiging.

Liebe Procida, ich denke an Sie und werde für Sie beten.
Danke, dass Sie an meinem Bett standen als ich krank war.
Danke, dass Sie mich zur Musikschule schickten, weil Sie an meinen Erfolg glaubten.
Danke, dass Sie Teil ihres Lebens für mich aufgaben.
Danke, dass Sie mir ihre Schwäche zeigten, damit ich lernte stark zu sein.
Ich liebe Sie!


Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
Dieser Text enthlt 4080 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2023 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.