Der Tod aus der Teekiste
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Juli 2004
Durchschlagende Wirkung
von Andreas Schröter

Zwei Vorab-Infos sind für unsere kleine Erzählung wichtig:
Erstens, dass Ulf einfach keine Freundin fand, obwohl er mit seinen 36 Jahren dafür noch nicht zu alt war und dank seiner Aufenthalte im Fitnessstudio „GoldenGym“ durchaus passabel aussah. Was die meisten Frauen nicht mochten, war, dass er ausschließlich und immer von Fußball oder Kampfmitteln redete. So sagte er etwa Sätze wie: „Die griechische Mauer bei der EM 2004 hätte ich mit einer Haubitze, Typ M-110, weggeblasen.“ So was stieß Frauen oft ab.
Zweitens, dass das Phantastik-Ministerium der Deutschen Bundesregierung vor ein paar Jahrzehnten beschlossen hatte, einige Wunder, Monster und andere Absonderheiten bereitzustellen, um das Leben für die Bundesbürger interessanter zu gestalten. Also führte man diverse Werwölfe, Frankensteins Monster, einige Vampire, Hexen und Trolle sowie neun Spukschlösser und andere Kleinigkeiten (wieder) ein. Eine dieser Kleinigkeiten war der Rapunzelturm mit einer echten Rapunzel darin.
Wenn man weiterhin bedenkt, dass Rapunzels Anforderungen an ihren Retter infolge jahrelanger Extremst-Langeweile stetig sanken und dass Fußball gucken zu ihren wenigen Zerstreuungen zählte, fügt sich bereits zu diesem frühen Zeitpunkt unserer Erzählung ein Teil des Puzzles zusammen.
Jedenfalls verkündete Ulf eines schönen Tages, Rapunzel erretten zu wollen, verglich die Aktion mit dem Sturm auf die Bastille und zählte jede dabei verwendete Waffe einzeln auf. Da die Bundesliga ohnehin gerade in der Sommerpause steckte, käme ihm diese Abwechslung gerade recht. Für die wenigen UI-Cup-Spiele hatte er den DVD-Recorder programmiert. Zwar sollte Rapunzels Befreiung nicht mehr als eine oder zwei Stunden in Anspruch nehmen, aber man wusste ja nie ... denn – und das war das Heikle an der Sache – von den zehn bisherigen Möchtegern-Rapunzelbefreiern hatte keiner jemals lebend den Turm verlassen. Tot allerdings auch nicht. Genau genommen waren sie überhaupt nicht mehr heraus gekommen.
So sah man – übrigens live auf allen Kanälen –, wie Ulf an einem Dienstag morgens von 9.23 bis 9.34 Uhr an Rapunzels güldenem Haar hinaufkletterte und um exakt 9.35 Uhr und 3 Sekunden in der oberen Turmluke verschwand.
In Rapunzels Kammer lief gerade auf EuroSport die Wiederholung der Bundesliga-Highlights aus der Saison 2003/04. Ulf sagte zur Begrüßung: „In der Situation hätte Ballack abspielen müssen“, wobei er das „müssen“ stark betonte. Rapunzel nickte und fügte hinzu: „Das ist oft das Problem bei dem Michael.“ Und es wurde klar: Die beiden verstanden sich auf Anhieb. Den Rest der Sendung schauten sie gemeinsam.
Danach knipste Rapunzel das Licht an und Ulf fand Gelegenheit, sich ein wenig umzuschauen. Sein Blick blieb an dem Skelette-Berg in einer Ecke hängen. „Da empfehle ich Napalm“, sagte er. „Abfackeln. Das stinkt doch.“
„Besser wäre das“, sagte Rapunzel, „die nehmen mir ganz schön viel Platz weg. Zumal dort bald eine Leiche mehr liegen wird. Deine.“
Ulf schaute wohl etwas betreten, so dass Rapunzel fortfuhr: „Auf dem Turm lastet ein Fluch. Niemand kann ihn jemals verlassen. Das haben sie wohl so eingerichtet, damit diese Attraktion nicht so bald ihren Reiz verliert. Was wäre ein Rapunzelturm ohne Rapunzel darin? Und weil auch kein Wasser und kein Essen geliefert werden, verdursten alle Normalsterblichen nach kurzer Zeit. Ich selbst bin unsterblich. Mir macht das nix aus, obwohl ich einige hundert Jahre meiner Unsterblichkeit für eine Pizza Tonno hergeben würde.“ Sie leckte sich genüsslich über die Lippen. „Komm, lass uns noch etwas Liebe machen, bevor du stirbst. In den Pausen würde ich gerne mit Dir darüber sprechen, wer wohl der beste Bundestrainer wäre. Sag jetzt bloß nicht Lothar Matthäus.“
„Die müssen den Ottmar überreden, es doch zu machen“, sagte Ulf, während er sich die Hose aufknöpfte.
Nach der dritten Runde Beischlaf in unmittelbarer Folge brauchte Ulf die erste Pause und sagte: „Lastet dieser Fluch eigentlich auch noch auf dem Turm, wenn er quasi gar nicht mehr vorhanden ist?“ Rapunzel überlegte. „Eigentlich schwer vorstellbar, oder? Nur, wie sollte der Turm nicht mehr vorhanden sein?“
Ulf grinste und zog eine große Panzerfaust 250 m unter seiner Weste hervor, die er die ganze Zeit anbehalten hatte. „Die schlägt Mauern durch, als wären sie aus Butter. Hier mein Plan: Wir haben zwei Schuss. Mit dem ersten ballern wir uns den Weg nach unten frei und klettern an deinem Zopf runter. Mit dem zweiten schießen wir uns ein Loch nach draußen. Total easy. Capice?“
Rapunzel ließ sich den Plan aufzeichnen, weil sie nicht gleich verstanden hatte, nickte dann aber und nahm ihren Fernseher unter den Arm. Ulf richtete die Waffe auf den Fußboden.
Es war ein schönes Bild, als Ulf – Rapunzel eng umschlungen – aus dem halb zertrümmerten Turm kam. Es wurde dutzendfach, manchmal auch in Zeitlupe, in allen Kanälen wiederholt. Und als die beiden ein paar Schritte entfernt waren, zog Ulf irgendwas aus seinem Hosenbund und warf es lässig über die Schulter. Es war eine auf maximale Durchschlagskraft hochfrisierte Handgranate, die dem ohnehin schon maroden Turm den Rest gab.
Tja, was soll ich weiter erzählen, die beiden heirateten und bekamen zwölf Kinder. Irgendwann starb Ulf und die Kinder gingen aus dem Haus, so dass die unsterbliche Rapunzel nicht mehr so recht wusste, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollte. Nach langem Suchen fand sie schließlich eine Halbtagsstelle als Rapunzel in einem neu errichteten Turm. Aber niemals mehr kam jemand wie Ulf, der eine solch durchschlagende Wirkung hatte und so viel von Fußball verstand.

© Andreas Schröter

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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